Uncategorized

NAO Essential-Debatte: „revolutionäres Subjekt“ und „Frauenfrage“

beim Essential „antagonistische orientierung“ (vormals „klassenorientierung“) [0] haben wir — die NAO protagonisten — ein erhebliches problem.

die bestimmung DES revolutionären subjekts oder revolutionärer subjektE ist (leider) nicht NUR eine politische frage, sondern AUCH eine „weltanschauliche“ ([geschichts]philosophische). dies wurde ja schon im blog breit diskutiert. da diese frage aber auch erheblichen einfluss auf eine ZENTRALE strategische frage revolutionärer politik hat — nämlich die „frauenfrage“ –, möchte ich mal versuchen, meinen vorläufigen diskussionsstand dazu darzustellen. ich befürchte aber, dass diese frage aufgrund ihrer „kompliziertheit“ zur Zeit im NAO prozess KEINEN TRAGFÄHIGEN KONSENS (der das etikett „revolutionär“ verdient) ermöglicht. da ich aber auf der anderen seite auch nicht der meinung bin, dass es irgendeinen „objektiven“ zugzwang oder handlungsdruck für den NAO prozess gibt, muss man sich eben die NOTWENDIGE ZEIT dafür nehmen, um auch dickere bretter in den WIRKLICH KRITISCHEN KERNFRAGEN zu bohren.

der „Klassenbegriff“ als hegelianischer Weltgeist 

„Die Nationalökonomie verbirgt die Entfremdung in dem Wesen der Arbeit dadurchdaß sie nicht das unmittelbare Verhältnis zwischen dem Arbeiter (der Arbeit) und der Produktion betrachtet. Allerdings. Die Arbeit produziert Wunderwerke für die Reichen, aber sie produziert Entblößung für den Arbeiter. Sie produziert Paläste, aber Höhlen für den Arbeiter. Sie produziert Schönheit, aber Verkrüppelung für den Arbeiter. Sie ersetzt die Arbeit durch Maschinen, aber sie wirft einen Teil der Arbeiter zu einer barbarischen Arbeit zurück und macht den andren Teil zur Maschine. Sie produziert Geist, aber sie produziert Blödsinn, Kretinismus für den Arbeiter.“

dieses EINE zitat aus den ökonomisch-philosophischen manuskripten mag genügen. man findet solche und ähnliche zitate in dem kapitel „Die entfremdetete Arbeit“ mehrfach. [1]

man fragt sich bei diesen worten von marx doch unwillkürlich, wenn die arbeiter entfremdet, verkrüppelt und verblödet sind, WIE SOLLEN SIE DIE GESELLSCHAFT AUF EINE NEUE GRUNDLAGE stellen? zumal die anforderung von marx an einen „befreiten“ menschen recht hoch sind:

„Der Mensch ist ein Gattungswesen, nicht nur indem er praktisch und theoretisch die Gattung, sowohl seine eigne als die der übrigen Dinge, zu seinem Gegenstand macht, sondern — und dies ist nur ein andrer Ausdruck für dieselbe Sache –, sondern auch indem er sich zu sich selbst als der gegenwärtigen, lebendigen Gattung verhält, indem er sich zu sich als einem universellen, darum freien Wesen verhält.“ (MEW 40, 515)

kann mir mal einer erklären, wie ein „entfremdeter, verkrüppelter, verblödeter“ arbeiter ein universelles wesen erlangen kann? nun leben wir nicht mehr im 19. jahrhundert — soviel ist klar ! — aber das ist gar nicht der punkt. auch heute haben nicht nur nicht viele „arbeiter“, sondern überhaupt ALLE MENSCHEN recht selten ein universelles wesen; um es milde auszudrücken!

nun hat es in der geschichte sehr wohl menschen gegeben, die diesem marxschen anspruch gerecht geworden wären. leute mit wohlklingenden namen wie platon, sokrates, hegel, einstein, darwin ….. und letztlich marx selber. kann es sein, dass marx sein eigenes wesen auf das „wesen des proletariats“ projiziert hat? das wäre quasi die feuerbachsche religionskritik gegen marx selbst gewendet! dies ist freilich eine historische spekulation, mit der wir uns nicht weiter aufhalten wollen.

tatsache ist, dass marx mit seiner kritik der politischen ökonomie uns die aufgabe mitgegeben hat, den kapitalismus (und an seiner KAPITAL kritik kommt kein ernsthafter wirtschaftstheoretiker vorbei!) zu ÜBERWINDEN. und der hebel dieser überwindung ist laut marx (und aller marxistischen „klassiker“) die ARBEITERBEWEGUNG. historisch hat sich diese prognose aber (und es ist eine prognose!) bislang NICHT BESTÄTIGT. auch die „russische revolution“ von 1917 (oktoberrevolution) ist dafür KEIN gegenbeweis, denn sie fand unter sozialökonomischen bedingungen statt, für die die marxsche theorie gar nicht vorgesehen war [2].

wenn also marx im proletariat (hegelianisch gesprochen) die negation des kapitalismus sieht (weil sie ja nichts zu verlieren haben „als ihre ketten“ [manifest] [3]), dann mag dies als objektiv-ökonomische analyse korrekt sein. es scheint mir da aber einen profunden widerspruch zu geben. um den kapitalismus auf eine höhere stufe zu heben (antithese) müsste das proletariat sich ja zu zuvor den ganzen bürgerlichen (und menschheitsgeschichtlichen) reichtum (idiell) angeignet haben (synthese):

„Der Kommunismus als positive Aufhebung des Privateigentums als menschlicher Selbstentfremdung und darum als wirkliche Aneignung des menschlichen Wesens durch und für den Menschen; darum als vollständige, bewußt und innerhalb des ganzen Reichtums der bisherigen Entwicklung gewordne Rückkehr des Menschen für sich als eines gesellschaftlichen, d. h. menschlichen Menschen. Dieser Kommunismus ist als vollendeter Naturalismus Humanismus, als vollendeter Humanismus Naturalismus, er ist die wahrhafte Auflösung des Widerstreites zwischen dem Menschen mit der Natur und mit dem Menschen, die wahre Auflosung des Streits zwischen Existenz und Wesen, zwischen Vergegenständlichung und Selbstbestätigung, zwischen Freiheit und Notwendigkeit, zwischen Individuum und Gattung. Er ist das aufgelöste Rätsel der Geschichte und weiß sich als diese Lösung.“

DIESEN anspruch an eine unterdrückte klasse zu stellen, die „verkrüppelt, entfremdet und verblödet ist“, scheint mir jenseits von jeglichem realismus zu liegen.

aus diesem grunde musste lenin das konzept der „avantgardepartei“ entwickeln, um überhaupt auf der grundlage des „marxismus“ politik machen zu können, und nicht (nur) aufgrund der rückständigkeit russlands.

die (leninistische) „partei“ ist daher die verkörperung des hegelschen weltgeistes im von marx umgedeuteten sinne [6]. dass mit SO einem konzept, die gefahr des substitutionalismus und bürokratismus virulent ist, dazu gehört nicht viel fantasie (zumal unter bedingungen ökonomischer und kultureller rückständigkeit). und selbst ein lenin hätte dem (zumindest theoretisch) nicht widersprochen; in der praxis setzte jedoch er im oktober 1917 alles auf eine karte; die folgen dieser historischen entscheidung müssen die linken international bis heute (wie ein kreuz) mit sich tragen.

Frauenfrage und Arbeiterbewegung

da das verhältnis zwischen beidem wirklich kompliziert ist, kann ich unmöglich auf alle aspekte eingehen. ich muss mich auf ein paar grundaussagen dazu beschränken, damit das ganze nicht zu sehr ausufert.

these 1M[*]: Die Lohnabhängigen sind die Klasse, für die eine Überwindung des Lohn-Arbeits-Kapital-Verhältnisses (der kapitalistischen Produktionsweise) die meisten Vorteile bringen würde; auf Grund ihrer zahlmäßigen Größe und ihrer Stellung im modernen Produktionsprozeß ist sie zugleich die Klasse, die über die aussichtsreichsten Möglichkeiten verfügt, eine solche Überwindung durchzusetzen.

these 2M: Der Widerspruch zwischen Lohnarbeit und Kapital ist aber nicht das einzige Herrschaft- und Ausbeutungsverhältnis in (post)modernen Gesellschaftsformationen. Patriarchat und Rassismus sind relativ eigenständige, aber heute mit den Mechanismen der kapitalistischen Produktionsweise verflochtene Herrschafts- und Ausbeutungsformen; sie können nicht aus dem Kapitalverhältnis ‘abgeleitet’ werden.

these 3M: Der Kampf gegen Patriarchat, Kapitalismus und Rassismus sind zwar von einander relativ unabhängige Kämpfe und politische Orientierungen. Aufgrund der Verflechtung dieser Herrschaftsverhältnisse gehen wir aber davon aus, daß die Erfolgsaussichten des Kampfes gegen sie steigen, wenn der Kampf gegen sie nicht getrennt von einander, sondern in wechselseitig solidarischer Bezugnahme geführt wird.

these 4M: Um eine solche solidarische Bezugnahme der Kämpfe zu ermöglichen, ist ein entschlossener Kampf gegen Rassismus sowie gegen patriachalen Strukturen und sexistische Verhaltensweisen auch innerhalb der Linken und unter den Lohnabhängigen notwendig. Dies schließt ein Recht auf autonome Organisierung der in diesen gesellschaftlichen Verhältnissen (Patriarchat und Rassismus) Beherrschten und Ausgebeuteten ein. [Im Gegensatz zu traditionellen Vorstellungen von “Einheit der Klasse” erfordert eine Herstellung der Einheit der Klasse der Lohnabhängigen nicht etwa Mäßigung bei der Austragung interner Widersprüche, sondern maximale sowie gegenüber Männern und Weißen konfliktbereite Entfaltung des feministischen und antirassistischen Kampfes.] Unser Ziel ist die Überwindung aller Herrschaft und Ausbeutung – oder, um eine Formulierung des jungen Marx auf die Höhe des alten Marx zu bringen: die Überwindung aller Verhältnisse, in denen nicht “der Mensch” (Kollektivsingular), sondern Menschen (Plural ohne Artikel) “erniedrigte, […] geknechtete, […] verlassene, […] verächtliche wesen” sind!

