Welche Essentials für eine revolutionäre Umgruppierung

da jetzt die debatten auf den NAO blog vollkommen aus dem ruder laufen, mit sinnlosen debatten über “gewalt” und zentralismus/dezentralismus (sie sind nicht per se “sinnlos”, sie sind aber sinnlos, wenn  sie abstrakt, also unabhängig von konkreten politischen AUFGABEN diskutiert werden http://www.nao-prozess.de/blog/e-1-vorschlag-zur-ausformulierung-des-essentials-zum-revolutionaeren-bruch/), versuche ich mal die ursprüngliche fragestellung der SIB “worüber müssen wir uns einigen und worüber nicht” in thesenform aufzugreifen.

was braucht eine revolutionäre organisation unbedingt? 

revolutionäre politik ist bestrebt, die situation der unterdrückten aufzugreifen, zu verbessern, sie zur selbstaktivität anzuregen und ihre interessen als hebel zur gesellschaftstransformation auszudrücken. das prinzip dabei lautet: von der stellvertretung zur selbstverwaltung.

der kampf für reformen ist essentiell, aber nicht ausreichend für eine lösung, die an die wurzel geht.

die wurzel der krise der gesellschaftsentwicklung ist der widersprich zwischen privater aneignung der gewinne und dem gesellschaftlichen charakter der produktion.

dieser widerspruch kann nur gelöst werden, wenn die “systemrelevanten” produktionsmitel der privaten kontrolle entzogen werden. dieser “entzug” ist nach aller geschichtlicher erfahrung nur denkbar als “revolutionärer bruch”, d h als auflösung der bürgerlich-bürokratisch-militärischen staatsstrukturen und ihre ersetzung durch organe der selbstverwaltung von unten (räte).

die gefahr, dass auch die organe einer proletarischen staatsmacht (die aber von anfang ihre eigene selbstauflösung anstrebt, also in lenins terminologie ein “halbstaat” ist) selber sich substituiert gegenüber ihrer proletarischen basis, diese gefahr ist durchaus real, darf uns aber nicht davon abhalten, den kampf für diesen nächsten notwendigen schritt der menschheitsevolution zu führen. und diese gefahr wird umso geringer sein, je mehr sich das proletariat seiner aufgaben bewusst und politisch geschult ist.

“Sie müssen das Verantwortungsgefühl wirkender Glieder der Allgemeinheit erwerben, die Alleinbesitzerin alles gesellschaftlichen Reichtums ist. Sie müssen Fleiß ohne Unternehmerpeitsche, höchste Leistung ohne kapitalistische Antreiber, Disziplin ohne Joch und Ordnung ohne Herrschaft entfalten. Höchster Idealismus im Interesse der Allgemeinheit, straffste Selbstdisziplin, wahrer Bürgersinn der Massen sind für die sozialistische Gesellschaft die moralische Grundlage, wie Stumpfsinn, Egoismus und Korruption die moralische Grundlage der kapitalistischen Gesellschaft sind.
Alle diese sozialistischen Bürgertugenden zusammen mit Kenntnissen und Befähigungen zur Leitung der sozialistischen Betriebe kann die Arbeitermasse nur durch eigene Betätigung, eigene Erfahrung erwerben.”

– Rosa Luxemburg, was will der spartakusbund?

die notwendigkeit des revolutionären bruchs erfordert die organisation der fortgeschrittensten und der politischen sache ergebendsten sektoren der klassenbewegung in einer avantgarde organisation, die nach den prinzipien des demokratischen zentralismus organisiert ist: volle freiheit der kritik nach innen, möglichst hohe einheit der AKTION nach aussen. (die diskussion, inwieweit es auch sinnvoll sein kann, mit bestimmten differenzen auch an die öffentlichkeit zu gehen, lasse ich an dieser stelle mal weg. ich bin in dieser frage aber durchaus bereit, einen “ultraleninistischen” standpunkt abzulegen).

