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Dickere Bretter für die NAO !

„Ich trete keinem Club bei, der mich aufnehmen würde“ (Groucho Marx)

ich hatte bereits an anderer stelle eine art „arbeitsplan“ für den NAO prozess entwickelt. ich finde, nach über 1,5 jahren wird es langsam an der zeit, dass in den NAO gruppen auch dickere bretter bearbeitet werden!

zwar ist die essential debatte noch nicht abgeschlossen, und diese hat auch fundamentale schwächen in den NAO gruppen offenbart (mangelnde beteiligung, dissens in fragen des revolutionären subjekts oder subjektE, allgemein der widerspruch zwischen „traditionslinke“ und „postmoderne“). aber auf der anderen seite ist es auch wahr, dass der NAO prozess nicht EWIG zeit hat. ich habe zwar selber dafür plädiert, dass man sich nicht unter zeitdruck setzen  soll (und dazu stehe ich auch), aber das darf keine entschuldigung dafür sein, den aufbau einer revolutionären organisation („neugruppierung“ im SIBschen sinne) im schneckentempo anzugehen.

ich bin es langsam leid, dass die gruppen offensichtlich meinen, taktisches abwarten sei eine revolutionäre tugend! bei allem verständnis dafür, dass die arbeitskapazitäten gering sind (der gen. Prütz hat bereits darauf hingewiesen), aber wenn von den gruppen nicht langsam mal eine andere arbeitsweise an den tag gelegt wird, diskutieren wir noch, wenn alle fragen durch eine weltweite thermonukleare katastrophe entschieden sind oder die weltrevolution OHNE die NAO stattgefunden hat!

ich möchte ein paar punkte benennen, die meines erachtens unbedingt im NAO prozess diskutiert werden müssen, damit es zu einer programmatisch-organisatorischen verdichtung über die essentials hinaus kommen kann. dabei nehme ich offen in kauf, dass es zu einer trennung von spreu und weizen kommt. mit so einer entwicklung habe ich ohnehin gerechnet und sie scheint mir auch notwendig zu sein, wenn man im NAO prozess wirklich vorwärts kommen und nicht nur schwätzen will!

folgende themen sehe ich GANZ OBEN in einer erweiterten programmdiskussion:

A) Einschätzung der reformistischen apparate (SPD, LINKE, DGB) 

daraus abgeleitet einen forderungskatalog, um AKTUELL in soziale kämpfe und soziale bewegungen intervenieren zu können (als NAO !!!!)

B) analyse der klassenstrukturen heutiger industriegesellschaften (metropolen); zumindest soweit, dass daraus STRATEGISCHE SCHLUSSFOLGERUNGEN gezogen werden können. das würde auch vlt die unstimmigkeiten zwischen „traditionslinken“ und „postmodernen“ etwas abschwächen.

C) und so leid es mir tut, wir werden nicht umhin kommen, auch die frage des charakters des „realsozialismus/stalinismus“ anzugehen. (ehemalige UDSSR, DDR, VR CHINA, KUBA)

jede/r linke, der auf DIESE FRAGEN keine antworten geben kann, kann nach hause gehen! 

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ich bin mir im klaren darüber, dass dies ein SEHR ANSPRUCHSVOLLES arbeitsprogramm ist, auch angesichts der schwierigkeiten und anstrengungen der essential- und NAO sommerdebatte. aber wenn die NAO gruppen WIRKLICH EINE REVOLUTIONÄRE ORGANISATION SCHAFFEN WOLLEN, müssen sie sich langsam an einen HÖHEREN STANDARD IN FRAGEN DER ORGANISATORISCHEN VERBINDLICHKEIT GEWÖHNEN!

als konsequenz aus diesen überlegungen habe ich mich entschlossen, einer NAO gruppe beizutreten. ich habe nur das problem, dass ich politische ansichten vertrete, die mit KEINER EXISTIERENDEN GRUPPE kompatibel sind! 

wenn es also eine NAO gruppe gibt, die sich mich als mitglied vorstellen kann, dann soll sie sich bitte bei mir melden 😉 !

11 Kommentare zu “Dickere Bretter für die NAO !

  1. Pingback: Dickere Bretter für die NAO ! « Neue antikapitalistische Organisation? Na endlich! - Debatte zur Neugruppierung der radikalen Linken

  2. Nach der Sommerdebatte ist vor dem nächsten mutigen Schritt – Zu Tempo, Form, Breite und Praxis des NAO-Prozesses
    — von Michael Schilwa [SIB], Quelle: http://www.nao-prozess.de/blog/nach-der-sommerdebatte/
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    Diese Wortmeldung ist eine (etwas ausführlichere) Verschriftlichung meines Beitrages auf dem Schlussplenum der Sommerdebatte.

    TEMPO

    Der NAO-Prozess wandelt auf einem recht schmalen Grat.
    Einerseits besteht die Gefahr des „closed shops“ bzw. dass auch nur dieser Eindruck entsteht.
    Real ist beim NAO-Prozess natürlich fast gar nichts fix oder „closed“, die „5 Eckpunkte“ sind nicht mehr als „grobe Leitplanken“, aber eben auch nicht weniger.
    Entscheidend ist aber nicht, wie wir uns selber wahrnehmen, sondern wie wir von außen gesehen werden.
    Jedem Eindruck, hier ginge es nur noch darum, einem „fertigen“ Projekt beizutreten oder nicht, müssen wir hartnäckig widersprechen – jede(r) „Neue“ kann Grundlagen, Charakter und „Gesicht“ einer künftigen NAO mitprägen.