[alternatvformulierung von systemcrash:

im gegensatz zu (traditionellen) vorstellungen der klasseneinheit, die die “frauen- und racefrage” zu “nebenwidersprüchen” degradieren und ihre sehr berechtigten anliegen dem klassenkampf der arbeiterInnen politisch UNTERORDNEN (wollen), vertreten wir im NAO prozess die ansicht, dass es für eine wirklich REVOLUTIONÄRE klasseneinheit erforderlich ist, den chauvinismus und rassismus in den “eigenen reihen” zu bekämpfen und die antipatriarchalen und antirassistischen kämpfe mit dem (antikapitalistischen) klassenkampf der arbeiterinnenklasse solidarisch zu verbinden und ihnen damit eine wirklich (systemüberwindende) strategische perspektive zu ermöglichen.]

diese thesen halte ich für einen tragfähigen kompromiss im NAO prozess, der auch die unterschiedlichen weltanschaulichen haltungen einzelner protagonisten nicht allzu sehr an die belastungsgrenzen führen sollte.

eine persönliche abschlussbemerkung sei mir gestattet: vielleicht wird es die „frauenfrage“ sein, die die (männlich dominierte) linke, die sich auf die arbeiterInnenklasse bezieht, zwingt oder bewegt (motiv kommt von movens = bewegung) ihren engen, korporatistischen charakter zu transzendieren/zu überwinden und zu einer — im eigentlichen sinne — „humanistischen“ (= dem menschlichen wesen entspechenden) emanzipationsbewegung zu werden!

„Der Grad der weiblichen Emanzipation ist das natürliche Maß der allgemeinen Emanzipation.“ — Fourier (von Marx zustimmend zitiert) [5]

Resumee

der „kommunismus“ als bewegung und gesellschaft kann nur auf partnerschaft der geschlechter beruhen, jeglicher geschlechterkampf kann nur ein fragiles gesellschaftliches gleichgewicht bei der herstellung von mehr „patriarchalem“ oder mehr „matriarchalem“ einfluss bei geschlechterarrangements bedeuten. der „feminismus“ [4] ist mithin mit dem marxismus unvereinbar, da er keine „lösung“ darstellt, sondern „nur“ ein symptom des „problems“.

——-

[*] thesen modifiziert nach einem vorschlag von DG

persönliche anmerkung zu these M4
==========================

“Im Gegensatz zu traditionellen Vorstellungen von “Einheit der Klasse” erfordert eine Herstellung der Einheit der Klasse der Lohnabhängigen nicht etwa Mäßigung bei der Austragung interner Widersprüche, sondern maximale sowie gegenüber Männern und Weißen konfliktbereite Entfaltung des feministischen und antirassistischen Kampfes.”

ich trage zwar die grundaussage dieser these mit, halte aber die abstrakte verwendung der begriffe “männer” und “weisse” für tendenziell (umgedreht) rassistisch und chauvinistisch.

und statt “feministischer kampf” bitte “antipatriarchaler”, “antisexistischer” oder “revolutionär-feministischer” kampf

@DG

könntest du an der formulierung noch mal was korrigieren. ansonsten überlege ich mir einen vorschlag. SO kann ich das aber nicht unterschreiben

[0] http://www.nao-prozess.de/blog/e-4-parteilichkeit-antagonistische-orientierung-vormals-klassenorientierung/

[1] http://www.mlwerke.de/me/me40/me40_510.htm (MEW 40, 513)

[2] ich will an dieser stelle nicht auf die adaption der marxschen theorie durch russische marxisten eingehen, denn dies würde in dem uns hier interessierenden zusammenhang zu weit führen. diese diskussion muss dann mal an anderer stelle geführt werden.

[3] es sei daran erinnert, dass der begriff proletariat von (lat.) proles kommt = kinder; also die, die nur ihre kinder besitzen und gezwungen sind, ihre arbeitskraft zu verkaufen

für die länder der sog, 3. welt scheint mir diese „objektiv-ökonomische“ analyse sogar heute noch richtig zu sein. für die metropolen-länder freilich nicht mehr

[4] mit dem begriff „revolutionärer feminismus“ bin ich aber einverstanden, wenn er denn einer marxistischen strategie zugeordnet wird

[5]  „Das unmittelbare, natürliche, notwendige Verhältnis des Menschen zum Menschen ist das Verhältnis des Mannes zum Weibe. In diesem natürlichen Gattungsverhältnis ist das Verhältnis des Menschen zur Natur unmittelbar sein Verhältnis zum Menschen, wie das Verhältnis zum Menschen unmittelbar sein Verhältnis zur Natur, seine eigne natürliche Bestimmung ist. In diesem Verhältnis erscheint also sinnlich, auf ein anschaubares Faktum reduziert, inwieweit dem Menschen das menschliche Wesen zur Natur oder die Natur zum menschlichen Wesen des Menschen geworden ist. Aus diesem Verhältnis kann man also die ganze Bildungsstufe des Menschen beurteilen.“ — Marx, ökonomisch-philosophische manuskripte
http://www.mlwerke.de/me/me40/me40_533.htm

[6] ein vertreter der „arbeiteropposition“ sagte 1921 (auf dem parteitag, der das fraktionsverbot beschloss) zu lenin: ich gratuliere ihnen dazu, dass sie die avantgarde einer nicht existierenden klasse sind.

diese worte waren sicher sehr sarkastisch gemeint, aber sie trafen tatsächlich den kern des problems (durchaus im wahrsten physischen sinne)

Advertisements

16 Kommentare zu “NAO Essential-Debatte: „revolutionäres Subjekt“ und „Frauenfrage“

  1. Pingback: NAO Essential-Debatte: “revolutionäres Subjekt” und “Frauenfrage” « Neue antikapitalistische Organisation? Na endlich! - Debatte zur Neugruppierung der radikalen Linken

  2. folgenden kommentar zum verhältnis von frauenfrage und marxismus habe ich an DG geschrieben. da es in DEM betreffenden thread um die “neuzusammensetzung der arbeiterInnenklasse” geht http://www.nao-prozess.de/blog/workshop-b-anmerkungen-zur-neuzusammensetzung-der-arbeiterinnenklasse/, passt er wohl besser HIER rein

    “@DG
    ich wollte nur auf in deiner Seppmann-kritik [http://theoriealspraxis.blogsport.de/2011/06/01/wider-den-physikalistischen-klassenbegriff-des-werner-seppmann/] selbst gestellten hinweis antworten, dass es im marxismus unterbelichtet ist, dass die ökonomischen kategorien auch GESCHLECHTLICH konnotiert sind.

    “Zutreffend ist allerdings, daß der Marxismus nicht in der Lage ist (und auch nicht besonders interessiert daran ist), zu erklären, warum diese Reproduktionsarbeit vor allem Frauenarbeit ist. ” (FN 4)

    aber offensichtlich scheinst du als “dekonstruktivist” JEDEN zusammenhang von biologie und gesellschaftlichkeit für “ideologie”. zu halten. das ist meine sache nicht!

    “Also: Um von der Schwangerschaft auf die Zuständigkeit für die Erziehungsarbeit zu schließen, bedarf es schon einer gewissen ‘Interessiertheit’.”

    in der tat, das interesse des wohlergehes des kindes z b. es gibt beispielsweise auch so etwas bei menschen wie prägung und bindung [nachtrag: von „liebe“ mal ganz zu schweigen!]. aber ich halte es bei bei deinem dekonstruktivistischen glaubensbekenntnis inzwischen für sinnlos, SOLCHE FRAGEN mit dir zu diskutieren. (was POLITISCHE annäherungen und übereinstimmungen nicht ausschliesst)

    “Und auch die Babyernäherung unter frühgesellschaftlichen Bedingungen dürfte nicht notwendigerweise verlangt habe, daß die Personen mit Milchdrüsen ein 24-Stunden/Tag-Programm an Kinderbetreuung haben… -”

    24 stunden sicher nicht: aber MUTTERSEIN ist aber auch mehr als ein “job” (egal ob frühgeschichtlich oder gegenwart. nur damals gabs sicher eine sippenarbeitsteilung und heute ist elternschaft “privatisiert”) .

