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Organisationsfragen sind programmatische Fragen

[von Michael Schilwa, 12. Januar 2012]

Als jemand, der hofft, dass Netzwerke, Plena, Clubs etc. nur Zwischenstationen sind auf dem Weg zu einem Ding, dass den Namen „Revolutionäre Organisation“ wirklich verdient, begrüße ich natürlich jede Form von Zielstrebigkeit und jedes Streben nach mehr Verbindlichkeit.

Das von den SoKo-GenossInnen vorgeschlagene Organisationsmodell ist mir nicht nur deswegen äußerst sympathisch, ich fürchte nur, es kommt zum falschen Zeitpunkt, nämlich zu früh.

Am Namen wir die Sache nicht scheitern.
„Sozialistische Clubs“ hat den schon von der SoKo selbst (ich glaube von Horst Hilse) angesprochenen Nachteil, dass sich andere Spektren darin nicht wieder finden oder davon sogar ausgegrenzt fühlen.
„Plena der subjektiven RevolutionärInnen“ empfindet sicher nicht nur Frank Braun als „Wortungetüm“ (auch innerhalb der SIB gab es schon Kritik in diese Richtung).

Allerdings umschreibt der „Plena-Vorschlag“ am präzisesten, worum es politisch-programmatisch-strategisch geht:
Deutliche (wenn auch nicht-sektiererische) Abgrenzung von reformistisch-gradualistischen Konzepten einerseits, andererseits innerhalb des Spektrums der „subjektiven RevolutionärInnen“ Verzicht auf Festlegung von „richtigen“ und „falschen“ Gründen für entschiedenen Anti-Kapitalismus.
D.h., es ist erstmal nicht so wichtig, ob eine(r) den Kapitalismus aus traditionskommunistischen, linkssozialistischen, trotzkistischen, brandlerianischen, feministischen, antiimperialistischen, autonomen, anarchosyndikalistischen oder von mir aus auch christlichen Motiven abschaffen will.
Mir persönlich gefällt der Vorschlag von Mario Ahner (dem hier gedankt sei für die Spiegelung des lesenswerten Artikels von Paul Pop) am besten:
„Rote Clubs“ ist gleichzeitig eindeutig genug und offen genug – außerdem klingt es lässiger als die üblichen Klassiker.

Auf den ersten Blick besteht zwischen „Clubs“ und „Plena“ kein nennenswerter Unterschied – das Problem ist der Zeitpunkt der Veröffentlichung.
Meine Kritik am SoKo-Vorschlag ist längst nicht so harsch wie die von DGS, geht aber in die gleiche Richtung.
Die Sokos – überwiegend alte „Fahrensleute“ – hätten ahnen können, welchen Wirbel ein solcher Vorschlag vor dem Hintergrund eines in’s Stocken geratenen NAO-Prozesses verursacht.
Auch wenn es gewiss nicht intendiert war (es steht ja deutlich „Vorschlag“ drüber), bei „Basis-Körperschaft“, „Delegiertenschlüssel“, „Zentraler SprecherInnenrat“, „Arbeitsausschuss“ denken Viele unwillkürlich: Die haben noch nicht mal ein Programm, schreiben aber schon an der Satzung.
Die Brachial-Kritik etwa von Wal Buchenberg trifft also einerseits einen wunden Punkt.
Andererseits muss mensch schon eine sehr blühende Phantasie haben, um den SoKos ernsthaft zu unterstellen, sie wollten eine Organisation ohne Programm gründen (den Ausstieg von Wal bedauere ich trotz der großen Differenzen, zumal Karl Heinz Schubert gerade an einer ausführlichen Kritik des „Bochumer Programms“ arbeitet).
Der „Plena-Vorschlag“ ist ja viel jünger als das ‚Na endlich-Papier’, er ist eine Reaktion auf die Schwierigkeiten und Unzulänglichkeiten des angestoßenen Prozesses. Von den im ‚Na endlich-Papier’ genannten „Benchmarks“ sind wir quantitativ („1000 Leute, um loszulegen“) und qualitativ (ursprünglich avisiertes Spektrum: Von Traditionskommunisten über Trotzkisten/Linkssozialisten bis zu Post-Autonomen) weit entfernt.

Die Plena-Idee zielte deshalb auf zweierlei: Für’s erste Tempoverlangsamerung und kleinere Brötchen backen (die aber auch wirklich).
Der SoKo-Vorschlag zielt (bewusst oder unbewusst) auf das Gegenteil: Gas geben! (zumindest entsteht bei Vielen der Eindruck)
Das ist m. E. der Kern des Konflikts, den wir aber bestimmt lösen werden, da es sich um nicht mehr als eine taktische Frage handelt.
„Möglichst schnell Elemente von antikapitalistischer Kollektivität in Theorie und Praxis (…) realisieren“ (Frank Braun) – das wollen wir doch alle, wir streiten „nur“ darüber, wie wir das am Klügsten anstellen.

