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Halbzeit im NAO Prozess

Bericht von der Sommerdebatte

die NAO sommerdebatte war ein erfolgreiches — wenn auch ein etwas anstrengendes 😉 –wochenende. der dort erhaltene input war so gross, dass er mich noch eine weile beschäftigen wird. ich möchte aber trotzdem, unter dem noch frischen eindruck, einen bericht von der tagung verfassen, weil ich denke, er wird umso authentischer werden, je geringer der zeitliche abstand ist. die gefahr, dass dies auf kosten einer elaborierten reflektion gehen mag, nehme ich dabei gerne in kauf.

ich werde nur von den workshops und diskussionen berichten, an denen ich auch teilgenommen habe. im schlussteil versuche ich dann eine einschätzung des gegenwärtigen entwicklungsstandes im NAO prozess.

Eröffnungsplenum: Care-Ökonomie als Ansatz für Kapitalismuskritik

zunächst einmal eine grundsätzliche bemerkung:

dass die NAO initiative (sofern man das schon als „erkennbare“ politische strömung ansehen kann) ihre erste bedeutende veranstaltung zur internen konsolidierung mit DIESEM thema eröffnet hat, zeigt schon, dass man gewillt ist, neue wege jenseits des „traditionslinken“ spektrums zu gehen. ich muss auch persönlich sagen, dass ich dieses plenum am interessantesten fand. am meisten erfreut es mich natürlich, dass ausgerechnet beim „frauenthema“ die referentin eher eine klassenorientierte position vertritt als die gleichrangigkeit von gender, race und class, wie dies DGS präferiert.

der ausgangspunkt der care-ökonomie unter kapitalistischen bedingungen ist die trennung der lohnarbeit von der reproduktion(sarbeit). dabei versteht man unter reproduktion alles, was zur (wieder)herstellung der leistungsfähigkeit der arbeitskraft erforderlich ist und/oder beiträgt als auch die fortpflanzung der gattung selbst; oder weniger geschwurbelt ausgedrückt: das kinder machen und – kriegen.

so heisst es bei Friedrich Engels:

„Nach der materialistischen Auffassung ist das in letzter Instanz bestimmende Moment in der Geschichte: die Produktion und Reproduktion des unmittelbaren Lebens. Diese ist aber selbst wieder doppelter Art. Einerseits die Erzeugung von Lebensmitteln, von Gegenständen der Nahrung, |28| Kleidung, Wohnung und den dazu erforderlichen Werkzeugen; andrerseits die Erzeugung von Menschen selbst, die Fortpflanzung der Gattung.“

daraus erklärt sich auch schon zum teil, warum sich [traditionelle] marxisten mit der care-ökonomie so schwertun. während das kapitalverhältnis rein unter ökonomischen gesichtspunkten analysiert werden kann, ist die care-ökonomie zu einem teil eine ökonomische kategorie und zum anderen teil ausserökonomisch (privat). das macht die politische ökonomie der care-arbeit zu einem recht brisanten thema!

die referentin vertrat die ansicht, dass im zuge der sog. globalisierung die trennung von lohnarbeit und reproduktion schlicht und ergreifend „zu teuer“ wurde. die traditionelle aufteilung von überwiegend männlich-dominierter „wirtschaftssphäre“ und weiblich-„definierter“ familiensphäre setzte ja den sogenannten „familienlohn“ der männlichen lohnarbeiter voraus; also eine lohnhöhe, die quasi den unterhalt einer (klein)familie (mann, frau, kinder) ermöglichte.

da aber seit der wiedervereinigung die reallohnhöhe faktisch gesunken ist und durch die zunahme prekärer arbeitsverhältnisse, ist dieser „familienlohn“ nur noch für sehr qualifizierte sektoren der lohnabhängigen realisierbar.

diese ökonomische „krise“ des patriarchalen reproduktionsmodells drückt sich z b in sinkenden geburtenzahlen aus, was auch sozialpolitische konsequenzen hat wie die frage nach der sicherheit der renten.

Image

ich selber machte dann noch die anmerkung, dass man bei der care-ökonomie unterscheiden sollte zwischen der traditionellen (klein)familienversorgung und den bereichen, wo care-ökonomie eine gesellschaftliche institutionalisierung erfahren hat, wie bildungswesen, gesundheitswesen, hilfsorganisationen, pflegeeinrichtungen, kindergärten etc. bei dieser „vergesellschafteten“ care-ökonomie handelt es sich eigentlich um ein eingeständnis der „bürgerlichen gesellschaft“, dass nicht alle reproduktionsarbeiten, die gesellschaftlich erforderlich sind,  über das (klein)familienmodell gesichert werden können. das lässt vlt sozialistische forderungen, wie die „vergesellschaftung der hausarbeit“, in einem etwas weniger utopischen licht erscheinen.

die referentin verwies auf vier unterschiedliche denkstereotype, über die „spaltungslinien“ innerhalb der lohnarbeiterInnenklasse sich ideologisch vollziehen. diese darf man aber nicht „verschwörungstheoretisch“ als perfide taktik des klassengegners ansehen, sondern sie haben durchaus historische entstehungsgründe und eine breite verankerung im „Massenbewusstsein“, die man ernst nehmen muss, wenn man sie politisch angehen will. diese vier „spaltungslinien“ sind:

1) Klassismus (sozialer Status)

2) Geschlecht (asymmetrische arbeitsteilung nach geschlechtern = [patriarchale] herrschaftshierarchie)

3) Rassistische ausgrenzung und unterdrückung (Ethnie, Nationalität, Religion, Hautfarbe)

4) Körperbezogen (Alter, gesundheit, behinderungen) [ich persönlich würde noch den „schönheitswahn“ als körperbezogene „doing-genderpolitik“ einstufen]

die verflechtung all`dieser asymmetrischen Machtverhältnisse wird als im feministischen diskurs als INTERSEKTIONALITÄT bezeichnet.

die referentin wies auch darauf hin, dass sie die bezeichnung „antagonistische orientierungen“ bei den SIB essentials für den „mann/frau-dualismus“ als falsch ansieht; womit sie mir aus dem herzen sprach!

Ökosozialismus

ich hatte mich für den workshop „ökosozialismus“ entschieden, obgleich ich mich mit diesem thema noch kaum beschäftigt habe. ich glaube aber, dass dieses thema von der linken unbedingt mehr in den fokus gerückt werden muss. aber genauso, wie sich die linke offensichtlich mit der „frauenfrage“ schwertut, so tut sie sich mit der „ökofrage“ schwer. auch da dürfte der grund darin liegen, dass die „ökofrage“ zum teil eine soziale (politische) dimension hat, zum anderen aber auch eine frage des mensch-naturverhältnisses ist, was sowohl „philosophische“ (weltanschauliche) als auch naturwissenschaftliche (technische) fragestellungen beinhaltet. sowohl das naturwissenschaftliche als auch das „weltanschauliche“ sind aber fragestellungen, die nicht gerade paradedisziplinen der „radikalen linken“ sind! da besteht noch ein grosser nachholbedarf, obwohl die ökobewegung ja auch schon ein paar jährchen auf dem buckel hat.

von diesem workshop möchte ich aber nur eine kurze zusammenfassung der zentralen thesen des referenten wiedergeben.