    [noch eine kleine sprachliche anmerkung. du benennst immer einzelne organe bei menschen (penis, gebärmutter, milchdrüsen). aber diese organe dienen – auch wenn du es nicht glauben magst – der geschlechtlichen identität von menschen. sicher gibt es ausser männern und frauen auch noch „zwischenformen“, und sie sollen ihre zwischenform auch ausleben können, aber die überwiegende mehrheit der menschheit bezieht ihre identität aus ihrer männlichen oder weiblichen sexualität. sicher gibt eine verschränkung biologischer und sozialer faktoren, aber wenn du ‚dekonstruktivistisch das „mannsein“ oder „frausein“ als reaktionären tatbestand betrachtest, sehe ich das politisch (und weltanschaulich) als don quichotterie an. es wird sicher auch im kommunismus zu 99% männer und frauen geben, die dann nach herzenslust sexus, eros und agape frönen werden!]

    wenn du SO eine aussage schon als (ideologische) “interessiertheit” bezeichnest. wirst du deine “dekonstruktivistische revolution” wohl ziemlich im alleingang machen müssen, denn so ein “programm” dürfte nach meinem dafürhalten nicht mehrheitsfähig sein (weil es auch schlicht “falsch” ist). die bemühungen der NAO initiative sind dann für die katz und und jeder kann dann wieder in seinem politischen kleinbiotop weiterwerkeln. aber in der “frauenfrage” werde ich mit dir mit sicherheit nicht auf einen nenner kommen.

    ps. dass mein kommentar nicht ganz zum thema passte, war mir auch klar. ich hatte diesen gedanken mit der entstehung des patriarchats nur beim lesen deines artikels und da ich mit bronsteyn neulich dieses gespräch hatte, wollte ich das mal für mich zusammenfassen.
    allerdings glaube ich, dass wir auch die “neuzusammensetzung der arbeiterInnenklasse” nicht ohne die “frauenfrage” verstehen werden. und um diese zu verstehen, müssen wir auch ihre GESCHICHTE verstehen. (und ich sage das als jemand, der es eigentlich nicht so mit der historie hat)

    wenn du also schreibst:

    “Zum Thema Übergang von matrilinearen zu patrilinearen Gesellschaften habe ich nicht genug Kenntnisse, um wirklich fundiert mitdiskutieren zu können (und wegen unseres politischen Anliegens auch nicht die Zeit, mich einzulesen).”

    tickst du schon genauso wie ein bürgerlicher politikaster, nur das du einen ganz rrrrevolutionären und eeeemanzipativen anspruch hast. es geht hier nicht darum, dass wir ‘morgen’ die ‘partei’ gründen und ‘übermorgen’ zur ‘revolution’ schreiten (was du selbst immer betonst), sondern dass wir mit GEDULD und SORGFALT die grundlagen für ein (tragfähiges) revolutionäres programm (‘essentials’) erarbeiten. und dazu müssen wir uns auch die NOTWENDIGE ZEIT nehmen. ich kann dir jetzt schon sagen, dass ich mit deiner ‘dekonstruktivistischen haltung’ zur “frauenfrage” nicht konform gehe und ich denke, dass du damit auch in einer minderheitsposition sein wirst. eine minderheitsposition, die allerdings durch dich ein ziemliches gewicht hat.

    wenn wir also den NAO prozess in einem konstruktiven sinne fortsetzen wollen (und ich würde das gerne), dann müssen wir in den WIRKLICHEN KRITSCHEN KERNFRAGEN nun mal tiefere löcher bohren und nicht so tun, als stünden wir “politisch-organisatorisch” unter zugzwang oder handlungsdruck. DAS TUN WIR NÄMLICH NICHT! (auch da muss ich meine frühere haltung revidieren)
    da du ein fundierter leninkenner bist, wirst du sicher mit mir übereinstimmen, den NAO prozess mehr denn je unter der parole:

    LIEBER WENIGER, DAFÜR BESSER

    durchzuführen.

    die “frauenfrage” können wir nicht mal so eben en passant programmatisch entwickeln, oder unter hinweis auf unterschiedliche standpunkte faule kompromisse bilden (allerdings kompromissfähigkeit werden wir natürlich auch brauchen), um dann einfach nur zur “politischen TAGESordnung” überzugehen. dazu ist sie zu kompliziert und erfordert eine interdisziplinäre zusammenschau. ich fürchte, dass deine “konstruktivistische philosophie” ZU EINSEITIG ist für diese aufgabe, und insofern — leider hatte ich dann wohl unrecht — spielen dann die “weltanschaulichen” grundlagen der einzelnen NAO protagonisten dann doch eine rolle auch für die POLITISCHEN ANSCHAUUNGEN.“

    http://www.nao-prozess.de/blog/nao-essential-debatte-revolutionaeres-subjekt-und-frauenfrage/#comment-2982

    • „aber offensichtlich scheinst du als “dekonstruktivist” JEDEN zusammenhang von biologie und gesellschaftlichkeit für “ideologie”. zu halten. das ist meine sache nicht!“

      Zustimmung.
      So ist der Ursprung des Patriarchates auf zwei Ursachen zurückzufühen, in denen Biologie und Gesellschaftlichkeit aufs engste verknüpft waren.
      1. Die Einführung des Pfluges bewirkte den Übergang der Gartenbauwirtschaft auf die Ackerbauwirtschaft. Zur Anwendung dieses neuen Produktionsmittels war es notwendig und sinnvoll, dass die durchnittlich kräftigeren und vor allem auch schweren Männer diese Kernaufgabe der Nahrungsmittelproduktion übernahmen. Zuvor waren die Frauen vor allem Trägerinnen des Gartenbaus gewesen (Hacke und Grabstock als wichtigste Instrumente).
      2. Die Notwendigkeit der Kriegsführung. In einem Zeitalter der Sippenidentitäten waren notwendigerweise Männer das entbehrlichere Geschlecht. Die Konzentration des Kriegswesens (mit allen entsprechenden Organisationsformen) war ursprünglich eine Bevorrechtigung des weiblichen Geschlechtes, da nur die Frauen Nachkommen für die Sippe gebären konnten. Die aus der Notwendigkeit der Kriegführung entspringenden kriegerisch-patriarchalen Organisationsformen überlagerten in der Folgezeit die weiblich geprägten Binnenstrukturen der Sippen und verschiedener benachbarter Sippen untereinander, ohne dass letztere verschwunden wären. Die größere kommunikative Reichweite der kriegerisch-patriarchalen Strukturen gegenüber den sippenorientiert-weiblichen führte letztlich zur Stabilisierung des Patriarchats.

      In beiden Fällen lag ursprünglich eine gesellschaftliche Übereinkunft vor, also ein Einvernehmen. Wie so oft in der Geschichte entarteten solche Strukturen aber von ihrer ursprünglichen Bestimmung und so wurde aus eigentlich gylanischen (auf Partnerschaft beasierenden) Strukturen dominatorische (auf Herrschaft und Zwang basierende.
      Das Begriffspaar ist von Riane Eisler.
      Es ist brauchbar, weswegen ich es verwende.
      Ihre Erklräung aber für den Ünergang vom „Matriarchat“ (matrilineare gslanische Stammesgesellschaften) zum Patriarchat ist aber ungenügend. Die „Kurgan-Völker“ können nicht für das Patriarchat in der ganzen Welt verantwortlich gemacht werden.

      Das mit der Einführung der Pflugwirtschaft ist von Ken Wilber.

      Das mit der Notwendigkeit der Kriegsführung habe ich aus verschiedenen Fakten der Frühgeschichte abgeleitet.

      Menschen schaffen sich bei der Bewältigung ihres Lebens unter vorgegebenen Bedingungen eben soziale Institutionen, die ihren ursprünglichen Zweck auch wieder verlieren können.

      Heute gibt es beispielsweise keine Armee der Welt mehr, die Frauen ausschließt, weil einfach die Gentilgesellschaft mit ihrer Sippenorientierung nicht mehr existiert.

    • hier noch mal meine zusammenfassug des gespräches, was ich mit bronsteyn hatte, zur frage der entstehung des patriarchats
      ====================

      “hallo DG
      ich habe mir mal deine Seppman kritik durchgelesen und finde sie sehr interessant. mir ist da ein gedanke gekommen und würde mal gerne von dir wissen, was du davon hälst (allerdings, ich bin kein “ökonomie-experte )

      du schreibst, dass die unterscheidung von produktiv und unproduktiv für die KAPITALSEITIGE anwendung der arbeitskraft keine rolle spielt, hauptsache sie schafft mehrwert und damit profit. vlt könnte man diesen gedanken auch – mutatis mutandis – auf die unterscheidung von produktiv und reproduktiv anwenden.
      zwar schafft die reproduktive arbeit (ausserhalb des kapitalverhälnisses) keinen mehrwert, aber sie ist immerhin die VORAUSSETZUNG DAFÜR, dass überhaupt (kapitalistisch) produziert werden kann und dass die gesellschaft “bevölkerungstechnisch” ERHALTEN BLEIBT.

      vlt ist das die spur, die erklären könnte, warum die unterscheidung von produktion und reproduktion AUCH GESCHLECHTLICH konnotiert ist. denn schliesslich ist der gedanke naheliegend, dass die frauen durch biologische dispositionen (schwangerschaft und geburt, die ersten [drei] -besonders kritischen! – lebensjahre des neugeborenen) nun mal näher an der aufgabe der “kinderaufzucht” (betreuung, erziehung, hausarbeit, “care-ökonomie”)) dran sind. da beisst nun mal die maus keinen faden ab.