    Auf der anderen Seite (da bin ich durchaus bei Klaus Engerts und Systemcrashs letzten Postings) braucht ein solcher Prozess auch eine gewisse Dynamik, die Börsianer sprechen von „Momentum“.
    Für uns im NAO-Prozess Aktive passiert ja jeden Tag irgendwas, Außenstehende können trotzdem den Eindruck kriegen „da passiert ja gar nichts mehr“.
    Das hängt auch, aber nicht nur mit dem beklagenswerten Zustand dieses Blogs (der nun mal unsere „Visitenkarte“ ist) zusammen.
    Ich bin sicher, dass vielmehr Menschen und Gruppen als wir glauben, der NAO-Idee prinzipiell positiv gegenüberstehen, aber eben den realen NAO-Prozess bislang nur passiv-abwartend begleiten statt sich aktiv einbringen.
    Diesem Milieu müssen wir schon ein bisschen „Druck“ machen , positiv gesprochen etwas anbieten.
    Deshalb können wir unmöglich noch weitere 1 ½ Jahre „nur“ diskutieren, deshalb darf der für Frühjahr 2013 in’s Auge gefasste große „NAO-Kongress“ auf keinen Fall der gefühlt 34. folgenlose „Linke Ratschlag“ werden, sondern von diesem Kongress muss ein politisches Signal ausgehen.
    Und dieses Signal kann und darf nur sein:
    Im vollen Bewusstsein der Bescheidenheit unserer Anfänge sind die bislang im NAO-Prozess versammelten Gruppen und Menschen fest überzeugt, dass die Zeit reif (ja überreif) ist für den Aufbau einer revolutionär-antikapitalistischen Organisation in Deutschland.

    FORM

    Auf der Sommerdebatte herrschte große Einigkeit:
    Eine „Organisationsgründung“ als nächster Schritt käme viel zu früh, wäre utopisch und kontraproduktiv.
    Denn das hieße ja, das sich alle am NAO-Prozess beteiligten Gruppen (immerhin 9, wenn ich richtig zähle) sofort in die neue Organisation auflösen müssten.
    Dazu ist im Moment nur die SIB (und vielleicht die SoKo) bereit, von allen anderen können wir das unmöglich verlangen (zum jetzigen Zeitpunkt).
    Die GenossInnen haben (z. T. seit Jahrzehnten) ihren eigenen „Laden“ aufgebaut und fürchten (zu Recht!), dass ein Scheitern des NAO-Prozesses auch ihre eigene Organisation gefährden würde.
    Bei RSB, GAM und isl kommt noch etwas hinzu, sie sind nicht nur eigenständige nationale Organisationen, sondern auch Mitglieder von verschiedenen Internationalen.
    Wer in der jetzigen noch „halb-embryonale“ Phase des NAO-Prozesses einer „Organisationsgründung“ das Wort redet, verzichtet sehenden Auges auf die meisten unserer „Doppelmitglieder“ – das wäre politischer Selbstmord.
    So weitermachen wie bisher können wir aber auch nicht (siehe oben).
    Zum Glück sind nicht alle Katzen schwarz oder weiß – es gibt auch graue.

    Eine solche „graue Katze“ ist das Modell der griechischen Organisation „Antarsia“ (leider habe ich vergessen, was das auf deutsch heißt).
    Dieses Modell Antarsia als nächster Schritt im NAO-Prozess stieß bei der Sommerdebatte nicht bei allen, aber doch bei den meisten TeilnehmerInnen auf Zustimmung.
    Denn Antarsia ist (als Zwischenschritt) genau das, was wir auch in Deutschland brauchen:
    Ein „Pol“ oder „Block“ oder eine „Front“ von (im Falle von Antarsia) mehr als 10 revolutionär-antikapitalistischen Organisationen – mehr als ein unverbindliches Netzwerk und weniger als eine einheitliche neue Organisation.
    Die bislang beteiligten Organisationen bleiben weiter separat organisiert und geben trotzdem ein verbindliches und tatsächlich Signal: Raus aus dem Zirkel(un)wesen.
    Diesen Schritt können (und müssen) wir alle gemeinsam gehen!

    Damit wir nicht unnötige Diskussionen führen:
    Es geht nicht um Programmatik und Strategie von Antarsia (ich persönlich halte ihre Position zu Syriza und einer möglichen Linksregierung in Griechenland für sektiererisch), sondern ausschließlich um das Organisationsmodell.
    Mir egal, ob das „Eklektizismus“ (Rosinenpickerei) ist – selbst von der ziemlich rechten holländischen SP können wir was deren Organisationsstruktur angeht, eine Menge lernen
    (ich führe das jetzt nicht aus).

    Leider hat der Plan aber auch einen Haken:
    Unorganisierte könnten den Eindruck kriegen, in einem solchen „Kartell“ von Organisationen sei kein Platz für sie (Um Missverständnissen vorzubeugen – ich weiß, dass Genosse Schubert den Begriff anders verwendet / meint).
    Wir müssen also unbedingt klarstellen, dass nicht Organisierte / Individuen willkommen sind und gebraucht werden und sicherstellen, dass eine „antarsia-mäßig“ verfasste NAO auch tatsächlich entsprechend handelt / funktioniert.