1) die ökofrage ist ein integraler bestandteil der sozialistischen strategie

2) die sozialistische bewegung muss sich vom alten wachstumsdenken und produktivistischen illusionen frei machen, da die naturressourcen endlich sind.

3) der produktivismus lässt sich nicht mit Marx und Engels begründen. daher war auch der „realsozialismus“ in ökologischer hinsicht kein fortschritt. allerdings ist auch ein grüner kapitalismus eine contradictio in adjecto. (was übrigens von einem isler massiv in zweifel gezogen wurde!)

die menschliche bedürfnisbefriedigung kann laut Marx nicht nur quantitativ bestimmt werden, sie hat auch eine qualitative (tiefen)dimension; was auch einen „qualitativen fortschrittsbegriff“ erforderlich macht.

die abkoppelung [dissoziation] von mensch und natur ist aus meiner sicht eine folge reduktionistisch-rationalistischen aufklärungsdenkens und auch ausdruck der trennung der „männlichen“ und „weiblichen“ wertsphären, was zu einer einseitigen „verkopfung“ und verdrängung des intuitiven denkens [emotionale intelligenz] geführt hat.

4) für eine ökosozialistische perspektive gab der referent sechs verschiedene kriterien an, die er für eine umsetzung für unabdingbar hält:

4a) Entschleunigung (vermeidung unnötiger naturvernutzung und energieverschwendung, vermeidung unnötiger transportwege)

4b) Nachhaltigkeit (produkte mit langer lebensdauer und günstiger energiebilanz)

4c) Kreislaufwirtschaft (fokussierung auf produkte, die sich gut wieder in den wirtschaftskreislauf zurückführen lassen)

4d) Gemeineigentum (überführung der zentralen produktionsmittel in die kontrolle der unmittelbaren produzenten, bei jederzeitiger abwählbarkeit des führungspersonals)

4e) direkte demokratische selbstverwaltung von unten (rätedemokratie)

4f) Dezentralisierung von produktion und transport [dieser punkt wurde aber nicht wirklich ausdiskutiert]

Der Charakter des NAO Prozesses und ein unterschiedliches Organisationsverständnis der einzelnen Beteiligten

die NAO sommerdebatte hat für mich eins ganz deutlich gezeigt: es herrscht keineswegs bei allen NAO gruppen ein einheitliches verständnis darüber, was der NAO prozess im moment darstellt und welche politischen aufgaben sich daraus ergeben. so wurden z b  im workshop zu diesem thema zwei referate der interkomms und der GAM gehalten, die zwar die allgemeinen voraussetzungen „revolutionärer politik“ benannten, aber mit keinem wort auf die aktuelle situation in der essential-debatte eingingen. was für mich ganz klar zeigt, dass 1)  die gruppen sich viel zu wenig an der essential debatte beteiligen (siehe auch den artikel von Micha Prütz) und 2) die gruppen offensichtlich gar nicht oder ungenügend verstehen, dass über die essential-debatte die inhaltliche annäherung der gruppen verwirklicht werden soll, was dann zur folge auch eine praktische handlungsfähigkeit der „gesamt NAO“ hätte.

von daher fand ich auch die kritik einiger organisierter genossInnen an der nutzung des NAO blogs etwas scheinheilig. zwar ist es richtig, dass die ermüdenden und anstrengenden detail- und kärrnerarbeiten an der ausformulierung der essentials für viele nicht mehr nachvollziehbar sind und von daher auch eine „negative“ aussenwirkung haben. da der blog aber quasi das öffentliche aushängeschild des NAO prozesses darstellt, wird diese form der nutzung massiv in frage gestellt.

meine haltung dazu ist folgende:

solange der NAO prozess ein offener diskussions-prozess ist, ist der blog das einzig mögliche medium um die „programmdebatte“ der NAO möglichst öffentlich und transparent durchzuführen. da die initiatoren ausdrücklich eine ausweitung auf andere politische spektren (oder auch unorganisierte) wünschen, sehe ich zur blog diskussion keine alternative. ausserdem steht es ja jedem frei, ebenfalls seine kommentare und artikel in den blog zu stellen. nicht mal die anerkennung der fünf SIB essentials ist dafür erforderlich. schliesslich schreiben ja auch die bochumer hin und wieder noch, und auch der AKKA (khs) kann hier schreiben und selbst die isl als vollmitglied des NAO prozesses erkennt zwar formal die essentials an, vertritt aber in der organisationsfrage (umgruppierung der subjektiven revolutionäre vs breiter antikapitalistischer Pol [unter einschluss von reformisten und gradualisten]) ein von den essentials abweichendes konzept.

(allerdings habe ich gegen die einrichtung einer „internen diskussionsstruktur“ nichts einzuwenden)

von daher sollten sich aus meiner sicht die NAO gruppen vielmehr selbst fragen, warum sie bislang ihre „fenster nach aussen“ maximal nur zu einem zehntel geöffnet haben.

der gen. Micha Prütz (SIB) wies in der abschlussdebatte der NAO tagung dann auch vollkommen zu recht darauf hin, dass die beteiligten genossInnen eine „emapthie für netzwerkarbeit“ entwickeln müssen, und dass die schädliche orientierung der politischen gruppen nach innen überwunden werden muss.

meines erachtens ist diese „innenorientierung“ zum einen der angst vor politischen fehlern geschuldet. dabei ist es ganz normal und menschlich, fehler zu machen. schlimm wäre es nur, nicht aus fehlern zu lernen. und ich bin sogar davon überzeugt, dass eine organisation, die mit ihren fehlern souverän umgeht, attraktiver ist als eine organisation, die von einem „unfehlbaren Zentralkomitee“ angeleitet wird.

zum andern steckt dahinter ein ultraleninistisches verständnis des demokratischen zentralismus, was jegliche kritik nach aussen unterbindet. so eine karikatur auf den bolschewismus kann nur zu einer „sektenbildung“ führen.