      ich hatte neulich mit bronsteyn eine sehr interessante diskussion zur frage der entstehung des patriarchats. dabei entwickelte er zwei grundlegende gedanken:

      A) der übergang von der gartenbaugesellschaft (“matrilinear”) zum ackerbau (“patrilinear”) hatte als technische bedingung den einsatz des PFLUGES. die bedienung eines pfluges ist SCHWERSTE KÖRPERLICHE ARBEIT. (ursprünglich wurde wohl das eigene körpergewicht und die eigene armkraft benutzt, um den notwendigen “druck nach unten” zu erzeugen. später wurden gewichte auf dem pflug befestigt, z b schwere steine.) bronsteyn meint – und ich stimme ihm zu (übrigens ist diese these auch bei Ken Wilber zu finden) – dass es ein gesellschaftliches “arrangement” war, dass die männer sich um den landbau kümmerten, während die frauen überwiegend die hauswirtschaft, “kinderaufzucht” und andere formen der nahrungsbeschaffung wie gartenbau und sammeln, was in der natur zu finden ist, übernahmen. diese “übereinkunft” soll für beide geschlechter von vorteil gewesen sein. (später entwickelte sich diese geschlechtsspezifische arbeitsteilung von einer “verwirklichungshierachie” in eine “herrschaftshierachie”; siehe meinen kommentar “weitergehende überlegungen zur NAO programmdiskussion” im thread http://www.nao-prozess.de/blog/e-4-parteilichkeit-antagonistische-orientierung-vormals-klassenorientierung/)

      B) die notwendigkeit der KRIEGSFÜHRUNG wurde (unbewusst) bestimmt durch die gesetze der arterhaltung (der sippe). da die männer für die reproduktion eine geringere bedeutung haben als die frauen (5 minuten gegen [mindestens] 9 monate ) wurden sie hauptsächlich für die kriegsführung eingesetzt; und nicht etwa, weil die frauen “von natur aus weniger aggressiv” seien. noch heute gibt es einen widerhall dieses uralten gesetzes der gentilgesellschaft, wenn es z b bei einem schiffsunglück heisst, dass frauen und kinder ZUERST VON BORD gehen sollen. (und nicht etwa, weil männer gentleman wären )

      bei nomadenvölkern waren die frauen durchaus sehr wehrhaft, aber sie wurden als letzte verteidigungslinie (zb einer wagenburg) eingesetzt, die mehr vorgerückten linien wurden von männern besetzt (sie durften ZUERST STERBEN). diese “frauenkrieger” bei nomadenvölkern sind vermutlich auch der ursprung der “amazonenlegenden”.
      hinweise auf diese “frauenkrieger” sind z b gräber mit frauenleichen (in den steppengegenden zentralasiens), die eine RÜSTUNG tragen und denen WAFFEN beigelegt wurden.
      (diese infos verdanke ich bronsteyn )

      später entwickelte sich ein STEHENDES HEER als zentraler Machtfaktor, der natürlich auch die ökonomischen vorteile des patriarchats für die männer MITVERTEIDIGTE.

      dies sind natürlich erst mal nur vorläufige gedanken. aber ich denke, dass diese ansätze durchaus eine fruchtbare grundlage für die weitere NAO debatte darstellen.”

  3. der “kommunismus” als bewegung und gesellschaft kann nur auf partnerschaft der geschlechter beruhen, jeglicher geschlechterkampf kann nur ein fragiles gesellschaftliches gleichgewicht bei der herstellung von mehr “patriarchalem” oder mehr “matriarchalem” einfluss bei geschlechterarrangements bedeuten. der “feminismus” [4] ist mithin mit dem marxismus unvereinbar, da er keine “lösung” darstellt, sondern “nur” ein symptom des “problems”.
    Ja, Systemcrash (seufzt). Auch hier muss ich dir zustimmen. Partnerschaft der Geschlechter und Gleichberechtigung aller sexuellen Orentierungen und Ausrichtungen, Gender-Identitäten usw.
    Vom Standpunkt der Linie der klassenorientierten Arbeiterbewegung aus gesehen ist strategisch die Herbeiführung weitestmöglicher Klasseneinheit anzustreben, im Simme von „Danketsu“ (fester Zusammenhalt. Solidariät, füreinander einstehen).
    Jede Diskriminierung innerhalb der Klassen, ob aufgrund Geschlecht, Hautfarbe, Religion o.ä., ist von daher unerbittlich zu bekämpfen.
    Dies gilt insbesondere für alle Benachteiligungen, die Frauen hinnehmen müssen. Deren Aufhebung ist Aufgabe der Frauen UND Männer der Klasse.
    „Geschlechterkampf“ innerhalb der Klasse, der über die Bekämpfung von Diskriminierung hinausgeht, ist dagegen von Übel. 70-80% alle Frauen gehören dem Proletariat an. Über 50% des Proletariats sind Frauen, der Rest Männer.
    „Geschlechterkampf“, der mit der Linie der „Klassenspaltung“ zwischen Frauen und Männern das Danketsu der Klasse verhindern oder wenigstens behindern ill, ist daher – sorry – reaktionär.

    Aber genau solche Positionen werden vertreten,w enn auch nicht sehr offen. Seltsamerweise sind es vor allem biologische Männer, die sich dafür stark machen.

    Beispiel:
    http://www.nao-prozess.de/blog/thesen-zu-maenner-und-emanzipation/

    Bewußteren Männern, denen feiste Ignoranz und trotziges Verharren in der alten symbolischen Ordnung keine Option war, blieb im Grunde nichts als die traurige Einsicht in die Tatsache, nicht nur in ihrer gesellschaftlichen Stellung, äußerlichen Attributen, sondern “mit Haut und Haaren” auf der falschen Seite zu stehen und – als Herrenklasse in der Gesellschaft und als patriarchaler Mann in seinen Beziehungen – abzudanken. (“Mal die Klappe halten.”)

    Nein, ich frage jetzt nicht, warum der Verfasser dann nicht besser die Klappe hätte halten sollen.
    Es ist so schon skurril genug.

    Es kommt noch besser.

    Um den Sturz des Patriarchats auch für Männer politisch ansprechbar zu machen, müssen wir eine Plattform sozialer, emphatischer Bindungen, von gegenseitiger Anerkennung in der je eigenen Verstricktheit und Widersprüchlichkeit schaffen.

    Eine „Plattform sozialer, empathischr Bindungen“, das klingt ganz nach dem, was auch Otto Normalverbraucher schon über „die Frauen“ gehört hat.
    „Vierbeiner guuuut, Zweibeiner schleeeecht“.
    Aber nein, es geht nicht etwa darum, dass dieses degenerierte Geschlecht etwa Empathie und soziale Kompetenz allgemein erlernen soll, sondern um „gegenseitige Anerkennung in der je eigenen Verstricktheit und Widersprüchlichkeit“, anders ausgedrückt um eine Art kollektive Selbstanklage.
    „Die Männer sind alle Verbrecher
    Ihr Herz ist ein finsteres Loch
    hat tausend verschiedene Gemächer…“
    Ja, so sang schon Brigitte Mira.

    und setzte hinzu:
    „aber lieb, aber lieb, sind sie doch“.

    Irgendwie erinnert es mich auch an das Thema des getauften Juden irgendwann im Mittelalter, der nach seiner Konversion zum Christentum vehement die Verbrennung de Talmud forderte.

    Ich weiß nicht, was soll ich dazu sagen?

    Den arbeitslosen jungen Männern auf den Strassen sollen „Revolutionäre“ jetzt also nicht etwa erklären, dass sie (gemeinsam mit allen jungen Frauen) Angehörige der besitzlosen Klasse sind, NEIN, NEIN, wir müssen Ihnen erklären, dass sie Angehörige der HERRENRASSE pardon HERRENKLASSE sind, und dass sie sich deswegen bitteschön ganz ganz schlecht und schuldbewusst fühlen sollen, und am besten die „traurige Einsicht“ haben sollen, „auf der falschen Seite zu stehen“ (denn Condolezza Rice & Hillary Clinton usw stehen ja auf „der richtigen“).
    Möglicherweise kommt von der anderen Seite dann ein faschistischer Agitator und sagt diesen jungen Männern auch, dass sie eine HERRENRASSE sind, der arischen, der europäischen, der christlich-abendländischen oder weiß der Geier was. (Mal sehen, welche Seite attraktiver auf die „Jungs“ wirkt).

    Was soll ich zu so einem Blödsinn noch sagen?

    Mir fällt auf, dass die deutsche Linke in einem ganz extremen Maß für christliche bis manichäische Denkmuster empfänglich ist.
    Den japanischen Genossen habe ich auf den Kopf zugesagt, dass sie zutiefst vom Zen-Buddhismus geprägt sind (als Atheisten) und die „Samurai der Arbeiterbewegung“ bestätigten mir das (und zwar Genossinnen wie Genossen).

    Aber wir sind in Deutschland, da muss es christlich-manichäisch (gewissermassen gnostisch) sein.
    Und das geht so:

    Vor vielen tausend Jahren (angeblich 5000) gab es auf Erden das matriarchale Paradies der Urgesellschaften.
    Dann kam der Sündenfall, nämlich das Patriarchat.
    Seitdem ist das männliche Geschlecht sündig, weil es nämlich seine Klassenherrschaft dem weiblichen Geschlecht aufzwang.