    Natürlich stehen Organisation und Programm in einem inneren Zusammenhang.
    Wenn wir uns einig sind, dass eine Organisationsgründung z. Z. nicht in Frage kommt, ergibt sich daraus, dass auch ein „komplettes“ oder “fertiges“ Programm viel zu früh käme.
    Andererseits können wir dieses von mir beworbene Signal nicht einfach nur proklamieren, sondern müssen es auch programmatisch unterfüttern – und diese „Unterfütterung“ sollte schon mehr sein als die „5 Essentials“.
    Deshalb herrschte auf der Sommerdebatte nicht einhellige, aber weitgehende Überstimmung, bis Anfang nächsten Jahres gemeinsam ein nicht zu langes (4 -6 Seiten) „Manifest für eine NAO in Deutschland“ zu erarbeiten.
    So wie das „Antarsia-Modell“ ein Zwischenschritt zwischen unserer momentanen Verfasstheit und dem Ziel einer einheitlichen NAO ist, so wäre ein solches Manifest ein Zwischenschritt zwischen der jetzigen Situation der „5 Essentials“ und einem „richtigen“ NAO-Programm.
    Die gemeinsame Erarbeitung eines solchen Manifestes steht nicht im Widerspruch zur ebenfalls dringend anstehenden „Essential-Diskussion“ – im Gegenteil.
    Ich stimme hier völlig mit Klaus überein und brauche deshalb seine gerade geposteten Argumente nicht zu wiederholen.

    BREITE

    Auf der Sommerdebatte gab es verschiedene Vorschläge, den geplanten NAO-Kongress im Frühjahr breiter oder sogar sehr viel breiter anzulegen.
    Ich finde, wir sollten zwei Dinge unterscheiden:
    Die innerlinke Diskussion im Allgemeinen und die NAO-Debatte im Besonderen.
    Ich spreche weder der AKL noch der IL (nicht mal ‚Marx 21’) ab, dass sie aufrichtige Revolutionäre sind, aber sie haben völlig andere strategische Pläne als wir.
    Die AKL z.B. fokussiert völlig auf die Stärkung der Linken Opposition in der PdL, was ich übrigens gut und nicht schlecht finde.
    Aber das ist was gänzlich anderes als unser kühnes Projekt, nämlich einen Pol links der PdL aufzubauen.
    Würden wir also z.B. die AKL-GenossInnen zu einem NAO-Kongress einladen, wäre von vorneherein klar, dass da nichts bei raus kommt – ich will aber, dass dabei was rauskommt.
    Ähnliches gilt für die IL, die leider, aber offenkundig ein anderes, eigenes Organisationsprojekt verfolgt.
    Unser Prozess muss so breit wie möglich, aber auch so klar wie nötig sein / werden.
    Offene, faire Diskussion mit allen, die eine NAO wollen.

    Mit allen, die eine NAO nicht wollen (und daraus auch gar kein Geheimnis machen), müssen wir natürlich trotzdem diskutieren – aber nicht über die NAO, sondern z.B. darüber, wer die bessere antikapitalistische Strategie für Deutschland vorschlägt.
    Ich könnte mir gut einen weiteren, anderen Kongress vorstellen, wo diese verschiedene Strategien und Ansätze in einen innerlinken Wettstreit treten (AKL, IL, UG, 3A, NAO…).

    PRAXIS

    Das läuft in der NAO bisher ziemlich schief:
    Alle rufen laut: Praxis, Praxis, Praxis, aber die dazu bislang gefassten gemeinsamen Beschlüsse (also zur NAO-Praxis, nicht zu der teilweise sehr gut laufenden Praxis der einzelnen Gruppen) wurden entweder gar nicht oder schlecht umgesetzt (außer in Berlin – kleiner lokalpatriotischer Schlenker).
    Mit der gemeinsamen Griechenland-Soli scheint es allerdings besser zu laufen.

    DIE diesbezügliche Idee habe ich nicht natürlich auch nicht, möchte aber wenigstens zwei entscheidende Kriterien für eine vereinheitlichte NAO-Praxis vorschlagen:

    1. Wir müssen flexibel sein.
    Kommt es zum „Grexit“ oder greifen Israel / USA vor den US-Präsidentenwahlen den Iran an, können wir nicht sagen: Da machen wir nichts, weil wir was anderes beschlossen haben.

    2. Eine gemeinsame NAO-Praxis ist mehr als die Addition der verschiedenen Aktivitäten vor Ort. Wir müssen exemplarisch deutlich machen, worin denn der praktische „Nutzwert“ einer revolutionär – antikapitalistischen Organisation besteht.
    Viele BasisaktivistInnen haben keine großen programmatischen Differenzen mit uns – sie halten eine (weitere) „Partei“ schlicht für überflüssig.

  3. Vorüberlegungen zum Verhältnis von “Traditionsmarxismus” und (linker) “Postmoderne”
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    diese überlegungen dienen (mir) im wesentlichen erst mal nur zur sichtung der problemstellung und (vlt) könnte noch eine sammlung von texten dazu erstellt werden (ich hoffe da besonders auf die hilfe von DG 😉 ).

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    linke anachronismen und erneuerungsbewegungen und erneuerungsbedarf
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    ich fange ganz simpel an: der marxismus ist im wesentlichen ein geistiges produkt des 19. jahrdts. auch die marxistischen erweiterungen des 20. jahrhdts (lenin, trotzki, luxemburg, gramsci etc.) haben im prinzip ihre methodischen wurzeln im alten marxismus. soweit das kapitalverhältnis in postmodernen gesellschaften noch strukturell mit der marxschen KAPITALanalyse übereinstimmt, bleiben ihre analysen natürlich auch aktuell.

    nun hat es aber definitiv in den letzten 200 jahren kapitalismus in westeuropa auch gesellschaftliche veränderungen gegeben, die zwar nicht die vorherrschaft der kapitalistischen produktionsweise beseitigt haben, die aber doch so gravierend sind, dass sich daraus auch prinzipielle veränderungen für eine revolutionäre strategie ergeben.

