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Das rote Tuch der NAO oder: die Versammlung der Lenin-Exorzisten

„Diese Theoretiker seien zunächst nur „Utopisten, die, um den Bedürfnissen der unterdrückten Klassen abzuhelfen, Systeme ausdenken und nach einer regenerierenden Wissenschaft suchen. Aber in dem Maße, wie die Geschichte voranschreitet und mit ihr der Kampf des Proletariats sich deutlicher abzeichnet, haben sie nicht mehr nötig, die Wissenschaft in ihrem Kopfe zu suchen; sie haben sich Rechenschaft abzulegen von dem, was sich vor ihren Augen abspielt, und sich zum Organ desselben zu machen. Solange sie die Wissenschaft suchen und nur Systeme machen, solange sie im Beginn des Kampfes sind, sehen sie im Elend nur das Elend, ohne die revolutionäre, umstürzende Seite darin zu erblicken, welche die alte Gesellschaft über den Haufen werfen wird. Von diesem Augenblick an wird die Wissenschaft bewusstes Erzeugnis der historischen Bewegung, und sie hat aufgehört, doktrinär zu sein, sie ist revolutionär geworden.“—Karl Marx, Das Elend der Philosophie

„Parteikämpfe [geben] einer Partei [gerade] Kraft und Leben, […] der grösste Beweis der Schwäche einer Partei [ist] das Verschwimmen derselben und die Abstumpfung der markierten Differenzen“.—Lenin

auf dem blog der NAO hat sich intellektuelle verstärkung für die theoretisch etwas blassen SIBler (damit mein ich ausdrücklich NICHT DG) eingefunden; ein ehemaliger funktionär der brasilianischen „arbeiterpartei“ (PT) will den blog aufrollen und politisch modernisieren. und was ist sein erstes angriffsziel? klar, der leninismus!

http://arschhoch.blogsport.de/2011/12/17/zwischen-skylla-und-charybdis/

alles was nach revolution, russland, lenin, stalin, bolschewiki riecht, ist des teufels. mit einer wissenschaftlichen aufarbeitung hat das natürlich nichts zu tun, viel aber mit dem einknicken vor antikommunistischen stimmungen.

DASS der leninismus auch etwas mit der späteren degeneration des stalinismus zu tun hat, ist unbestreitbar. wie sich dieser zusammenhang aber genau gestaltet, ist die viel komplexere frage. ich als trotzkist habe kein problem damit, auch ein kritisches verhältnis zu lenin und dem bolschewismus zu haben. schliesslich war es trotzki, der schon 1904 auf die gefahr des substitutionalismus [ersetzung der klasse durch die partei] hingewiesen hat.

„aber diese komplizierte aufgabe [aufbau des sozialismus. anm v mir] kann nicht dadurch gelöst werden, indem man über das proletariat ein paar gut ausgesuchte leute stellt… oder eine person, die mit der Macht zu liquidieren und zu degradieren ausgerüstet ist.“ (trotzki, unsere politischen aufgaben. zit nach: isaac deutscher, trotzki bd. 1, S. 98)

diese sätze lösen in mir einen schauer aus, wenn man bedenkt, dass trotzki damit exakt die zukunft vorausgesagt hat. allerdings galt diese zukunft nicht lenin ….sondern einem gewissen stalin, den 1904 wahrscheinlich kein führer der russischen sozialdemokratie kannte .

ich will in diesem artikel keine geschichtliche darlegung des bolschewismus leisten. erstens kann ich das nicht und zweitens, selbst wenn ich es könnte, hätte es für uns heute nur einen sehr begrenzten erkenntniswert.

ich möchte daher etwas anderes versuchen: ich möchte darlegen, warum der leninismus das einzige praktikable organisationsmodell ist, ohne dabei die gefahr der bürokratisierung zu vergessen. aber diese gefahr ist immer da, ganz unabhängig von der organisationsform. und zweitens habe ich keine angst davor, auch lenin von einem marxistischen standpunkt aus zu kritisieren. marx, lenin, trotzki und rosa luxemburg waren menschen und keine theoriegötter. sie konnten genauso fehler machen, wie jeder andere. dies anzuerkennen, macht dern marxismus nicht ärmer, sondern grösser. aber wenn sie fehler machten, kann man daraus gewiss auch einiges lernen.