eine theoretische vorwegnahme, ob so ein szenario eines revolutionären bruchs mit “gewalt” verknüpft ist oder nicht, ist keine zielführende diskussion. wichtig ist der WILLE und die GESELLSCHAFTLICHE KRAFT zur veränderung, einschliesslich ihrer politschen (im weistesten sinne, also auch z b die organisierung von selbstschutzorganisationen) VORBEREITUNG. allerdings wäre es leichtfertig, nicht darauf hinzuweisen, dass so ein ansinnen auch massive gegenwehr hervorrufen wird. alle geschichtliche erfahrung spricht dafür. die konsequenzen dieser erkenntnis werden sich aber aus der PRAXIS DER TRANSFORMATORISCHEN AKTION selbst ergeben (anstatt abstrakt — um nicht zu sagen: blutleer — vorweggenommen zu werden).

“Die Frage, ob dem menschlichen Denken gegenständliche Wahrheit zukomme – ist keine Frage der Theorie, sondern eine praktische Frage. In der Praxis muß der Mensch die Wahrheit, i.e. die Wirklichkeit und Macht, Diesseitigkeit seines Denkens beweisen. Der Streit über die Wirklichkeit oder Nichtwirklichkeit des Denkens -  das von der Praxis isoliert ist – ist eine rein scholastische Frage.”

– Karl Marx, Thesen über Feuerbach http://www.mlwerke.de/me/me03/me03_005.htm

das verhältnis von zentralismus und dezentralismus unter bedingungen der “arbeiterkontralle an der Macht” ist keine “prinzipielle frage, sondern eine frage der zweckmässigkeit. wenn eine mehr lokale organisation sinn macht (zb versorgung mit lebensmitteln aus regionalem anbau) wird man das auch praktizieren. aber in den bereichen, wo ein gesamtgesellschaftlicher ausgleich notwendig ist (was sich allein schon aus unterschiedlichen äusseren produktionsbedingungen und unterschiedlicher wirtschaftskraft nach gebieten ergibt) ist eine verwaltung nach zentralistischen prinzipien erforderlich. die gefahr, dass sich eine Machtkonzentration in wenigen händen ergibt (bürokratie, manager, spezialisten) muss durch entsprechende kontrollmassnahmen (prinzip der jederzeitigen abwählbarkeit) und einem hohen standard an gesellschaftlichen bewusstsein unter den “breiten Massen” eingedämmt werden (“jede köchin muss die regierungsgeschäfte übernehmen können” — lenin).

alle anderen fragen — historisch, traditionell, identitär oder weiss der teufel was — können gerne und jederzeit diskutiert werden. aber die oben angeführten thesen (die natürlich nur die “kern”auffassungen darstellen, die realpolitisch konkretisiert werden müssten) sind nach meiner auffassung UNABDINGBAR, um überhaupt von einer “revolutionären politik” oder “programmatik” sprechen zu können. alles was unterhalb dieser minimalen essentialplattform bleibt, steht damit ausserhalb der adressaten einer revolutionären umgruppierung.

“Der Spartakusbund wird nie anders die Regierungsgewalt übernehmen als durch den klaren, unzweideutigen Willen der großen Mehrheit der proletarischen Masse in Deutschland, nie anders als kraft ihrer bewußten Zustimmung zu den Ansichten, Zielen und Kampfmethoden des Spartakusbundes.

Die proletarische Revolution kann sich nur stufenweise, Schritt für Schritt, auf dem Golgathaweg eigener bitterer Erfahrungen, durch Niederlagen und Siege zur vollen Klarheit und Reife durchringen.

Der Sieg des Spartakusbundes steht nicht am Anfang, sondern am Ende der Revolution: Er ist identisch mit dem Siege der großen Millionenmassen des sozialistischen Proletariats.

Auf, Proletarier! Zum Kampf! Es gilt, eine Welt zu erobern und gegen eine Welt anzukämpfen. In diesem letzten Klassenkampf der Weltgeschichte um die höchsten Ziele der Menschheit gilt dem Feinde das Wort: Daumen aufs Auge und Knie auf die Brust!”

– Rosa Luxemburg, was will der spartakusbund?

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