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Nochmals zum Begriff ‚Geschlecht‘ in Hinblick auf eine sozialemanzipative Perspektive

da es in der frage der bestimmung „des revolutionären subjekts“ ODER „revolutionärer subjektE“ in der NAO essential(programm)debatte zu grösseren unstimmigkeiten kam, versuche ich hier noch mal meinen debattenstand zur kategorie ‚Geschlecht‘ zusammenzufassen. dabei ist mir bewusst, der grossen komplexität des themas geschuldet, das dies nur höchst unvollständig sein kann.

ein vorschlag zur güte

ich bin der meinung, wir müssen im NAO prozess nicht entscheiden, WAS die geschlechter sind, noch ob „zweigeschlechtlichkeit“ ’natürlich‘ ist oder nicht, oder ob das (biologische) geschlecht nicht viel mehr ein ‚kontinuum‘ darstellt, was erst durch die gesellschaftliche kultur binär vereindeutigt wird. denn diese fragen (so interessant sie sein mögen) ändern nichts an den politisch-programmatischen schlussfolgerungen in bezug auf „frauenfrage“ (traditionsmarxistisch) oder den „revolutionär-feministischen kampf“ (postmodern). 

ich denke, wir sind uns im NAO prozess so weit einig, dass die bürgerliche gesellschaft nicht nur ein herrschaftverhältnis gegenüber den lohnabhängigen (kapitalverhältnis), sondern auch ein herrschaftsverhältnis gegenüber den frauen darstellt (geschlechterverhältnis). ohne jetzt auf das genaue verhältnis zwischen beiden kategorien einzugehen, ergibt sich für revolutionärInnen daraus eindeutig die aufgabe, sowohl das eine wie das andere (ohne rangfolge) zu bekämpfen.

allerdings, und das ist in der tat eine zentrale fragestellung, kann nur die politische bewegung der lohnabhängigen das kapitalverhältnis beseitigen. damit ist freilich die asymmetrische geschlechtlichtliche arbeitsteilung alleine noch nicht beseitigt. damit die emanzipation der arbeiterklasse (bewusst nicht gegendert) auch die allgemeine emanzipation sein kann, ist ebenfalls eine autonome bewegung im antipatriarchalen kampf erforderlich.

diese kann sich aber meines erachtens — zumindest aus marxistischer sicht (und da widerspreche ich klar DG mit seinem/ihrem interklassismus!) — im wesentlichen nur auf die proletarischen frauen stützen. so heisst es in einem feministischen klassiker von Simone de Beauvoir („das andere geschlecht“):

„die bürgerliche frau hängt an ihren ketten, weil sie an ihren klassenprivilegien hängt. man erklärt ihr unablässig und sie weiss, dass die emanzipation der frauen eine schwächung der bürgerlichen gesellschaft nach sich ziehen würde: vom mann befreit, wäre sie zum arbeiten verurteilt; sie mag bedauern, dass sie nur ihrem mann nachgeordnete rechte auf das privateigentum hat, noch mehr würde ihr aber leid tun, wenn dieses eigentum abgeschafft würde. mit den frauen der arbeitenden klasse fühlt sie sich nicht solidarisch: sie steht ihrem mann viel näher als den textilarbeiterinnen. sie macht sich seine [herv v mir] interessen zu eigen.“ — Beauvoir [1949]; zit. nach: Voß, Geschlecht. theorie.org, S. 37/38

ich denke, dieser analyse ist nicht viel hinzuzufügen.

natürlich kämpfen kommunistInnen für die allgemeinen frauenrechte, POLITISCH stützen sie sich dabei aber auf die proletarischen frauen. die bürgerliche frau wird sich entscheiden müssen, ob sie lieber ihre klassenprivilegien bei geschlechtlicher sklaverei geniesst, oder ob sie lieber ihre klassenprivilegien aufgibt zugunster allgemeinmenschlicher emanzipation! eine zugegebenermassen schwere wahl! 😉

noch ein paar bemerkungen zu ’natur‘ und ‚kultur‘

es ist das grosse verdienst des postmodern-(de)konstruktivistischen diskurses, dass kategorien, die vormals als ‚feststehend‘ oder als ’natürliche ordnungen‘ angesehen wurden, in ihrer historischen (sozialen) gewordenheit und prozesshaftigkeit erkannt wurden. bei keinem thema ist dies so brisant wie beim thema ‚Geschlecht‘!

