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Meldungen aus dem Patriarchat

[von Barbara Schulz, Quelle: http://www.rsb4.de/content/view/4666/80/, 19.08.2012]

Ob direkte physische Gewalt gegen Frauen, ob gesetzliche Bestimmungen (etwa zur Durchsetzung eines Abtreibungsverbots) oder ideologische Gehirnwäsche gegen Emanzipationsbestrebungen: Das Patriarchat wirkt auf verschiedenen Ebenen, wie die nachfolgenden Meldungen zeigen.

Sudan

Im Sudan, regiert von Omar al-Bashir, wurde im Mai eine Frau, Intisar Sharif Abdalla, etwa 20 Jahre alt, wegen Ehebruchs zum Tode durch Steinigung verurteilt. Sie ist mit ihrem vier Monate alten Sohn inhaftiert. Amnesty International kritisiert das Verfahren, da sie keine Verteidigung hatte und die Verhandlung auf Arabisch, was nicht ihre Muttersprache ist, geführt wurde. Sie soll ein Schuldeingeständnis abgegeben haben, nachdem ihr Bruder sie geschlagen hat. Psychisch ist sie am Ende. Nun versuchen Menschenrechtsaktive, ein Berufungsverfahren zu erreichen. Über den notwendigerweise am Ehebruch beteiligten Mann wurde keine Strafe verhängt.

Übrigens: Steinigung als Todesstrafe gibt es auch in Saudi Arabien, Pakistan, Iran, dem Jemen und in den Vereinigten Arabischen Emiraten.
Pakistan
Gewalt gegen Frauen kann sogar dazu führen, dass ein mit dem Oscar ausgezeichneter Dokumentarfilm nicht in dem Lande, in dem er spielt, gezeigt werden kann. „Saving Face“, der erste Film aus Pakistan, der so geehrt wurde und dessen Ehrung der Filmemacherin Sharmeen Obaid- Chinoy einen pakistanischen Orden eingebracht hat, soll wegen des Einspruchs einiger Darstellerinnen im Lande nicht gezeigt werden. Der Film zeigt den Einsatz eines Arztes, der die durch Säureattentate verätzten Gesichter von Frauen wieder herstellen will. Die Frauen, die den Säureattentaten zum Opfer gefallen waren, fürchten erneut Opfer zu werden. Und anhand der etwa 200 Säureattentatsopfer pro Jahr in Pakistan ist das nicht hysterisch!

Ob Kinder oder…

Patriarchale Verhältnisse gipfeln in der Verfügung über den weiblichen Körper. Um Frauen beherrschen zu können, strebt man danach, die Reproduktionsfähigkeit der Frauen zu kontrollieren. Das geschieht immer wieder durch Gesetze, die den Schwangerschaftsabbruch möglichst zu verhindern suchen.

Türkei

Der türkische Regierungschef Erdogan will die relativ liberale Regelung abschaffen. Gegenwärtig, also Juni 2012, ist ein Schwangerschaftsabbruch in den ersten zehn Schwangerschaftswochen legal. Laut Statistik ließen 69 364 Frauen 2011 einen Eingriff vornehmen. Jetzt setzt Erdogan den Abbruch mit Mord gleich. Ein Abbruch könnte höchstens in den ersten vier Wochen erlaubt sein. Wie aber in diesem Zeitraum, wo eine Schwangerschaft kaum feststellbar ist, handeln? Alle Erfahrungen sprechen dafür, dass dadurch der Abbruch in die Illegalität, also in die Hinterstube und damit auf den sprichwörtlichen Küchentisch, verlagert wird.

Zugleich erscheint auch ein bevölkerungspolitisches Motiv. Erdogan wendet sich auch gegen Kaiserschnittgeburten, da damit die Geburtenzahl verringert würde. Das alles, so Erdogan, sei Teil eines „geheimen Komplotts des Auslands, um die Türkei von der globalen Bühne zu fegen“. Ceaucescu – Rumänien – verbot aus ähnlichen Gründen sogar Verhütungsmittel!

Bei den türkischen Frauenverbänden hat der Widerstand begonnen.