PARTEI UND KLASSE

es gibt bei lenin in der tat die tendenz, die partei an die stelle des „proletariats“ zu setzen. warum kann er das? ganz einfach: er sagt sich, nur die aktivsten und bewusstesten teile des proletariats bilden die „klasse für sich“. und nur auf die kommt es für den revolutionären klassenkampf an. wie jeder reduktionismus in der erkenntnistheorie schädlich ist, so ist er es auch in der politik. wenn man die „avantgarde“ zur „klasse für sich“ macht und alle anderen für die bestimmung des emanzipatorischen prozesses vernachlässigt, reproduziert sich natürlich zwangsläufig, was man eigentlich überwinden wollte. die arbeitsteilung zwischen kopfarbeitern und handarbeitern bleibt erhalten. nur dass es nach der revolution nicht mehr der kapitalist, beamte oder politiker ist, sondern der „genosse parteisekretär“. die entwicklung zur neuen „managerklasse“ ist dann in der tat nicht mehr weit.

nun muss man es den bolschewiki zugute halten, dass sie den ausweg in der internationalen ausweitung der revolution gesehen haben. unabhängig von der frage, ob diese ausweitung wirklich etwas an der lage in russland geändert hätte, zumindest haben sie wirklich daran geglaubt. man mag dies als polititisches vabanque-spiel kritisieren, aber ich halts da mit rosa luxemburg. die bolschewiki konnten wenigstens sagen: „ich habs gewagt“.

sicher ist, auch eine breitere linksradikale organisation in deutschland wäre in der anfangsphase schwerst isoliert. selbst wenn es gelänge, mehre linke organisation in einer NAO zu integrieren (was keineswegs sicher ist), würde sie sich nur zusammenhalten durch eine möglichst hohe programmatische kohärenz und eine dementsprechende disziplin der mitgliedschaft. wem dies schon zu sehr nach „sekte“ schmeckt, wird über kurz oder lang eh in der LINKEN landen oder irgendeine „mittelgruppe“ gründen, deren halbwertswert nicht mal ausreichen wird, nur ein lesenswertes dokument herauszubringen.

wir dürfen uns nicht vormachen, eine „antikapitalistische“ oder revolutionäre organisation würde in der anfangsphase nichts als propaganda machen und exemplarisch in kämpfe und bewegungen intervenieren im rahmen ihrer möglichkeiten. die NAO würde sich darin von keiner anderen existierenden kleingruppe unterscheiden. wenn die NAO dabei wirklich auf einer revolutionären programmatik agiert, wird sie auch die chance haben, subjektiv revolutionäre linke anzuziehen. wenn sie aber glaubt, die partei des gesamtsumpfes werden zu wollen, und die eintrittskarte dazu sei ein virulenter „antileninismus“ (der sich sehr schnell als antikommunismus entlarven wird, wie man z b an den bochumern sieht), dann wird die „NAO“ nur ein kurzes strohfeuer sein, dessen niedergang schon vorprogrammiert ist.

OHNE KLASSENUNABHÄNGIGKEIT KEINE EMANZIPATION

die erste voraussetzung dafür, die aktivsten teile der lohnabhängigen klasse für eine systemsprengende perspektive zu gewinnen ist die konsequente programmatische und organisatorische KLASSENUNABHÄNGIGKEIT. das heisst nichts anderes, als dass die politischen forderungen vom standpunkt des proletarischen klassenkampfes gestellt sind (also den revolutionären bruch vorbereiten) und man organisatorisch eigene strukturen von unten aufbaut, die im kern bereits die fähigkeit zur revolutionären selbstregierung beinhalten. in der heutigen situation ist dies natürlich noch absolute zukunftsmusik, aber in zugespitzten politischen verhältnissen (man braucht nur nach griechenland zu schauen) kann so etwas sehr schnell eine grosse aktualität gewinnen.

die NAO muss den mut haben, diese „sektiererische durststrecke“ mit der erarbeitung programmatischer positionen auszufüllen, die irgendwann in der zukunft ihre früchte tragen werden. wenn man hingegen versucht, mit politischen halbheiten die „schnellen erfolge“ zu erzielen, wird es ihr ergehen wie einem marathonläufer, der schon vor dem start einen kreislaufzusammenbruch hat.

der lange atem wird zum entscheidenen politischen faktor!