    Dieser Sündenfall der Schaffung einer „basalsten Klassenspaltung“ brachte erst weitere Sündenfälle hervor.
    Manichäisch betrachtet wird die Welt also von einem bösen Gott, einem Demiurgen beherrscht, eben das Patriarchat. Und alle Männer sind Agenten dieses bösen Gottes.
    „Darum sollst du nicht lieb haben was in der Welt ist“ (Apostel Paulus).

    Sie haben aber eine Handlungsoption offen, und die besteht darin, die „Seiten zu wechseln“ und „Ex-Männer“ zu werden. Ach ja, das ist natürlich nicht biologisch zu verstehen, denn Biologie ist out, das ist „sozial zu verstehen“.

    Denn unter Männern sind nicht mehr biologisch männliche Wesen zu verstehen, sondern „soziale Männer“.
    Beispielsweise sind demnach Condolezza Rice und Hillary Clinton natürlich „sozial“ „weisse Männer“, was denn sonst. Denn der POSTSTRUKTURALISMUS hat die Erkenntnis geliefert, dass „die Sprache die Realität nicht bloß abbildet, sondern mittels ihrer Kategorien und Unterscheidungen auch herstellt.“

    Als Sprachwissenschaftler staune ich nur darüber, wie diese These, die immerhin sprachwissenschaftlich verifiziert werden müsste, es in dieser absoluten Form wohl aber kaum kann, zur Stammfunktion aller nur möglichen abstrusen „Ableitungen“ gemacht wird.

    Irgendwie erinnert mich das auch an den miserablen Science Fiction Roman von Jack Vance „Die Kriegssprachen von Pao“.
    http://rezensionen.literaturwelt.de/content/buch/v/t_vance_jack_die_kriegssprachen_von_pao_mtz_13073.html

    In einer vom Streben nach totaler Kommunikation und Transparenz in allen bereichen geprägten Zeit ist die Sprache zum subtilen Manipulationsinstrument geworden. Wer die Richtlinien der Sprache bestimmt, ist gleichzeitig im Besitz nahezu absoluter Macht über die gemeinschaft der Sprechenden.
    Vance greift die an US-Indianern entwickelte These des Sprachwissenschaftlers Dr. Benjamin Whorf (gestorben 1941) auf, daß die Sprache die Wahrnehmung erschafft und bestimmt statt, wie landläufig gedacht, umgekehrt.

    Meine Güte…

    http://de.wikipedia.org/wiki/Benjamin_Whorf

    Zitat:

    Die Sapir-Whorf-Hypothese beschäftigt sich in erster Linie damit, wie Sprachen Gedanken beeinflussen. Sie sagt, dass die Sprache, die eine Person spricht, den Weg ihres Denkens beeinflusst. Die Struktur der Sprache beeinflusse also die Wahrnehmung der Umwelt. Dies beeinflusse auch wissenschaftliche Forschung, da die unterschiedlichen Fachbereiche unterschiedliche Sprachstrukturen entwickeln. Aber auch das Verständnis von Raum und Zeit wirkt sich, so Whorf, auf das Verständnis physikalischer Theorien wie beispielsweise der modernen Relativitätstheorie aus. In der Sprache der Hopi sei es aufgrund ihrer sprachlichen Trennung von Raum und Zeit weitaus einfacher die Relativitätstheorie nachvollziehen zu können

    Bahnbrechende Erkenntnis.
    Das Bewusstsein in Form des Vokabulars, der Grammatik und der Demantik bestimmt also doch das Sein, und nicht umgeehrt.

    Das ist scheinbar der Kern der „poststrukturalistischen Revision des Marxismus“.

    Zu dumm:

    Whorfs Darstellung der relevanten Aspekte der Hopi-Grammatik und seine Schlussfolgerungen über die Vorstellungen der Hopi von Zeit wurden später jedoch klar widerlegt.

    .
    Naja. Dann es eben anders versuchen. Poststrukturalistisch eben.

    Maßgeblich ist dabei die Einsicht, dass die Sprache die Realität nicht bloß abbildet, sondern mittels ihrer Kategorien und Unterscheidungen auch herstellt.

    Das mit den HOPI muss man mal vergessen.

    Also: Sprache stellt Realität her.
    Das sagt uns ja schon das uralte orientalische Märchen von Ali Baba und den 40 Räubern.

    Sprich „Sesam öffne dich“ und ein offener Höhleneingang wird hergestellt.
    So einfach.

    Sag dich los vom verbrecherischen männlichen Geschlecht, und schon bist du von der Erbsünde befreit (gewissermassen eine geistige Taufe).

    Warum nur, so frage ich mich, kann ich diese neue „Mode der Leidenschaften gewisser Köpfe“ nur nicht annehmen?

    Was soll ich dazu sagen?
    Hast du einen Rat, Systemcrash?

    Das darf doch nicht wahr sein.

    Mir fällt das was ein.

    Wie ist der Bedeutungswandel des Wortes „Frau“ von seiner Ursprungsbedeutung zu seiner heutigen Bedeutung zu erklären? Und wie hat dieser Bedeutungswandel eine „neue Realität“ „hergestellt?

    Ursprünglich bedeutet „Frau“ nämlich Mann, genauer: Herr.
    Die Schreibweisen gingen von „fron“ über „fro“ bis „frau“.
    In „Fronleichnahm“ finden wir das noch, denn der Begriff bedeutet keineswegs „happy kadaver“, sondern „Leichnahm des Herrn“. Der „Fron“ in dem Wort bedeutet nämlich „Herr“, eine hochstehende männlich Personen.
    Auch die „Fronarbeit“ war Arbeit auf den Äckern des Gutsherrn, des „Fro“ eben.

    Im Zeitalter des Minnesangs wurde das Substantiv „Fro“ durch das Suffix -wa (weiblich) ergänzt zu „Fro-wa“ oder später „Frowe“, übersetzt „Herrin“.
    Eine gewöhnlich Frau wurde damals „wip“ oder „wib“ genannt, woraus später „Weib“ wurde.

    „Frowe“ wandelte sich dann im Frühneuhochdeutschen allmählich zu „Frau“ und dieser Begriff wurde im Zeitalter der bürgerlichen Revolutionen auf alle biologischen Frauen ausgedehnt.

    Wie ist das nun poststrukturalistisch zu deuten?

    Durch die Bedeutungsverschiebung von „fro“ bzw „frau“ zu „Frau“ wurden denach offensichtlich die hochstehenden Männer des frühen Mittelalters zum unterdrückten weiblichen Geschlecht des 21. Jahrhunderts umgewandelt. Denn wir haben ja gehört, dass Sprache die Realität nicht nur abbildet, sondern auch herstellt, oder?

    Ganz einfach, oder?

    Ja, ich weiß auch, dass das kompletter Blödsinn ist, aber was soll ich sonst zu so einem Zeug noch sagen?

    • um ehrlich zu sein, ich habe mich nie mit den postmodernisten beschäftigt. ich habe nur bei Wilber die kritik am „starken konstruktivismus“ in erinnerung, wo er ihnen einen „performativen widerspruch“ nachweist: nämlich dass sie sich selbst in frage stellen, wenn sie ALLES in frage stellen; was für mich sehr logisch klingt!
      der schwache konstruktivismus scheint mir hingegen durchaus brauchbares zu enthalten. da ich selber die these vertrete, dass das sein das bewusstsein bestimmt, aber auch umgekehrt, könnte ich mir da durchaus konvergenzen vorstellen. zwar kann sprache keine wirklichkeit konstruieren, dass bewusstsein selbst ist aber ein bestandteil der wirklichkeit, und die daraus folgenden materiellen praxen bringen die ideologischen praxen hervor und stabilisieren sie (und der zusammenhang von sprache und bewusstsein ist ja ein enger). ich glaube, der begriff „materielle praxis“ stammt von Althusser und DG verwendet ihn hin und wieder. mit dieser interpretation gehe ich konform.
      aber im grunde genommen scheinen mir die postmodernisten im wesentlichen nur alten wein in neuen schläuchen zu produzieren.*) sie benutzen halt andere begriffe für dinge, die man auch mit der marxistischen termininologie ausdrücken könnte. nur bei marx handelt es sich um verstreute hinweise in seinem verflucht grossen gesamtwerk, während die postmodernisten sich speziell mit ein paar problemchen monographisch beschäftigt haben. das mag ihre rezeption dann etwas leichter machen.

