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Der (De)konstruktivistische Angriff auf die Wirklichkeit (und den Marxismus)

Ein Beitrag zum „Philosophen-Streit“ [1] im NAO Prozess

beim von mir so genannten“philosophen-streit“ geht es leider nicht nur um die frage der bestimmung DES revolutionären subjekts oder revolutionärer subjektE (das verhältnis der klassenorientierung zu „frauenfrage“ und „rassismus“). es ist alles noch viel schlimmer: es geht um die frage: was ist WIRKLICHKEIT, wie erkennen wir sie, und wie verändern wir sie, und was können wir verändern? also mit anderen worten: das, was in der philosophie als „erkenntnistheorie“ bezeichnet wird. ein thema, was dazu führen kann, dass die gehirnwindungen nach der beschäftigung damit wie korkenzieher aussehen könnten!

ich tue es nicht gerne, und bin dafür auch gar nicht qualifiziert, aber da auch im NAO prozess der (de)konstruktivistische angriff auf die wirklichkeit (und den marxismus) stattfindet, muss ich mich in diese philosophischen höhen (oder besser:abgründe) begeben. ich kann mich natürlich nur ausschnittsweise mit dem thema beschäftigen. ich hoffe aber, dass diese ausschnitte genügen, um halbwegs deutlich zu machen, um was es hier geht, und was dabei auf dem spiel steht.

Die (narzisstisch-postmoderne) Verleugnung der Biosphäre am Beispiel des Begriffes „Geschlecht“

da die sog. „frauenfrage“ der auslöser war, die die bedeutung dieser fundamentalen fragen für die politische programmdebatte [2] hergebracht hat, werde ich versuchen, am beispiel einiger feministischer „theoriebildungen“ die problemstellung deutlich zu machen.

eine grundannahme des dekonstruktivistischen diskurses ist es, dass sprache „wirklichkeit“ hevorbringt. die sog „sprechhandlung“ sei — so der postmoderne terminus — „performativ“. das heisst, der akt des sprechens selbst sei konstitutiv für die uns betreffende realität. die „schwachen“ konstruktivisten würden dies wahrscheinlich auf soziale faktoren beschränken, für die „starken“ ist wahrscheinlich selbst der dickdarm eine „kulturell präfomierte entität“ .

da der „starke konstruktivismus“ sich selbst logisch aus den angeln hebt, da er behauptet, alles sei konstriert, gibt es natürlich keinen grund, warum nicht auch der „starke konstruktivismus“ selbst konstruiert sein sollte; d h, er hat kein „fundament“, an dem man seinen geltungsanspruch heften könnte. damit können wir ihn ohne gewissensbisse theoretisch abhaken.

beim schwachen konstruktivismus sieht die sache etwas anders aus. wenn wir uns jetzt dem thema „geschlecht“ zuwenden, werden wahrscheinlich viele wissen, dass man im anglo-amerikanischen sprachbereich die unterscheidung von sex und gender hat. diese unterscheidung kennt die deutsche sprache nicht. im prinzip sind diese begriffe daher gar nicht übersetzbar (als analoges beispiel: bei den eskimos gibt es hunderte verschiedene begriffe für „schnee“, die wir mitteleuropäer, die kaum mehr winter kennen, niemals kapieren würden). sie werden daher umschrieben mit folgender bedeutung:

— der begriff sex bezeichnet im wesentlichen das, was wir als „biologisches geschlecht“ benennen würden

— der begriff gender bezieht sich auf den einfluss der kultur bei der entwicklung geschlechtlicher identitäten

da der mensch aber immer ein „natur-kultur-verschränktes“ wesen ist, ist diese unterscheidung aber eigentlich schon ein ausdruck dafür, dass das verhältnis von individuellem sein und gesellschaftlichen verhältnissen dissoziiert ist. trotzdem mögen sie uns als analytische kategorien helfen zu verstehen, was mit dem (de)konstruktivistischen angriff auf die wirklichkeit gemeint ist.

so heisst es in einem wikipedia-artikel zu Judith Butler (eine führende feministische theoretikerin):

„Butler verwendet den Begriff der Performativität in Anlehnung an John L. Austin, der diejenigen Akte als performative Sprechakte bezeichnet, die das, was sie benennen, in Kraft setzen. Worte als performative Akte besitzen nicht nur die Macht, etwas zu beschreiben, sondern besitzen handlungsartige Qualität, indem sie das, was sie bezeichnen, auch vollziehen. Worte bzw. Sprache nehmen hier also den Charakter einer sozialen Tatsache an, wie z. B. die Aussage Es ist ein Junge, der einem bezeichneten Körper einer Kategorie wie etwa Geschlecht zuordnet. “ http://de.wikipedia.org/wiki/Judith_Butler

wenn man mal davon absieht, dass das bewusstseinsniveau dieser gedankengänge auf der stufe der „magie“ steht, ist etwas anderes viel frappierender. es wird nämlich die biologische realität der zweigeschlechtlichkeit GELEUGNET. (dass es auch geschlechtliche zwischenformen gibt, ist unbestritten. diese sind aber die ausnahme von der regel)

die biologische funktion der zweigeschlechtlichkeit ist natürlich die fortpflanzung (arterhaltung). damit ist aber in keinster weise eine (soziale) herrschaftshierachie [5] begründet, sondern eine geschlechtsspezifische arbeitsteilung, die unter den entsprechenden gesellschaftlichen bedingungen zum vorteil BEIDER geschlechter gereichen könnte.

der feministische versuch, „männer“ und „frauen“ rein „sozial“ zu definieren, soll dem vorhaben dienen, die patriarchalen strukturen aufzubrechen. dies kann aber niemals über „sprechhandlungen“ vollzogen werden. denn gesellschaftliche verhältnisse sind eine „materielle realität“, die eben auch ein entsprechendes bewusstsein erfordern, um sie zu erkennnen und zu verändern. wir können auch nicht in unser heiss ersehntes urlaubsparadies fliegen, wenn wir unser auto in „flugzeug“ umbenennen.

natürlich ist das geschlecht nicht nur eine „soziale kategorie“, sondern eine fundamentale biologische konstante unseres seins und unserer geschlechtsidentität, die man nicht wechseln kann wie seine unterhose.

die (dekonstruktivistischen) feministen begehen den (psychologisch gesehen: den narzisstischen) fehler, zu glauben, man könne die beherrschung des weiblichen geschlechts damit abschaffen, dass man die geschlechter SELBER ABSCHAFFT. das wäre so, als wenn ein flugzeugkonstrukteur, statt an der günstigsten aerodynamik zu arbeiten, versuchen würde, die SCHWERKRAFT abzuschaffen.

natürlich befördern die sozial-kulturellen verhältnisse das asymmetrische geschlechterverhältnis. dies ist aber nicht dadurch zu beseitigen, dass man zu einem salzstreuer „salzstreuerin“ sagt, sondern dass eine soziale (politische) bewegung alle formen und verhältnisse gesellschaftlicher herrschaft und unterdrückung aufhebt. denn diese sind selbst materielle realitäten.

dies kann — laut der marxistischen theorie der klassen [3]– nur die klasse der lohnabhängigen (proletariat); da diese durch ihre stellung im gesellschaftlichen produktionsprozess über einen strategischen hebel verfügt (potentiell). nun gibt es natürlich auch in der arbeiterInnenklasse männlichen chauvinismus und rassismus. dieser muss daher politisch bekämpft werden, um eine revolutionäre klasseneinheit herstellen zu können. der hebel der gesellschaftlichen transformation ist aber der klassenkampf der lohnabhängigen. die kämpfe gegen sexismus und rassismus sind dem gegenüber diesem klassenkampf ZUGEORDNET [nicht untergeordnet] (wenn sie eine wirkliche perspektive haben wollen, da es innerhalb der bürgerlichen gesellschaft dafür keine lösung gibt). es handelt sich daher nicht um drei gleichrangige kampffelder. dies ist der wesentliche kerndissens in der debatte um das revolutionäre subjekt.

nun könnte man natürlich sagen, dass die frauen auch über einen strategischen hebel verfügen. schliesslisch sind sie es, die die „bevölkerungstechnische“ reproduktion der gesellschaft ermöglichen. weniger geschwurbelt ausgedrückt: sie kriegen die kinder!

aber wie realistisch ist ein kollektiver gebärstreik?

der antike schriftsteller Aristophanes hat ein theaterstück geschrieben, wo unter der führung von Lysistrata die frauen eine kollektive sexverweigerung durchführten, und damit den krieg der männer tatsächlich beendeten. wenn die heutigen feministInnen dieses kunststück in die (politische) tat umsetzen würden, würde ich sofort meine marxistische überzeugung an den nagel hängen!