2 Kommentare zu “Das rote Tuch der NAO oder: die Versammlung der Lenin-Exorzisten

  1. noch ein paar infos zur brasilianischen PT

    „Lula und die Linke

    Die Regierung Lula wurde Ende 2002 mit massiver Unterstützung der brasilianischen Arbeiterklasse gewählt. Zum ersten Mal in der Geschichte des Landes saß ein ehemaliger Arbeiter auf dem Präsidentenstuhl. Eine Partei, die in den Kämpfen der MetallarbeiterInnen Sao Paolos am Anfang der 80er geboren wurde, stand jetzt an der Spitze des Staates.
    Doch wer glaubte, dass diese Arbeiterpartei im Interesse der ArbeiterInnen handeln würde, sollte bald diese Illusion erkennen. Einmal im Amt, fing Lula an, die ArbeiterInnen anzugreifen. Für den öffentlichen Dienst wurde das Rentenalter erhöht und die Rentenhöhe reduziert. In Brasilia ließ Lula gegen Zehntausende protestierende LehrerInnen Tränengas einsetzen.
    Die PT war seit ihrer Gründung Heimat für eine Vielzahl linker Strömungen: Trotzkisten, Maoisten, Gramscianer, linke Katholiken usw. Als die Partei landesweit aufgebaut wurde und unzählige Pöstchen in Parlamenten und Verwaltungen eroberte, wuchs auch ein massiver bürokratischer Apparat; die Linken hatten immer weniger Einfluss.
    Schon 1994 kam es zum Ausschluss einer trotzkistischen Strömung, die daraufhin die Vereinigte Sozialistische Arbeiterpartei (PSTU) gründete. Andere Tendenzen blieben in der PT, um sich weiter im Parteiapparat hochzuarbeiten. Die größte von ihnen war die „Sozialistische Demokratie“ (DS), die brasilianische Sektion des Vereinigten Sekretariats der Vierten Internationale (deutsche Ableger: isl und RSB).
    Obwohl klar war, dass Lula nur im Interesse der Herrschenden regieren könnte, trat die DS seiner Regierung bei. Ein führendes Mitglied, Miguel Rossetto, wurde Minister für Landreform. Sein Versprechen, die Regierung „nach links zu drängen“ und die „Selbstorganisierung der Bauern zu fördern“, entpuppte sich als leeres Gerede – sein Ministerium ließ wichtige Anführer der landlosen Bewegung MST verhaften. Insgesamt hat er noch weniger Land an arme Bauern verteilt als sein Vorgänger in der rechten Cardoso-Regierung!
    Doch als Lula dabei war, die Errungenschaften der Arbeiterklasse durch die Rentenreform direkt anzugreifen, konnten das einige PT-Linken nicht mehr mittragen. Vier stimmten daher im Kongress gegen die Gesetzesvorlage der Regierung und wurden im Schnellverfahren aus der PT ausgeschlossen.
    Die bekannteste unter ihnen ist die populäre Senatorin Heloísa Helena. Sie ist Mitglied der DS, unterstützte aber deren offen verräterischen Kurs nicht. Jetzt hat sie die Strömung „Liberdade Vermelha“ (Rote Freiheit) als „öffentliche Fraktion“ der DS gegründet, wird aber von dieser nicht anerkannt. (D.h. die „Vierte Internationale“ hat momentan zwei brasilianische Sektionen.) Helena kritisiert die Regierungsbeteiligung ihrer GenossInnen, ist aber weder bereit, ihren sofortigen Austritt aus der Regierung, noch ihren sofortigen Ausschluss aus der „Vierten Internationale“ zu fordern.
    Helena und drei weitere Kongreßabgeordente (zwei von trotzkistischen Strömungen, einer aus einer links-christlichen Gruppe) bilden den Führungskern der neuen Partei.
    Genau wie die deutschen Gewerkschaftsbürokraten, welche die Wahlalternative ins Laufen gebracht haben, schlagen auch die brasilianischen ParlamentarierInnen der P-SOL nicht vor, eine breite Diskussion innerhalb der Gewerkschaften, der Betriebe, der Unis usw. zu organisieren, um zu bestimmen, was für eine Art Partei gegründet werden soll. Das hätte die kämpferischen Schichten der Arbeiterklasse in den Mittelpunkt der Parteigründung und -debatte gestellt – und genau das wird vermieden. Stattdessen werden die Programme zwischen Prominenten ausgehandelt und sollen durch ein scheindemokratisches Plebiszit auf einem Kongress beschlossen werden.“

    auszug aus: http://www.arbeitermacht.de/ni/ni95/psol.htm

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