      —————
      *) die ganze diskussion um das sog. „neue paradigma“ hat sich ja im nachhinein als mythos erwiesen. und Wilber schreibt sogar, dass die new age bewegung den begriff von Kuhn („Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“) völlig falsch interpretiert hat

      was den feminismus betrifft, da werden wir wohl mit DG noch heisse gefechte bekommen. aber in dem punkt vertrete ich eine harte program first position. wenn DG auf seiner position besteht, DIE FRAUEN und DIE SCHWARZEN seien „revolutionäre subjekte“ haben wir einen ernsthaften dissens, der den ganzen NAO prozess in frage stellen könnte. konkret gesagt: ES KÖNNTE SEIN SCHEITERN SEIN (zumindest für mich). denn da kann und werde ich nicht mitgehen!

      ps. danke für deine sprachgeschichtlichen ausführungen zum begriff „FRAU“. etymologie ist ein thema, was mich sehr interessiert. und das thema „Minne“ interessiert mich besonders sehr 😉 🙂

  4. DG hat einen vorschlag zu abänderungen der 4 thesen gemacht, mit dem ich EINVERSTANDEN BIN:

    „Zu den Thesen in der zweiten Hälfte des Ausgangsartikels

    Mit folgenden Modifikationen könnte ich die Thesen auch akzeptieren:

    These 1: Die Lohnabhängigen sind die Klasse, für die eine Überwindung des Lohn-Arbeits-Kapital-Verhältnisses (der kapitalistischen Produktionsweise) die meisten Vorteile bringen würde; auf Grund ihrer zahlmäßigen Größe und ihrer Stellung im modernen Produktionsprozeß ist sie zugleich die Klasse, die über die aussichtsreichsten Möglichkeiten verfügt, eine solche Überwindung durchzusetzen.

    Erläuterungen:
    a) Der Ausdruck “objektes Interesse”, den systemcrash verwendete, ist m.E. selbstwidersprüchlich. Interessen sind per se subjektiv: A hat eine Interesse an X bedeutet: A will / A hat eine positive Meinung über etc. X.
    Das, was viele MarxistInnen “objektives Interesse” nennen, ist gerade z.Z. nicht objektiv (nicht real) (die Lohnabhängingen in der BRD haben in ihrer großen, großen Mehrheit z.Z. kein Interesse an einer Überwindung der kap. PW – sie interessieren sich nicht die Bohne dafür!), sondern eine bloße Zuschreibung.
    b) Nicht nur für die Lohnabhängigen würde eine Überwindung der kap. PW Vorteile bieten und folglich können auch Angehörige anderer Klassen ein Interesse an einer solchen Überwindung entwickeln.

    These 2: Der Widerspruch zwischen Lohnarbeit und Kapital ist aber nicht das einzige Herrschaft- und Ausbeutungsverhältnis in (post)modernen Gesellschaftsformationen. Patriarchat und Rassismus sind relativ eigenständige, aber heute mit den Mechanismen der kapitalistischen Produktionsweise verflochtene Herrschafts- und Ausbeutungsformen; sie können nicht aus dem Kapitalverhältnis ‘abgeleitet’ werden.

    Erläuterung:
    a) Ich habe den Singular “in der bürgerlichen Gesellschaft” durch den Plural “in (post)modernen Gesellschaftsformationen” ersetzt.
    b) Ich habe die Ausdrücke “Unterdrückung” (zur Begründung siehe dort) und “Ausgrenzung” (Rassismus bedeutet zwar u.a. Ausschluß aus bestimmten staatsbürgerlichen Rechten, aber bspw. auch unterordnenden Einschluß in den arbeitsteiligen globalen Produktionsprozeß) vermieden.

    These 3: Der Kampf gegen Patriarchat, Kapitalismus und Rassismus sind zwar von einander relativ unabhängige Kämpfe und politische Orientierungen. Aufgrund der Verflechtung dieser Herrschaftsverhältnisse gehen wir aber davon aus, daß die Erfolgsaussichten des Kampfes gegen sie steigen, wenn der Kampf gegen sie nicht getrennt von einander, sondern in wechselseitig solidarischer Bezugnahme geführt wird.

    Erläuterungen:
    a) Patriarchale und rassistische Strukturen sind keine isolierten Politikfelder, sondern sie durchziehen so ziemlich jedes Politikfeld.
    b) Nicht nur antipatriarchale und antirassistische Kämpfe sollten dem antikapitalistischen Kampf ‘zugeordnet’ werden, sondern umgekehrt letzterer auch den ersteren Kämpfen.

    These 4: Um eine solche solidarische Bezugnahme der Kämpfe zu ermöglichen, ist ein entschlossener Kampf gegen Rassismus sowie gegen patriachalen Strukturen und sexistische Verhaltensweisen auch innerhalb der Linken und unter den Lohnabhängigen notwendig. Dies schließt ein Recht auf autonome Organisierung der in diesen gesellschaftlichen Verhältnissen (Patriarchat und Rassismus) Beherrschten und Ausgebeuteten ein. Im Gegensatz zu traditionellen Vorstellungen von “Einheit der Klasse” erfordert eine Herstellung der Einheit der Klasse der Lohnabhängigen nicht etwa Mäßigung bei der Austragung interner Widersprüche, sondern maximale sowie gegenüber Männern und Weißen konfliktbereite Entfaltung des feministischen und antirassistischen Kampfes. Unser Ziel ist die Überwindung aller Herrschaft und Ausbeutung – oder, um eine Formulierung des jungen Marx auf die Höhe des alten Marx zu bringen: die Überwindung aller Verhältnisse, in denen nicht “der Mensch” (Kollektivsingular), sondern Menschen (Plural ohne Artikel) “erniedrigte, […] geknechtete, […] verlassene, […] verächtliche wesen” sind!

    Anmerkung zu systemcrashs Artikel-Überschrift:

    “Frauenfrage” (statt “feministischer Kampf” o.ä.) ist m.E. genauso aus einer Herrscherperspektive formuliert, wie “soziale Frage” oder “Arbeiterfrage” (statt “Klassenkamfpf”) aus einer solchen Herrscherperspektive formuliert war.“

    http://www.nao-prozess.de/blog/nao-essential-debatte-revolutionaeres-subjekt-und-frauenfrage/#comment-3169

  5. persönliche anmerkung zu these M4
    ==========================

    “Im Gegensatz zu traditionellen Vorstellungen von “Einheit der Klasse” erfordert eine Herstellung der Einheit der Klasse der Lohnabhängigen nicht etwa Mäßigung bei der Austragung interner Widersprüche, sondern maximale sowie gegenüber Männern und Weißen konfliktbereite Entfaltung des feministischen und antirassistischen Kampfes.”

    ich trage zwar die grundaussage dieser these mit, halte aber die abstrakte verwendung der begriffe “männer” und “weisse” für tendenziell (umgedreht) rassistisch und chauvinistisch.

    und statt „feministischer kampf“ bitte „antipatriarchaler“, „antisexistischer“ oder „revolutionär-feministischer“ kampf

    @DG

    könntest du an der formulierung noch mal was korrigieren. ansonsten überlege ich mir einen vorschlag. SO kann ich das aber nicht unterschreiben

    nachtrag:

    ich denke, dass die politisch-weltanschaulichen unterschiede zwischen DG und mir zu gross sind, um weiter im NAO prozess sinnvoll zusammenzuarbeiten. ich werde morgen meine einschätzung zur gegenwärtigen situation im NAO blog posten und eine entscheidung treffen, welche konsequenzen ich daraus ziehe.

    aber jetzt muss ich erst eine nacht drüber schlafen … 😉

  6. “Anti-bürgerlichen Klassismus gibt es aber auch unter den Lohnabhängigen – und trotzdem stellen wir den Klassenkampf der Lohnabhängigen gegen die Bourgeoisie nicht unter tausend Vorbehalte.”

    doch stellen “wir”! wenn z b jemand sagt: “nieder mit dem jüdischen finanzkapital!” goutieren wir das überhaupt nicht.

    “Männer und Weiße können noch so nette Männer und Weiße sein – als Männer und Weiße können sie genauso wenig aus der patriarchalen bzw. rassistischen Struktur ausbrechen wie sozialpartnerschaftliche KapitalistInnen aus der kapitalistischen Struktur”

    ich könnt ja jetzt gemein sein, und sagen: die schaffst du erst durch deinen (umgedrehten) rassismus und chauvinismus, aber ich habe keine lust, mich auf dein “(de)konstruktivistisches” niveau herunterziehen zu lassen. und auch frauen und “schwarze” kommen ja nicht aus der “patriarchalen und rassistischen struktur” raus. dein “argument” schafft daher überhaupt keinen ausweg aus dem dilemma.

    übrigens “strukturen” … letzten endes — und das ist das, woran ich WIRKLICH glaube, entscheidet jeder mensch selber, was er/sie/es IST, egal, welche “strukturen” es gibt. denn diese “strukturen” sind nichts anderes als menschengemachte arrangements. allerdings glaube ich nicht, dass man seine geschlechtsidentität wechseln kann, wie seine unterhose. das muss allerdings jeder/jederin mit sich selbst ausmachen. ich werde allerdings niemals zu meinem salzstreuer salzstreuerin sagen, denn schliesslich bin ich übler MANN und WEISSER … i gitt, wie schrecklich!

    meine haltung zur gegenwärtigen situation im NAO prozess
    ===========================================

    nachdem es eine zeitlang so aussah, als käme etwas mehr inhaltliche klarheit in den NAO prozess, hat jetzt die debatte um die “frauenfrage” (ich benutze diesen begriff erst mal noch, stimme aber DG durchaus zu, dass es was mit “herrscherperspektive” zu tun haben KÖNNTE) gezeigt, dass die politischen (und leider auch weltanschaulichen; obgleich ich hoffte, dass man sie raushalten kann) differenzen zu gross sind für eine gemeinsame politische (organisations)perspektive.

