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KRITIK AN TROTZKI (verhinderter stalin ?)

Leo Trotzki ist in gewissen kommunistischen Kreisen, die zwar von der Entwicklung der Sowjetunion enttäuscht und abgestoßen sind, trotzdem aber an den Prinzipien des „Marxismus-Leninismus“ festhalten, ein Star; da ändert auch sein radikales Vorgehen in Kronstadt nichts dran.1
Einige andere Kommunisten bezeichnen ihn flapsig als „verhinderten Stalin“. Wer weiß, wie es um seine heutige Popularität bestellt wäre, wenn er anstatt Dschugaschwili das Ruder der KPdSU übernommen hätte… Grundlegende Einwände gegen die stalinistische Politik scheint er jedenfalls nicht gehabt zu haben:

Die neueren Verlautbarungen unseres Führers, in denen er seine Haltung ein wenig revidierte, waren nicht zu uns gelangt. Darum war die Verwirrung umso größer als wir im Sommer 1932 endlich die letzten Schriften Trotzkis erhielten. Die wichtigste des ganzen Stapels, die im April 1931 im Ausland erschienen war, trug den Titel „Die Probleme der Entwicklung der UdSSR“ und den Untertitel „Entwurf eines Programms der internationalen Linksopposition zur russischen Frage“. Die Absicht dieser Schrift und ihr Autor verliehen ihr eine besondere Bedeutung. Darum beschlossen wir, sie zum Gegenstand einer Diskussion zu machen: war es nicht unbedingt notwendig, daß sich die Opposition über ihr eigenes Programm aussprach? Aber der Diskussion fehlte der Schwung. Niemand zeigte sich befriedigt. Alle – mit Ausnahme der äußersten Linken – bezeugten zwar der Schrift ihren Respekt, gingen jedoch nicht näher auf sie ein. Trotzki sprach jetzt „von den gegenwärtigen, wahrlich unerhörten Erfolgen“, „von dem seinesgleichen suchenden Industrialisierungstempo… das ein für allemal die Überlegenheit der sozialistischen Wirtschaftsmethoden erwiesen hat“, Die berüchtige Kollektivierung bezeichnete er als eine neue Epoche der menschlichen Geschichte, als den Beginn der Liquidierung des dörflichen Kretinismus. Er äußerte sogar die Ansicht, die totale Kollektivierung könne wohl in zwei bis drei Jahren durchgeführt sein. Nach diesem Schlage konnten diejenigen unter uns, die den Fünfjahresplan als „Zahlentrick“ und „Stalinschen Bluff“ bezeichnet hatten, nur noch schweigen. Aber Trotzkis neues „Programm“ weckte auch keinerlei Sympathie. Die Trotzkisten der Mitte und Rechten fanden, daß ihr Chef die Erfolge des Plans übertrieb, daß eine solche Haltung sich im Ausland verfechten ließ, wo man den Plan gegen die Angriffe der Bourgeoisie verteidigen mußte, aber daß sie in Russland nicht angebracht war. Die Linken ihrerseits waren unzufrieden darüber, daß sich in dem Programm keine soziale und politische Kritik des Regimes fand.
Man muß jedenfalls sagen, daß in sozialer und politischer Hinsicht Trotzkis „Programm“ alle Hoffnungen der „Linken“ vernichtete. Seit 1930 warteten sie darauf, daß ihr Führer Stellung bezöge und erklärte, daß der gegenwärtige Staat kein Arbeiterstaat sei. Und nun, siehe da, im ersten Abschnitt seines Programms sprach Trotzki klar und deutlich von ihm als einen neuen „Proletarierstaat“. Noch enttäuschender waren seine Bemerkungen zum Fünfjahresplan: der sozialistische Charakter des Plans, seiner Ziele und Methoden, wurde in dem „Programm“ beharrlich betont. Seine ganze Polemik auf sozialem Gebiet beschränkte sich auf kleinliche Nörgelei: „Die Sowjetunion ist nicht in die Phase des Sozialismus eingetreten, wie es die regierende stalinistische Gruppe lehrt, sondern erst in die erste Phase einer Entwicklung zum Sozialismus hin.