Jenseits des Geschlechterk(r)ampfes

die „Moderne“ hat die grosse leistung vollbracht, die traditionelle trennung der weiblichen und männlichen sphären (produktion gegen reproduktion) immer stärker zurückzudrängen. immer mehr frauen stehen „ihre frau“ im berufsleben. sie drängen vehement und mit grosser kompetenz in die kultur, in die politik und in die wirtschaft. noch haben sie nicht die „hälfte des himmels“ erobert. aber die erreichten bastionen weiblicher partizipation können nicht mehr zurückgedreht werden. der versuch, nach den frauenbewegten 70er jahren einen kulturellen roll back durchzuführen, um die frauen wieder an heim und herd zurückzubringen (kinder, küche, kirche oder koitus) muss als gescheitert angesehen werden. zwar haben es frauen immer noch schwerer, beruf und familie unter einen hut zu bringen (stichwort: doppelbelastung, die aber vermutlich mehrfachbelastung ist) und noch sind frauenlöhne statistisch immer noch signifikant geringer als männerlöhne, aber ihre gesellschaftliche teilhabe, die immer mehr in richtung volle gleichstellung drängt, ist eine realität, die niemand mehr verleugnen kann.

schon deshalb ist das feministische gerede, dass männer schon immer „schweine und unterdrücker“ waren nicht nur eine leere und hohle phrase, es ist in wirklichkeit eine beleidung des weiblichen geschlechts selber.

„das macht nämlich den umkehrschluss unumgänglich, dass frauen von anfang an eine herde schafe waren. (…) denn wenn man ernsthaft behauptet, dass frauen 5000 jahre (…) lang unterdrückt gewesen sind, kommt man kaum an dem schluss vorbei, dass sie nicht nur schwächer, sondern offenbar auch dümmer als die männer gewesen sind.“ [4]

in wirklichkeit ist aber so, dass männer und frauen immer schon aufeinander angewiesen waren und die für ihre lebensumstände günstigsten „arrangements“ eingegangen sind. die entwicklung des gesellschaftlichen fortschritts durch industrie und informationstechnologie hat die bedingungen geschaffen, die entartung der geschlechtsspezifischen arbeitsteilung in eine „herrschafthierachie“ [5] zu überwinden und auf eine höhere entwicklungsstufe zu führen.

„wenn wir biologisch differenzierte geschlechterrollen als etwas sehen, das frauen und männern auferlegt wurde, dann können männer in der tat nur von grund auf miese typen sein, und den frauen fiele die rolle des ewigen dummerchens zu. rollendifferenzierungen kann aber unmöglich einfach das resultat von herrschaftausübung sein, denn damit würden wir eine seite als die der opfer definieren, und eben die, welche befreit werden sollen, wären damit unwiderruflich als ohnmächtig abgestempelt.

ist aber das handeln von männern und frauen weitgehend durch gewisse biologische vorgaben bedingt, die ihre frühere bedeutung zum teil verloren haben, dann haben BEIDE SEITEN [herv von mir] gleichermassen befreiung nötig. das patriarchat gehört offenbar nicht zu den dingen, die man mit etwas gutem willen hätte vermeiden können, denn wo auch immer die evolution über die HACKE [herv von mir] hinausging, entstanden alsbald patriarchale verhältnisse. WÄRE es zu vermeiden gewesen, dann müsste man wohl sagen, dass männer miese typen und frauen dummerchen sind.

nein, das patriarchat ist nicht einfach ein zu korrigierender irrtum, sondern etwas, worüber wir hinauswachsen müssen: nur so kommen wir davon los, männer als schuldige und frauen als schafe zu sehen [herv von mir].“ [4]

und daher kann auch die „feministische bewegung“ ihre ziele nur dann verwirklichen, wenn sie sich mit dem (potentiellen) emanzipationskampf der arbeiterInnenklasse solidarisch verbindet. und es ist die bringschuld der linken und arbeiterbewegung, den männlichen chauvinismus, macker- und machoverhalten und rassistische denkststereotypen in ihren eigenen reihen erbarmungslos politsch zu bekämpfen!

——

[1] http://www.nao-prozess.de/blog/philosophenstreit-im-nao-prozess/

[2] vergleich: http://www.nao-prozess.de/blog/e-4-parteilichkeit-antagonistische-orientierung-vormals-klassenorientierung/ und von mir: http://www.nao-prozess.de/blog/ueberlegungen-zum-revolutionaeren-subjekt/ und: http://www.nao-prozess.de/blog/nao-essential-debatte-revolutionaeres-subjekt-und-frauenfrage/

[3] dieser begriff klingt etwas zu „akademisch“. genaugenommen gibt es nur verstreute hinweise im werk von marx, die aber für eine „klassentheorie“ ausreichen mögen

[4] Ken Wilber, EROS KOSMOS LOGOS, S. 208

[5] der begriff stammt von Riane Eisler und Wilber zitiert sie in EROS KOSMOS LOGOS (S. 43, Ausgabe: fischer taschenbuch, 2001)

“eine wichtige unterscheidung ist zwischen herrschafts- und verwirklichungshierarchie zu treffen. der ausdruck “herrschaftsghierarchien” bezeichnet “hierarchien” die sich auf gewalt beziehungsweise offen oder verdeckt angedrohte gewalt gründen. solche hierarchien unterscheiden sich grundsätzlich von denen, die man beim fortschreiten von niederen zu höheren funktionsniveaus antrifft, bei lebewesen beispielsweise in der entwicklung von zellen zu organen. hierarchien dieses typs könnte man als verwirklichungshierarchien bezeichnen, weil sie die funktion haben, das potential des organismus zu vergrössern. auf gewalt oder gewaltandrohung basierende menschliche hierarchien dagegen HEMMEN [herv von mir] nicht nur die persönliche kreativität , sondern erzeugen auch ein soziales system das die niedrigsten menschlichen eigenschaften verstärkt und das höhere streben (etwa züge wie mitgefühl und einfühlungsvermögen, wahrheits- und gerechtigkeitsliebe) SYSTEMATISCH UNTERDRÜCKT [herv von mir]. {– Eisler, the chalice and the blade, S. 205}

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9 Kommentare zu “Der (De)konstruktivistische Angriff auf die Wirklichkeit (und den Marxismus)

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  2. kommentar von bronsteyn
    ==================

    Hallo Systemcrash,

    du wagst es also doch, die “poststrukturalistische” Mode-Philosophie einer Dekonstruktion zu unterziehen. Mit juckt es die ganze Zeit auch schon in den Fingern, diesbezüglich in die Tasten zu greifen.
    Nur stellte sich für mich die Frage: wo anfangen?
    Dass schon das poststrukturalistische Axiom schwer in Zweifel zu ziehen ist, fiel mir natürlich als Sprachwissenschaftler sofort auf:

    Maßgeblich ist dabei die Einsicht, dass die Sprache die Realität nicht bloß abbildet, sondern mittels ihrer Kategorien und Unterscheidungen auch herstellt.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Poststrukturalismus
    Aus diesem Axiom folgt der ganze Rattenschwanz an “Ableitungen”.
    Der Satz lautet nicht etwa (was akzeptabel wäre):

    Maßgeblich ist dabei die Einsicht, dass die Sprache die Realität nicht bloß abbildet, sondern mittels ihrer Kategorien und Unterscheidungen in der Wahrnehmung der Adressaten herstellt und damit (unter bestimmten Bedingungen) auch die soziale Wirklichkeit selbst herstellt.