„Und schließlich sagen wir doch unter uns offen heraus: Fehltritte, die eine wirklich revolutionäre Arbeiterbewegung begeht, sind geschichtlich unermeßlich fruchtbarer und wertvoller als die Unfehlbarkeit des allerbesten Zentralkomitees“.“ — Rosa Luxemburg

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5 Kommentare zu “Halbzeit im NAO Prozess

  1. Pingback: Halbzeit im NAO Prozess « Neue antikapitalistische Organisation? Na endlich! - Debatte zur Neugruppierung der radikalen Linken

  2. Klaus Engert
    Ist Karl an allem schuld? – Marx, Engels und die Ökologie

    Karl Marx und Friedrich Engels werden im allgemeinen für das verantwortlich gemacht, was sich später realer Sozialismus nannte. Folgerichtig werden die beiden unter anderem auch für das in Haftung genommen, was die so genannten realsozialistischen Staaten an Umweltzerstörung produzierten. Aber kann man die Theorie von Marx und Engels tatsächlich dafür verantwortlich machen, dass der Raubbau an den natürlichen Ressourcen und die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen in den Ländern, in denen sich die Machthaber auf den Marxismus beriefen, eher noch größere Ausmaße hatte als in den kapitalistischen Ländern? Ist der Marxismus eine ab ovo technik- und fortschrittsgläubige Ideologie?
    Der Frage, welche Hintergründe die Umweltpolitik in den so genannten realsozialistischen Staaten hatte, wollen wir im nächsten Kapitel nachgehen.Doch zunächst einmal werden wir uns damit beschäftigen, ob die Sozialismusvorstellungen von Marx und Engels tatsächlich im Widerspruch zu einer ökologisch nachhaltigen Gesellschaftsveränderung stehen.

    Marxismus – Methode oder Katechismus?

    Der dialektische Materialismus ist keine Religion mit einem ewig gültigen Katechismus von Lehrsätzen. In erster Linie ist er eine Methode, die Welt zu verstehen, sie zu analysieren und aufgrund des erreichten Verständnisses Änderungen der gesellschaftlichen Verhältnisse in die Wege leiten zu können. in Gegensatz zur landläufigen Meinung ist also das, was im allgemeinen als Marxismus bezeichnet wird, nicht einfach eine ökonomische Theorie. Er ist auch nicht einfach eine Gesellschaftstheorie, wie z.B. die so genannte Frankfurter Schule von Adorno und andere annahmen, er ist weit mehr als das.
    Zweitens können derartige Theorien qua Definition nicht “fertig” sein, also einen Katechismus darstellen, in dem alles und jedes ewig gültig für alle Zeiten festgelegt ist. Derartiges hat mit Wissenschaft – und Marx verstand sich in erster Linie als Wissenschaftler – nichts zu tun. Wissenschaftliche Erkenntnis schöpft aus der Beobachtung und Analyse der bestehenden materiellen Umwelt einschließlich bereits existierender, aus eben jener hervorgegangener wissenschaftlicher Erkenntnisse und ist demzufolge zeitgebunden. “Ewige Wahrheiten” sind nicht die Sache der Wissenschaft, sondern der Religion, die, ob mit Bibel, Koran oder Thora, die finale, unveränderliche Wahrheit in Händen zu haben meint.
    Deshalb ist es auch unsinnig, Marx oder Engels vorzuwerfen, daß, was unbestreitbar ist, die Ökologie, speziell die Frage der Endlichkeit der Ressourcen und die Umweltzerstörung, nicht im Zentrum ihrer Analysen stehen, sondern, wie zu zeigen sein wird, eher embryonal angelegt sind. Man muss, wie wir bereits im vorigen Kapitel ausgeführt haben, darauf hinweisen, dass ökologische Fragen in der politischen Debatte des 19. Jahrhunderts fast keine Rolle spielten. In einer Zeit, in der große Teile des Globus noch unerforscht waren, war ein wesentliches Bewusstsein für die Endlichkeit der Ressourcen nicht vorhanden, auch wenn, wie bereits angemerkt, die ersten Anfänge eines einschlägigen Diskurses mit den Theorien von Malthus betreffend die “Überbevölkerung” zu verzeichnen waren. Aber dabei ging es nicht um die Wechselwirkung zwischen Natur und menschlichen Eingriffen in erstere, sondern um die Frage der Ernährung der Spezies Mensch.
    Marx und Engels waren Kinder ihrer Zeit und hatten demzufolge das Problem des ökologischen Gleichgewichts genau so sehr oder so wenig im Blick wie ihre Zeitgenossen. Das heißt aber nicht, daß sie die dahinter stehende Frage, nämlich die nach dem Verhältnis zwischen Mensch und Natur und der Wechselwirkung zwischen beiden, nicht im Blick gehabt und auch thematisiert hätten.
    Drittens schließlich wird dem Marxismus häufig unterstellt, es handele sich um eine deterministische Ideologie, die auf der Vorstellung eines immerwährenden (materiellen) Fortschritts fuße. Dabei handelt es sich um ein wahlweise unabsichtliches oder absichtliches Mißverständnis. Genauso wenig wie Marx die vergangene geschichtliche Entwicklung als zwangsläufig im Sinne von alternativlos ansah, sah er die zukünftige Entwicklung so. Die Frage, wie Geschichte sich entwickelt, entscheidet sich weder allein an den objektiven materiellen Grundlagen, noch allein an der bewußten Intervention des Individuums in den geschichtlichen Prozeß, sondern an der dialektischen Wechselwirkung zwischen den beiden Komponenten des historischen gesellschaftlichen Prozesses. Das impliziert, daß die Geburt einer neuen Gesellschaftsordnung einerseits nur bei den entsprechend gegebenen materiellen Voraussetzungen möglich ist. Hierzu hat Friedrich Engels beispielsweise in seiner “Denkschrift über den Aufstand in Spanien im Sommer 1873″ ein paar eindeutige Bemerkungen niedergelegt. Die Vorstellung andererseits, daß bei einem bestimmten Entwicklungsstand der Produktivkräfte “die Revolution” sozusagen von selbst käme, ist dem Marxismus ebenso fremd wie die umgekehrte, von bürgerlichen Idealisten und auch Anarchisten vertretene, daß es ausschließlich auf die Intervention des Subjekts, auf das “Bewusstsein” ankäme.
    Viertens muß darauf hingewiesen werden, daß die Marx`sche Theorie in mehrerlei Hinsicht nicht “fertig” entwickelt ist . Zum einen kann sie das schon deshalb nicht sein, weil sie kein geschlossenes System im Sinne der bürgerlichen Philosophie darstellt, sondern wie gesagt in erster Linie eine Methode, die auf die jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnisse angewendet werden muß. Zum anderen ist es offensichtlich, daß Marx im Rahmen seines eigenen Erkenntnisprozesses auch immer wieder Wendungen vollzogen hat, was das methodische Herangehen an Probleme betrifft. So wies Henryk Grossmann bereits 1929 darauf hin, daß Marx beispielsweise den Plan für “Das Kapital” zwischen 1859 und 1866 aus bestimmten Gründen entscheidend veränderte.