USA

Die Rechten in den USA treibt es ebenfalls um. Die US-Zensusbehörde hat festgestellt, dass zwischen Juli 2010 und Juli 2011 der Prozentsatz der afroamerikanischen, hispanischen, asiatischen oder anderer Herkunft zugehörenden Geburten bei 50,4 % lag. Die „Weißen“ könnten eine Minderheit werden. Im eigenen Land! Damit hängt auch alles Schlechte im Land zusammen. Die amerikanischen Werte werden miss­achtet. Daran ist auch die Politik der Demokraten schuld, die die Einwandernden, die die amerikanischen Werte nicht teilen, mit Essensmarken füttern. Und nun setzt der Präsident Obama die Abschiebung von jungen Latinos zwei Jahre aus!

Traditionell treten weite Kreise dieser Rechten für ein Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen ein.

Die unendliche Geschichte… Betreuungsgeld

Es gibt tatsächlich einen Gesetzentwurf zum Betreuungsgeld, aber sicher ist noch gar nichts. Nachdem sich der Bundestag am 15.6., einem Freitag, selbst ausgetrickst hat und die Sitzung wegen des Mangels an Parlamentarier­Innen aufgehoben werden musste, verschiebt sich alles noch einmal. CSU-Chef Seehofer machte umgehend den Fortbestand der Koalition vom Beschluss des Betreuungsgeldes abhängig. Wenn selbst 126 Koalitionsmitgliedern die Debatte nicht wichtig genug war, um am Freitag in der Bundeshauptstadt zu verweilen, ist das Ganze wohl noch nicht ausgestanden, abgesehen davon, dass außer einer kleinen Zahl von konservativen Politiker­Innen kaum jemand die Geldzahlung für produktiv hält, ist auch juristisch noch nicht alles ausgestanden. Wenn wir alle einen Ausgleich für die Nichtinanspruchnahme einer subventionierten Leistung verlangten …? Ich war z.B. jahrelang nicht in der Oper!

Da es so gut wie ausgeschlossen ist, dass der Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz für Ein- und Zweijährige ab August 2013 erfüllbar ist, erst recht nicht ab Januar 2013, müsste es eine Klagewelle geben, die die Gerichte blockiert. Da diejenigen, die Hartz IV beziehen, zwar einen Anspruch auf Betreuungsgeld haben, es ihnen aber sofort wieder abgezogen wird, sollten sie für ihre Kleinkinder einen Platz beanspruchen. Hartz IV soll ja schließlich den Eifer der Mütter anheizen, eine Arbeit zu finden.

Dazu kommt, dass die absurde Bewertung der Arbeitsleistung, die Millionen Euro für unfähige Manager vorsieht, aber die Arbeit mit dem lebendigen Menschen nur gering honoriert, was zu einem Mangel an Erzieherinnen und Erziehern führt. Der Vorschlag, z.B. die sogenannten Schleckerfrauen zu Erzieherinnen zu machen, zeigt nur die Ignoranz der Regierenden. Eine Qualifizierung, wie sie europaweit vorgesehen ist, dauert fünf Jahre! Aber was kümmert uns der Weg zur „Bildungsrepublik“!

Vor diesem Hintergrund müssen wir einen Blick auf das Werk unserer Ministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend werfen.

„Danke, emanzipiert sind wir selber!“

Ausgangssituation: Ich bau mir einen Popanz – lt. Duden (vermummte) Schreckgestalt) – namens Feministin. Ich verenge meinen Blickwinkel auf Familie und Beruf. Ich habe keine Kenntnis, ja keine Ahnung von dem realen Leben, denn ich verenge meinen Blick auf mein allerengstes Umfeld. Dann erkläre ich, dass Frauen jede Möglichkeit haben, ihre Lebensweise zu wählen. Sie können alles, Beruf und Familie, Beruf oder Familie, sie können ihr Leben in voller Unabhängigkeit gestalten, sie sind emanzipiert!

Selbst wenn die Frau emanzipiert – lt. Duden frei von überkommenen Vorstellungen – wäre, lebte sie in einer Gesellschaft, die „überkommene Vorstellungen“ des Patriarchats noch lange nicht abgelegt hat. Sie muss um die Selbstbestimmung über ihren Körper kämpfen, sich gegen Schwangerschaftsabbruchgegner, Vergewaltiger, Gewalttäter und andere Herrenmenschen wehren und wäre ohne die Solidarität anderer Frauen aufgeschmissen, Pardon verloren. Ein Buch, das von jemandem verfasst wurde, der/die solche Scheuklappen trägt, ist eigentlich nur dumm. Dass auch Frau Schröder sieht, dass die „Arbeitgeber“ noch nicht so recht aufgeklärt sind und es eine andere Arbeitskultur geben müsste, rechtfertigt nicht über 200 Seiten bedrucktes Papier.