    Nein, der Satz ist nicht anders zu verstehen als:
    Du musst nur (laut und deutlich) “Sesam öffne dich!” sprechen und der Berg öffnet sich.
    Nun ist jedem Informatiker bekannt, dass technisch ein solcher Sesam-Öffne-Dich-Berg durchaus realisierbar ist. Sich automatisch öffnende Türen sind ja nun wirklich Alltag. Spracherkennungssoftware ist längst so ausgereift, dass “Sesam öffne dich!” eindeutig als Satz (als akustische Zeichenfolge) zu erkennen ist.
    Einen Berg “herstellen”, der auf den Satz “Sesan öffne dich!” sich öffnet, herzustellen, ist also definitiv kein Problem. Es ist bei den heutigen Produktivkräften und Produktionsmitteln mühelos realisierbar.
    “Sesam Öffne Dich!” könnte also auch Realität sein.
    Ein Beweis für die obige These?
    Ich schlage folgendes Expermiment vor.
    1. Suche dir einen schönen Berg.
    2. Sprich “Sesam öffne dich!” und schau was passiert.

    Ja, letztlich läuft dieses Konzept darauf hinaus, durch Sprache und Sprachgebrauch die Realität zu verändern.
    Seltsamerweise werden aber gleichzeitig auch Sprachkonventionen, die Herrschaft zum Inhalt haben, nicht etwa “dekonstruiert” – oder wie ich es sagen würde – entmystifiziert, sondern im Gegenteil affirmiert und bekräftigt.
    So gibt es denn dann doch auf einmal eine “schwarze Rasse” und eine “weisse Rasse”, allen biologischen Erkenntnissen zum Trotz, weil man beschlossen hat, dass die Mystifikation “Rasse” eben nicht “biologistisch”, sondern “sozial” zu verstehen ist. Schlussgefolgert gibt es dann wohl auch eine “arische Rasse” und eine “jüdische Rasse”, weil eben Herrschafts-”Praxen” solcherlei “hergestellt” haben.
    Für die “Männer”, die dann auch nicht als Geschlecht, sondern als “Klasse” zu verstehen sind, wird die Sache allerdings einfacher. Sie müssen sich einfach von ihrer “Klasse” lossagen (zu Ex-Männern werden) und schon sind sie von ihrer Erbsünde erlöst (so wie in der christlichen Mythologie durech die Taufe).
    Und was ist mit “Mädchen”, die auf “Männer” abfahren (dummerweise gibts die auch)?
    Die müssen wohl wegen ihrer infamen Unterordnung unter die herrschende Klasse (die “basalste” der menschlichen Geschichte) wohl dann ebenfalls zu den “Männern” gezählt werden.

    Das hat aus meiner Sicht alles Anzeichen einer psychotischen Weltsicht. Ich will es nicht über Gebühr psychologisieren oder pathologisieren, aber dass das alles aus der einen obigen Prämisse gefolgert und mittels normativem Sprachgebrauch durchgesetzt werden soll, hat schon etwas wirklich beklemmendes.

    Menschliche Leidenschaften, welche auch immer, kommen in diesem ganzen Konzept nicht vor. In keiner Weise, oder höchstens als “herrschaftsstabilisierende Praxen”.

    Ich dachte mir bisher, Systemcrash, ich schaue mir mal an, wohin der Unsinn so alles führt und beobachte nur mal.
    Du musst natürlich vorpreschen, mein Lieber. Aber ich gebe dir völlig recht, nicht unbedingt in einzelnen Formulierungen (die Sprachnormierer werden garantiert über dich herfallen), aber im Wesen deines unbehaglichen Gefühls mit dieser Mode.

    Als Sprachwissenschaftler kann ich dir sagen: du brauchst gar dich auf die Grundlagen des historischen Materialismus zu beziehen (sie werden dir “Dogmatismus” vorwerfen), rein sprachgeschichtlich und sprachwissenschaftlich ist das Grundaxion dieses Poststrukturalismus unhaltbar.

    Sprache schafft keine neuen Realitäten, sondern neue Realitäten erzeugen neue Sprachphänomene.
    Jedenfalls hast du meine Unterstützung.
    Mir passt – wegen der offensichtlichen Unsinnigkeit des verabsolutierten Axioms – “die janze Richtung nicht”, und das betrifft in stärkerem Maße die Renaissance des Rasse-Begriffes mehr als die Mytifizierung der Geschlechterfrage.

    Was hier “hergestellt” wird sind neue Mythen.

    http://www.nao-prozess.de/blog/der-dekonstruktivistische-angriff-auf-die-wirklichkeit-und-den-marxismus/#comment-3286

  3. Pingback: Der (De)konstruktivistische Angriff auf die Wirklichkeit (und den Marxismus) « Bronsteyns Agentur für Augenöffnung und kreative Weltveränderung

  4. kommentar von DGS
    ===============

    Lieber Gen. systemcrash,

    A.

    “eine grundannahme des dekonstruktivistischen diskurses ist es, dass sprache ‘wirklichkeit’ hevorbringt. die sog ‘sprechhandlung’ sei — so der postmoderne terminus — ‘performativ’. das heisst, der akt des sprechens selbst sei konstitutiv für die uns betreffende realität.”

    Auch, wenn ich anstandslos zugebe, daß sich viele De-KonstruktivistInnen so mißverstehbar ausdrücken (und einige es vielleicht auch so meinen) – das ist jedenfalls nicht der De-Konstruktivismus, den ich verteidige und vertrete.
    ‘Mein De-Konstruktivismus’ ist nicht idealistisch, sondern materialistisch (zugleich aber anti-empiristisch [1]).

    1.

    Nachdem Gen. khs neulich meine Arbeit über geschlechternomen-inkonforme Körperinszenierungen in die Diskussion eingeführt hatte, zitiere ich dann auch mal ein Stelle daraus:

    Es “lassen sich gegen den – in dem Bestreiten der angeblich ‚konventionellen Korrespondenztheorie der Wahrheit‘ liegenden – Agnostizismus wie auch gegen den Subjektivismus und Relativismus hermeneutischer und ethnomethodologischer Verfahren durchaus triftige Argumente vorbringen – und zwar durchaus und gerade aus (post)strukturalistischer Perspektive (insbesondere, aber nicht nur, wenn deren epistemologische [Bachelard, Canguilhem] Vorgeschichte nicht negiert und Althusser nicht die Worte im Munde umgedreht werden) und auch aus Perspektive der Sprechakt-Theorie. Denn aus beiden ergibt sich weder ein Verschwinden der Referenten” – Referent, hier = ein lingustischer Begriff; gemeint: das Realobjekt, auf das sich ein sprachliches Zeichen bezieht / auf das das Zeichen ‘referiert’ – “noch ein Verschwinden der Bedeutung. Wenn aber weder die Referenten (in der Wirklichkeit) noch die Bedeutung (der Sprache) verschwinden, dann ist es möglich, an einem objektiven (‚korrespondenz-theoretischen‘) Begriff von Wahrheit und Irrtum festzuhalten. […].
    Denn daraus, daß manche Äußerungen performativ sind (Das berühmte ‚Ich erkläre Euch zu [Ehe]Mann und [Ehe]Frau‘, ‚Ich taufe Dich auf den Namen XY‘), folgt nicht, daß alle Äußerungen performativ sind – also bspw.: ‚Es waren A und B, nicht C und D, die ich gestern getraut habe‘, ‚Es wird mein Wellensittich sein, den ich gleich taufen werde, und nicht die Yacht meiner Nachbarin‘, ‚Mein Wellensittich sitzt in seinem Käfig und fliegt nicht im Zimmer umher‘. All diese zuletzt genannten Äußerungen sind entweder wahr oder irrtümlich (wenn nicht gelogen), aber keinesfalls performativ [2]; sie bewirken – anders als Ferguson zu meinen scheint – keine ‚Vervollständigung‘ [3] der Sachverhalte, auf die sie referieren” (S. 49).
    “Und nichts anderes hat Austin behauptet; auch er hat die Existenz ‘konstativer’ Äußerungen” = Äußerungen, die etwas konstatieren statt hervorbringen – “anerkannt. Dies ist auch in der heutigen Sprachwissenschaft noch unumstritten:
    ‘The performative verb must be in the present (nonpast, nonfuture, nonperfect) tense, […]. Contrast performative (6) with nonperformative (7):
    I promise to take Max to a movie tomorrow. (6)
    I promised to take Max to a movie tomorrow. (7a)
    I have promised to take Max to a movie tomorrow. (7b).
    Saying ‚I promise‘ in (6), S makes a promise; but the words ‚I promised‘ and ‚I have promised‘ in (7) do not constitute the making of a promise; instead, they report that a promise was made.’ (Allan 1994, 3001).” (S. 50)
    “Selbst das richterliche Urteil schließlich, das sich (im Gegensatz zur Wissenschaft) im Zweifelsfall auf die Autorität ‘der amtlichen Stellung’ stützen kann (und sich deshalb vielleicht weniger als eine wissenschaftliche Aussage auf seine Objektivität berufen muß), soll ‘richtig sein, zutreffen, angesichts der Tatsachen gerechtfertigt werden können’ (Austin 1955a, 171 f.). Dieses ‚Rechtfertigen angesichts der Tatsachen‘ mag nicht immer einfach sein und (zumindest dann, wenn es nicht nur um die richterliche Feststellung von Tatsachen, sondern die wissenschaftliche Erklärung komplexer Zusammenhänge geht) der Hilfe der Theorie bedürfen. Es dennoch zu bewältigen, ist Aufgabe und Leistung der Wissenschaft wie auch – mit der genannten Einschränkung – der richterlichen Beweisaufnahme. Soviel zum Agnostizismus.” (S. 53)