    (1) massive erweiterung des dienstleistungssektors

    (2) verringerung des anteils industrieller (massen)produktion. damit verbunden, auslagerung der produktion in “billiglohnländer (osteuropa, asien)

    (3) umstrukturierungen in der klasse der lohnabhängigen. auf der einen seite ein “prekariat”, auf der anderen seite ein neues “bewusstseinsmässiges kleinbürgertum” (ökonomische bedeutung und einsatz der computertechnologie), was aber objektiv klassenanalytisch auch “proletarisch” sein soll

    (ich denke, diese liste sollte noch ergänzt und analytisch präzisiert werden!)

    aus all diesen veränderungen ergeben sich auch veränderte ausgangsbedingungen für “linke” politikansätze.

    (a) die traditionelle “arbeiterbewegung” in deutschlang hat durch den kontinuitätsbruch faschismus/zweiter weltkrieg und den wirtschaftsaufschwung von den 50ern bis ende der 70er (“wirtschaftswunder”) endgültig alle reste des alten klassenbewusstseins verloren. an die stelle des ursprünglichen reformistischen bewusstsein ist ein bewusstsein von sozialpartnerschaft und (demokratischer) partizipation an der bürgerlichen gesellschaft getreten. politisch spiegelt sich diese entwicklung in der umwandlung der SPD von einer bürgerlichen arbeiterpartei in eine rein bürgerliche sozialliberale partei. wann man diese umwandlung festmacht, dürfte noch strittig sein. einige meinen bereits mit dem “godesberger programm”, andere gehen eher von der HARTZ gesetzgebung aus.

    (b) damit einhergehend haben auch die DGB gewerkschaften jede funktion elementaren (ökonomischen) klassenkampfes verloren. sie dienen nur noch als apparate zur verwirklichung des co-managements. wenn sie partiell “proletarische” interessen verteidigen, tun sie dies ausschliesslich unter den (ideologischen) voraussetzungen des nationalismus (standortlogik) und der korporatistischen verteidigung der interessen ihrer kernklientel (stammbelegschaften, gewerkschaftsbürokratie). jede soziale ausweitung von gewerkschaftskämpfen auf prekäre, frauen, andere wirtschaftszweige oder gar andere länder wird von der gewerkschaftsbürokratie vehememet abgewürgt.
    und man sollte auch nicht vergessen, dass in den letzten 10 jahren die reallohnhöhe GESUNKEN ist! – also die gewerkschaften nicht einmal soziale standards verteidigen konnten.

    (c) die politische leerstelle der SPD versucht die Linkspartei einzunehmen. dies gelingt ihr aber (partiell) nur in den ostverbänden, da sie dort annähernd eine wählermassenbasis hat. in den westverbänden existieren zwar linke, antikapitalistische, vlt sogar revolutionäre strömungen, diese ordnen aber bislang ihren (taktischen) verbleib in der PDL ihrem revolutionären anpruch unter!

    wenn man diese ausgangsbedingungen für linke politik akzeptiert, kommt man zwangsläufig zu dem ergebnis, dass die POLITISCHEN marxistischen analysen aus der ersten hälfte des 20. jahrdts NICHT mehr auf die HEUTIGE situation (1:1) übertragbar sind. denn alle marxistischen klassiker gingen in ihren politischen analysen von der EXISTENZ EINER ARBEITERMASSENBEWEGUNG aus, diese existiert aber nicht mehr in deutschland.

    daraus ergeben sich vollkommen neue politische aufgabenstellungen:

    (1) bewahrung der revolutionären geschichte und theorie

    (2) umformung der traditionellen politischen theoriebildung für eine AKTELLE ANWENDBARKEIT

    (3) fokussierung auf neue politische (themen)felder. weg von der ALTEN “arbeiterklassenorientierung” (betrieb und gewerkschaft) auf themenfelder wie “frauen” (gender-poltics), jugend (bildung, lehrstellen), prekariat (arbeitslosigkeit, neue berufssparten wie call-center ohne traditionelle gewerkschaftliche organisierung, bedeutung der neuen “spartengewerkschaften”, infragestellung des konzepts der “einheitsgewerkschaft”, teilzeitarbeit als schleichende einführung allgemeiner arbeitszeitverkürzung [erst mal unabhängig von der frage des lohnausgleichs]), ökologiefrage (“ökosozialismus”) und allgemeine bildungsarbeit (z B bildungsvereine) als vorfeldstruktur für revolutionäre organisierung(sversuche)
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    vorläufiges zwischenergebnis
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    dies sind natürlich erst mal nur ganz grobe vorüberlegungen. ich denke aber, die richtung dieser überlegungen deutet schon an, dass der gegensatz von “postmodernen” und “traditionsmarxisten” nicht unbedingt unüberwindbar sein muss. beide seiten müssen aber die geistige flexibilität haben, ihre eigenen denkstrukturen nicht als dogma anzusehen und sich damit auch in die lage zu versetzen, aus ihrem jeweiligen (politisch-organisatorischen) prokrustesbett (zirkel, sekten) rauzukommen!