    wenn die “NAO” eine “parteistruktur” wäre (freilich wäre ich dann mit DG nicht in EINER organisation) würde ich die mühen eines “fraktionskampfes” auf mich nehmen. da aber die “NAO” ein diskussionsprozess ist zur auslotung eventueller gemeinsamkeiten subjektiver revolutionäre, ist an dieser stelle für mich schluss. denn mit einem “rassen- und geschlechterkämpfer” werde ich sicher nicht in EINE ORGANISATION GEHEN.

    grundsätzlich halte ich die idee der NAO nach wie vor für richtig. allerdings auf einer allgemeinen ebene müsste die inhaltliche nähe der protagonisten grösser sein als sie es jetzt ist.
    dass die SIB (auf der personell-”organisatorischen” ebene) auch das postautonome spektrum erreichen will, ist der grund, warum DG da überhaupt “mitglied” sein kann (obwohl die SIB ja auch vermutlich keine statuarischen strukturen hat). denn DGs positionen — so intellektuell brilliant er(sie) sie vorträgt — würden im vorherrschenden NAO klientel (“linkssozialisten, MLer, “traditionsmarxisten”, “trotzkisten”) niemals eine mehrheit finden. da er(sie) das weiss, sucht DG mit aller vehemenz den brückenschlag ins postautome milieu, denn dort würde er(sie) [gott, diese doppelgeschlechtlichkeit geht mir auf den … ähhh…. geist. ich schreibe nur noch er, falls es erlaubt ist. wenn nicht, auch egal] mit seinen positionen natürlich eher bündnispartner finden.

    ich vermute mal, dass selbst innerhalb der SIB DGs positionen zur “frauen- und racefrage” nicht mehrheitsfähig sind. da aber DG hier im blog das (intellektuelle) aushängeschild der SIB ist, wird es sich die SIB wohl gefallen lassen müssen, als postautome rassen- und geschlechterkampf-vereinigung angesehen zu werden.

    unabhängig von der frage, ob DGs vorhaben (und das der SIB: nämlich oben benannter brückenschlag) politisch gelingt oder nicht, wäre eine solche organisation (wenn sie denn mal wirklich entstehen sollte) keine organisation, die ich als “revolutionäre” ansehen würde. denn jemand, der “frauen”- “race”- und “klassen”frage als “gleichrangig” ansieht, ist nun mal kein “marxist” (was immer er/sie sonst sein mag). übrigens: die “frauenfrage” ist natürlich eine STRATEGISCHE frage, die racefrage ist es meines erachtens NICHT (für deutschland. in den USA sähe es sicher anders aus). schon allein daher ist der sprachduktus von den “männern und weissen” politisch völlig daneben, und wird die “NAO” aus einem “traditionsmarxistischen zirkel” in einen “feministisch-postautomen” zirkel verwandeln — falls sich DG durchsetzt. was ich aber bezweifle; denn trotz seiner sicher intellektuellen übelegenheit — was ich neidlos anerkenne — sind seine positionen einfach zu strange. jemand, der begriffe wie “männer” und “frauen” nur “sozial” definiert, lebt in seiner eigenen welt. diese sei ihm auch gegönnt, aber ich habe damit nichts zu tun und will damit nichts zu tun haben. auf DIESER BASIS sehe ich auch keine diskussions- und verständigungsmöglichkeit. ich bin zwar als anhänger der “integralen theorie” immer bemüht, gemeinsamkeiten und konvergenzen auszuloten, aber bei einem hardcore-dekonstruktivisten” (den ich als philosophische richtung als nihilismus auffasse. man sollte mal bei wikipedia über Althusser nachlesen*) beisse ich da auf granit. und wenn, wäre diese gemeinsame “verständnis” nur auf einer “intellektuellen ebene” – menschlich wären wir voneinander soweit entfernt wie — wenn mir dieser vergleich gestattet ist — wie der mars von der venus! und da auch der “human factor” bei der politischen organisierung eine gewichtige rolle spielt, sehe ich für mich im NAO prozess keine perspektive mehr.

    es gibt auch nichts, worum man “kämpfen” könnte. es gibt keine strukturen und es gibt keine personen, mit denen ich mir eine gemeinsame arbeit vorstellen könnte (mit ausnahme von bronsteyn. aber da ist die geistige nähe eh gross genug, dass wir sicher irgendwie in verbindung bleiben). die politischen (klein)gruppen haben sich so gut wie nicht an der diskussion beteiligt (was hinter den kulissen läuft, weiss ich nicht. da aber auch DG mehr präsenz der gruppen einfordert, scheinbar nicht viel) und der blog wurde in der tat von einer hand voll männekens (ähh sorry, eine “frau” war wohl auch irgendwie dabei) bestimmt (man kann ruhig sagen dominiert. sicher hat das auch einige abgehalten und eingeschüchtert, was ich ohne umschweife zugestehe).

    dies ist aber auch ausdruck der wirklichen lage der linken (in deutschland), die noch schrecklicher ist, als wir uns das in unseren wildesten träumen auch nur vorstellen können. daher ist die NAO initiative von der sache her durchaus richtig. die zeit ist leider nur noch nicht wirklich reif dafür und DG wird nicht der deutsche lenin (ähh sorry, leninA )werden, selbst wenn er sich mit seinen politschen vorstellungen durchsetzen kann. was ich aber, wie gesagt, nicht glaube.

    ich werde natürlich die NAO diskussion in meinem blog weiterverfolgen, aber HIER ist die debatte für mich beendet. mit umgedrehten rassisten und antimale-chauvinisten (und philosophischen nihilisten) werde ich mich nicht gemein machen. dafür ist mir meine zeit (und sind mir meine nerven, die eh nicht gerade wie drahtseile sind) zu kostbar.

    ich weiss nicht, was ich zum schluss sagen soll; glück kann ich der NAO initiative nicht mehr wirklich wünschen. aber vlt setzen sich ja auch politisch vernünftigere kräfte durch. aber eigentlich ist mir das auch nicht mehr wichtig.
    ich kann aber für mich sagen, dass ich durch die NAO debatte wirklich viel gelernt habe. und dafür möchte ich mich bei allen mitdiskutanten bedanken (auch die, die ich unter der gürtellinie getroffen habe und die, die mich unter der gürtellinie getroffen habe. denn gefühle haben wir ja wohl schliesslich alle).

    besonders und insbesondere bei DG möchte ich bedanken. er ist ein wirklich fähiger und brillianter kopf — und hat mir häufig bei technischen problemen geholfen, wo ich echt etwas trottelig bin, manchmal –; aber trotz tatsächlich vorhandener gemeinsamkeiten in POLITISCHEN angelegenheiten gibt es keinen gemeinsamen weg in “organisationspolitischer” hinsicht. das ist zwar schade, aber auch eine realität des lebens.
    und eins habe ich gelernt, wenn auch spät [übrigens durch eine beziehung zu einer frau. alle grossen veränderungen in meinen leben wurden durch beziehungen zu frauen verursacht. cherchez la femme ], der wichtigste “sinn” im leben ist der “realitätssinn” (oh gott, hoffentlich ist das jetzt nicht wasser auf die mühlen von gen. Prütz ) . und diesen sollte man sich auch dann erhalten, wenn man eine “politik” macht, die das “werden” über das “sein” stellt und auf eine — hoffentlich — bessere zukunft gerichtet ist!

    systemcrash
    Berlin, 22. August 2012

    —–
    *)”Althusser beschreibt in seiner Autobiographie unter anderem seine zahlreichen persönlichen Krisen. Er zeigt auf, wie er, beginnend mit seinen familiären Konflikten und verstärkt seit den 1940er Jahren, psychische Störungen entwickelt. Streckenweise liest sich seine Autobiographie nicht nur wie ein Querschnitt durch die Entwicklung der französischen Bourgeoisie des 20. Jahrhunderts, sondern auch durch die Entwicklung der Psychiatrie und der Psychopharmaka. Althusser musste sich immer wieder gegen regelmäßig wiederkehrende depressive Schübe behandeln lassen. Er bekam Medikamente und Elektroschocks und musste seine Arbeit wiederholt unterbrechen. Dazwischen bekam er manische Arbeitsanfälle.

    Am 16. November 1980 tötete Althusser seine Ehefrau Hélène Rytman durch Erdrosselung. Er hatte seit seiner deutschen Kriegsgefangenschaft in den 1940er Jahren an manisch-depressiven Störungen gelitten. Die Umstände des Vorfalls sind nicht völlig klar: Es wird unter anderen die Auffassung vertreten, die Tötung sei vorsätzlich erfolgt, andere meinen, es handelte sich um einen Unfall. Althusser selbst behauptete, er könne sich an das Ereignis nicht erinnern. Er wurde nicht verurteilt, aber bis 1983 in der geschlossenen psychiatrischen Anstalt des Sainte-Anne-Krankenhauses untergebracht.” http://de.wikipedia.org/wiki/Louis_Althusser

    http://www.nao-prozess.de/blog/nao-essential-debatte-revolutionaeres-subjekt-und-frauenfrage/#comment-3233

  7. tja, das wars dann wohl
    aber ich denke, die entscheidung war richtig, mich vom „NAO prozess“ zu lösen.
    das thema stand schon länger bei mir im raum, und mein inneres bauchgefühl sagt auch, dass es gut ist …
    und auf mein bauchgefühl konnte ich mich immer präzise verlassen 🙂

    nachtrag: 23.8

    durch die antimarxistische haltung von DG* zur „frauenfrage“ ist damit für mich der NAO prozess beendet. eigentlich schade, denn an sich hätte das projekt aus meiner sicht durchaus einige chancen aber an einer politik, die sich nicht an der marxistischen klassentheorie orientiert, werde ich mich nicht beteiligen; im gegenteil, diese muss politisch bekämpft werden!