Da wir schon mal bei der „Orga-Frage“ sind, eine grundsätzliche Bemerkung.
Natürlich liegt es auf der Hand, vor der Wahl des Schatzmeisters über Programm und Strategie zu reden, aber vice versa gibt es auch recht schematische Vorstellungen:
Erst die perfekte Analyse, das umfassende Programm und ganz am Ende reden wir noch kurz über den „Formalkram“.
Hinter den verschiedenen Organisationsmodellen stecken auch verschiedene politische Konzepte.
Ich bleibe diesbezüglich ein Verteidiger des „Demokratischen Zentralismus“, auch wenn er (zu Unrecht) schwer in Verruf geraten ist. Allerdings bei unbedingt gleich starker Betonung der beiden Formelteile. Im ‚Na endlich-Papier’ schrieben wir sinngemäß:
Das eine geht nicht ohne das andere. „Demokratie ohne Zentralismus“ führt zum Modell II. Internationale oder zu so was wie der IL, „Zentralismus ohne Demokratie“ führt zum Modell III. Internationale nach 1924.
Nicht nur bei den „Leninisten“, auch bei den „Basisdemokraten“ gibt es reichlich Legendenbildung, die die jeweiligen Probleme verdrängt.
R.E schreibt zur Verteidigung rein dezentraler Strukturen:

„Die Einflussnahme Einzelner wird damit weitgehend erschwert. Es gibt kein Zentrum, das Entscheidungen trifft. Auch die Abhängigkeit von einzelnen Personen (Politstars) wird vermieden.“

Die Westberliner ‚Alternative Liste’ war keine nationale Organisation und formell völlig basisdemokratisch, trotzdem habe ich selten eine hierarchischer strukturierte Gruppe kennen gelernt, dominiert von einer Handvoll informeller Cliquen, gesegnet mit zahlreichen Häuptlingen und (tatsächlichen oder vermeintlichen) „Politstars“.
Was in der Satzung steht ist nicht unwichtig, aber zweitrangig.
Entscheidend sind Qualifikation, Erfahrung und Selbstbewusstsein der Mitglieder.
Das gilt natürlich auch für formell „demokratisch-zentralistische“ Kaderorganisationen – wenn von 100 Mitgliedern nur 15 wirklich „Kader“ sind, bleibt das von Systemcrash und DGS (zu Recht) beworbene „Tendenzrecht“ Makulatur.

Natürlich gilt: Ohne Programm keine Organisation.
Dazu nur kurz:
Es gibt (entgegen anders lautenden Gerüchten und Behauptungen) noch keine „verbindliche“ programmatische Grundlage für den NAO-Prozess.
Das ‚Na endlich-Papier’ als ganzes sowieso nicht, aber auch die „5 unverhandelbaren Punkte“ sind nur die „Schmerzgrenze“ der SIB.
Alle anderen Beteiligten (und die, die hoffentlich noch dazu kommen) haben auch „Schmerzgrenzen“ – erst nach einem „Abgleich“ werden wir wissen, was die „NAO-Essentials“ sind.
Bei diesem Abgleich (also der Programmdebatte) sollten wir zweierlei beherzigen:
Erstens ist (fast) nix in Stein gemeißelt – auch die „Mutter aller Schmerzgrenzen“ heißt jetzt (zu Recht, da vorher missverständlich) nicht mehr „Konzept des revolutionären Bruchs“, sondern „Orientierung auf den revolutionären Bruch“.
Zweitens: Das wechselseitige Bewerfen mit „Etiketten“ bringt nicht viel.
Beispiel „Revolutionärer Bruch“:
Reformisten vorzuwerfen, sie seien keine Revolutionäre, hat was tragikomisches.
Aber auch „unter uns“ ist es spannender (das wurde mir erst richtig klar in einem persönlichen Gespräch mit der Genossin „Wat“), nicht abstrakt „Pro + Contra Bruch“ zu diskutieren, sondern: Was braucht es vor dem Bruch, damit er endlich mal stattfindet, u.v.a. was passiert danach ? Also Fragen wie Staatlichkeit, Zentralisation, Wertgesetz in der nachkapitalistischen Gesellschaft.

Abschließend kann ich mir eine Bemerkung zu Systemcrash nicht verkneifen, der erste Anzeichen von Altersweisheit zeigt:
„Die fünf SIB-Essentials sind nämlich eine Art zusammengefasste Kurzform der wesentlichen Prinzipien des Übergangsprogramms.“
Das ist ja das schönste Kompliment seit langem – jedenfalls für einen unter permanentem Opportunismus-Verdacht stehenden „Mandelisten“ wie mich.
Wenn das allerdings – z.B. – meine Ex-Genossen von der SAV erfahren, ist Systemcrashs Ruf als „Hüter der Orthodoxie“ ganz schnell perdu.
Für Nicht-TrozkistInnen kein Grund zum Erschrecken – worauf Systemcrash anspielt, ist kein Geheimcode, sondern das Gründungsdokument der IV. Internationale von 1938.
Weit davon entfernt, perfekt zu sein (zum Geschlechterkampf steht z.B. gar nichts drin), aber treuer Begleiter für Viele, die es versucht haben mit dem „revolutionären Bruch“
(wer’s mal lesen will, überall im Netz: „Der Todeskampf des Kapitalismus und die Aufgaben der IV. Internationale“)

quelle: http://arschhoch.blogsport.de/2012/01/12/organisationsfragen-sind-programmatische-fragen/

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2 Kommentare zu “Organisationsfragen sind programmatische Fragen

  1. Pingback: Quo vadis, NAO? « WAS TUN: PLATTFORM FÜR MARXISTISCHE KONVERGENZ

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