  4. ein weiteres themenfeld, was im NAO prozess noch nicht beackert wurde, ist der NATION begriff und daraus abgeleitet, haltung zum nationalismus und internationalismus. da in einem anderen thread gerade DG mit einem UG genossen diskutiert, spielt jetzt auch noch die frage von “anti-nationalismus” und “anti-deutsch” mit rein (vom anti-speziesismus mal ganz zu schweigen!). http://www.nao-prozess.de/blog/diskussionsfragen-an-ums-ganze-gruppen/

    ich sage euch eins, genossInnen, der NAO prozess überhebt sich, wenn ihr glaubt, all diese fragen adäquat bearbeiten zu können und daraus auch noch eine gemeinsame organisation entstehen zu lassen!

    ich bitte alle NAO guppen inständig darum, noch mal die frage der BREITE DES NAO PROZESSES zu überdenken.

    eine gemeinsame organisation von traditionsmarxisten, postautonomen, postantiimps, softantideutschen, anarchisten und feministInnen ist eine riesen illusion.

    das mag ein nettes steckenpferd für DGS sein, aber es ist keine grundlage für revolutionäre realpolitik!

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    ein paar kurze bemerkungen zur frage der NATION
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    aus guten gründen wurde in der marxistischen bewegung immer von INTERNATIONALISMUS gesprochen, und nicht vom anti-nationalismus. warum?

    weil die nation eben nicht NUR ideologie ist, sondern auch eine historisch gewachsene gesellschaftliche wirklichkeit darstellt, auch für die arbeiterklasse. das fängt schon mit der SPRACHE an. wir alle sprechen nicht nur deutsch, wir denken dadurch auch “deutsch” (natürlich nicht im nationalistischen sinne ). und selbst wenn einige englisch, französisch oder spanisch können, würde immer eine rückübersetzung ins deutsche stattfinden, und kein “englisches, “französisches” oder “spanisches” DENKEN stattfinden.

    schon marx hatte sich über bakunin lustig gemacht, weil dieser ANATIONALE kritiken schrieb, und dies aber in der französischen (national)sprache. also mit anderen worten, jede politische kritik wurzelt immer auch in einer “nationalen kultur”. das muss erst mal nichts negatives sein. es ist “nur” ausdruck einer bestimmten stufe in der evolution des bewusstseins, was den grad der DEZENTRALISIERUNG betrifft (familie, clan, clanverbände, nation, nationenverbände, globale kultur). und der kommunismus entspricht dann eben einem HÖHEREN GRAD DER DEZENTRALISIERUNG (mindestens globales bewusstsein).

    man sieht also, dieser ganze “anti-nationalismus” (vom anti-deutschtum mal ganz zu schweigen) hat REIN GAR NICHTS MIT MARXISMUS ZU TUN.

    wer solche leute mit ins boot holen will ist ein POLITISCHER WIRRKOPF!

    (und schon rein von den kräfteverhältnissen im NAO prozess her — zumindest so wie er sich mir bis dato darstellt –, was theoretische auseinandersetzung und organisationspolitische umsetzung betrifft, NICHT ZU HANDLEN.)

    quelle: http://www.nao-prozess.de/blog/dickere-bretter-fuer-die-nao/#comment-3916

    • Kommentar von DGS
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      Nur mal ganz kurz, wie ich die Welt diesbzgl. sehe:

      – Der Internationalismus von Marx [1] und Lenin [2] war kein Inter-Nationalismus, sondern ein Antinationalismus.

      – Der “Internationalismus” von Stalin und der trikontinentale Befreiungsnationalismus waren dagegen Nationalismen.

      – Trotzkistische Betonung der “Klassenabhängigkeit” und autonomer Anti-Nationalismus sind zwei – politisch konvergente, aber theoretisch (noch) disparate – Stränge revolutionärer Kritik an nationalistischer Volksfrontpolitik.

      PS.:
      In dem von systemcrash erwähnten thread http://www.nao-prozess.de/blog/diskussionsfragen-an-ums-ganze-gruppen/ sind weitere Kommentare des UG-Genossen und von mir noch in der Moderationsschleife.

      [1] “Die Arbeiter haben kein Vaterland.” / “Die nationalen Absonderungen und Gegensätze der Völker verschwinden mehr und mehr schon mit der Entwicklung der Bourgeoisie, mit der Handelsfreiheit, dem Weltmarkt, der Gleichförmigkeit der industriellen Produktion und der ihr entsprechenden Lebensverhältnisse. Die Herrschaft des Proletariats wird sie noch mehr verschwinden machen.” (Kommunistisches Manifest)

      [2] “Damit aber diese Anerkennung [der geschichtliche Berechtigung nationaler Bewegungen] nicht zu einer Apologie des Nationalismus werde, …” (LW 20, 19 f. – Kritische Bemerkungen zur nationalen Frage) / “Der Marxismus ist unvereinbar mit dem Nationalismus, mag dieser noch so ‘gerecht’, ‘sauber’, verfeinert und zivilisiert sein. Der Marxismus setzt an die Stelle jeglichen Nationalismus den Internationalismus, die Verschmelzung aller Nationen zu einer höheren Einheit, […]” (ebd., 19). Vgl. dazu: http://theoriealspraxis.blogsport.de/2010/07/13/fuer-das-recht-auf-lostrennung-aber-nicht-unbedingt-fuer-dessen-ausuebung/.

      http://www.nao-prozess.de/blog/dickere-bretter-fuer-die-nao/#comment-3928

      • nur eine kleine terminologische anmerkung.

        es geht bei den “antinationalen” nicht um einen “anti-nationALISMUS”, sondern eben um anti-NATION, also die VERLEUGNUNG der geschichtlichen REALITÄT NATION (deswegen auch INTER [zwischen]-NATION-ALISMUS und nicht anti-nation-alismus.)
        bzw die existenzweise in nationen wird mit “nationalismus” gleichgesetzt. aber auch die arbeiterklassen sind “national” geprägt und dementsprechend unterschiedlich.