    ——–
    *) „An diesem Punkt entspricht die marxistische Strategie nicht dem mittlerweile der erreichten Stand der Analyse heutiger gesellschaftlichen Verhältnissen in ihrer ganzen Komplexität – und deshalb muß die traditionelle marxistische Strategie insoweit revidiert werden.“ [unkorrigiertes zitat]
    http://www.nao-prozess.de/blog/nao-essential-debatte-revolutionaeres-subjekt-und-frauenfrage/#comment-3271

    • “Feministinnen zeichnen Männer in keinem rosigen Licht. Aber um die männlichen Personen handelt es sich hier nur, soweit sie Personikationen gesellschaftlicher Verhältnisse, Träger von bestimmten Geschlechterverhältnissen und Interessen sind. Von daher geht nicht darum, Männern individuell moralische Schuldvorwürfe zu machen; aber sehr wohl ist es notwendig, ihnen auch individuell auf die Füße zu treten, wenn sie ihrer Funktion im Patriarchat gerecht werden – genauso wie es notwendig ist, im Klassenkampf auch einzelnen KapitalistInnen auf die Füße zu treten, wenn sie ihrer Funktion im kapitalistschen Produktionsprozeß gerecht werden.” — DGS im NAO blog

      sorry DG — so langsam muss ich meine behauptung, ‘du seist intellektuell brilliant’ wieder zurücknehmen — ob einer kapitalist, arbeiter oder was auch immer ist, ist BIS ZU EINEM GEWISSEN GRAD (zumindest de jure*) gesellschaftlich frei disponibel (natürlich hat marx mit der Macht der verhältnisse aber recht !), aber ob einer männlich, weiblich (oder sächlich) ist, DAS SUCHT SICH KEIN SCHWEIN AUS, sondern wir werden SO GEBOREN (auch wenn dann die ‘verhältnisse’ zur biologischen geschlechtlichkeit noch einen kulturellen gender draufpacken).
      ob das eine/einer gut findet oder schlecht ist ebenfalls bis zu einem grad frei disponibel (hängt vom bewusstsein und sicherlich auch unterschiedlichen charakterstrukturen ab). so soll es männer geben, die sich gern von einer frau versklaven lassen, und es soll sogar frauen geben — man(n) mags kaum glauben ! — die sich gern von männern ‘hart rannehmen’ lassen. natürlich ändern solche sexuellen vorlieben nichts an dem tatsächlich asymmetrischen geschlechterverhältnis. es drückt aber aus, dass wir bis zu einem gewissen grad SELBST BESTIMMEN, wie wir mit solchen verhältnissen umgehen (auch das ist wieder abhängig vom individuellen bewusstseinsstand und unterschiedlichen charakterstrukturen).

      sicherlich ist es aufgabe ‘linker politik’ die de facto ungleichheit immer mehr an die de jure gleichheit anzunähern. es ist aber nicht die aufgabe linker politik, den leuten vorzuschreiben, wie sie mit ihrer geschlechtsidentität umzugehen haben (selbst wenn diese patriarchal geprägt ist. es gibt aber auch inzwischen durchaus ‘matriarchale’ gegenmachtstrategien und -taktiken). das muss schon jeder/jederin — bitte schön — selbst entscheiden!

      “Verhältnisse sind stärker als Individuen und selbst gesellschaftliche Gruppen / kollektive politische Akteure “machen” die Geschichte nur “unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen”, wie Marx im 18. Brumaire treffend sagte.”

      bis zu einem gewissen grad haben es die individuen selbst in der hand, bis zu einem grad ist es die (unsichtbare) Macht der verhälnisse, die entscheidet.
      das genaue ‘kräftverhältnis’ ist abhängig von den existierenden gesellschaftlichen (sprich: politisch-kulturellen) organisationen (organisationsformen) und dem gesellschaftlich vorherrschenden DURCHSCHNITTS-BEWUSSTSEINSNIVEAU. es ist aufgabe der ‘linken’ sowohl das eine wie das andere immer mehr in richtung ‘freie assoziation der freien produzenten’ [männlein wie weiblein (+sächlein)] mit einem dem menschlichen wesen adäquaten geschlechterverhältnis (was IMMER ein interessen-geleitetes ‘konfliktfeld’ sein wird. wiederrum abhängig vom stand der ‘bewusstseinsevolution’) zu entwickeln (was kulturell gradualistisch sein mag, politisch aber durchaus auch revolutionäre brüche erfordert).

      “konfliktbereit” – das ist doch ultra harmlos! So harmlos, daß Dir die jetzt umstrittene Passage zunächst gar nicht auffiel! Deine erste Antwort zu meinem Textvorschlag war: “ich bin mit deinen modifikationen EINVERSTANDEN ””

      auch ich brauch manchmal länger, um was mitzukriegen . nein, im ernst. das “konfliktbereit” ist nicht mein problem. aber ich bin weder ein “geschlechterkämpfer” und schon gar nicht ein “rassenkämpfer”. sondern ich würde beides dem “klassenkampf” ZUORDNEN wollen (dass ich den begriff “revolutionärer feminismus” akzeptiere, ist schon ein zugeständnis. denn feminismus halte ich mit dem marxismus für unvereinbar!). und dass ich für das RECHT [analogie zum RECHT auf nationale abtrennung] auf autonome organisierung besonders unterdrückter gruppen bin, habe ich ja bereits an anderer stelle schon geschrieben.

      “Das ist nun aber überhaupt nicht marxistisch!”

      ich bin bereit, in den ‘linken limbus‘ zu wandern

      —–
      *) “Wir sind nie Götzendiener der formalen Demokratie gewesen, das heißt nur: Wir unterscheiden stets den sozialen Kern von der politischen Form der bürgerlichen Demokratie, wir enthüllten stets den herben Kern der sozialen Ungleichheit und Unfreiheit unter der süßen Schale der formalen Gleichheit und Freiheit – nicht um diese zu verwerfen, sondern um die Arbeiterklasse dazu anzustacheln, sich nicht mit der Schale zu begnügen, vielmehr die politische Macht zu erobern, um sie mit neuem sozialen Inhalt zu füllen. Es ist die historische Aufgabe des Proletariats, wenn es zur Macht gelangt, an Stelle der bürgerlichen Demokratie sozialistische Demokratie zu schaffen, nicht jegliche Demokratie abzuschaffen. Sozialistische Demokratie beginnt aber nicht erst im gelobten Lande, wenn der Unterbau der sozialistischen Wirtschaft geschaffen ist, als fertiges Weihnachtsgeschenk für das brave Volk, das inzwischen treu die Handvoll sozialistischer Diktatoren unterstützt hat. Sozialistische Demokratie beginnt zugleich mit dem Abbau der Klassenherrschaft und dem Aufbau des Sozialismus. Sie beginnt mit dem Moment der Machteroberung durch die sozialistische Partei. Sie ist nichts anderes als die Diktatur des Proletariats.” — Rosa Luxemburg, Zur russischen Revolution http://www.marxists.org/deutsch/archiv/luxemburg/1918/russrev/teil4.htm

      http://www.nao-prozess.de/blog/nao-essential-debatte-revolutionaeres-subjekt-und-frauenfrage/#comment-3244

  8. umformulierung eines teils der these M4
    ============================

    vorschlag von DG:

    “Im Gegensatz zu traditionellen Vorstellungen von “Einheit der Klasse” erfordert eine Herstellung der Einheit der Klasse der Lohnabhängigen nicht etwa Mäßigung bei der Austragung interner Widersprüche, sondern maximale sowie gegenüber Männern und Weißen konfliktbereite Entfaltung des feministischen und antirassistischen Kampfes.”

    vorschlag von systemcrash:

    im gegensatz zu (traditionellen) vorstellungen der klasseneinheit, die die “frauen- und racefrage” zu “nebenwidersprüchen” degradieren und ihre sehr berechtigten anliegen dem klassenkampf der arbeiterInnen politisch UNTERORDNEN (wollen), vertreten wir im NAO prozess die ansicht, dass es für eine wirklich REVOLUTIONÄRE klasseneinheit erforderlich ist, den chauvinismus und rassismus in den “eigenen reihen” zu bekämpfen und die antipatriarchalen und antirassistischen kämpfe mit dem (antikapitalistischen) klassenkampf der arbeiterinnenklasse solidarisch zu verbinden und ihnen damit eine wirklich (systemüberwindende) strategische perspektive zu ermöglichen.

    ————————————

    der ganze thread im NAO blog hat mittlerweile 31 kommentare (stand: 23 August)
    http://www.nao-prozess.de/blog/nao-essential-debatte-revolutionaeres-subjekt-und-frauenfrage/

    ——————————————

  9. Pingback: Thesen zur Verflechtung von Kapitalismus und “Patriarchat” « Neue antikapitalistische Organisation? Na endlich! - Debatte zur Neugruppierung der radikalen Linken

  10. Pingback: Thesen zur Verflechtung von Kapitalismus und “Patriarchat” « WAS TUN: PLATTFORM FÜR MARXISTISCHE KONVERGENZ

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s