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Fussball und Politik

Betrachtungen über ein Massenphänomen

ich muss mit einem geständnis beginnen: ich selber bin überhaupt kein fussballfan und verstehe auch nichts von dieser sportart. natürlich habe ich in der vergangenheit schon spiele der DFB auswahl bei grossen turnieren geschaut, aber mehr um mitreden zu können als dass es mich wirklich interessiert hätte. trotzdem kann ich nicht ganz verleugnen, dass man sich nur schwer dieser euphorischen stimmung, die solche veranstaltungen wie fussball WMs oder EMs auslösen, entziehen kann, selbst wenn man eigentlich ein sportmuffel ist.

ich will gar nicht darauf abheben, dass dieser nationale taumel eine politische dimension hätte. ich denke tatsächlich, dass es sich im wesentlichen um eine rein sportliche identifikation handelt, keineswegs um einen „nationalismus“ im eigentlichen sinne des wortes. versuche rechter und faschistischer kreise, in der vergangenheit grosse sportveranstaltungen für ihre politik zu instrumentalisieren, blieben immer ein randphänomen. das kann in einer zugespitzen lage mal anders aussehen – man braucht nur nach griechenland zu schauen – , aber gegenwärtig scheint das in deutschland kein wirkliches problem zu sein.

das eigentliche problem sehe ich woanders, und das hat was mit wahrnehmung und gewichtung zu tun. in einer welt, wo es eine milliarde probleme gibt, wo hunger, krieg, elend und wirtschaftskrise eine „normalität“ darstellen, da scheint auf einmal nur noch EIN thema wichtig zu sein: fussball! ein thema, was sonst mit dem politischen und sozialen geschehen eher bedingt zu tun hat, steht dermassen im fokus, dass es tatsächlich für 2 oder 4 wochen alles andere überlagert. und DAS hat schon eine POLITISCHE dimension.

die ursachen dafür sind sicher vielfältig. da ist einmal die klassische ablenkungsfunktion, sport als „opium fürs (lenin) oder des (marx) volkes“; die moderne version des altrömischen „brot und spiele“ (panem et circenses). die identifikation mit der „eigenen“ mannschaft als ersatz für mangelnden selbstwert. ein rauschhaftes „wirgefühl“, weil sich „alle“ in EINEM ziel einig sind, quasi der burgfrieden erzeugt durch den sport(FANatismus). hinzu kommt noch, dass fussball nach relativ einfachen regeln funktioniert (wenn man mal vom abseits absieht 😉 ), die im prinzip jeder verstehen kann, und das ist in einer immer komplexer werdenden welt durchaus auch eine (psychische) entlastung.

von daher hat die fussballbegeisterung als Massenphänomen durchaus objektiv nachvollziehbare gründe. weiter kommt noch eine massive beeinflussung durch die medien und die werbeindustrie dazu, die mit dem sport erhebliche finanzielle interessen verbinden. der aspekt, dass fussball auch eine klassisch „proletarische“ sportart ist, dürfte in deutschland nur eine geringe bedeutung haben. die tatsache, dass es mal arbeitersportvereine in diesem lande gab, kann man nur noch aus geschichtsbüchern erfahren. in england mag das etwas anders aussehen, dort hat die kultur der fussballclubs durchaus auch eine „proletarische“ basis, und ist auch weniger kommerziellen zwecken ausgesetzt.

ich kann mich noch gut an die spielertypen aus den 70er jahren erinnern (und ein haudegen wie Uwe Seeler z b gehörte sogar zu einer noch etwas älteren generation). solche leute genossen auch unter einfachen arbeitern respekt, weil sie eine gewisse volksnähe hatten und starällüren, wie wir sie heute kennen, gab es bis in die späten 60er jahre nicht. erst die spieler der generation danach, begannen den bezahlten profifussball wie popstars zu betreiben. ein Paul Breitner, mit seinem afrolook und einem mao bild an der wand, symbolisierte eine neue generation von spielertypen, rebellisch und narzisstisch in ihrem versuch, den muff von tausend jahren unter den trikots loszuwerden. ein Günther Netzer mit seinen langen haaren und einem Ferrari als verkehrsmittel, war quasi eine art James Dean auf dem stadionrasen. die heutigen spielertypen dagegen wirken wie angepasste milchbubis, die nur noch geld und karriere im kopf haben, und jede abweichung vom mainstream als existentielle bedrohung wahrnehmen. spielertypen, die einen eigenen kopf haben und daher auch verantwortung übernehmen könnten, werden vom bürokratischen apparat DFB systematisch kleingehalten und ausselektiert. lieber erzieht man lauter kleine häkchen als menschen mit charakter.

schule, sport und militär sind die klassischen sozialisationsinstanzen für männlichkeitserziehung. das letzte refugium in der gesellschaft, wo die klassischen werte „echter männlichkeit“ noch geltung haben. auch wenn inzwischen der rauhbeinige westerncowboy durch den metrosexuellen David Beckham oder den potugiesischen mädchenschwarm Ronaldo ersetzt wurde, ist fussball immer noch die klassische männerdomäne. mich würde mal eine statistik interessieren, wieviel prozent der frauen die EM spiele verfolgen.

Fazit

fussball ist durchaus ein eminent politisches phänomen, wo auch linke was lernen könnten in bezug auf „verschmelzung mit den Massen“ (lenin). bei aller kritik an diesem phänomen – unpolitisch, ablenkend, „chauvinistisch“, sexistisch – , so scheint fussball doch auch echte sehnsüchte und bedürfnisse zu erfüllen, die linke aufgreifen müssten, aber mit einer anderen stossrichtung versehen. und wenn der eine oder andere dabei erwischt wird, wie er frenetisch „TOR!“ schreit, wenn „die deutschen“ einen rein hauen, so ist das auch nicht weiter schlimm, sondern ganz normales fussballfieber 😉 .