        “Kritik der Nation ist Ideologiekritik.” http://phase2.nadir.org/rechts.php?artikel=845&print=

        da ist gar nichts konvergent!

        die gleiche methodologie wie bei der nation sahen wir auch schon bei “geschlecht” (zweigeschlechtlichkeit), auch diese realität wird einfach geleugnet. diese ganzen “ultralinken” sind einfach nur postmoderne, narzisstische realitätsverleugner. (der leninsche begriff der “kinderkrankheit” hat da durchaus seinen tieferen sinn, aber die bemerkung, dass sie deswegen politisch erfolglos sind, erpare ich mir lieber, denn die erfolglosigkeit betrifft ja schliesslich alle “linksradikalen” strömungen ) 🙂

        wenn DGS “konvergenzen mit dem trotzkismus” erkennt, sollten alle alarmglocken laut aufschrillen – oder wie gen. trotzki sagte: wenn das trotzkismus ist, bin ich keiner (marx paraphrasierend) 😉

        dass der “kommunismus” die nationen in eine “höhere einheit” (globales system) aufheben wird (durchaus im hegelschen sinne) ist allerdings richtig. aber aufhebung bedeutet u a auch “bewahrung” ! deswegen kann man auch nur das aufheben, dessen REALITÄT man vorher (AN)ERKANNT hat!

        ps. auch die arbeiter haben ein “vaterland” (nationale identität) und ich habe nicht den eindruck, dass der imperialismus die national-kulturellen unterschiede einebnet, trotz ökonomischer globalisierung. wenn es einen effekt in richtung kulturellen synkretismus` gibt, dann nur in sehr speziellen teilbereichen.
        anstatt die gesellschaftliche realität zu untersuchen, nur marx- und lenin zitate zu posten, würde ich als form dogmatischer sterilität betrachten.
        wobei, lenin hat es schon ganz richtig gesagt:

        “Der Marxismus setzt an die Stelle jeglichen Nationalismus den Internationalismus, die Verschmelzung aller NATIONEN [!!!!herv v mir] zu einer höheren Einheit”

        pps. das wort nation kommt übrigens von natus (lat.) = geboren sein. daran sieht man schon, dass man nationale identitäten genauso wenig wie seine unterhose wechseln kann wie die geschlechtliche identität!

        http://www.nao-prozess.de/blog/dickere-bretter-fuer-die-nao/#comment-3934

  5. Kommentar von DGS
    ===============

    “es geht bei den ‘antinationalen’ nicht um einen ‘anti-nationALISMUS’, sondern eben um anti-NATION, also die VERLEUGNUNG der geschichtlichen REALITÄT NATION”

    1. Nein, es geht weder um “die VERLEUGNUNG” noch um das Leugnen “der geschichtlichen REALITÄT NATION”.
    Ich würde sogar sagen: NiemandE erkennt stärker als Anti-Nationale an, daß Nationen verdammt wirkungsmächtige Realitäten sind, die den Klassenkampf unglaublich komplizieren. (Und weil es nationalstaatlich unterschiedliche Verlaufsformen der gesellschaftlichen Kämpfe gibt, wurde bspw. für den antikapitalistischen Aktionstag M 31 nicht europaweit die gleiche Aktionsform beschlossen, sondern den jeweiligen Bündnissen vor Ort überlassen zu entscheiden, welche Aktionsform[en] ihren jeweiligen konkreten Bedingungen entsprechen.) –

    2. Es geht vielmehr um das Bestreiten, daß Nationen omnihistorische (ewige) Realitäten sind bzw. sein müssen. Lenin: “Der Grundsatz der Nationalität ist in der bürgerlichen Gesellschaft unvermeidlich” (LW 20, 19 f.) – und zwar nur in der bürgerlichen [1].
    Für den Kommunismus gilt dagegen: Er ist keine Ansammlung ‘kommunistischer Nationen’, sondern eine Weltgesellschaft: “der Kommunismus [… kann] nur als ‘weltgeschichtliche’ Existenz überhaupt vorhanden sein […]; weltgeschichtliche Existenz der Individuen; d.h. Existenz der Individuen, die unmittelbar mit der Weltgeschichte verknüpft ist.” (MEW 3, 36 – Deutsche Ideologie). Im Kommunismus gibt es – wenn es ihn denn einmal geben wird – weder Klassen noch Nationen, sondern klassenlose und a-nationale Individuen. –

    Ob Du das dann – mit mir – ‘de-konstruktivistisch’ “Überwindung der Nation-Form” oder – hegelianisch – “Aufhebung der Nationen” nennst, ist mir relativ wurscht.

