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Die „linke“ und der unendliche Abschied vom Proletariat

mit markigen sprüchen ist dem kapitalismus nicht beizukommen (bildquelle: wikipedia/interventionistische linke)

dass die linke insgesamt sich in einer krise befindet ist nichts neues. das ist sozusagen der normalzustand des linksseins. aber in letzter zeit sind so viele dinge geschehen, die eigentlich den jahrzehntelangen warnungen und analysen der linken entsprechen und trotzdem kann daraus kein „politisches kapital“ geschlagen werden. wirtschaftskrise, bankenrettung, hartz4 und sozialabbau und jetzt fukushima … warum führt das nicht zu einer stärkung der linken kräfte?

natürlich ist linke politik nicht auf kurzfristige (wahl)erfolge angelegt, sondern soll eine strategische orientierung auf einen „systemwandel“ sein. insofern geht es mehr um vorbereitung und heranbildung von kadern als um den unmittelbaren kampf um die Macht. so weit ist die sache klar. aber die lage ist viel schlimmer: die linke ist vollkommen marginalisiert, ideologisch gespalten und in sich selbst vollkommen widersprüchlich in ihren fundamentalen programmatischen annahmen. dass daraus kein kohärentes, geschlossenes „bild“ von linker politik im massenmaßstab entstehen kann ist vollkommen klar. aber was sind die zentralen ursachen dafür? ich will nur ein paar mir besonders wichtige punkte erwähnen, weil das sonst hier eine übliche linke bleiwüste wird. und sowas liest ja bekanntlich keiner 😉 …

I. die krise der arbeiterbewegung oder: wozu zum teufel brauchen wir eine gewerkschaft?

in letzter zeit wird in linken publikationen wieder mehr die „klassenfrage“ diskutiert. das ist zum einen sicher gut. zum anderen drückt sich darin aber auch eine fundamentale unsicherheit darüber aus, wer eigentlich das SUBJEKT linker politik sein soll. dass die arbeiterbewegung nicht mehr das ist, was sie vielleicht zu marx`oder bebels zeiten war, dürfte selbst unter marxisten relativ unstrittig sein. aber was ist dann die „arbeiterbewegung“ heute, konkret, in diesem unseren lande, wo offensichtlich passieren kann was will, die leute wählen trotzdem den neoliberalen einhei(z)tsbrei? alle soziologischen analysen zu diesem thema, so interessant wie sie im einzelnen sein mögen, gehen an der zentralen frage vorbei: wenn das „proletariat“ (im marxschen sinne der lohnarbeiter) das subjekt der gesellschaftlichen veränderung ist, wie wird es dann zur KLASSE FÜR SICH? wie bekommt es das bewusstsein dafür? niemand hat bisher diese frage befriedigend beantwortet. der einzige geschichtliche versuch, wo es für eine kurze zeit wohl realität wurde war die russische oktoberrevolution. aber durch die gescheiterte ausweitung in den westen — vor allem nach deutschland– degenerierte sie schnell zu einem neuen bürokratischen monstrum. etwas, was bis heute extrem erschwert, die wertvollen lehren des „leninismus“ für eine neue revolutionäre theorie zu assimilieren. alle politischen programme, die die systemfrage in den vordergrund rücken, sind seit 45 nicht mehr in einer massenpartei verankert gewesen, sondern nur noch in kleinen zirkeln, die eine existenz am rande der gesellschaft ausübten. sie konnten zwar einzelne intellektuelle beinflussen. sie hatten aber niemals einfluss auf eine breitere gesellschaftliche basis. die massenorganisationen der arbeiterklasse (gewerkschaften und sozialdemokratische und stalinistische parteien) existierten immer auf grundlage rein bürgerlicher, reformistischer programme und ideologien.

