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Wilhelm Reich: „Was ist Klassenbewusstsein?“

Wilhelm Reich (1897-1957). der erste "Freudo-Marxist"

aktueller bezug

auf dem blog der NAO (http://arschhoch.blogsport.de/) gibt es eine debatte darüber, wie politisches bewusstsein vermittelt werden kann (oder muss), und dass die gefahr bei „avantgardekonzepten“ darin besteht, eine neue bürokratische beherrschung der lohnarbeiter in spe vorzubereiten.

genau dies ist auch das grosse thema bei Wilhelm Reich, speziell in „was ist klassenbewusstsein?“

historischer bezug

Wilhelm Reich war Kommunist (marxist) und ein schüler Sigmunds Freuds, also ein psychoanalytiker. allerdings, im gegensatz zu Freud, erkannte Reich schon früh, dass man neurosen nicht allein auf einer individuellen ebene heilen kann, sondern dass das gesellschaftliche umfeld dabei eine menge mitzureden hat.

darum gündete er die sex-pol bewegung, die versuchte, an unmittelbaren tages-bedürfnissen und -problem proletarischer menschen anknüpfend, sie für eine poltische arbeit zu motivieren. vieles davon ist für die heutige situation nicht mehr brauchbar, so stellt sich heute die sexuelle situation jugendlicher in fortgeschrittenen industrienationen ganz anders da als zu zeiten Reichs. der grundsätzliche ansatz aber, politiche arbeit nicht über abstrakte themen (die mit der erfahrung proletarischer menschen meist wenig zu tun haben), sondern über deren konkrete bedürfnisse und nöte zu entwickeln, scheint mir nach wie vor gültig zu sein.

Reich stiess mit dieser arbeit für die sex-pol bewegung auf den widerstand der KPÖ führung (obwohl er durchaus erfolge hatte) und musste schliesslich nach deutschland emigrieren. dort erlebte er, wie KPD und SPD unfähig waren, der drohenden gefahr des faschismus zu begegnen. er erkannte dies nicht nur auf der ebene politischer programme, sondern auch in der unfähigkeit dieser organisationen, die lebensrealität der proletarischen Massen zu erfassen und dementsprechend zu agieren.

er nannte dies den „fetisch der hohen politik“. indem man eben die bürgerlichen politikformen übernimmt, verhindert man, dass ein  grosser teil der lohnabhängigen noch politisch partizipieren kann und das befördert wiederrum den prozess der innerorganisatorischen bürokratisierung. das ist der tiefste grund für die niederlage der deutschen arbeiterbewegung und den sieg der faschistischen barbarei.

aber auch in der charakterstruktur der proletarischen Massen ist es angelegt, nicht über genug selbstvertrauen zu verfügen, um daran zu glauben, dass man die gesellschaftlichen verhältnisse auch grundlegend anders gestalten kann.
Reich schreibt, dass es eine anekdote gibt, wonach die demonstranten während der novemberrevolution im tiergarten eifrig darauf bedacht waren, nicht den rasen zu betreten. egal, ob diese geschichte stimmt oder nur gut erfunden ist: sie zeigt ein grundsätzliches dilemma auf: „die verbürgerlichung des trägers der revolution“. (Reich, Kopenhagen 1934, S.18)

(vielleicht ist das auch die quelle für lenins bahnsteigkartenwitz 😉 )

was heisst das heute für uns?

ich bin überzeugt davon, dass der aufbau einer revolutionären avantgardepartei notendig ist. aber so eine organisation darf sich nicht nur über papierne resolutionen und programmentwürfe definieren. sie muss auch verstehen, wie die breite Masse „tickt“, dem volk buchstäblich aufs maul schauen.

und die beste avantgarde nützt nichts, wenn es ihr nicht gelingt, sich auch „nach unten“ weiter zu vermitteln.

worum es also geht, ist auf der einen seite, eine proletarische führung zu bilden, aber diese führung muss nicht erst das „klassenbewusstsein“ SCHAFFEN, dieses „klassenbewusstsein“ ist bereits vorhanden, aber in einer form, die es ungeeignet macht für eine systemverändernde strategie.

es muss daher gelingen, an das vorhandene „klassenbewusstsein“ anzuknüpfen und dieses für eine revolutionäre perspektive zu GEWINNEN.

ABER: was zu Reichs zeiten vlt noch ein sinnvoller versuch war — da es noch eine arbeitermassenbewegung gab — hat heute als gesellschaftliches „umfeld“ eine völlig marginalisierte linke, die trotz ihrer isolierung offensichtlich wenig lust hat, aus ihrem ghetto herauszutreten.

ob dies als bedingung für einen neubeginn einer „revolutionären arbeiterbewegung“ genügt — diese frage kann wohl nur die zeit entscheiden…

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4 Kommentare zu “Wilhelm Reich: „Was ist Klassenbewusstsein?“

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