    Auch noch soviel Sprechakte bringen keine Busen, Penisse, Vaginas, Chromosomen usw. hervor – mit einer solchen Karrikatur von ‘Dekonstruktion’ ist es wirklich nicht nötig, sich lange aufzuhalten.

    2.

    Sehr wohl sind aber nicht nur Sprechakte, sondern auch – und sogar in aller Regel – außer-diskursive Handlungen performativ (hervorbringend).

    B.

    “es wird nämlich die biologische realität der zweigeschlechtlichkeit GELEUGNET. (dass es auch geschlechtliche zwischenformen gibt, ist unbestritten. diese sind aber die ausnahme vond er regel)”

    Nee, die Ausnahmen sind der entscheidende Punkt!

    Völlig unbestritten ist, daß es, daß es Männer und Frauen in völliger Eindeutigkeit gibt:

    – Selbstverständnis, Paßeintrag/Geburtsurkunde, äußere und innere Geschlechtsmerkmale, Hormone und Chromosomen stimmen überein.

    Soweit es um die Übereinstimmung von “äußere[n] und innere[n] Geschlechtsmerkmale[n], Hormone[n] und Chromosomen” geht, ist diese Übereinstimmung nicht durch einen Sprechakt hervorgerufen worden.

    In aller Regel nehmen wir aber eine geschlechtliche Zuordnung nicht aufgrund einer Erkenntnis über eine Übereinstimmung dieser vier biologischen Merkmale vor.
    Im Alltag beschränken wir uns auf Merkmale wie Kleidung, Frisur, ob sich unter der Kleidung scheinbar ein natürlicher Busen befindet, Gang, Körperhaltung (diesbzgl. wird vom doing gender gesprochen). Auch diese Merkmale sind nicht (unmittelbar) durch Sprechhandlungen hervorgebracht (allerdings können Sprechhandlungen zu diesem oder jenem doing gender anregen!), aber sehr wohl durch außer-diskursive Handlungen (das Anziehen der entsprechenden Kleidung, das Frisieren der Haare, das Ausstopfen des BHs, das Abbinden des Busens); sie sind nicht biologisch! Im Alltag verwenden wir also gar keinen biologische Geschlechterbegriff – auch, wenn wir das fast alle glauben.

    Auch bei der geburtlichen Geschlechtsbestimmung wird sich in aller Regel auf den Augenschein der äußeren Geschlechtsmerkmale beschränkt. Nur wenn ‘Unstimmigkeiten’ / ‘Erwartungswidriges’ auffällt – z.B. eine ‘zu große’ scheinbare oder tatsächliche Klitoris; ein ‘zu kleiner’ scheinbarer oder tatsächlicher Penis – wird genauer untersucht.

    Trotzdem werden auch die uneindeutigen kleinen Menschen in ihrer Geburtsurkunde einem von nur zwei Geschlechtern zugeordnet; diese Zuordnung ist ein Sprechakt; und zwar ein performativer (hervorbringender) Sprechakt in Bezug auf der juristische Geschlecht des fraglichen Menschen.

    An der biologischen Vielfalt der menschlichen Realität können freilich auch diese Sprechakte nichts ändern. Freilich gibt es außer-diskursive, performative Handlungen (Operationen, Hormonverabreichung) mit denen das Geschlecht dieser Menschen vereindeutigt wird. Gegen dies nicht gesundheitlich, sondern sozial (politisch) begründete medizinische Behandlung von noch nicht zustimmungsfähige Menschen gibt es inzwischen in zahlreichen Ländern (kleine) Protestbewegungen – mit Unterstützung von unterschiedlichen Zweigen der akademischen Forschung sowie linken und liberalen politischen AkteurInnen.

    Eine unbekannte Vielzahl von Fällen geschlechtlicher Uneindeutigkeit fällt also nie im Leben auf; einige Fälle werden aus Anlaß von ungewollter Kinderlosigkeit oder von Dopingstests im Erwachsenenalter bekannt: siehe zu letzterem: http://maedchenmannschaft.net/sportler-sportlerin/; und dazu von mir: http://theoriealspraxis.blogsport.de/2009/08/26/gibt-es-ausschliesslich-zwei-geschlechter/.

    Die strikte Zweigeschlechtlichkeit ist also gerade keine biologische Realität; sondern eine juristische Benennungspraxis – und mit handgreiflichen (nicht-diskursiven!) medizinischen Zwangsbehandlungen wird versucht, die Realität dem politisch-juristischen Ideal der Zweigeschlechtlichkeit anzupassen.

    C.

    “der feministische versuch, ‘männer’ und ‘frauen’ rein ‘sozial’ zu definieren, soll dem vorhaben dienen, die patriarchalen strukturen aufzubrechen. dies kann aber niemals über ‘sprechhandlungen’ vollzogen werden.”

    Ja, das ist (aber) auch meine gleichermaßen revolutionäre wie de-konstruktivistische Kritik an den liberalen Lesarten von queer. Siehe dazu: http://www.nao-prozess.de/blog/queere-identitaetspolitik-contra-revolutionaer-dekonstruktivistischem-feminismus/. –

    Was trotz alledem m.E. an dem scheinbaren de-konstruktivistischem Sprechakt-Idealismus richtig ist:

    – Auch, wenn es also biologisch eindeutige Männer und Frauen gibt (wenn auch weniger als wir gemeinhin denken),

    – denke ich, daß es durchaus eine berechtigte Frage ist, ob es in einem Post-Patriarchat, in dem die sozialen Geschlechter überwunden und die biologische Vielfalt menschlicher Geschlechtlichkeit anerkennt ist,

    – noch einen Bedarf gibt / noch wünschenswert ist, die übereinstimmenden oder auch nicht-übereinstimmenden biologischen Merkmale zu einem Sammelbegriffen von “Geschlecht” – Männern, Frauen und dann auch weiteren Geschlechtern – zusammenzufassen,

    – oder ob dann nicht diese biologischen Merkmale für die gesellschaftliche Gruppenbildung irrelevant werden – so wie uns schon heute bestimmte biologischen Merkmale unserer Mitmenschen im Alltag nicht im geringsten interessieren.

    D.

    Dagegen spricht auch nicht:

    “die biologische funktion der zweigeschlechtlichkeit ist natürlich die fortpflanzung (arterhaltung).”

    Nicht auf das tatsächliche Kindergebären kommt es in unserer Gesellschaft für die Zuordnung zu dem Geschlecht “Frauen” an – sondern auf die Vermutung, daß die Person später einmal die Fähigkeit dazu haben wird. – Die tatsächlich Fortpflanzung würde also eine ganze andere Geschlechterdefinition als die heute übliche nahelegen.

    E.

    “natürlich ist das geschlecht nicht nur eine ‘soziale kategorie’, sondern eine fundamentale biologische konstante unseres seins und unserer geschlechtsidentität, die man nicht wechseln kann wie seine unterhose.”

    Das letztere behauptet nun auch wirklich fast keineR, da gerade transgender-Menschen jeden Tag auf’s Neue erfahren, daß sie auf gesellschaftliche Erwartungshaltungen zurückgeworfen werden – bspw., wenn Du darauf bestehst, mich als “er” zu adressieren.

