Uncategorized

Welche Aufgaben hat die griechische „radikale Linke“?

die zugespitzte politische situation in griechenland, aufgrund des ausgangs der wahlen (http://www.nao-prozess.de/blog/drei-wahlen-versuch-einer-einschatzung/), ruft jetzt die ganzen „revolutionären kleingruppen“ auf den plan, um die „Massen“ mit ihren taktischen und strategischen weisheiten zu beglücken. eine besondere perle darunter ist der artikel von M.Prütz von der berliner SIB. in einem artikel auf dem NAO blog http://www.nao-prozess.de/blog/griechenland-es-geht-um-viel/ finden sich folgende vollendete stilblüten:

„Aufgrund dieser Situation hat Syriza vorgeschlagen, eine gemeinsame Regierung aller linken Kräfte zu bilden. Traditionell gesagt schlägt Syriza die Bildung einer Arbeiterregierung vor.“

aha, wenn „alle linken kräfte“ eine regierung bilden, ist das eine „arbeiterregierung“. so einfach geht „marxistische staatstheorie“! wenn „arbeiterparteien“ auf regierung machen kanns eben nur — klar, völlig logisch! — eine „arbeiterregierung“ sein.

ich glaube von lenin stammt der satz „den opportunismus erkennt man am ehesten in der staatsfrage“. dies gilt natürlich auch und insbesondere für die notorisch zentristische SIB, wobei M. Prütz wohl den rechtaussen-flügel repräsentiert. es gibt einen langen streit innerhalb der trotzkistschen tendenzen, was unter einer „arbeiterregierung“ zu verstehen ist. die opportunistischen strömungen haben unter einer arbeiterregierung in der tat eine koalitionsregierung verschiedener arbeiterparteien verstanden und diese „arbeiterregierung“ quasi als abart der „einheitsfronttaktik“ dargestellt. die orthoxen strömungen wie die internationale Spartacist Tendenz (die mich stark geprägt hat) verstanden unter arbeiterregierung immer ein synonym für die „dikatatur des proletariats“. so heisst es bei trotzki im übergangsprogramm:

„Die Formel der „Arbeiter- und Bauernregierung“ tauchte zum ersten Mal 1917 in der Agitation der Bolschewiki auf und wurde endgültig nach dem Oktoberaufstand angenommen. In diesem Falle stellte sie nur eine populäre Bezeichnung der bereits errichteten Diktatur des Proletariats dar.“
http://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1938/uebergang/ueberg2.htm

diese übersetzung scheint aber schon aus der pabloistischen fälscherschule zu kommen. in der englischen version heisst es:

This formula, “workers’ and farmers’ government,” first appeared in the agitation of the Bolsheviks in 1917 and was definitely accepted after the October Revolution. In the final instance it represented nothing more than the popular designation for the already established dictatorship of the proletariat.“ http://www.marxists.org/archive/trotsky/1938/tp/tp-text2.htm#wg

mein englisch ist zwar nicht mal schlechtestes schulenglisch, aber „in the final instance“ [in letzter instanz] heisst niemals „in diesem falle“. und selbst wenn trotzki „in diesem falle“ geschrieben hätte, es gab ja kein anderes beispiel für eine erfolgreiche proletarische revolution (und damit „arbeiterregierung“) als die russische. um es also klipp und klar zu sagen: die „arbeiterregierung“ ist die revolutionäre übernahme der staatsmacht durch die arbeiterklasse; also synomym mit der „dikatatur des proletariats“. jede abweichungt von dieser linie soll nur den weg öffnen für parlamentarische kombinationen , um das kapitalistische system vor der proletarischen revolution zu retten.

Die „Volksfronten“ auf der einen, der Faschismus auf der anderen Seite, dies sind die letzten politischen Reserven des Imperialismus im Kampf gegen die proletarische Revolution. Vom historischen Standpunkt aus sind diese beiden Hilfsquellen allerdings nichts anderes als Fiktionen. Die Fäulnis des Kapitalismus hält an, sowohl unter dem Zeichen der phrygischen Mütze in Frankreich wie unter dem Zeichen des Hakenkreuzes in Deutschland. Allein der Sturz der Bourgeoisie kann einen Ausweg eröffnen.“ http://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1938/uebergang/ueberg1.htm#kik

nun kann es situationen geben, wo eine „linksregierung“ z b von rechten kreisen angegriffen wird, und es in der tat dann ein gebot der stunde wäre, diese regierung  in einer einheitsfront-aktion zu verteidigen. das berühmteste beispiel ist sicher die verteidigung Kerenskis gegen Kornilow, oder der Kapp Putsch in deutschland. dies hat aber nichts — aber auch gar nichts — damit zu tun, dass revolutionäre in koalitionsregierungen eintreten. diese verteidigungsaktionen sind dann nur das taktische sprungbrett, um die Massen endgültig zum bruch mit dem kapitalismus zu mobilisieren (unterstützen“wie der strick den gehängten“ in lenins plastischen worten). jede darstellung der bildung oder des eintritts in „linke“ regierungen als „einheitsfronten“ soll nur über die tatsächlichen aufgaben marxistischer revolutionäre hinwegtäuschen und die Massen weiter an den „halbkadaver“ der bourgeoisie binden.