    [1] Zwar gab es auch ein feudales “Heiliges Römisches Reich deutscher Nation”, aber diese feudale “Nation” hatte wenig mehr als Wort mit dem gemein, was wir heute unter “Nation” verstehen.

    http://www.nao-prozess.de/blog/dickere-bretter-fuer-die-nao/#comment-3950

  6. da in dem “UG” thread*) noch mal nach der haltung der marxisten zur NATION gefragt wurde, hier eine kurze zusammenfassung dazu aus meiner sicht.

    nach der berühmten definition von stalin+) (jetzt bitte nicht aufschreien, der text ist von lenin in die feder diktiert worden ) weist die NATION folgende merkmale auf.

    eine historisch entstandene stabile gemeinschaft auf der grundlage von:

    1) sprache
    2) territorium
    3) wirtschaftsleben ([gemeinsamer] wirtschaftsraum)
    4) psychische wesensart bedingt durch nationale (kultur)identität

    ich denke, punkt 2) und 3) dürften relativ unstrittig sein.
    punkt 1) ist schon problematischer, da es auch in der (national)sprache erhebliche differenzierungen gibt (z b “schichtspezifisch” oder “regional” bedingt oder die sog. “jugendsprache”). daher von einer “einheitlichen [national]sprache” auszugehen, dürfte aus heutiger sicht nicht mehr ganz dem diskussionsstand entsprechen.

    punkt 4) ist naturgemäss am problematischsten.
    was sollte eine (nationale) “deutsche kultur” sein? goethe und schiller? eisbein mit sauerkraut? lederhosen und röhrender hirsch an der wand?
    ich denke, man sieht schon, die frage nach der “deutschen kultur” führt sofort auf das gebiet der IDEOLOGIE und dürfte daher aus marxistischer sicht “unbeantwortbar” sein.

    ich persönlich würde das “national-kulturelle” nur an der SPRACHE festmachen und auch das ist eben (wie gesagt) nicht so eindeutig, wie sich das lenin oder Otto Bauer mal gedacht haben mögen.

    trotzdem MÜSSEN marxisten die “nationale frage” bei der beantwortung strategischer fragen des klassenkampfes mit auf dem schirm haben, denn kein gebiet ist sensibler als die verletzung “nationaler gefühler”.**) und auch die klasse der lohnabhängigen ist nach “nationalen” kriterien definiert. das ist nicht nur eine “Verschleierung des Klassenantagonismus” (Hilton*), sondern eine “historisch-materielle realität” auch der “proletarischen lebensweise”. der versuch, die arbeiterklasse politisch “rein” nach dem kapitalverhältnis systemtranszendierend auszurichten, wäre (sektiererische) sterilität und wäre zum scheitern verurteilt; also im leninschen sinne eine “linksradikale kinderkrankheit”. (die bürgerliche gesellschaft ist eben NICHT NUR durch das “kapitalverhältnis” gekennzeichnet, sondern auch durch das geschlechterverhältnis, rassismus und eben auch durch “nationale besonderheiten”)

    die bürgerliche gesellschaft basiert auf der NATION. die sozialistische bewegung negiert nicht die bürgerlichen errungenschaften, sondern HEBT SIE AUF***). D h, die sozialistische bewegung erkennt die bornierungen der “nationalen lebensweise” und will sie auf eine “globale stufe” anheben. dieser schritt wird langfristig das “nationalbewusstsein” durch ein “weltbürgerbewusstsein” ersetzen. dies ist aber keine “vergewaltigung” der nationalen kultur, sondern ein allmähliches hinüberwachsen in tiefere und weitere kulturell-bewusstseinsmässige horizonte.

    ———-
    +) “Marxismus und Nationale Frage” [1913]
    “Eine Nation ist eine historisch entstandene stabile Gemeinschaft von Menschen, entstanden auf der Grundlage der Gemeinschaft der Sprache, des Territoriums, des Wirtschaftslebens und der sich in der Gemeinschaft der Kultur offenbarenden psychischen Wesensart.” http://www2.cddc.vt.edu/marxists/deutsch/referenz/stalin/1913/natfrage/kap1.htm

    *) http://www.nao-prozess.de/blog/diskussionsfragen-an-ums-ganze-gruppen/

    **) es ist natürlich kein wunder, dass lenin als bürger des zaristischen völkergefängnisses russland der “nationalen frage” viel mehr aufmerksamkeit geschenkt hat als Rosa luxemburg. obwohl ich ein grosser verehrer von Rosa bin, muss alle geschichtliche erfahrung in dieser angelegenheit lenin recht geben!

    ***) “Wir sind nie Götzendiener der formalen Demokratie gewesen, das heißt nur: Wir unterscheiden stets den sozialen Kern von der politischen Form der bürgerlichen Demokratie, wir enthüllten stets den herben Kern der sozialen Ungleichheit und Unfreiheit unter der süßen Schale der formalen Gleichheit und Freiheit – nicht um diese zu verwerfen [sic!!! anm v mir], sondern um die Arbeiterklasse dazu anzustacheln, sich nicht mit der Schale zu begnügen, vielmehr die politische Macht zu erobern, um sie mit neuem sozialen Inhalt zu füllen.” — Rosa Luxemburg http://www.marxists.org/deutsch/archiv/luxemburg/1918/russrev/teil4.htm