    Und das die Geschlechtsidentität nicht vom biologischen Geschlecht abhängt – das ist nicht erst eine ‘Erfindung’ von De-KonstruktivistInnen, sondern das war schon die Einsicht von gänzlich unfeministischen Transsexualitäts-ForscherInnen und -PraktikerInnen und des mainstreams des vor-dekonstruktivistischen70er- und 80er Jahre Feminismus – aber selbst diese wissenschaftliche Einsicht ist immer noch nicht überall im patriarchalen Alltagsverstand angekommen.

    F.

    “natürlich befördern die sozial-kulturellen verhältnisse das asymmetrische geschlechterverhältnis. dies ist aber nicht dadurch zu beseitigen, dass man zu einem saltzstreuer ‘salzstreuerin’ sagt, sondern dass eine soziale (politische) bewegung alle formen und verhältnisse gesellschaftlicher herrschaft und unterdrückung aufhebt.”

    Ja und Nein. Sprache allein ändert nichts – außer der Sprache selbst. Aber wie wir MarxistInnen wissen, ist Politik immer auch Kampf um Begriffe, um Sprache: Marktwirtschaft vs. Kapitalismus; Demokratie vs. Diktatur des Bourgeoisie; Sozialpartnerschaft vs. Klassenkampf; Unternehmerlohn / Prämie für Risikobereitschaft vs. Mehrwert / Ausbeutung usw.

    G.

    “alle formen und verhältnisse gesellschaftlicher herrschaft und unterdrückung aufhebt. […]. dies kann — laut der marxistischen theorie der klassen [3]– nur die klasse der lohnabhängigen (proletariat);”

    Dies Allzuständigkeit der Lohnabhängigen bist Du genauso wenig in der Lage zu begründen, wie Gen. khs.

    H.

    “da diese durch ihre stellung im gesellschaftlichen produktionsprozess über einen strategischen hebel verfügt (potentiell). […]. der hebel der gesellschaftlichen transformation ist aber der klassenkampf der lohnabhängigen.”

    Inwiefern soll dieser “Hebel” dazu in der Lage sein, geschlechtshierarchische Arbeitsteilung, (sexualisierte und nicht sexualisierte) Männergewalt gegen Frauen, den § 218 und und und zu überwinden? Und wieso sollten die männlichen Teile der Klasse der Lohnabhängigen daran – entgegen der bisherigen Erfahrung – in Zukunft freiwillig mehr Interesse entwickeln, ohne daß Feministinnen ihnen gehörig Dampf unter dem Arsch machen? (Lohnabhängige Männer im Patriarchat haben etwas zu verlieren!) Und wieso sollten bürgerliche Frauen demgegenüber dazu nichts beitragen können???

    I.

    “der versuch, nach den frauenbewegten 70er jahren einen kulturellen roll back durchzuführen, um die frauen wieder an heim und herd zurückzubringen (kinder, küche, kirche oder koitus) muss als gescheitert angesehen werden. zwar haben es frauen immer noch schwerer, beruf und familie unter einen hut zu bringen (stichwort: doppelbelastung, die aber vermutlich mehrfachbelastung ist)”

    Vergeschlechtlichte Werbung, vergeschlechtliche Schulbücher usw. – dieser ganz überholt geglaubte Quatsch nimmt gerade wieder zu. Und die sog. “Doppelbelastung” ist nicht “noch”, sondern nimmt auch zu: Denn die Ausweitung der Frauenerwerbstätigkeit geht im real existierenden Patriarchat BRD nicht mit einer Entlastung der Frauen von unbezahlter Haus- und Erziehungsarbeit einher.

    Und deshalb werde ich erst in einem Post-Patriarchat eine Post-FeministIn sein – und Deiner marxistischen Verlockung, ‘Männer und Frauen möglichst harmonisch gemeinsam’ widerstehen.

    Denn auch für den Fall des Geschlechterwiderspruchs gilt die Einsicht, die die marxistischen Dialektik der hegelianischen Dialektik voraus hat: die in das Primat des Kampfes der Widersprüche vor der Einheit der Widersprüche. Der Kampf der Widersprüche führt zu gesellschaftlichen Veränderungen nicht; deren pazifizierende Stilllegung.

    [1] http://theoriealspraxis.blogsport.de/2008/11/05/gegenempirismus-und-idealismus/.

    [2] “Auch meine größten (Bezeichnungs)irrtümer können meinen Wellensittich nicht in die Yacht meiner Nachbarin verwandeln.”

    [3] “Der Terminus ‘Vervollständigung’ ist freilich etwas unklar. Sicherlich stellte die Aussage, die auf einen Referenten referiert, eine ‚Ergänzung‘ des Referenten in dem Sinne dar, daß damit der Gesamtheit der diskursiven und außer-diskursiven Phänomene etwas hinzugefügt wird (nämlich die fragliche Aussage); der Referent, auf den sie referiert, existierte aber zuvor schon vollständig (sofern die fragliche Aussage wahr ist, also nicht auf etwas referierte, das gar nicht existiert).”

    http://www.nao-prozess.de/blog/der-dekonstruktivistische-angriff-auf-die-wirklichkeit-und-den-marxismus/#comment-3290

  5. persönliche anmerkungen zum ‘biologischen’ und ‘sozialen’ begriff der geschlechter
    ==========================================

    [edit: die folgenden anmerkungen gehören nicht zur essential-debatte. sie sollen „nur“ die etwas mehr „persönlichen“ hintergründe und motive meiner positionen verständlicher machen. da ich auch eher „persönliche“ dinge zu DG geschrieben habe, scheint mir das nur fair zu sein.]

    „Befreit die sozialistischen Eminenzen von ihren bürgerlichen Schwänzen!” — Weiberrat des SDS, 1968

    unabhängig von der frage, ob die zweigeschlechtlichkeit eine “naturkonstante” des menschseins ist (was ich glaube) oder ob alle möglichen “zwischenformen von geschlecht” genauso “norm-al” sind wie “eindeutige männer und frauen” (was wohl die meinung von DG ist), scheint mir diese frage für den NAO prozess keine bedeutung zu haben. wenn DG sogar anarchisten dabei haben will, die in der “postrevolutionären staatsfrage” eine andere meinung als “marxisten” haben, kann ich mit DIESEM dissens sehr gut leben . ausserden denke ich, dass man diese frage gar nicht allein “politisch” und/oder “philosophisch” entscheiden kann, da dazu auch profunde kenntnisse in der biologie und biochemie nötig wären, über die wahrscheinlich keiner im NAO prozess verfügt (biologen im NAO prozess, bitte hand hoch heben !)

    ich habe noch mal über diese ganze debatte (insbesondere von gestern abend) nachgedacht und mir ist es wie schuppen aus den haaren (ja, ich weiss, ich hab nicht mehr viele) gefallen, warum mir diese diskussion so viel kopfschmerzen bereitet. und zwar war der entscheidene anstoss, als DG in einem kommentar geschrieben hat:

    “Ich für meinen Teil bestehe gar nicht darauf, von “Rassen” und “Geschlechtern” zu sprechen. “Rassifizierte gesellschaftliche Gruppen” und “sexuierte gesellschaftliche Gruppen” ist sicherlich präziser, aber nicht gerade eingängiger und für die Straßenagitation noch weniger geeignet.”

    da hat es “klick” gemacht! “sexuierte gesellschaftliche gruppen” war die erinnerungshilfe des verdrängten unbewussten. (nebenbei, ich würde niemals männer und frauen als “gruppen” bezeichnen. für mich sind sie die zwei hälften der menschheit: zwei und doch EINs! aber lassen wir diese “esoterik”)

    ich weiss natürlich, was DG mit dem begriff sagen will, eine gesellschaftliche gruppe, die durch das “geschlecht definiert” wird. aber — und jetzt komme ich zum kern des ganzen *trommelwirbel* — das wort “sexuiert” löst in mir die assoziation ” S E X ” aus (was für eine überraschung! – tja, das wurde mir bewusst, sogar ganz ohne therapeut und freudscher couch!