    Marxismus und ökologische Frage

    Es geht also, wenn man die Frage beantworten will, ob eine zukünftige, die Wechselwirkung zwischen Mensch und natürlicher Umwelt respektierende Gesellschaftsordnung den marxistischen Sozialismus- und Entwicklungsvorstellungen widerspricht, zunächst einmal darum, herauszufinden, ob sich aus der marxistischen Theoriebildung ein grundsätzlich fortschrittspositivistisches Verständnis herauslesen läßt, respektive, ob das Verhältnis Mensch – Natur in entsprechendem Kontext thematisiert wird.
    Michael Löwy hat sich vor einigen Jahren eingehend mit diesem Problem auseinandergesetzt. Er weist insbesondere darauf hin, daß Friedrich Engels in seinem Werk „Dialektik der Natur“ etwas formuliert hat, was für den “ökologischen Imperativ”, mit dem wir uns später noch beschäftigen werden, grundlegend ist:
    “Schmeicheln wir uns indes nicht zu sehr mit unsern menschlichen Siegen über die Natur. Für jeden solchen Sieg rächt sie sich an uns. Jeder hat in erster Linie zwar die Folgen, auf die wir gerechnet, aber in zweiter und dritter Linie hat er ganz andre, unvorhergesehene Wirkungen, die nur zu oft jene ersten Folgen wieder aufheben. Die Leute, die in Mesopotamien,
    Griechenland, Kleinasien und anderswo die Wälder ausrotteten, um urbares Land zu gewinnen, träumten nicht, das sie damit den Grund zur jetzigen Verödung jener Länder legten, indem sie ihnen mit den Wäldern die Ansammlungszentren und Behälter der Feuchtigkeit entzogen. Die Italiener der Alpen, als sie die am Nordabhang des Gebirges so sorgsam gehegten Tannenwälder am Südabhang vernutzten, ahnten nicht, dass sie damit der Sennwirtschaft auf ihrem Gebiet die Wurzel abgruben; sie ahnten noch weniger, das sie dadurch ihren Bergquellen fur den größten Teil des Jahrs das Wasser entzogen […]. Und so werden wir bei jedem Schritt daran erinnert, dass wir keineswegs die Natur beherrschen, wie ein Eroberer ein fremdes Volk beherrscht, wie jemand, der ausser der Natur steht – sondern dass wir mit Fleisch und Blut und Hirn ihr angehören und mitten in ihr stehen, und dass unsre ganze Herrschaft über sie darin besteht, im Vorzug vor allen andern Geschöpfen ihre Gesetze erkennen und richtig anwenden zu können.”
    Hervorzuheben ist hier vor allen Dingen, dass der Begriff “Herrschaft” hier in Bezug auf die Natur richtiggestellt und nicht in dem Sinne verwendet wird, wie er beispielsweise in gewissen religiösen Richtungen auftaucht, beziehungsweise wie er in der herrschenden Gesellschaftsordnung als selbstverständlich vorausgesetzt wird (auch wenn die offiziellen Verlautbarungen dies nicht immer nahelegen). Auch hierauf werden wir noch zurückkommen. In den ökonomisch-philosophischen Manuskripten nimmt Marx zur Frage, ob der Mensch außerhalb, oder über der Natur stehe, eindeutig Stellung:
    “Die Natur ist der unorganische Leib des Menschen, nämlich die Natur, soweit sie nicht selbst menschlicher Körper ist. Der Mensch lebt von der Natur, heißt: Die Natur ist sein Leib, mit dem er in beständigem Prozeß bleiben muß, um nicht zu sterben. Daß das physische und geistige Leben des Menschen mit der Natur zusammenhängt, hat keinen andren Sinn, als daß die Natur mit sich selbst zusammenhängt, denn der Mensch ist ein Teil der Natur.”
    Engels wiederum präzisiert an anderer Stelle, was Marx bereits erheblich früher in seinen ökonomisch-philosophischen Manuskripten niederlegte:
    “Der Kommunismus als positive Aufhebung des Privateigentums als menschlicher Selbstentfremdung und darum als wirkliche Aneignung des menschlichen Wesens durch und für den Menschen; darum als vollständige, bewußt und innerhalb des ganzen Reichtums der bisherigen Entwicklung gewordne Rückkehr des Menschen für sich als eines gesellschaftlichen, d.h. menschlichen Menschen. Dieser Kommunismus ist als vollendeter Naturalismus Humanismus, als vollendeter Humanismus Naturalismus, er ist die wahrhafte Auflösung des Widerstreites zwischen dem Menschen mit der Natur und mit dem Menschen, die wahre Auflösung des Streits zwischen Existenz und Wesen, zwischen Vergegenständlichung und Selbstbestätigung, zwischen Freiheit und Notwendigkeit, zwischen Individuum und Gattung. Er ist das aufgelöste Rätsel der Geschichte und weiß sich als diese Lösung.”
    Wir können also feststellen, daß Marx die grundlegende Frage, nämlich, ob der Mensch sozusagen außerhalb oder über der Natur im Sinne der Beherrschung stehe, sich durchaus gestellt und auch in dieser Allgemeinheit eine Antwort gegeben hat: Der Mensch ist ohne die “Natur”, heute würde man sagen “natürliche Umwelt”, nicht denkbar; und er stirbt sozusagen mit ihr.
    Man könnte, und Michael Löwy hat das in der zitierten Arbeit getan, noch eine ganze Reihe weiterer Belege dafür anführen, daß Marx die Aufhebung der Herrschaft des Menschen über den Menschen und die dafür nötige Beseitigung des privaten Eigentums an den Produktionsmitteln gleichzeitig als die Aufhebung des “Widerstreites mit der Natur” begreift.
    Die Frage, wie Marx es mit dem “Fortschritt”, der “unbegrenzten Entfaltung der Produktivkräfte”, hält, ist etwas schwieriger zu beantworten.
    In der Auseinandersetzung mit der bürgerlichen Ökologiebewegung ist erst einmal ein grobes Mißverständnis zu beseitigen, das seit Jahrzehnten durch die Debatten geistert, daß nämlich “der Marxismus” einem grenzenlosen Produktivismus (und Konsumismus) das Wort rede. Dieses Mißverständnis resultiert in erster Linie aus der Verballhornung des Marxismus in den sogenannten realsozialistischen Staaten – mit Marx selbst hat es allerdings wenig zu tun.
    Ziel ist für Marx nicht die unbegrenzte und immer weitere “Entwicklung der Produktivkräfte”, sondern Ziel ist die Befreiung des Menschen von notwendiger Arbeit als Voraussetzung der “Menschwerdung” und der Aufhebung der Entfremdung. Die Produktivkraftentwicklung ist also bei ihm, im Gegensatz zur kapitalistischen Ordnung, ausschließlich Mittel, nicht Zweck. Und er formulierte diesen Zweck eindeutig:
    “Das Reich der Freiheit beginnt in der Tat erst da, wo das Arbeiten, das durch Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört; es liegt also der Natur der Sache nach jenseits der Sphäre der eigentlichen materiellen Produktion.”
    Marx war sich, auch wenn er aus den genannten Gründen die “Grenzen des Wachstums” nicht thematisierte, der Janusköpfigkeit der Produktivkraftentwicklung sehr wohl bewusst und hierfür finden sich bereits in der 1845 geschriebenen “Deutschen Ideologie” Belege. Er sieht, getreu dem dialektischen Prinzip, offensichtlich den Umschlag von Quantität in Qualität nicht nur als Einbahnstraße in positive Richtung, sondern antizipiert die Verwandlung von Produktiv- in Destruktivkräfte:
    “Sie (die Konkurrenz, Anm.d.Verf.) subsumierte die Naturwissenschaft unter das Kapital und nahm der Teilung der Arbeit den letzten Schein der Naturwüchsigkeit. Sie vernichtete überhaupt die Naturwüchsigkeit, soweit dies innerhalb der Arbeit möglich ist, und löste alle naturwüchsigen Verhältnisse in Geldverhältnisse auf. Sie schuf an der Stelle der naturwüchsigen Städte die modernen, großen Industriestädte, die über Nacht entstanden sind. Sie zerstörte, wo sie durchdrang, das Handwerk und überhaupt alle früheren Stufen der Industrie. Sie vollendete den Sieg [der] Handelsstadt über das Land. [Ihre erste Voraussetzung] ist das automatische System. [Ihre Entwicklung er]zeugte eine Masse von Pro[duktivkr]äften, für die das Privat[eigentum] ebensosehr eine Fessel wurde wie die Zunft für die Manufaktur und der kleine, ländliche Betrieb für das sich ausbildende Handwerk. Diese Produktivkräfte erhalten unter dem Privateigentum eine nur einseitige Entwicklung, werden für die Mehrzahl zu Destruktivkräften, und eine Menge solcher Kräfte können im Privateigentum gar nicht zur Anwendung kommen.”
    An anderer Stelle wird er noch deutlicher:
    “In der Entwicklung der Produktivkräfte tritt eine Stufe ein, auf welcher Produktionskräfte und Verkehrsmittel hervorgerufen werden, welche unter den bestehenden Verhältnissen nur Unheil anrichten, welche keine Produktionskräfte mehr sind, sondern Destruktionskräfte (Maschinerie und Geld).”
    Angesichts des aktuellen globalen Verkehrkollapses samt seinen deletären Folgen für die Umwelt im Allgemeinen und das Weltklima im Besonderen kann man diese – vor dem Automobilzeitalter niedergelegte – Bemerkung nur als ebenso zutreffend wie prophetisch charakterisieren.
    Wo sich allerdings eine Lücke auftut, ist in der Frage der Bedürfnisse. Auch hier ist die Zeitgebundenheit von Marx insofern zu beobachten, als er zwar des öfteren von “Bedürfnissen” spricht, die befriedigt werden müssen, aber eine kritische Auseinandersetzung mit der Art der Bedürfnisse (und der Art, wie sie generiert werden) fehlt. Das ist verständlich, wenn man sich vor Augen hält, daß in der Zeit des frühen Industriekapitalismus die soziale Lage der arbeitenden Bevölkerung verheerend war und sich auf Massenebene das Problem des “Überkonsums” gar nicht stellte.
    Engels hat in seiner Arbeit “Die Lage der arbeitenden Klasse in England” ausführlich die Zustände in den proletarischen Vierteln der Industriestädte geschildert, in denen verallgemeinertes Elend herrschte und die Befriedigung selbst der banalsten Grundbedürfnisse nicht gewährleistet war. Vor diesem zeitgeschichtlichen Hintergrund – der in unserer Zeit allerdings für einen großen Teil der Slums in den städtischen Wucherungen der sogenannten Dritten Welt bittere Realität ist – ist auch das folgende Zitat von Marx zu sehen:
    “Die Arbeit produziert Wunderwerke für die Reichen, aber sie produziert Entblößung für den Arbeiter. Sie produziert Paläste, aber Höhlen für den Arbeiter. Sie produziert Schönheit, aber Verkrüppelung für den Arbeiter. Sie ersetzt die Arbeit durch Maschinen, aber sie wirft einen Teil der Arbeiter zu einer barbarischen Arbeit zurück und macht den andren Teil zur Maschine. Sie produziert Geist, aber sie produziert Blödsinn, Kretinismus für den Arbeiter.”