Zum Abschluss ein Textbeispiel, (bitte nicht rechnen), wie wir leben können: Er – Chirurg, sie – Unternehmensberaterin: „Heute teilen die Gekles den Haushalt und die Erziehung untereinander auf. Sie arbeitet drei Tage die Woche als Marketingvorstand einer Krankenhauskette; an zwei Tagen kümmert sich eine Tagesmutter um die Kinder, und montags ist Vatertag.“ (S.198/9)

Es lohnt nicht, das Buch zu kaufen, höchstens ausleihen.

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Ein Kommentar zu “Meldungen aus dem Patriarchat

  1. US: Wahlkampf gegen Abtreibungsrecht
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    [von Wladek Flakin (RIO/FT-CI), 08.09.2012; Quelle: http://www.klassegegenklasse.org/us-wahlkampf-gegen-abtreibungsrecht/ ]

    Debatte um Schwangerschaftsabbrüche im US-Wahlkampf: Die Ansichten des Kongressabgeordneten Todd Akin sind bei den RepublikanerInnen durchaus mehrheitsfähig.

    Nachdem am Donnerstag, dem 30. August, in Tampa beendeten Parteitag der US-RepublikanerInnen versucht der nun offizielle Präsidentschaftskandidat Mitt Romney, seinen Wahlkampf auf einen Spruch zu reduzieren, mit dem Ronald Reagan vor 32 Jahren gewann: “Geht es Ihnen besser als vor vier Jahren?” Denn so sehr der roboterhaft wirkende Mormone und Multimillionär Romney die WählerInnen abstößt, so stark ist auch die Unzufriedenheit wegen der unter Präsident Obama anhaltend hohen Arbeitslosigkeit. Doch in den letzten Wochen geht es im Kampf um Stimmen einmal mehr vor allem um das, was im US-Sprachgebrauch “social issues” genannt wird, aber vor allem persönliche Rechte – wie das auf Schwangerschaftsabbruch – meint.
    Zugespitzt wurde die Debatte durch Todd Akin, republikanischer Kongressabgeordneter und Kandidat für den Senat aus dem Bundesstaat Missouri. Dass er Abtreibungen selbst im Falle von Vergewaltigungen ablehnt, begründete er in einem Fernsehinterview mit dem Hinweis, dass der weibliche Körper im Fall einer “legitimen Vergewaltigung” Möglichkeiten hat, “das ganze Ding abzuschließen”, also eine Schwangerschaft zu blockieren. Die Theorie, nach der nur eine “freudige” Gebärmutter empfängnisbereit ist, stammt aus dem 18. Jahrhundert.
    Doch eine politische Entgleisung besteht bekanntlich meist darin, dass einE PolitikerIn versehentlich das ausspricht, was er/sie wirklich denkt. Und tatsächlich sind solche Ansichten unter republikanischen PolitikerInnen im 21. Jahrhundert weit verbreitet. “Hormone”, “Sekrete” oder “Safte” sollen demnach als natürliches “Verhütungsmittel” bei sexueller Gewalt wirken. Das ist nicht nur ein Zirkelschluss von absoluten AbtreibungsgegnerInnen – soll eine Frau durch Gewaltanwendung schwanger werden, dann muss es ihr “gefallen” haben, womit es keine “legitime Vergewaltigung” wäre – sondern klingt auch verdächtig nach einem Argument von Vergewaltigern.