    worum es also geht, ist, dass mit der “geschlechterfrage” auch das KONZEPT DER EIGENEN SEXUALITÄT AUF DEM “POLITISCHEN PRÜFSTAND” STEHT; und da ist naturgemäss wohl jeder mensch sehr empfindlich. wenn ich mir überlege, wie oft z B männer sagen “geh mir nicht auf die eier” dann scheint das nicht nur ein neuralgischer (schmerz)punkt zu sein, sondern zeigt auch, dass die sexualität der KERN der persönlichkeit oder der charakterstruktur ist.

    ich habe mich eine lange zeit mit der frage beschäftigt, inwieweit sich in der sexualität das “patriarchale geschlechterverhältnis” ausdrückt und niederschlägt. so konnte ich z B eine lange zeit nicht mit einer frau in der “missionarstellung” verkehren, weil ich dachte, dass sei ausdruck der frauenunterdrückung. erst viel später begriff ich, dass ich völlig auf dem holzweg war … und wieder mal waren es frauen, die mich davon überzeugten, dass der “feminismus” nichts (oder wenig) mit den “realen” frauen zu tun hat. denn diese gehen viel selbstverständlicher und “natürlicher” mit allen fragen des “lebens” um als gehirnverwichste männer und “feministisch frustrierte scheinfrauen”. und da ich niemals etwas mit der sog. “männerbewegung” anfangen konnte (jedenfalls nicht viel) konnte ich [daher] keinen anderen standpunkt finden, um zu begreifen, dass die frauen keinen mann suchen, der die dinge aus IHRER perspektive sieht (denn das können sie selber), sondern der einfach selbstbewusst EIN MANN ist (was empathie natürlich nicht aussschliesst ) und ein wirkliches IN-DIVID-UM ist (also “unteilbar” = authentisches SELBST). (- ich wollte einfach als “mann” kein “frauenunterdrücker” sein und hielt an dieser (zwangs)vorstellung fest, bei gleichzeitigem (sexuellen) verlangen nach ihnen. dieser innere zwiespalt trieb mich bis in depressionen hinein.)

    also selbst wenn sich in der sexualität auch das “patriarchat” ausdrückt (so glaube ich z B, dass BDSM eine form der legierung von “herrschaft” und eigener “libidoökonomie” ist) dann können wir trotzdem nicht warten bis zum “postpatriarchat”, um unsere sexuellen bedürfnisse zu befriedigen; denn diese suchen sich ihren weg aus einer GRUNDLEGENDEREN quelle heraus (nämlich der [biosphärischen] triebstruktur). und dann ist es doch vernünftiger, seinen leidenschaften [durchaus im sinne von Fourier] nachzugehen als diese zu unterdrücken aufgrund einer “abweichenden haltung” zur gesellschaftlcihen realität. meine these ist, dass viele “linke” und “frauenbewegte” männer diesen widerspruch zwischen ” politischer ideologie” und “wirklichen leidenschaften” (einschl. der sexuellen “abgründe”) permanent in ihrer eigenen seele mit sich herumtragen und keinen ausweg sehen, ihn zu “lösen”. das umgekehrte gilt natürlich auch für frauen, die sich feministisch dünken und z B eine masochistische (hetero)sexualität haben, und vlt ein schlechtes gewissen haben, wenn sie sie auch geniessen.

    worauf ich also hinaus will, ist folgendes:
    wir können nur etwas überwinden, wenn wir es vorher auch voll ausgelebt haben. und jeder mann und jede frau (bei den “zwischenformen” weiss ich es nicht) wird sich (zumindest auf längere sicht gesehen) durch “politische einsichten” nicht davon abhalten lassen, ihre wahren bedürfnisse auch auszuleben (ich bin lange zeit aus der “sektenpolitik” ausgestiegen, weil ich gemerkt hatte, dass diese “sektenexistenz” mit meinem wunsch nach einer beziehung zu einer frau nicht vereinbar war.) selbst für katholische priester im zölibat ist diese aufgabe (selbst wenn sie glauben, der liebe gott verlange das von ihnen (während es in wirklichkeit nur von einer vertrockneten kirchenhierachie stammt) eine nummer ZU GROSS. der “naturanteil” des menschen lässt sich zwar bis zu einem gewissen grad kulturell “regulieren”, vollständig unterdrücken KÖNNEN WIR IHN NICHT. die natur verlangt IHR RECHT!

    von daher glaube ich, dass sich die menschen in ihrer überwiegenden mehrheit niemals von ihrer [kulturellen] sexuellen/geschlechtlichen identität “verabschieden” würden, um damit einem bestimmten “politischen programm” (selbst wenn es beansprucht, befreiung aus allen herrschaftsverhältnissen zu ermöglichen) zu entsprechen.

    möglicherweise will DG mit der “abschaffung der ‘sozialen’ geschlechter” [obwohl „geschlecht“ bei/m menschen immer biologie UND kultur sein wird; aber nicht jede kultur muss ein geschlecht zwangsläufig be“herr“schen] das gleiche erreichen, was ich mit meiner utopie der “geschlechterharmonie” ausdrücken möchte (auch wenn wir in DIESER FRAGE einen sehr unterschiedlichen politisch-philosophischen hintergrund haben).

    ich glaube aber, dass er/sie mit dieser begrifflichkeit mehr menschen abstossen als überzeugen wird. wenn es der (radikalen. radix = wurzel [des übels]) linken nicht gelingt, ihr politisches anliegen mit den WAHREN BEDÜRFNISSEN UND LEIDENSCHAFTEN DER MENSCHEN in übereinstimmung zu bringen, wird sie niemals ihre ziele auch praktisch umsetzen können und zu einer immerwährenden randständigen “sektenexistenz” verurteilt sein.

    zum abschluss noch ein kleines zitat aus der bibel des NAO prozesses:

    “Die LohnarbeiterInnenklasse ist nach wie vor das „eine“ revolutionäre Subjekt auch wenn sich ihr „Gesicht“ seit 1970 und erst recht seit 1917 dramatisch verändert hat.
    Denn „obwohl die politische Programmatik vieler „neuer sozialer Bewegungen“ auf den ersten Blick vielleicht umfassender wirkt (globale Gerechtigkeit, Friedfertigkeit, ökologische Überlebensperspektiven, Solidarität) besitzen sie dennoch keinen solch zentralen Bezugspunkt der Auseinandersetzung, durch den die Hegemonialansprüche des Kapitals automatisch in Frage gestellt würden.“
    http://www.nao-prozess.de/blog/neue-antikapitalistische-organisation-na-endlich-worueber-muessen-wir-uns-verstaendigen-und-worueber-nicht/

    quelle: http://www.nao-prozess.de/blog/der-dekonstruktivistische-angriff-auf-die-wirklichkeit-und-den-marxismus/#comment-3319

    • Lieber Systemcrash:
      was du geschrieben hast, nenne ich schlichtweg genial und meine das voll im Ernst.
      Die Leidenschaften der Menschen und ihr Aufflug muss im Mittelpunkt des Emanzipationskampfes der Menschheit sein.
      Charles Fourier grüßt aus dem Jenseits.
      Ja, Systemcrash, du meinst das selbe wie ich. Diese Poststrukturalisten wollen die menschlichen Leidenschaften reglementieren, und wenn sie es sogar noch nicht einmal bewusst tun (oder mittels Sprache herzustellen beabsichtigen), um so schlimmer.
      Du hast es hervorragend auf den Punkt gebracht!

      wenn es der (radikalen. radix = wurzel [des übels]) linken nicht gelingt, ihr politisches anliegen mit den WAHREN BEDÜRFNISSEN UND LEIDENSCHAFTEN DER MENSCHEN in übereinstimmung zu bringen, wird sie niemals ihre ziele auch praktisch umsetzen können und zu einer immerwährenden randständigen “sektenexistenz” verurteilt sein.