nun mag man einräumen, dass die situation in griechenland nicht UNMITTELBAR auf eine proletarische Machtübernahme hinausläuft und eine „linksregierung“ bessere ausgangsbedingungen schafft. so schreibt Prütz:

„Ich will es klar und deutlich sagen: Eine solche Regierung wäre keine Revolution und kein Sozialismus, aber sie wäre der Bruch mit der herrschenden Logik der Sparpolitik in ganz Europa. Diese potenzielle Regierung wäre ein schwerer Schlag für das Kapital und ihre Regierungen. Sie würde den antikapitalistischen Kräften in ganz Europa, den sozialen Bewegungen und Gewerkschaften, die bisher vergeblich gegen die Sparpolitik angerannt sind, Auftrieb und Zuversicht verleihen. Diese Regierung ist aus meiner Sicht das Gebot der Stunde.“

nun kann man sich erst mal bei der verqueren logik aufhalten. es soll sich also um eine „arbeiterregierung“ handeln, aber um keine „revolution. da fragt man sich unwillkürlich, wie kann sich der klassencharakter des staates ohne eine revolution ändern!?! gut, pabloisten haben eine lange übung darin, aus stalinisten und kleinbürgerlichen guerillas „unbewusste revolutionäre“ zu machen. aber stalinisten haben zumindest TATSÄCHLICH die eigentumsformen verändert. aber glaubt irgendjemand, dass in griechenland eine regierung aller „linken kräfte“ (nebenbei: wer sind diese linken kräfte eigentlich?) die bürgerliche eigentumsordnung in frage stellen würde? ich jedenfalls nicht! denn das würde nichts anderes als BÜRGERKRIEG bedeuten. wer heute — wie M. Prütz — illusionen in eine „linksregierung“ schürt, landet morgen in einen neuem chile 1973!

nun ahnt Prütz offensichtlich selbst diese gefahr. denn er schreibt weiter:

„Die Einheitsfront aller griechischen Linksparteien gegen den Neoliberalismus und gegen den Aufstieg der Faschisten ist das absolute Gebot der Stunde.“

dieser satz wäre sogar richtig, wenn tatsächlich eine einheitsfront als TAKTIK gemeint wäre. mit „einheitsfront“ meint Prütz aber eine „linke koalitionsregierung“. und eine linke koalitionsregierung ist nichts anderes als das letzte hindernis auf der „linken“ seite vor der proletarischen revolution. und auf der rechten seite lauert natürlich der faschismus. wenn es der revolutionären linken in griechenland nicht gelingt, die verschiedenen ebenen und elemente der revolutionären strategie und taktik zu verstehen und RICHTIG UMZUSETZEN, ist eine katastrophe vorprogrammiert.

die SIB sollte sich ernsthaft fragen, ob sie mit einer galionsfigur wie Prütz wirklich eine „revolutionäre umgruppierung“ auf die reihe kriegen will. ich für meinen teil würde mich so einem notorischen SAP-isten, der die grenze zwischen revolution und opportunismus permanent verwischt, nicht anschliessen wollen. ob er es tut, aufgrund opportunistischer appetite oder weil er es nicht besser weiss (ein paar jahrzehnte opportunistscher praxis hinterlassen spuren in der seele), sei dahingestellt.

ich — wenn ich ihm einen rat geben sollte — würde ihm vorschlagen, entweder gleich in die LINKE einzutreten oder lieber ganz die finger von politik zu lassen. er kann es nur schlimmer machen als eh schon ist. und so ein revisionist liefert obendrein den „sekten“ einen hervorragenden vorwand, ihre sektenwelt nicht zu verlassen. Prütz ist ein saboteur eines „revolutionären NAO-prozesses“. aber das wäre nicht mal das schlimmste, denn erwachsene menschen können mit sowas umgehen. das schlimmste ist, dass er jungen menschen, die ernsthaft eine revolutionäre lösung suchen, auch noch das hirn verkleistert mit reformistischen illusionen. und DAS ist wirklich UNVERZEIHLICH!

Ein Kommentar zu “Welche Aufgaben hat die griechische „radikale Linke“?

  1. kommentar von DGS zur frage einer „linken koalitionsregierung“, der ich voll zustimme:

    „Wäre eine Regierung unter Beteiligung von DIMAR, SYRIZA (und KKE) eine Regierung, die Eures Erachtens den Bruch mit der kapitalistischen Produktionsweise angehen wollen würde und angehen könnte? Und sollten sich Eures [erachtens, anm v mir] daher revolutionäre Kräfte, wie ANTARZYA, die es allerdings mit ihren 1,15 Prozent nicht einmal ins Parlament geschafft hat, an einer solchen Regierungen beteiligen?

    Oder wäre eine solche Regierung auf absehbare Zeit unfähig, den Bruch zu vollziehen und zu großen Teilen auch unwillens, ihn zu vollziehen, und sollten sich revolutionäre Kräfte darauf beschränken, eine solche Regierung, wenn sie denn käme, gegen rechts zu stützen und gleichzeitig darauf hinweisen, welche großen Risiken mit einem solchen Regierungsprojekt verbunden sind?“

    http://www.nao-prozess.de/blog/drei-wahlen-versuch-einer-einschatzung/ [siehe die kommentare]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.