meine haltung zu diesem ganzen fragenkomplex möchte ich ganz kurz auf den punkt bringen:

das was wir in westlichen gesellschaften als „natürliche dualismen“ betrachten, dürfte sich bei genauerer analyse als EINS (vom ganzen) erweisen. es ist ein merkmal der evolution des bewusstsein, dass gedankliche grenzen immer weiter nach aussen (räumlich) und immer mehr in die tiefe (qualitativ) ausgedehnt werden. diese ausdehnung betrifft natürlich 😉 auch das geschlechterverhältnis! WIE sich allerdings in einer kommunistisch-klassenlosen gesellschaft die geschlechter (sicherlich mehr als zwei!) zueinander und miteinander ins benehmen setzen werden, diese frage können wir getrost den zukünftigen generationen einer befreiten menschheit überlassen. ich bin allerdings davon überzeugt, dass alle nach ihrer facon glücklich werden können, ohne damit die rechte dritter zu beeinträchtigen!

ein ganz kleines haar ist allerdings noch in der suppe, vlt ist es sogar eine prise salz.

Sigmund Freud fasste mal die ergebnisse seiner psychoanalytischen forschungen in dem satz zusammen: „WO ES WAR SOLL ICH WERDEN“

aber so, wie es im im menschen immer einen ES anteil (biosphäre) geben wird, so wird es auch immer irrationalität und unbeherrschbare leidenschaften geben. der mensch ist nicht zu 100% auf rationalität und kultur (geist) reduzierbar. die evolution mag in der haupttendenz dazu hinführen, dass der mensch immer mehr seine verstrickung in soziale gewordenheiten erkennt und dadurch in die lage versetzt wird, sich auch aus ihnen zu befreien. dies wird freilich immer nur eine (asymptotische) annäherung sein; ein vollständiges erreichen eines telos in der geschichte ist nicht möglich, da der mensch ohne den kampf der widersprüche — ohne die dialektik seines seins — nicht leben kann. daher ist auch der kommunismus keine „erreichte gesellschaftsform“, sondern nur eine verallgemeinerung eines vertieften bewusstseins im globalen maßstab, die aber die notwendigkeit einer permanenten (r)evolutionierung aller gesellschaftlichen verhältnisse nicht aufhebt.

„Der Kommunismus ist für uns nicht ein Zustand, der hergestellt werden soll, ein Ideal, wonach die Wirklichkeit sich zu richten haben [wird]. Wir nennen Kommunismus die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt.“ – Marx/Engels, Die deutsche Ideologie

ein trost mag sich aber daraus auch ergeben: solange wir hoffen und kämpfen, können wir uns dabei auch lebendig fühlen. die auflösung aller widersprüche, die grosse harmonie des seins, das nirvana, das paradies, das goldene zeitalter oder den himmel — ganz nach persönlichem gusto … verschieben wir mal auf spätere zeiten! 😉

2 Kommentare zu “Nochmals zum Begriff ‚Geschlecht‘ in Hinblick auf eine sozialemanzipative Perspektive

  1. Pingback: Nochmals zum Begriff ‘Geschlecht’ in Hinblick auf eine sozialemanzipative Perspektive « Neue antikapitalistische Organisation? Na endlich! - Debatte zur Neugruppierung der radikalen Linken

  2. Demonstration gegen sexualisierte Gewalt: Solidarität mit “Schlampen” soll dem Begriff die abwertende Bedeutung nehmen. Interview mit Lisa Bovac, Studentin und Mitorganisatorin der SlutWalk-Demonstration in Berlin am 15. September.

    Am 15. September findet bereits zum zweiten Mal eine “SlutWalk”-Demonstration in Berlin statt. Was sind eure Ziele?