“ Es war fortan vergeblich, zu hoffen, daß Trotzki je zwischen Bürokratie und Proletariat, zwischen Staatskapitalismus und Sozialismus würde unterscheiden können. Am meisten schockierte mich an Trotzkis Programm, daß es die Illusionen des westlichen Proletariats über Russland eher verstärkte als zerstörte. Denn während Stalin sagte: „Wir haben den Sozialismus verwirklicht“, beschränkte sich Trotzki auf die Feststellung: „Verzeihung, daß ist noch keineswegs Sozialismus, sondern nur seine erste Etappe.“
So gelangte ich, der ich selber an der russischen Opposition beteiligt gewesen war, zu folgendem Schluß: Trotzki und seine Anhänger sind dem bürokratischen System der UdSSR zu eng verbunden, um den Kampf gegen dieses Regime bis zur äußersten Konsequenz führen zu können. […] Für ihn bestand die Aufgabe der Opposition darin, das bürokratische System zu verbessern und nicht zu vernichten, die Übertreibung der Privilegien und die äußerste Ungleichheit der Lebensbedingungen zu bekämpfen – nicht jedoch die Privilegien oder die Ungleichheit an sich. Man milderte sie ein wenig ab, und unter den Auspizien der echten Diktatur des Proletariats wird alles wieder in Ordnung kommen. Diejenigen, die damit nicht zufrieden waren, liefen Gefahr, als „kleinbürgerliche, linksradikale Utopisten“, wenn nicht gar als Gegenrevolutionäre abgestempelt zu werden.
Trotzkis spätere Entwicklung sollte dieses Programm bestätigen. Die „Verratene Revolution“, die er 1936 veröffentlichte, bleibt in großen Zügen dem Programm von 1930 treu. Während er geistreich und scharf gewisse Erscheinungen in der Sowjetgesellschaft kritisiert, ändert er nicht seine Ansichten über die UdSSR als Arbeiterstaat. Die unmenschlichen bürokratischen Ausbeutungsmethoden, denen der Fünfjahresplan seinen Erfolg verdankt, bezeichnet Trotzi „als sozialistische Methoden, die ihre Probe bestanden haben.“ Er schweigt sich aus über die Ausbeutung der Arbeiter, er erwähnt die Ausbeutung der Bauern: nur um gegen die „im Dienste des Kapitals stehenden Wirtschaftswissenschaftler“ zu wettern. Sicherlich, es ist eine edle Aufgabe, die Verteidiger des Privatkapitalismus zu demaskieren. Aber ist das ein Grund, sich zum Anwalt des Staatskapitalismus zu machen?
Trotzki will nicht verstehen, daß die „Abweichungen“ und Scheußlichkeiten, gegen die er protestiert, nur die logische Folge des gesamten Systems sind, das er so beflissen verteidigt. Trotzki ist im Grunde nur der Theoretiker eines Regimes, dessen Verwirklicher Stalin ist.2

  1. Hier möchte ich mich übrigens nicht allzu weit aus dem Fenster lehnen. Kronstadt ist für mich eine verschwommene Vorstellung zwischen den Anwürfen wütender Vulgäranarchisten und der Verteidigungslinie gegen diese, es habe sich beim niedergeschlagenen Arbeiteraufstand, um eine vom Ausland gesteuerte, gegenrevolutionäre Bewegung gehandelt. [zurück]
  2. Aus: Ante Ciliga: Im Land der verwirrenden Lüge. [zurück]

http://wendy.blogsport.de/2009/11/23/trotzki-ist-im-grunde-nur-der-theoretiker-eines-regimes-dessen-verwirklicher-stalin-ist/

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