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Welcher Weg vorwärts für die „radikale Linke“?

die hüter einer falsch verstandenen "orthodoxie" müssen sich zwangsläufig gesellschaftlich isolieren. die organisatorische "sektenform" ist das ergebnis einer nicht begriffenen dialektik in politischen lernprozessen einzelner und breiterer bewegungen

aus england vernimmt man jetzt die meldung, dass sich eine gruppe von ex Workers Power mitgliedern von ihrer muttergruppe abgespalten hat. ihre politischen intentionen scheinen in eine ähnliche richtung zu gehen, wie die deutsche NAO initiative oder ihr französisches pendant NPA. (bislang liegt nur eine erklärung auf englisch vor: https://www.facebook.com/notes/simon-hardy/a-simple-proposal-for-a-new-anticapitalist-left/10150680129112399 oder http://links.org.au/node/2825 )

unabhängig von der frage, wie diese abspaltung politisch zu bewerten ist, wird dieser schritt der genossInnen (hoffentlich) innerhalb der Workers Power (WP) tendenz (liga für die 5. internationale, in deutschland: gruppe Arbeitermacht) zu einer heftigen  internen diskussion führen, ob die traditionellen mittel des „orthodoxen trotzkismus“ (noch) zielführend sind; oder ob „neue weltrealtäten“ (wenn dieser mandelianische begriff gestattet ist) auch zu einer neuen kursbestimmung zwingen. obwohl ich persönlich glaube (ohne nähere hintergrundinfos zu haben), dass die abgespaltenen eher „rechte“ politische intentionen verfolgen, ist natürlich diese grundsätzliche frage im höchsten maße berechtigt. denn niemand kann leugnen, dass die existenz hunderter kleinstgruppen des „trotzkismus“ wohl niemals dazu führen wird, auch eine breitere gesellschaftliche verankerung zu erreichen. auf der anderen seite werden die WP dissidenten (und das gilt natürlich auch für die deutsche SIB und alle anderen NAO gruppen) aber erklären müssen, auf welcher programmatischen grundlage  eine „breite antikapitalistische organisation“ existieren soll.

wenn die SIB sagt, dass nicht ALLE fragen für eine organisationsgründung a priori geklärt sein müssen, hat sie natürlich recht. aber es müssen schon die WESENTLICHEN fragen geklärt sein (zumindest so weit, dass es als arbeitsgrundlage akzeptiert und getragen wird), und dazu gehört auch gewiss die eine oder andere frage mit mehr „historischem“ charakter. auch ein paar internationale fragen lassen sich nicht ausklammern. dass es z b bis heute keine debatte über israel/palästina oder über den islamistischen widerstand in afghanistan gibt innerhalb des NAO prozesses, zeigt entweder politische ignoranz gegenüber den brennenden fragen des zeitgeschehens oder aber man will (bewusst oder unbewusst) „heisse eisen“ vermeiden, weil man genau weiss (oder ahnt), dass SOLCH BRISANTE fragen sofort die „einheitsträume“ zum platzen bringen werden.

über kurz oder lang wird es sich aber nicht vermeiden lassen, auch gewisse „ausschlusskriterien“ für den NAO prozess zu entwickeln (man kann es dann ja „positiv“ formulieren). man kann und (vor allem) SOLLTE nicht versuchen, mit „allen“ den zusammenschluss zu suchen. von tumben bejublern der „antiimperialistischen achse“ von ahmadinedschad über castro und chavez bis hamas/taliban und kollektivschuld-chauvinistischen antideutschen dr.seltsams (oder wie ich lernte, die bombe zu lieben) muss man sich schärfstens abgrenzen! es ist daher UNVERMEIDLICH, dass die NAO dadurch den charakter einer „27. kleingruppe“ erhält (in dem punkt muss ich meine früheren thesen zum NAO prozess revidieren. http://www.trend.infopartisan.net/trd0212/t060212.html). die „offenheit“ des prozesses kann nicht ewig aufrechterhalten werden, irgendwann MUSS man butter bei die fische geben.