    Wir demonstrieren gegen sexualisierte Gewalt und deren Verharmlosung. Wir wollen ein breiteres Bewusstsein dafür schaffen, dass den Betroffenen von sexualisierter Gewalt keine Mitschuld gegeben werden darf. Wir demonstrieren für unser Recht auf Selbstbestimmung hinsichtlich Körper, Geschlecht, sexueller Orientierung, Verhalten, Aussehen und Kleidung. Zum SlutWalk um 14 Uhr am Brandenburger Tor sind alle Menschen eingeladen, die sich mit diesen Zielen identifizieren können. Dabei verstehen wir uns als Teil einer weltweiten “SlutWalk”-Bewegung, die zu einem großen Netzwerk geworden ist.
    Wie sehen alltägliche Erfahrungen mit Vergewaltigung und sexueller Gewalt in der heutigen BRD aus?
    Jährlich werden bundesweit rund 12000 Fälle von Vergewaltigung und sexueller Nötigung angezeigt. Die Dunkelziffer wird auf das zehn- bis zwanzigfache geschätzt. Die Gesellschaft lehrt: “Lasse dich nicht vergewaltigen”, anstatt: “Vergewaltige nicht”. Jedes Mädchen und jede Frau kann unabhängig von ihrem Alter, ihrem Aussehen, ihrer Kleidung betroffen sein. Es gibt kein Verhalten, das eine Vergewaltigung rechtfertigen könnte. Es gibt aber auch kein Verhalten, das eine Vergewaltigung ausschließen kann.
    Wie hat die internationale SlutWalk-Bewegung angefangen?
    Seinen Ursprung hat der SlutWalk im kanadischen Toronto. Dort fand er am 3. April 2011 zum ersten Mal statt. Anlass war die Bemerkung eines kanadischen Polizeibeamten, der Frauen empfahl, sich “nicht wie Schlampen anzuziehen”, um nicht zum Opfer von Gewalt zu werden. Eine Aussage, die zu den Mythen gehört, die sich um Vergewaltigungen ranken. Denn hier überwiegt der Irrglaube, Regeln befolgen und sich somit absichern zu können. Die Wut darüber brachte schon in Toronto über 3.000 Menschen auf die Straße. Seither breitet sich die Idee des SlutWalk weltweit aus.

    Presseberichte behaupten, die Demonstrationsteilnehmenden in Berlin würden besonders viel Haut zeigen. Was bedeutet das?

    Es gibt auf SlutWalks keinen Dresscode. Jede und jeder kann selbst entscheiden, in welcher Form sie oder er sich diesem Protest anschließen will. Wir können das leider nicht beeinflussen, auch wenn wir in allen Interviews darauf hinweisen, dass die Medien gerne Bilder von halbnackten Frauen veröffentlichen. Und selbst wenn in den Medien die Maxime “sex sells” gilt, widerspricht der SlutWalk in seinem Auftreten eigentlich diesem Bild: Was auf den Transparenten, Flyern und Schildern des SlutWalk ausgesagt wird, kann nicht von den Körpern getrennt werden. So war eine beliebte Parole aus den SlutWalks der USA: “Mein kurzer Rock ist keine Einladung, mich anzufassen.” Oder letztes Jahr war ein Schild: “Ich will Sex, aber nicht mit dir.”

    Warum verwenden Sie den Begriff “Slut”, der im Englischen fast immer abwertend gemeint ist?

    Es geht darum, sich mit Menschen, die als “Slut”, also “Schlampe”, bezeichnet werden, zu solidarisieren – und dem Begriff somit seine abwertende Bedeutung zu nehmen. Da wir in Berlin uns in der Tradition der weltweiten SlutWalks sehen, wollten wir keine Namensänderung beschließen, ohne dies mit den anderen SlutWalks gemeinschaftlich zu diskutieren. Damit keine Missverständnisse entstehen, haben wir uns dieses Jahr für einen Untertitel gegen sexualisierte Gewalt entschieden. Wir wollen mit diesem Untertitel darauf hinweisen, dass es um ein strukturelles gesellschaftliches Problem – um eine Vergewaltigungskultur – geht. Wir leben hier und auf der ganzen Welt in einer patriarchalen Gesellschaftsform, die Frauen, Trans-Menschen sowie inter-, homo- und bisexuelle Menschen unterdrückt.

    Eine letzte Frage: Sind Männer, die ein Zeichen gegen sexuelle Gewalt setzen wollen, auch willkommen, oder ist das erst mal eine Aktion von und für Frauen?

    Auf keinen Fall ist das eine Aktion von Frauen für Frauen. Der SlutWalk ist selbstverständlich offen für alle Geschlechter. Auch Jungs und Männer sind von sexualisierter Gewalt betroffen. Und viele Männer wollen sich dagegen aussprechen. Wir leben in einer Vergewaltigungskultur, und dies zu bekämpfen, geht alle an – auch wenn viele die Augen davor verschließen, so nach dem Motto: “Kann ja gar nicht sein, dass es so schlimm ist.” Mit unserer Demo wollen wir dieses Schweigen durchbrechen.

    Quelle: http://www.klassegegenklasse.org/interview-slutwalk-in-berlin/

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