    Fazit

    Der Marxismus steht zu der Vision einer ökologisch nachhaltigen, nicht auf Produktivismus und Konsumismus fußenden Gesellschaftsordnung nicht im Widerspruch. Zwar ist es richtig, daß von Marx und Engels das Problem der Endlichkeit der Ressourcen nicht explizit und vor allem nicht systematisch thematisiert wurde. Die verheerenden Auswirkungen der kapitalistischen Industrieproduktion allerdings wurden von ihnen sehr wohl gesehen. Und, was wichtiger ist, beide haben die Grundvoraussetzung für einen Ausgleich zwischen den Bedürfnissen des Menschen und der natürlichen Umwelt gelegt, indem sie den Menschen in den Kontext der Natur stellten und darauf hinwiesen, daß er ohne seine natürliche Umwelt nicht (über)lebensfähig ist.
    Letzteres aber ist konstitutiv für die gesellschaftliche Debatte über die Art und Weise, wie eine über den Kapitalismus hinausweisende Gesellschaft sich organisieren soll, wie das Verhältnis zwischen notwendiger Produktion, Konsumption, Mobilität und Kommunikation und dem Schutz der natürlichen Um-(besser Mit-)welt zu bestimmen wäre.
    Produktion um der Produktion willen und Konsumption um der Konsumption willen waren Marxens Sache nicht. Im Gegensatz zu der postmodernen Reduktion des Menschen auf einen ominösen “homo oeconomicus” liegt für ihn, wie oben zitiert, das Reich der Freiheit jenseits der materiellen Produktion, während man uns heute weismachen will, daß gemäß der (zugegebenermaßen falschen) alten Luther`schen Übersetzung des alten Testamentes das Leben da schön sei, wo es Mühe und Arbeit ist.
    150 Jahre nach Marx bleiben viele Fragen zu beantworten, auf die er keine Antworten präsentieren (konnte), weil sie sich zu seiner Zeit nicht oder zumindest anders stellten. Aber seine grundlegenden Erkenntnisse betreffend die Entwicklungsrichtung des Kapitalismus, dessen destruktive Gewalt und Mißachtung des untrennbaren Zusammenhanges zwischen der Spezies Mensch und der Natur sind aktueller denn je – und sie bieten uns auch heute noch das notwendige methodische Instrumentarium, um unsere Welt analysieren, begreifen – und sie ändern zu können.
    Der eingangs zitierte Ernst Bloch drückte dieses Grundlegende, daß nämlich die Analyse des Bestehenden mit dem notwendigen methodischen Instrumentarium erst das Begreifen und damit Verändern ermöglicht, folgendermaßen aus:
    “Die abstrakten Utopien hatten neun Zehntel ihres Raums dem Gemälde des Zukunftsstaats gewidmet und nur ein Zehntel der kritischen, der oft nur negativen Beachtung des Jetzt. Dadurch wurde zwar das Bild bunt und lebhaft gehalten, doch der Weg zu ihm…..blieb versteckt. Marx setzte mehr als neun Zehntel seines Schrifttums an die kritische Analyse des Jetzt……Marxismus ist nicht keine Antizipation, sondern das Novum einer prozesshaft konkreten.”
    Um die in der Überschrift gestellte Frage zum guten Schluß zu beantworten: Karl ist nicht schuld, und Fritz auch nicht. Es hat ihnen nur keiner genau zugehört – oder zuhören wollen. Und hinzu kommt, daß gewisse Leute eine Religion aus ihren Ansichten zu machen versuchten.