II. der klassencharakter der sowjetunion oder: eine frage kann nicht beantwortet werden, wenn man mit falschen voraussetzungen an sie herangeht

DIE grosse frage in der marxistischen debatte des 20 jhd., der klassencharakter der sowjetunion und anderer staaten des ostblocks (einschliesslich chinas und kubas), krankte immer an einem grundlegenden methodologischen mangel. es wurde so getan, als gäbe es ein universales geschichtsschema, was für alle gesellschaften passt und jede gesellschaft müsste diese phasen durchlaufen. DEM IST ABER NICHT SO. und dieser gedanke ist auch keineswegs marxistisch, jedenfalls würde marx diesen gedanken weit von sich weisen. nicht umsonst studiert er lange zeit die gesellschaftlichen verhältnisse russlands und des alten chinas, weil er da entwicklungen erkannte, die mit dem europäischen ablauf der geschichte nicht deckungsgleich waren. diese sogenannte „asiatische produktionsweise“ spielte auch für russland eine grosse rolle. auch wenn der kapitalismus in einigen grossen städten weit fortgeschritten und das proletariat hoch konzentriert war, der rest des landes (wohl etwa 90%) waren VORkapitalistisch. und vorkapitalistisch heisst nicht etwa feudal, sondern ASIATISCH. das heisst, der STAAT war der grosse oberherr, der alles verwaltete und über alles die kontrolle hatte. genau SO eine gesellschaft wurde unter stalin wieder restauriert. alle versuche, den stalinismus mit dem simplen schema feudalismus-kapitalismus-sozialismus zu (v)erklären, waren daher zu scheitern verurteilt. (das gilt auch für den ansatz von trotzki, auch wenn trotzki mehrfach in „verratene revolution“ die vorläufigkeit seiner analysen betont). erst durch die studien zur asiatischen produktionsweise wurde es möglich, den stalinismus in einem neuen licht zu sehen, nämlich als etatistische historische sackgasse der gescheiterten weltrevolution (hervorzuheben sind da WITTFOGEL und BAHRO); ähnlich wie das aussterben der dinosaurier nötig war, um den säugetieren platz zu machen, so musste der stalinismus sterben, um einen erneuten anlauf des revolutionären marxismus zu ermöglichen.

III. auf dem weg zu einer neuen organisation oder: wie macht man aus vielen kleinen zirkeln einen großen parteihaufen?

eins ist klar, eine partei entsteht nicht aus einem voluntaristischen (gründungs)akt. sie entsteht aus realen kämpfen der KLASSE. nur leider sind diese realen kämpfe in deutschland so ökonomistisch verengt, dass es nicht mal ansatzweise chancen für eine infragestellung des SYSTEMS gibt. auf der anderen seite, viele kleine zirkel mit ähnlicher programmatik mechanisch zusammen zu schustern, wird am gesellschaftlichen kräfteverhältnis auch nichts ändern und wird letztlich an den internen politischen differenzen scheitern. man kann das sehr gut an der entwicklung der französischen NPA sehen. die LCR löste sich auf, ihr superstar Besancenot hatte 4,5% bei nationalen wahlen erhalten und man wollte eine „breite antikapitalistische partei“ bilden. heute ist die NPA wieder da, wo sie begann, also ungefähr der mitgliederbestand der alten LCR und politisch/ideologisch zutiefst zerspalten. der tag, wo das ganze ding auseinanderfliegt, kann nicht mehr allzu fern sein. und ausgerechnet dieses projekt wird als vorbild ausgewählt für etwas ähnliches in deutschland (http://www.linkezeitung.de/cms/index.php?option=com_content&task=view&id=10744&Itemid=129). diese initiative ist schon eine totgeburt, bevor sie angefangen hat. alten wein in neuen schläuchen zu servieren mag für manche ein netter zeitvertreib sein, ein politisches fortkommen wird das sicher nicht ermöglichen.

das einzige, was heute realistisch ist, ist es einen breiteren diskussionszusammenhang aller interessierten gruppen und einzelpersonen zu schaffen, die sich nicht einigeln wollen und sich für die einzig wahre avantgarde halten. und diese gruppen und einzelpersonen sollten durch sorgfältig geplante aktionseinseinheiten versuchen, ihre basis zu vergrößern. man sollte dabei keine allzu hoch geschraubten erwartungen haben, dann ist die enttäuschung vorprogrammiert. aber wie wir in frankreich und nordafrika gesehen haben, gesellschaftliches bewusstsein kann auch sehr schnell im massenmaßstab sprünge machen. genau darauf muss sich die linke politisch und organisatorisch vorbereiten.

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