    Romney und Paul Ryan, der in Tampa offiziell zum republikanischen Kandidaten für das Amt des Vizepräsidenten gekürt wurde, haben Akin im Bemühen um Schadensbegrenzung zum Rücktritt aufgefordert. Romney selbst spricht sich indes zwar für ein Recht auf Abtreibung zumindest nach Vergewaltigung, Inzest und bei Gefahr für das Leben der Frau aus. Doch die Planungskommission des Parteitages verabschiedete vor dessen Beginn eine “Plattform”, nach der Abtreibung auch in diesen Fällen strikt abgelehnt wird. Zwar spielt der republikanische Sprecher des Abgeordnetenhauses diese Passage herunter – “Kennen Sie jemand, der die Parteiplattform durchgelesen hat?” fragte er rhetorisch, doch gerade Paul Ryan vertritt explizit ähnliche Ansichten wie Akin. So unterstützte er als Kongressabgeordneter gemeinsam mit seinem Kollegen aus Missouri eine Gesetzesvorlage, nach der nur eine “gewaltsame Vergewaltigung” zum Schwangerschaftsabbruch berechtigen sollte. Er ist nach eigenen Angaben “so ›pro-life‹, wie ein Mensch nur sein kann”.

    1973 wurde das Recht auf Abtreibung vom Obersten Gerichtshof der USA als Grundrecht definiert. Doch auf der Ebene der Bundesstaaten versuchen AbtreibungsgegnerInnen, den Frauen dessen Inanspruchnahme so schwer wie möglich zu machen. So existiert in Mississippi bei fast drei Millionen EinwohnerInnen nur noch eine einzige Klinik, in der Abbrüche vorgenommen werden. Ein im Frühjahr dieses Jahres verabschiedetes Gesetz sollte dafür sorgen, dass der Eingriff auch hier nicht mehr durchgeführt werden kann. Nur ein Gerichtsentscheid im Juli verhinderte bis auf weiteres die Schließung der “National Women’s Health Organization” in Jackson. Der republikanische Gouverneur Phil Bryant verfolgt jedoch weiter das Ziel, “Mississippi zum ersten abtreibungsfreien Bundesstaat der USA zu machen”. Betroffen wären erneut vor allem arme Frauen, schwarze besonders, die sich Reisen in liberalere Bundesstaaten nicht leisten können. ÄrztInnen, die den Eingriff noch ausführen, werden in den USA häufig bedroht, einige sind bereits Mordanschlägen zum Opfer gefallen.
    Ein Gesetz von diesem Jahr in Virginia schreibt eine Ultraschallaufnahme vor einer Abtreibung vor. Eine besonders umstrittene Gesetzespassage, die im ersten Trimester eine vaginale Sonde erfordert hätte, wurde erst in letzter Minute gestrichen. Der Versuch weiblicher Parlamentsabgeordneten in mehreren Bundesstaaten, eine Rektaluntersuchung vorzuschreiben, um ein Rezept für Viagra zu bekommen, scheiterte allerdings.

    Im krassen Gegensatz zum fanatischen Kampf der Konservativen für das “ungeborene Leben” steht die asoziale Politik der RepublikanerInnen, unter der Millionen armer Kinder am meisten leiden. Die republikanischen Haushaltsentwürfe sehen massive Kürzungen bei Lebensmittelprogrammen für arme Familien vor. Dies zeigt einmal mehr, dass es in der Abtreibundsdebatte in Wirklichkeit nicht um das Lebensrecht von Föten geht, sondern um Kontrolle über die Körper der Frauen.
    So wurde Parlamentarierinnen im Abgeordnetenhaus von Michigan das Wort entzogen, weil sie überhaupt das Wort “Vagina” vor dem Plenum aussprachen. Bei einer Anhörung im Kongress über Verhütungsmittel, die neuerdings auch religiöse Krankenkassen übernehmen müssen, wurden von den RepublikanerInnen nur Männer eingeladen. Eine Studentin, die vor dem Ausschuss aussagen wollte aber nicht durfte, wurde später vom rechten Radiomoderatoren Limbaugh als “Schlampe” und “Prostituierte” bezeichnet, weil sie teuere Verhütungsmittel nicht aus eigener Tasche leisten konnte.

    Es wäre allerdings zu einfach, diese anachronistisch wirkende Debatte auf die “puritanische” Tradition der USA zu reduzieren. Denn die anhaltende Krise der früheren Hegemonialmacht löst große Unsicherheiten unter den Mittelschichten aus, die in einer angestrebten Sexualmoral zum Ausdruck kommen, die es eigentlich nur in den Fernsehserien der 50er Jahre gab. Obama stellt sich zwar gerade als Verteidiger der Frauenrechte vor und das Thema nimmt immer mehr Platz in den Medien ein, doch nur eine eigenständige Frauenbewegung wird diese reaktionären Ideologien zurückdrängen können.

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