    Quelle: http://www.nao-prozess.de/blog/marx-engels-und-die-oekologische-frage/

  3. die ökofrage aus sicht der bochumer:
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    “Ökologische Marktwirtschaft”??
    verfasst von Robert Schlosser, 05.09.2012 http://marx-forum.de/diskussion/forum_entry.php?id=7625

    In der „Inauguraladresse der Internationalen Arbeiter-Assoziation“ schrieb Marx 1864:

    „Der Kampf über die gesetzliche Beschränkung der Arbeitszeit wütete um so heftiger, je mehr er, abgesehen von aufgeschreckter Habsucht, in der Tat die große Streitfrage traf, die Streitfrage zwischen der blinden Herrschaft der Gesetze von Nachfrage und Zufuhr, welche die politische Ökonomie der Mittelklasse bildet, und der Kontrolle sozialer Produktion durch soziale Ein- und Vorsicht, welche die politische Ökonomie der Arbeiterklasse bildet. Die Zehnstundenbill war daher nicht bloß eine große praktische Errungenschaft, sie war der Sieg eines Prinzips. Zum erstenmal erlag die politische Ökonomie der Mittelklasse in hellem Tageslicht vor der politischen Ökonomie der Arbeiterklasse.“ MEW, Bd. 16

    Heute ist die Frage nach der „Kontrolle sozialer Produktion durch soziale Ein- und Vorsicht“ auch als eine Frage der „sozialen Ökologie“ aufgeworfen. „Soziale Ein- und Vorsicht“ umfasst den klassischen Arbeitsschutz, den Umgang mit Gefahrstoffen und den Umweltschutz. Sofern sich „soziale Ein- und Vorsicht“ in der kapitalistischen Ökonomie Geltung verschafft, „die blinde Herrschaft der Gesetze von Angebot und Nachfrage“ einschränkt, geschieht dies wesentlich über gesetzliche Regelungen und bürokratische Kontrollen, die den Einzelkapitalen Schranken auferlegen. Die gesetzlichen Regelungen selbst sind Produkt politischer Auseinandersetzungen, in denen sowohl soziale Widerstandsbewegungen, die politischen Parteien, Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände, als auch Einrichtungen wie die Berufsgenossenschaften, Verbraucherschutzorganisationen etc. eine Rolle spielen. Die Staatsmacht sorgt für „Integration“ von Kritik und „befriedet“ Widerstand; sie sorgt für Regelungen, bei denen das Interesse aller Einzelkapitale an ihrer Verwertung im Rahmen von Marktwirtschaft gewahrt bleibt.

    Mit der Ökologiebewegung, ihrer Kritik an der Atomenergie, Produktionsmethoden und Produkten von Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie etc. entstand ein Streben nach „Kontrolle sozialer Produktion“, das – im Gegensatz zur traditionellen Arbeiterbewegung – nicht in erster Linie die kapitalistischen Produktionsverhältnisse, sondern die industrielle Produktionsweise und ihre Auswirkungen kritisierte.
    Es entstand eine Bewegung, die ihren Ausgangspunkt nicht unter den Lohnabhängigen in den Betrieben (also als „unmittelbare ProduzentInnen) hatte, sondern getragen wurde von Lohnabhängigen als „Konsumenten“.
    Diese Bewegung fand nicht zuletzt einen Niederschlag in der erfolgreichen Gründung der grünen Partei, in der sich schließlich eine Richtung durchsetzte, die heute eine „ökologische Marktwirtschaft“, gar einen „Green New Deal“ auf ihre Fahnen geschrieben hat, damit das Kapital wieder in angemessener Größenordnung wachsen kann. Was vom anfänglich vorhandenen Antikapitalismus dieser Partei geblieben ist, lässt sich ablesen an ihrer Mitverantwortung von Hartz IV oder den Kriegseinsätzen der Bundeswehr auf dem Balkan oder in Afghanistan. Doch das soll hier nicht weiter von Interesse sein. Hier soll es gehen um das Projekt einer „ökologischen Marktwirtschaft“, die genau so ein phantastisches Projekt ist, wie es die „soziale Marktwirtschaft“ war.

    Mittlerweile nimmt die „ökologische Marktwirtschaft“ in Deutschland ja Formen an. Das bedeutet, dass das Kapital sich der in „Alternativbetrieben“ entwickelten Ansätze zu Produktionsverfahren und Produkten, die ökologischen Erkenntnissen Rechnung tragen, bemächtigt. Das gilt sowohl für Energiegewinnung also auch für Lebensmittelproduktion. Mit steigendem „Umweltbewusstsein“ stieg die Nachfrage nach Energie aus erneuerbaren Energiequellen, nach Lebensmitteln aus Landbau und Tierhaltung, die sich um Berücksichtigung moderner naturwissenschaftlicher Erkenntnisse bemühte. In dem Maße, wie sich diese Nachfrage entwickelte, entwickelte sich das Interesse des Kapitals für die neuen Produktionen und deren Produkte. In dem Maße, wie sich das Kapital dieser neuen Produktionen bemächtigt, weil es einen „Wachstumsmarkt“ erkennt, verschafft sich das Streben nach maximaler Verwertung auch hier Geltung.
    Wozu das führt deckt neuerdings guter Enthüllungsjournalismus ein ums andere Mal auf. Zuletzt sah ich die Exklusiv-Reportage am Montag, den 03. 09.2012 (ARD). Die Frankfurter Rundschau berichtete darüber u.a. wie folgt:

    “Neue Ladung Schockbilder
    … Bio-Schweine in dunklen, winzigen Verschlägen, mit wunden Hintern und traurigen Blicken. Küken, die auf einem Förderband in einen Schredder wandern. Außerdem federlose Hühner, die sich praktisch gegenseitig verbrauchergerecht zugerichtet haben. All das ist schrecklich, grausam und von den Machern der Sendung gekonnt in Szene gesetzt. Und doch sind uns die Bilder vertraut.
    Die Unbekannte bleibt die Kartoffel. Bio-Bauer Jochen Kulow produziert sie gerade nur für den Eigenverbrauch – gezwungenermaßen. Weil sie die Supermärkte nicht haben wollen, muss Kulow die Knollen nun an die eigenen Kühe verfüttern, auf Kosten der Umwelt. Die deutschen Supermärkte lassen sich derweil von ägyptischen Produzenten beliefern. Das ist billiger und auch diese Kartoffeln entsprechen den Kriterien des europäischen Bio-Siegels. Dass der lange Transportweg hohe Energiekosten birgt und die sonnenverwöhnten ägyptischen Frühkartoffeln achtzehn Mal mehr Wasser verbrauchen als Bauer Kulows, schockiert. Was „Bio“ ist, muss eben nicht nachhaltig sein.“
    http://www.fr-online.de/tv-kritik/ard-exclusiv-wie-billig-kann-bio-sein-,1473344,17048178.html

    Hier beugt nicht „soziale Ein- und Vorsicht“ das blinde Wirken von Angebot und Nachfrage, sondern die Herrschaft dieses Gesetzes macht die Ökologie zu einer Farce, zu einer verwertbaren Marke, an der kaum noch etwas „öko“ ist.
    Die wunderschönen und billigen Ökokartoffeln aus Ägypten müssen nicht nur mit Schiffen und LKWs lange Transportwege zurück legen, für sie muss außerdem noch kostbares Trinkwasser in großen Mengen verschwendet werden, während sich die Öko-Kartoffeln von Bio-Bauer Kulow hierzulande im Allgemeinen mit Regenwasser zufrieden geben.
    Die Supermärkte, das Handelskapital, interessiert das wenig. Der Preis – Einkaufspreis und Verkaufspreis – muss stimmen, damit am Schluss ein ordentlicher Profit rausspringt. Jede beliebige Produktion wird als Anlagesphäre für Kapital eben auf die Verwertungsbedürfnisse von Kapital zugerichtet. Das ist Marktwirtschaft! Je mehr die „Energiewende“ konkrete marktwirtschaftliche Form annimmt, desto „nachhaltiger“ wird das Interesse der Kapitalverwertung auch dieser „Wende“ ihren Stempel aufdrücken.

    Eine Kontrolle sozialer Produktion durch soziale Ein- und Vorsicht ist unter kapitalistischen Produktionsverhältnissen nicht durchsetzbar. Das Bestreben danach kann immer nur zu einzelnen Zugeständnissen, Kompromissen führen, die dann staatsbürokratisch in gesamtkapitalistischem Interesse an Marktwirtschaft verwaltet werden. Sie halten nur solange, wie sie mit Kapitalverwertung kompatibel sind, bzw. gemacht werden können (vor allem durch staatlich gesetzte „Rahmenbedingungen“).
    Die Konkurrenz der Einzelkapitale (Marktwirtschaft!) macht jedes Zugeständnis zu einem Zugeständnis auf Zeit, das über kurz oder lang unter die Räder des ökonomischen Bewegungsgesetzes der bürgerlichen Gesellschaft gerät.
    Das Bedürfnis nach Kontrolle sozialer Produktion durch soziale Ein- und Vorsicht kann sich nur durchsetzen durch Beseitigung des Systems der Lohnarbeit und durch Rücknahme staatlicher Funktionen in und durch die Gesellschaft. Es kann sich nur „nachhaltig“ Geltung verschaffen, wenn die Mehrheit der Menschen nicht mehr in dem Widerspruch leben muss, einerseits nur leben zu können, wenn ihre Arbeitskraft einen Käufer findet – was und wie immer der Käufer für den Markt zu produzieren beabsichtigt – und anderseits nur als „Konsument“ sein Interesse an Produktionsverfahren und Produkten entwickeln kann, die ökologische Erkenntnisse berücksichtigen.
    Die grundlegenden Ziele des Bochumer Programms (hier Kommunalisierung und Demokratisierung der Energie- und Lebensmittelversorgung, Abschaffung der Lohnarbeit in genossenschaftlicher Produktion) kennzeichnen wesentliche Voraussetzungen für die Kontrolle sozialer Produktion durch soziale Ein- und Vorsicht.

  4. NOCH GLUT IN DER ASCHE ?

    [von Horst Hilse, SOKO, 07.09.2012 http://www.scharf-links.de/266.0.html?&tx_ttnews%5Btt_news%5D=28050&tx_ttnews%5BbackPid%5D=56&cHash=f81abc41d0 ]

    Bericht von der Berliner NaO – Sommerdebatte (31.Aug.bis 2.Sept.)

    für Sokistas in der „Provinz Westdeutschland“ , – wie es aus Berliner Sicht formuliert wurde.

    Wir von Soko waren mit 5 Leuten an die Spree gereist, um an der Nao Sommerdebatte teilzunehmen und wir hatten dann in der am Parkrand gelegenen Tagungsstätte tatsächlich einen schönen Ausblick auf die wenige Meter entfernte Spree. Hinzu kam das schöne Sommerwetter, die Tagung auf der Terrasse im Grünen sowie die freundliche Aufnahme durch die Berliner SIB Genossen.

    Vielleicht war es dieses Ambiente, das sich so positiv auf die Stimmung auswirkte, dass alle Beteiligten sehr darum bemüht waren, die durchaus vorhandenen Differenzen nicht in den Vordergrund zu stellen, sondern sich um die Gemeinsamkeiten zu bemühen und den Konsens zu suchen.