  7. Antideutsch, antinational, international

    von MANUEL KELLNER

    In meinem Büchlein zur Religionskritik hab ich im Unterkapitel “Scham und Besinnung als Produktivkräfte der Emanzipation” ein nicht sehr bekanntes Marx-Zitat von 1843 angeführt:
    “Sie sehen mich lächelnd an und fragen: Was ist damit gewonnen? Aus Scham macht man keine Revolution. Ich antworte: Die Scham ist schon eine Revolution; sie ist wirklich der Sieg der französischen Revolution über den deutschen Patriotismus, durch den sie 1813 besiegt wurde. Scham ist eine Art Zorn, der in sich gekehrte. Und wenn eine ganze Nation sich wirklich schämte, so wäre sie der Löwe, der sich zum Sprunge in sich zurückzieht.” (MEW 1, 337) Das 1843! Und was ist inzwischen alles passiert! 1871, 1914, 1933-1945 und “nach höchstens zehn Jahren von 1945 an gerechnet die vollgefressene Schamlosigkeit, die Forderung, mit der dunklen Vergangenheit doch endlich in Ruhe gelassen zu werden, mit einem Sturz des SED-Regimes, der mit dem stolzen Ruf ,Wir sind das Volk!’ beginnt, mit dem elend patriotischen ,Wir sind ein Volk!’ umkippt und mit dem kriecherischen ,Wenn die D-Mark nicht zu uns kommt, kommen wir zur D-Mark’ endet, eine deutsche Wiedervereinigung 1991, die ganz offiziell als ,Beitritt’ der DDR zur BRD inszeniert wird ohne jede Debatte über eine gemeinsame neue Verfassung, die die Lehren aus der Vergangenheit gezogen und die Errungenschaften der demokratischen Massenbewegung von 1989 in der DDR aufgegriffen hätte, und ein Deutschland, das heute wieder in aller Welt, wo immer es den Regierenden der vorherrschenden Industrieländer opportun und machbar scheint, militärisch intervenieren darf und auch keine Gelegenheit dazu auslässt (…) Erst wenn die Deutschen sich abgrundtief schämen, Deutsche zu sein, können sie ihren eigenen Beitrag zu einer universalen Emanzipationsbewegung leisten, sonst nie und nimmer.” (Kritik der Religion und Esoterik. Außer sich sein und zu sich kommen, Stuttgart 2010, Schmetterling Verlag, 232/233).
    Die Nation ist nicht einfach ein “imaginäres Konstrukt”, sie ist eher eine “Realabstraktion” wie Ware und Geld. Aus ihrer Kontinuität kann mensch nicht ehrlicher Weise herausspringen, es ist eine Kontinuität der Verantwortung, weil die Vergangenheit in der Gegenwart weiter wirkt (und nicht nur an der Oberfläche der Bundesrepublik Deutschland als Rechtsnachfolgerin des Dritten Reichs). Ich hatte das 1972 zum ersten Mal unter Tränen begriffen, als ein belgischer Gastlehrer auf einer Schulfeier der Deutschen Schule Brüssel besoffen randaliert hatte und mir, nachdem ich mit ihm zusammen zu ihm nach Hause gefahren war, gesagt hatte: “Mein Vater ist von den deutschen Schweinen (den “boches”) aufgehängt worden, und ihr jungen Deutschen führt euch auf, als hättet ihr den Krieg gewonnen.”
    Wo es nationale Unterdrückung als objektive Tatsache gibt, spüren das die Opfer und wehren sich nolens volens als unterdrückte Gruppe dagegen, entwickeln in diesem Zusammenhang ein Nationalbewusstsein, das im Gegensatz zum Nationalbewusstsein in unterdrückenden Nationen emanzipatives Potenzial enthält. Nationalismus hingegen ist überall zu kritisieren; ich würde aber den nationalistischen Strömungen in unterdrückten Nationen oder Nationalitäten (legen wir diese Wörter nicht auf die Goldwaage)mit mehr Verständnis begegnen als dem Nationalismus in Unterdrückernationen. Fragen wie die Erringung demokratischer Verhältnisse, Agrarreform und Befreiung von nationaler Unterdrückung und die über die Gegebenheiten der Weltwirtschaft und der Weltmachtverhältnisse vermittelte Unter- und Fehlentwicklung sind eng miteinander und mit der (sozialistischen) Frage des Ziels der universalen Emanzipation verwoben. Das ist der Kern der “Permanenten Revolution” im Sinne Trotzkis, der – ähnlich wie Lenin – für das demokratische Recht der nationalen Selbstbestimmung eingetreten ist, weil er sich nicht vorstellen konnte, wie die nationalen Spaltungslinien gerade auch in der ArbeiterInnenklasse sonst überwunden werden könnten.
    Übrigens gibt es viele jüdische Genossinnen und Genossen in der Vierten Internationale (vor allem in Frankreich), denen ihre jüdische Herkunft als Teil ihrer Identität erst wieder richtig bewusst wurde zwischen dem Hammer eines erneut manifesten Antisemitismus und dem Amboss der zionistischen Ausgrenzung der israelkritischen Jüdinnen und Juden.
    Als Mitglied der Vierten Internationale muss ich mich bemühen, alle Konflikte nicht als Deutscher, sondern als einfacher Internationalist zu verstehen und dazu Stellung zu beziehen (soweit ich überhaupt etwas beurteilen kann, das ist oft schwierig genug). Aber in der Internationale muss ich versuchen zu vermitteln, was in Deutschland los ist und wie deutsche Linke die internationalen Probleme und Konflikte diskutieren (und das ist auch kein Honigschlecken, weil außerhalb Deutschlands niemand, schon gar nicht aus der so genannten Dritten Welt oder aus nordafrikanischen und arabischen Ländern, versteht, wie in Deutschland zum Beispiel über Palästina und Israel diskutiert wird).
    Und wenn wir auch in internationalen Zusammenhängen bemüht sein müssen, auf gleicher Augenhöhe mit allen zu diskutieren, hätte es nicht den geringsten Sinn, wenn ich versuchen würde, dort als Senegalese, Marokkaner oder Indonesier aufzutreten. Aber Deutsche, die sich außerhalb des Bemühens um den Aufbau einer revolutionären Internationale als “antideutsch” oder “antinational” gerieren, machen sich selbst und anderen etwas vor.

    http://www.nao-prozess.de/blog/diskussionsfragen-an-ums-ganze-gruppen/#comment-4246

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