      DAS ist die wirkliche Differenz.
      Es KANN bei diesem „poststrukturalistischem“ Zeug wirklich nur eine neue Art von „Tugenddiktatur“, herauskommen, selbst wenn es auuf Samtpfötchen ist.
      Ich habe genau das bereits selbst konkret erlebt, und zwar im NAO-Umfeld.
      Wer mittels der Sprache meint die soziale Realtität verändern zu können, der versucht, Sprache zu reglementieren. Gewisse Dinge „sagt man nicht“ oder „man sagt sie nicht so“, der jargon wird wichtiger als ausgesagte Inhalte.
      ———-(joke)————–
      Weil wir gerade beim Thema sind.
      Von poststrukturalistischen Feministen wird gern eingefordert, dass das Wort „man“ (grammatisch unpersönliches Pronomen genannt) Ausdruck patriarchaler Herrschaftsverhältnisse sei, weil es eine Verkürzung des Substantives „Mann“ sei. „Politisch korrekt“ sei deswegen die Schreibweise „man/frau/lebe“ (z.B.)
      Leider steht diese These mit der Sprachwissenschaft auf Kriegsfuss.
      Es ist zwar richtig, dass das Wort „man“ (dt.) mit „Mann“ etymologisch verwandt ist und die gleiche Wurzel aufweist, nämlich „man“ (z.B. engl.).
      Das ist aber nur ein Teil der Wahrheit. „man“ hat nämlich auch die gleiche Wurzel wie „Mensch“ (im englischen ist das völlig sonnenklar).
      „man“ ist aber in seinem Ursprung tatsächlich Bedeutungsträger für „Mensch“ und nicht einen männlichen Mann.
      Männliche Menschen wurden explizit etwa als „ceorls“ bezeichnet, woraus „Kerl“ wurde, und Frauen als „wip“, woraus „Weib“ wurde.
      Die erste Verengung des Begriffs erfolgte im frühen Feudalismus dadurch, dass „man“ auf freie Menschen eingegrenzt wurde, Hörige waren von diesem Begriff ausgeschlossen.
      „Sei einer Knecht oder Mann“ ist mir als Zeile eines frühneuhochdeutschen Liedtextes in Erinnerung, freilich auch schon mit einer Verengung auf freie männliche Menschen.
      Die Verengung des Begriffes auf männliche Menschen erfolgte sprachgeschichtlich erst sehr spät sprachgeschichtlich, die Ableitung des Wortes „Mensch“ aus der Wurzel „man“ ist wesentlich älter.
      Poststrukturalisten werden einwenden, dass das ja sogar ein Beweis dafür sei, dass das Patriarchat die Frauen zu Nicht-Menschen erklären würde, Möglicherweise kommen sie dann auf die Idee, das Wort „Mensch“ im Deutschen z.B. durch „Frausch“ zu ersetzen, oder besser noch „Lesbesch“.
      Dumm ist nur, dass Sprachen wie das Japanische gibt, das gar keinen Genus (Geschlecht eines Wortes) kennt. Nach poststrukturalistischen Prognosen müsste es sich bei Japan dann um eine genuin nicht.partriarchale Kultur seit alters her handelte, denn das Instrument des Genus stand den mythischen Erschaffern des Patriarchats ja gar nicht zur Verfügung.
      Und wie erklärt der Poststrukturalismus die böse patriarchale Absicht hinter Substantiven mit weiblichem Genus wie:

      DIE Welt
      DIE Schöpfung (alle -ung sind weiblich)
      DIE Menschheit (alle -heit oder -keit sind weiblich, abgeleitet von einer protogermanischen Wurzel des gotischen Begriffes „haidus“ = „das Wesen, die Essenz“)

      und zahllose mehr (bitte mal ein Wörterbuch der deutschen Sprache nur lose überfliegen)
      ———-
      der letzte Absatz ist trotz ernst gemeinter und belegbarer Beispiele nur als Joke zu verstehen.

      • lieber bronsteyn,

        na ja, „genial“ würde ich es nicht nennen, denn der entscheidene hinweis auf fourier stammt ja von dir. aber trotzdem danke für die blumen 🙂
        ich habe einfach versucht, etwa 30 jahre meines lebens auf ein paar zeilen zusammenzupressen. 😉

        was DIE ERDE und DIE SCHÖPFUNG angeht, so glaube ich, dass sich das uralte matriarchale bewusstsein von der Macht des weiblichen [gaia*= die (MUTTER)erde, die ersten götter waren GÖTTINEN!!!] sich einfach auch beim modernen menschen unterbewusst gehalten hat, was sich dann auch in sprachlichen „fossilien“ über die jahrtausende gehalten hat; und was auch die patriarchal-kulturelle überformung nicht auslöschen konnte aus dem kollektiven unterbewusstsein der menschheit …

        *) „Gaia oder Ge (griechisch Γαῖα oder Γῆ, dorisch Γᾶ), deutsch auch Gäa, ist in der griechischen Mythologie die personifizierte Erde und eine der ersten Götter. Ihr Name ist indogermanischen Ursprungs und bedeutet möglicherweise die Gebärerin.[1]“ http://de.wikipedia.org/wiki/Gaia_(Mythologie)

        nur in EINEM punkt muss ich wikipedia widersprechen, GAIA ist KEIN gott — sondern eine GÖTTIN !!! 😉 oder noch genauer: da alles menschliche leben dem frauenleib entspringt, ist auch die gesamte schöpfung in der vorstellung weiblich. später wurde durch das patriarchat der weibliche anteil der welt möglichst klein gehalten. heute bemüht man sich um eine integration der weiblichen und männlichen wertsphären, wo man durchaus auch vorbilder in uralten philosophien und weisheitslehren finden kann, wie z b in esoterisch-mystischen religionsvorstellungen oder in ostasiatischen lehren wie dem taoismus, dessen grundprinzip die übernahme der natürlichen harmonie und ausgleich der kräfte im gesamten kosmos ist; was ja durchaus mit modernen vorstellungen wie entropie (und auch für die ökologiefrage relevant ) konvergent ist.

        allerdings, bei einigen „postmodernen“ glaube ich, dass sie ihr „herz“ vollkommen vergessen oder verdrängt haben ;-/

  6. auf ‘scharf links’ ist ein interessanter artikel zu Althusser erschienen: http://www.scharf-links.de/266.0.html?&tx_ttnewstt_news=27626&tx_ttnewsbackPid=56&cHash=978148001e

    ————————————————

    “Im NaO-Prozess entwickelte sich aus der Diskussion über das Proletariat als historisches Subjekt und über die Geschichtsphilosophie eine Diskussion über den strukturalen Marxismus Louis Althussers und den Dekonstruktivismus [1].

    In dem Kontext mag es nützlich sein, ein Referat zu dokumentieren, das 1995 ein – sich „Broschürengruppe“ [2] nennender – Zirkel bei der Berliner Volksuni [3] zum Thema “Althusser und die Neubestimmung linker Politik” hielt:

    Spätestens seitdem 1992 Althussers autobiographischen Texte posthum erschienen sind, ist der französische kommunistische Philosoph wieder in vieler Munde. So erschienen zu seiner Autobiographie “Die Zukunft hat Zeit” u.a. in der ‘Neuen Zürcher Zeitung’, der ‘Zeit’, der ‘taz’, im ‘Freitag’ und der ‘Konkret’ Rezensionen.
    Vielen, die sich neuerdings für Athusser interessieren geht es allerdings nur darum, diesen erneut als Stalinisten zu dissen (so ‘NZZ’). Oder ihr voyeuristisches Interesse an der Psyche Althussers, der – nachdem er 1978 seine Ehefrau ermordet hatte – in die Psychiatrie kam, zu befriedigen.

    Allerdings gibt es auch einige Veröffentlichungen, denen es um (eine Weiterentwicklung von) Althussers theoretischen Interventionen geht:
    So erschien im Argument-Verlag der Sammelband “Denk-Prozesse nach Althusser”, im Decaton-Verlag der Band “Der Staat in den Köpfen” zu Poulantzas und Althusser und Etienne Balibars Buch “Für Althusser”. Auch die seit dem vergangenem Jahr erscheinende Vierteljahreszeitschrift “Die Beute” (Edition ID-Archiv) ist teilweise von Althusser beeinflußt. So brachte “Die Beute” in ihrem ersten Heft eine Annotation zu Althussers Autobiographie und beschäftigte sich mit Judith Butlers Buch “Gender trouble”, das durchaus im Kontext von Althussers Kritik Subjekt-Ideologie gelesen werden kann.