anstatt daher die „neugruppierung“ eines amorphen spektrums von postautonomen, postantiimperialisten, postfeministen und sogar anarchisten anzustreben, würde es doch viel mehr sinn machen, erst einmal das spektrum mit SEHR ÄHNLICHEM anspruch zu vereinheitlichen. die gruppen mit vorgeblich trotzkistischen anspruch sind zwar alle klein, verfügen aber über eine hohe theoretische und programmatische konsistenz, da sie sich bewusst in eine lange tradition stellen, die ausreichend gut dokumentiert ist.

dass es innerhalb dieses spektrums wiederrum unheilbare schismen gibt (pabloisten vs antipabloisten) macht die sache zwar auch nicht leichter, aber lieber mit einer handvoll leute prinzipienfeste politik machen (die nur propaganda sein kann im anfangsstadium), als sich in eine „breite“ organisation zu liquidieren, deren programmatisches profil  bestenfalls linker reformismus sein kann. solche versuche sind bislang alle gescheitert und ihre halbwertszeit ist eher in monaten als in jahren zu berechnen.

trotzdem — ich wiederhole es — die grundsätzliche fragestellung dieser „einheitsinitiativen“ ist vollauf berechtigt! es gibt aber keine abkürzungen beim aufbau einer revolutionären organisation. zumal wenn die „klassenbewegung“ mehr oder weniger sich auf dem nullpunkt befindet, wie in deutschland. dann kann es nur darum gehen, wenigstens auf einer programmatischen ebene die idee des klassenunabhängigen emanzipationskampfes der lohnabhängigen aufrechtzuerhalten.

wenn diese initiativen einen sinn haben, dann den, diese überlegungen einer breiteren innerlinken debatte zuzuführen (was schon für sich allein ein gewinn oder fortschritt wäre). wenn dann obendrein die ernsthaftesten militanten grössere programmatische übereinstimmungen oder zumindest ähnlichkeiten feststellen und darüber auch zu einer zusammenarbeit gelangen, dann könnte es vlt gelingen, einen gangbaren weg vorwärts zu weisen.

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4 Kommentare zu “Welcher Weg vorwärts für die „radikale Linke“?

  1. die gruppe „avanti“ bezeichnet die SIB in ihrer stellungnahme zum NAO prozess als „zirkel zur überwindung des zirkelwesens“ … das ist immerhin recht scharfsinnig. ansonsten ist sie politisch relativ substanzlos

    http://www.nao-prozess.de/blog/avanti-fur-den-kleinteiligen-und-muhsamen-weg-des-aufbaus-einer-undogmatischen-revolutionaren-organisation-2/

    mein kommentar zum avanti text:

    tja, das thema „avanti“ dürfte damit wohl vom tisch sein. die allzu ehrgeizigen „neugruppierungspläne“ der SIB waren ohnehin von anfang an luftschlösser.
    obwohl der avanti text inhaltlich nicht viel hergibt, trotzdem ein paar anmerkungen.

    huhn oder ei oder: wie schaffen wir politische organisierung?

    der avanti text reproduziert ein klassisches dilemma: brauchen wir zuerst klarheit und kommen dann zur organisation oder entsteht klarheit durch den kampf und die bewegung selbst, und diese schafft sich dann auch die entsprechenden strukturen? diese frage hat schon die altvordereren lenin, luxemburg und trotzki heftig umtrieben. ich will diese frage aber nicht von einem „historischen“ gesichtspunkt aus angehen, sondern mehr die aktuelle politische lage der bundesrepublikanischen wirklichkeit zum ausgangspunkt nehmen.

    avanti bezeichnet die SIB scharfsinnig als „zirkel zur überwindung des zirkelwesens“ und erkennt damit ein tatsächlich bestehendes paradox. wer „einheit“ predigt, muss auch erklären auf welcher grundlage diese „einheit“ existieren soll.
    (vergl. https://systemcrash.wordpress.com/2012/04/18/welcher-weg-vorwarts-fur-die-radikale-linke/)
    damit macht man sich aber selbst zur „eigenen (klein)gruppe“ und tritt damit in die konkurrenz hunderter strömungen der „radikalen linken“ ein. mittlerweile gehe ich davon aus, dass dies ein nicht zu umgehender fakt ist. umso wichtiger ist es, dass die protagonisten des „NAO prozesses“ ihre eigenen standpunkte offen legen. die „offenheit“ des prozesses (für die anfangsphase noch berechtigt) kann nicht ewig aufrechterhalten werden. die eigene positionierung legt dann den rahmen fest, auf dem kooperationsmöglichkeiten ausgelotet werden können.

