Analyse und Hoffnung

"Der Mensch lebt noch überall in der Vorgeschichte, ja alles und jedes steht noch vor Erschaffung der Welt, als einer rechten. Die wirkliche Genesis ist nicht am Anfang, sondern am Ende, und sie beginnt erst anzufangen, wenn Gesellschaft und Dasein radikal werden, das heißt sich an der Wurzel fassen. Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfaßt und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat." -- Das Prinzip Hoffnung

Grundprinzipien politischer Organisierung von links

heute hatte ich mit bronsteyn auf dem NAO blog eine debatte, wo es um die frage ging, welche bedingungen erfüllt sein müssen, damit “linksradikale politik” eine grössere breitenwirkung erzielen kann. (siehe: http://www.nao-prozess.de/blog/avanti-fur-den-kleinteiligen-und-muhsamen-weg-des-aufbaus-einer-undogmatischen-revolutionaren-organisation-2/ und die kommentare)

dabei kamen wir auf das problem, dass es nicht ausreicht, eine nüchterne analyse des bestehenden zu betreiben, sondern dass in der analyse auch eine zukunftsweisende utopie aufscheinen muss. diese kann dann nicht nur auf der ebene der “vernunft” wirken, sondern muss auch die leidenschaften und gefühle ansprechen. bronsteyn wies mich darauf hin, dass es in der philosophie von Ernst Bloch das begriffspaar Wärmestrom/Kältestrom gibt. dabei bezeichnet kältestrom die nüchterne analyse der bestehenden gesellschaft (in der marxistischen terminologie die kritik der politischen ökonomie), der wärmestrom die erwartungen und hoffnungen der menschen. erst beide zusammen würden eine fortbildung der gesellschaft ermöglichen.

ich glaube, es herrscht ein grosser mangel in der politischen linken an diesem “wärmestrom”.

meines erachtens findet man etwas vergleichbares bei Wilhelm Reich und seiner kritik am “Fetisch Politik” (in “Was ist Klassenbewusstsein?”). mit “fetisch politik” meinte Reich, dass man sich im offiziellen politikgeschehen (einschliesslich der linken opponenten) mit problemen beschäftigt, die weit ab sind von der alltagserfahrung vieler “normaler” menschen, die dadurch von der politischen teilhabe ausgeschlossen werden. nicht weil sie unpolitisch oder gar zu “dumm” sind, sondern weil der zugang, die verbindung, zwischen ihrer lebenssituation und (allgemeineren) politischen fragestellungen nicht hergestellt wird/hergestellt werden kann. aber genau das wäre die aufgabe linker, emanzipatorischer politik. sagte nicht auch lenin, dass in der sowjetdemokratie  ”jede köchin” die regierungsgeschäfte übernehmen können müsste? leider klafft zwischen anspruch und wirklichkeit eine grosse lücke. diese zu schliessen, dass ist der eigentliche sinn des politischen organisierungsprozesses. dies wird leider im politischen alltagsgeschäft gern vergessen und die arbeitsteilung zwischen (hauptamtlichen) funktionären und einfachen basismitgliedern tut dann meist ihr übriges, eine “entpolitisierende” und “entemanzipierende” wirkung zu entfalten.

wenn die linke (und im speziellen: der NAO prozess) eine “breitere attraktivität” erlangen möchte, dann wird es gelingen müssen, neben der nüchternen programm- und theoriearbeit auch die hoffnungen, träume und leidenschaften grösserer “Massen” anzusprechen und zur selbstaktivität anzuspornen. denn nur eine bewegung, die ihre befreiung nicht von anderen erwartet, sondern nur in den eigenen fähigkeiten verortet, wird zur neubegründung der gesellschaft in der lage sein.

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