    Die Nr. 2 brachte ein Interview mit der US-Feministin Nancy Fraser, die sich u.a. auf Althusser und Foucault bezieht (s. auch deren Buch Widerspenstige Praktiken, Suhrkamp, 1994). In Nr. 3 schrieb Jost Müller unter Bezug auf Althusser und Poulantzas über “Faschismus und Demokratie”. Die Beute-Redakteurin Sabine Grimm formulierte u.a. unter Bezug auf Althusser Ideologie die These, daß der Sexismus genauso wenig auf der Existenz biologischer Geschlechter (engl. sex) beruhe wie der Rassismus auf die Existenz biologischer Rassen. Vielmehr seien Geschlechter und Rassen ideologischen Konstruktionen (s. Etwas Besseres als die Nation, Edition ID-Archiv, 1944, S. 101.

    In dem Band sind mit Alex Demirovic und Jost Müller zwei weitere von Althusser beeinflußte Autoren vertreten). Auf die Beiträge des Althusser-Kollegen Etienne Balibar zur Rassismus-Diskussion beziehen sich schließlich verschiedene Texte in dem von Sabine Grimm und Cornelia Eichhorn herausgegebenen Band “Gender Killer. Texte zu Feminismus und Politik”. Wir selben uns schließlich in unserer Broschüre “Triple oppression und bewaffneter Kampf” auf Althusser bezogen.

    Während wir ausgehend von einer leninistischen Position und ausgehend von der Beschäftigung mit der kommunistischen Fraktion in der westeuropäischen Guerilla uns auf Althusser beziehen, steht Althusser in den meisten anderen angeführten Texten neben PoststrukturalistInnen wie Foucault, Deleuze und der schon erwähnten Judith Butler. Aus diesen unterschiedlichen Kontexten ergeben sich selbstverständlich unterschiedlich Lesarten von Althussers Texten; diese Unterschiede sollen im folgenden das Thema sein.

    Zuvor noch eine Vorbemerkung: Wenn wir im folgenden einige Aspekte der poststrukturalistischen Althusser-Rezeption kritisieren, dann verwerfen damit diesen Ansatz nicht in Gänze. Vielmehr haben wir selbst auf dem Autonomie-Kongreß Ostern ’95 in Berlin das Projekte einer “linksleninistischen Postmoderne” vorgestellt. Darunter machen wir es allerdings nicht! D.h. wir nutzen die Postmoderne nicht, um den Leninismus Althussers zu eliminieren, sondern den Leninismus Althussers um die reformistischen Tendenzen in der Postmoderne, die bekannte postmoderne Beliebigkeit, zurückzudrängen.

    Insofern stimmen wir den Herausgeberinnen von “Gender Killer”, die sich nicht auf Lenin beziehen, zu, wenn sie an bestimmten Tendenzen der gegenwärtigen Debatte bemängeln: “(…) die sexistischen Gewaltverhältnisse (sind) weitgehend aus dem Blickwinkel (…). Als könnte das Zauberwort ‘soziale Konstruktion’ die Herrschaftsverhältnisse auflösen und die Kategorie Frau überwinden, bevor die Frauen den alltäglichen Sexismus zurückgedrängt haben.”

    Wir halten deshalb mit Althusser dagegen, wenn es am Ende von “Der Staat in den Köpfen” sehr vage (und anscheinend gegen die Notwendigkeit der Formierung eines revolutionären Subjektes gerichtet) heißt: “Es ist zum Beispiel relativ einfach, nicht mehr ‘Ich’ zu sagen, (…) umgekehrt kann man weiterhin Ich sagen, nur zum Spaß, (…).”
    Man/frau kann dies in der Tat machen oder es auch sein lassen; aber die “Möglichkeit d(…)es Bruches” mit den gesellschaftlichen Strukturen liegt darin nicht.

    Wir halten mit Althusser dagegen: Es gibt eine Praxis nur unter der Ideologie und jede Ideologie ruft die Individuen als Subjekte – als Subjekte ihrer Praxis! – an. …

    Wir halten deshalb mit Althusser dagegen, wenn die Existenz der objektiven Realität bestritten und alles auf die angeblich frei floatierende Bedeutung(sgebung) reduziert wird. Althusser hat zwar gegen den Empirismus zurecht betont, daß wir die objektive Realität nicht unmittelbar erkennen können; daß wir dafür vielmehr Begriffe und Theorien benötigen; daß die Erkenntnis eines Real-Konkretum ein – von diesem Realen zu unterscheidendes! – Gedanken-Konkretum ist. Gleichzeitig hat Althusser aber gegen jeden Idealismus mit Marx betont, daß das Real-Konkretum existiert – und zwar außerhalb des Kopfes des erkennenden Subjektes existiert. …

    Wir halten deshalb dagegen, wenn von der Herausgebern der “Denk-Prozesse nach Althusser” Althussers Betonung der Wissenschaftlichkeit des historischen Materialismus in Frage gestellt wird. …

    Wir halten deshalb mit Althusser und Teresa Ebert dagegen, wenn die Frage der Staatsmacht ausgeblendet und der Kampf um gesellschaftliche Veränderungen zu einem rhetorischen Spiel gemacht wird. …
    Althusser sagte zur vom 22. Parteitag der KPF formulierten “These vom parlamentarischen Übergang zum Sozialismus”: “Der Staat, das ist in der Tat die entscheidende Frage: Die kommunistischen Parteien (also zunächst deren Führungen) nehmen eine Haltung ein, die – zumindest verbal – in dieser Hinsicht eine Aufgabe wesentlicher Prinzipien von Marx und Lenin darstellt: Aufgabe des Begriffs der Diktatur des Proletariats, Aufgabe der ‘Zerschlagung’ des bürgerlichen Staates und halbes oppurtunistisches Schweigen über das ‘Absterben des Staates’, das sie durch den Begriff der ‘Demokratisierung des Staates’ ersetzen. (…) das ganze Ensemble des Klassenkampfes in Ökonomie, Politik und Ideologie (Engels fügte hinzu: Theorie) läßt sich (…) nicht auf den politischen Klassenkampf reduzieren, wie er sich unter anderem in Wahl- und parlamentarischen Kämpfen äußert. (… Deshalb) müßte man von ‘Voluntarismus’ sprechen, wenn ein Aspekt des Klassenkampfs (sei es der ökonomische, der politische, der ideologische oder theoretische) isoliert und als das Ganze des Klassenkampfs betrachtet würde. Wer dann aber von Voluntarismus spricht, muß konsequent sein auch von Abenteurertum sprechen. In diesem Sinne habe ich im Blick auf gewisse Formulierungen des 22. Parteitages von einer Tendenzen zum ‘demokratischen Abenteurertum’ gesprochen.”

    Wir hatten unsere gemeinsame theoretische und politische Arbeit aufgenommen, nachdem dieses “demokratische Abenteurertum” auch die Rote Armee Fraktion erreichte, die seit dem April 1992 eine “politische Lösung” für ihren Kampf gegen den BRD-Staat anstrebt. Dabei haben wir in unserer Broschüre “Triple opression & bewaffneter Kampf”, die wir im vergangenen Jahr hier auf der Volks-Uni vorgestellt hatten, gleichzeitig das vorhergehenden militärische Abenteurertum der RAF kritisiert.

    Seitdem haben wir uns in verschiedene politische Debatten eingemischt: den Sexismus in der ‘Jungen Welt’ kritisiert, einen kritischen Wahlaufruf für die PDS geschrieben, die Mobilisierung des “anti-deutschen” Spektrums zum 8. Mai kritisiert und im Bündnis mit Teilen der Autonomen zu einer eigenen Demo am 8. Mai aufgerufen. Parallel dazu haben wir versucht, unsere theoretischen Positionen weiterzuentwickeln, was darin mündte, daß wir Ostern versucht hatten, den Autonomen Althusser schmackhaft zu machen, und jetzt Pfingsten versuchen, den von uns auf der Volks-Uni gemutmaßten Althusser-KennerInnen die Revolution schmackhaft zu machen.
    Ob uns das gelungen ist, müßt Ihr selbst sagen…

    [1] http://www.nao-prozess.de/blog/poststrukturalismus-revision-oder-radikalisierung-des-revolutionaeren-marxismus
    und
    http://www.nao-prozess.de/blog/der-dekonstruktivistische-angriff-auf-die-wirklichkeit-und-den-marxismus
    [2] Vgl. http://www.nao-prozess.de/blog/staat-gesellschaft-totalitaet
    [3] http://de.wikipedia.org/wiki/Volksuni“

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