    die vorstellung von avanti, dass die praxis ein primat sei, scheint mir eine undialektische gegenüberstellung von theorie und bewegung zu sein. sicherlich ist es richtig, dass die gefahr besteht, dass theoretisch anspruchsvolle diskussionen nur von wenigen geführt werden. aber war das denn jemals anders? wieviele leute haben meinetwegen 1905 lenin, luxemburg oder trotzki gelesen? das waren auch nur kleine kreise von „spezialisten“ innerhalb der partei. für die tägliche alltagspraxis dieser parteien dürften solche debatten nur eine geringe, wenn nicht sogar gar keine, bedeutung gehabt haben. trotzdem bilden solche schriften heute noch den maßstab für eine marxistische organisationsdebatte.

    es stimmt, die „leninistische“ organisationstheorie weist einen fundamentalen mangel auf. sie erklärt zwar, dass eine „avantgarde“ sich auf bestimmten programmatischen grundlagen vereinigen (organisieren) kann, sie erklärt aber nicht, wie die „vermittlung“ von „programm“ und einer möglichen „Massenbewegung“ (es müssen nicht unbedingt arbeiterkämpfe sein, es können auch ganz andere themen und soziale „gruppen“ eine Massenbewegung auslösen) stattfindet (stattfinden kann).
    (vergl. https://systemcrash.wordpress.com/2012/04/01/ist-der-begriff-klasse-heute-noch-zeitgemas/)
    dieser blinde fleck in der marxistischen theorie, die ungeklärte frage des zusammenhangs von sozialer lage und bewusstsein, hat dazu geführt, dass buchstäblich hunderte von gruppen die jeweils eigene lehre als „wahrhafte orthodoxie“ ausgeben und darüber „ihren parteiaufbau“ begründen (was in diesem fall auch für avanti gilt, was durchaus — erst mal — legitim ist). die weniger sektenhaften betreiben zumindest eine art aktionseinheit-politik und suchen durchaus auch möglichkeiten der zusammenarbeit. die richtig verbiesterten sekten kennen nur noch die „wahrheit“ ihres eigenen zentralorgans.

    um diese organisatorischen sackgassen zu überwinden, müsste es gelingen über „ideologische“ grenzen hinweg eine zusammenarbeit zu erwirken, bei gleichzeitiger entwickung einer eigenen programmatischen alternative. diejenigen gruppen, die sich dieser aufgabe nicht stellen, kann man dann (erst mal) sowieso vergessen, denn diese WOLLEN ihre nische nicht verlassen. diejenigen aber, die wirklich ein ernstes interesse an einer kooperation haben und auch bereit sind, ihre positionen auf den prüfstand stellen zu lassen, die werden auch den weg des „gemeinsamen“ finden. sollten bei aller diskussion die politischen differenzen immer noch zu gross sein für eine „parteistruktur“, bestünde immer noch die möglichkeit einer zusammenarbeit in form eines netzwerkes, bei beibehaltung der unabhängigkeit aller beteiligten.
    eine option, die ich nach wie vor favorisiere.

    ein letztes wort zur frage der LINKEN

    dass avanti eine konkurrenz zur LINKEn für eine strategische fehlentscheidung hält, zeugt von ernsten politischen differenzen, die eh nicht in EINER organisation integrierbar wären. eine REVOLUTIONÄRE organisation KANN nur in konkurrenz zur LINKEn aufgebaut werden. dabei will ich gar nicht auf die frage von wahlbeteiligungen eingehen, denn diese ist momentan absolut untergeordnet. aber ohne einen bruch mit dem reformismus der LINKEn, der sich auch organisatorisch manifestieren muss, wird es niemals eine politik geben, die auf den „revolutionären bruch“ mit dem kapitalistischen system strategisch abzielt; und dies ist immerhin ein essential der SIB für ihr neugruppierungsprojekt!
    (siehe auch: https://systemcrash.wordpress.com/2011/11/05/was-muss-ein-revolutionares-programm-heute-enthalten/)

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