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10 Kommentare zu “Fussball und Politik

  1. Pingback: Fussball und Politik « Neue antikapitalistische Organisation? Na endlich! - Debatte zur Neugruppierung der radikalen Linken

  2. Zum Fussballpatriotismus:
    Wenn Stolz nicht auf eigenen Leistungen, sondern auf der Identifikation mit den Erfolgen einer Gruppe beruht, kann man fragen, ob das Bedürfnis, stolz auf die Leistungen der eigenen Gruppe zu sein, nicht mit Selbstwertdefiziten zusammenhängt. Genau in diesem Sinne hat Theodor W. Adorno den Begriff des kollektiven Narzissmus gebraucht. Ähnlich wie von Schopenhauer wird von Adorno der Stolz auf die Nation mit Mängeln des Einzelnen in Verbindung gebracht. Für Adorno ist aber im Gegensatz zu Schopenhauer der Mangel in den gesellschaft­lichen Verhältnissen begründet, die den Menschen eine psychische Schädigung zufügen. Die Abhängigkeit von ökonomischen Zwängen, denen sich die Mehrheit der Arbeitenden aus Gründen des wirtschaftlichen Überlebens anpassen muss, lässt sie zum Ausgleich für ihre gekränkte Selbstachtung zum Opium des Kollektivstolzes greifen.

    War es vor 20 Jahren noch möglich, zumindest einige Mitmenschen durch ein T-Shirt mit dem Aufdruck »Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein« zu provozieren, ist solches heute kaum noch möglich, weil dieser Stolz schlicht zum Understatement gehört (»eigentlich finde ich Fußball langweilig, aber wenn Deutschland spielt … «).

    Von daher kann ich als „Internationalist“ den letzten Satz des obigen Textes nicht nachvollziehen.

    Erschreckend ist die Mystifizierung (nonkonformistische Idole) der einzelnen Spieler aus den 70er Jahren und die daraus abgeleitete Form des „sauberen Fussballspiels“. Ich erinnere nur an die Fussball-WM 1978 in dem unter einer Militärdiktatur leidenden Argentinien. Nazi-Flieger-Oberst Rudel besucht während der Fußball-Weltmeisterschaft in Argentinien das Trainingslager der DFB-Auswahl. Bundestrainer Helmut Schön muß nach dem Turnier zurück treten. Netzer und Breitner gehörten nicht zum Aufgebot.

    • „Nazi-Flieger-Oberst Rudel besucht während der Fußball-Weltmeisterschaft in Argentinien das Trainingslager der DFB-Auswahl. Bundestrainer Helmut Schön muß nach dem Turnier zurück treten. Netzer und Breitner gehörten nicht zum Aufgebot.“

      was hat das denn mit den SPIELERN zu tun? die haben doch gewiss keinen einfluss darauf, wer das trainingslager betreten darf. das macht doch wohl die DFB bürokratie.

      und leuten narzissmus zu attestieren ist gewiss keine „mystifizierung“. idole waren sie schon und sicher bis zu einem gewissen grad auch „nonkonformistisch“ (Netzner und Breitner), aber vom „sauberen fussballspiel“ ist bei mir nicht die rede. möglicherweise würde diese begrifflichkeit eher auf die 50er und 60er jahre zutreffen, aber ich bin zu jung, um mich an diese zeit zu erinnern. und fussballgeschichtsschreibung ist nicht wirklich eine leidenschaft von mir 😉

      „Von daher kann ich als “Internationalist” den letzten Satz des obigen Textes nicht nachvollziehen.“

      du MUSS ja kein fan der DFB auswahl sein, ich finds aber auch nicht schlimm. jedenfalls halte ich nicht jeden fussballfan mit schwarz-rot-gold fahne für einen üblen chauvinisten !

      deinen sozialpsychologischen ausführungen stimme ich zu.

      • Paul Breitner als rebellisch zu bezeichnen und ihn mit dem 68-Zitat der Trennung vom Muff der tausend Jahre („….unter den Talaren“) zu verzieren, ist schon etwas gewagt. (In diesem Kontext würde ich den Satz sogar als Zitat des Tages für die Junge Welt vorschlagen) Günter Netzer mit langen Haaren und Ferrari soll wohl so etwas wie ein Vorläufer des LINKEN Klaus Ernst sein? Na gut, Ernst hat keine langen Haare, ist dafür aber auch kein Profifussballer;-).

        ————————————-
        nee, also an Ernst hab ich wirklich nicht gedacht. vlt ist auch mein vergleich mit James Dean nicht wirklich haltbar. aber es sollte ein symbol für die stimmung unter der jugend sein, die damals wirklich existiert hat. und daran kann ich mich sogar persönlich selbst erinnern, auch wenn ich kein 68er bin, aber zumindest knapp dahinter 😉
        systemcrash

  3. Ergänzung:
    „entdinglichung“ verlinkt auf eine vulgärmarxistische bis anbiederische Analyse des nationalen Taumels.

    Bezüglich des Sommermärchens 2006 und des „Weltmeisters der Herzen“ gibt es leider völlig gegensätzliche Informationen:
    „Neonazi-Randale, Sachbeschädigungen, Körperverletzungen und zwei Tote: so die Bilanz des „fröhlichen Partyotismus“ bis zum Aus der deutschen Nationalmannschaft im Halbfinale der Fußball-WM. Aus gegebenem Anlaß präsentiert KONKRET diese Spezialausgabe der Chronik aus dem ganz normalen „Fußball-Deutschland“. Es folgt eine ausführliche Schilderung rechter Gewaltereignisse im Zusammenhang mit der Fussball-WM.

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