    Knapp 60 Vertreter/innen von RSB, SIB, Interkomms, isl, Soko sowie Einzelpersonen diskutierten zwei Tage lang intensiv darüber, wo sich gemeinsame Schnittmengen finden lassen, um in Deutschland eine kämpferische antikapitalistische Kraft aufzubauen. Obwohl noch nicht alle Berichte aus den 8 Workshops vorliegen, (-die am Samstag Vormittag und am Nachmittag zu je 4 Gruppen stattfanden-) gibt es in einigen wichtigen Punkten eine weitgehende Übereinstimmung:

    Die derzeitige kapitalistische Krise ist keine „Schuldenkrise“, wie uns von den Medien vermittelt wird, sondern eine tiefgehende Krise des kapitalistischen Systems. Diese läuft in mehreren Phasen ab und frisst sich immer tiefer in alle gesellschaftlichen Bereiche.. Ausgangspunkt war die Überproduktionskrise, die das Platzen diverser Blasen bewirkte, was wiederum den Finanzsektor destabilisierte, der dann mittels der Staatsverschuldungen vor dem Zusammenbruch gerettet werden musste. Die derzeit betriebene Sparpolitik mit der Auspressung der Bevölkerung soll diese riesigen Verluste wieder ausgleichen. Auch die nun seit über 10 Jahren ununterbrochenen Ressourcenkriege sollen die Gewinnsituation der Kapitalbesitzer verbessern. Wir befinden uns in einer globalen Krise, die alle gesellschaftlichen Strukturen modifiziert und durch die ökologische Katastrophe extrem verschärft wird.
    Ein „revolutionärer Bruch“ ist nur als eine revolutionäre Etappe mit vielen Aufschwüngen und Niederlagen denkbar und erschöpft sich nicht in einem einmaligen Revolutionsakt. Wir werden künftig oft recht heftige Revolten erleben und auch viele Niederlagen sind wahrscheinlich nötig, damit Antikapitalisten die Fähigkeiten erlernen können, die eine Systemüberwindung erfordert.
    Damit aber löst sich die Sozialistische Revolution nicht in Prozesse unterschiedlicher Intensität auf, sondern es wird einen zugespitzten Umschlagspunkt geben, wo die Menschen den ökonomischen Apparat des Kapitals ihrem Willen unterwerfen und den bürgerlichen Staat mit seinen Funktionen der Profitsicherung stillegen.

    Die früher ausgearbeiteten Taktiken der Kommunistischen Internationale sind auf die heutige Situation nicht übertragbar. Die Einheitsfronttaktik war auf große Massenparteien bezogen, die sich als feste Blöcke organisiert hatten und zumindest verbal den Kapitalismus bekämpften. Heute dagegen haben wir eine marginalisierte linkssozialistische Splitterszene, eine gerupfte Sozialdemokratie, die vorbehaltlos das kapitalistische System bejaht und einen minimalen Aufstieg klassischer reformistischer Strömungen. Im Umgang mit dieser Situation ist das klassische Instrumentarium des Klassenkampfes weitgehend ungeeignet und kann höchstens intentional als kreativer Impulsgeber dienen.
    Die Gewerkschaften bilden zwar eine Art elementarer Einheitsfront, werden aber durch einen Apparat behindert, der ernste Kämpfe in der Regel möglichst vermeidet.

    Einig ist man sich darin, dass auf Grund ihrer Machtstellung sowie durch ihr antagonistisches Klassenverhältnis nur die „Arbeiterklasse“ in der Lage ist, den Kapitalismus ernstlich zu gefährden. Dabei erfasst dieser Begriff alle Lohnabhängigen und beschränkt sich nicht nur auf die „produzierend“ tätigen Schichten der Lohnabhängigen. Das „Gesicht dieser Klasse“ hat sich in den vergangenen Jahrzehnten in allen europäischen Staaten erheblich gewandelt: Sie ist weiblicher und in ihrer Zusammensetzung wesentlich internationaler geworden. So umfasst beispielsweise die „deutsche“ Arbeiterklasse heute 5 bis 8 Nationalitäten. Die veränderten Produktionsweisen mit der Überschreitung der Betriebsgrenzen sowie die besonders in Deutschland betriebene starke Spaltung und Segmentierung stellen an eine klassenorientierte Bewegung extreme Anforderungen.
    Das Verhältnis des Menschen zur Natur ist durch die kapitalistischen Raubzüge extrem beschädigt. Damit ist nicht nur die als „Umgebung“ den Menschen gegebene Natur gemeint, sondern auch die innere Natur, d.h. also sein Verhältnis zu sich selbst. Die technokratischen Lösungen des „green deal“ werden keinesfalls der Problemlage von Klimawandel gerecht und sind realistischer weise nur umsetzbar in scharfem Konflikt mit einer auf Profit ausgerichteten Wirtschaftsstruktur. Die Folgen der inneren Kolonisierung des Menschen sind als weitverbreitete psychische Krankheiten erfahrbar.
    Die Geschlechterverhältnisse sind heute mit klassischer, vergeschlechtlichter, rassistischer und körperbezogener Unterdrückung äußerst eng verwoben und eine sozialistische Kraft kann sich nicht in traditionell patriarchaler Weise den „armen Frauen“ zuwenden, sondern muss sich der Geschlechterökonomie, wie sie z.B. in geschlechtsspezifischen Armutsprozessen und der ‚care‘- Arbeit in ihrer lohnabhängigen und nicht entlohnten Variante zum Ausdruck kommt, stellen. So wie es eine Ethnisierung sozialer Ausbeutung gibt, existiert eine ebensolche auch als „Vergeschlechtlichung“. Hier im Detail weiterzuarbeiten und die Ausgrenzungsmechanismen zu erfassen ist eine linke Pflichtaufgabe.
    Daher war auch Gabriele Winkler zu einem Referat über Marxismus und Feminismus eingeladen worden, das ebenfalls als ein ‚Highlight‘ der Zusammenkunft gewertet werden muss.

    Die Workshops verdeutlichten uns nochmals die riesigen Aufgabenfelder, vor die eine antikapitalistische Politik heute gestellt wird. Um wirken zu können, brauchen wir im NaO-Prozess jede helfende Hand und jeden denkenden Kopf dringend.

    Wir einigten uns darauf, bis Februar ein Manifest zu entwickeln und die SIB Essentials weiter zu präzisieren und zu einem programmatischen Rohentwurf zu formen. Außerdem soll unser Webauftritt werbemäßig besser gestaltet werden.

    Als Soko haben wir hoffentlich einen guten Eindruck im Kreis der Genoss/innen hinterlassen: wir stellten einen Workshop – Referenten und zwei Berichterstatter. Referate und Berichte der Workshops werden demnächst einsehbar sein auf der Nao-Webseite: http://nao-prozess.de/

    Ein großer Dank gebührt der Berliner Crew für die Organisierung der Tagung mit Unterbringung und Verpflegung!

    Noch haben wir keine gemeinsame Organisa-tionsform, noch haben wir keine gemeinsame Praxis vor Ort und noch sind wir eine margina-lisierte Randerscheinung im derzeitigen Polit-betrieb. Aber das muss so nicht bleiben und der Berliner Funkenflug stimmt hoffnungsvoll.

    Noch haben wir kein weithin sichtbares Feuer entfacht. Aber die Rauchzeichen deuten auf eine lebendige Glut, die Sauerstoff und Heizmaterial braucht:
    Also pustet kräftig und sammelt uns und andere, damit wir „denen da oben“ unseren Ausbeutern ein Feuerchen machen….

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