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Zur politischen Psychologie kleiner Gruppen

in der politik geht es im wesentlichen um INTERESSE und MACHT.

bei kleinen linken gruppen kann man mit sicherheit erst mal völlige Machtlosigkeit konstatieren, aber nicht nur das; es handelt sich sogar auch um völlige einflusslosigkeit über das eigene kernklientel (mitglieder und „sympathisanten“) hinaus. dies sagt übrigens nichts über die qualität, sinnhaftigkeit oder den realitätsbezug der vertretenen ideen aus. aber es handelt sich eben um ideen, die nur in einem gedanklich selbst produzierten (sozialen) „vakuum“ (nischenexistenz) existieren.

diese doppelte marginalisierung von anhängern radikal-linker gruppen hat natürlich auch psychologische auswirkungen, die auf unterschiedlichen ebenen wirken.

zum einen zieht die radikale linke typen an, die charakterlich gegen den strom schwimmen wollen. also leute, die anpassungsschwierigkeiten haben, die ewigen rebellen und outlaws, und solche, die probleme mit unterordnung und einfügung in soziale strukturen haben. dies kann einerseits auf entwicklungsdefizite hinweisen, es kann sich aber auch um charakterologische stiernacken handeln, die beharrlich an einem ziel festhalten, was sie (einmal) als „richtig“ erkannt haben.

man kann sich leicht vorstellen, dass gruppen, die aus solch einer gemengelage von charaktertypen bestehen, über eine hohe interne instabilität verfügen. realer einfluss wird durch emotionale dünnhäutigkeit und (über)empfindlichkeit ersetzt. statt ernsthafter inhaltlicher arbeit an der sache wird ein falscher stolz als monstranz vor sich hergetragen (ich nenne das „das letzter mohikaner syndrom“). statt differenzen programmatisch auszuweisen, bilden sich cliquen aufgrund von sympathie und dem berühmten nasenfaktor.

wohlgemerkt, solche gruppenbildungen auf der grundlage gemeinsamer interessen und gegenseitiger sympathie können psychologisch eine grosse stabilisierungsfunktion für die einzelnen teilnehmer haben und können daher als eine art therapeutische selbsthilfegruppe angesehen werden; was als äusserst wertvoll angesehen werden muss. aber SO kann natürlich keine politische gruppe arbeiten, die sich im wesentlichen über klare inhaltliche (programmatische) kriterien definiert. in einer politischen gruppe (partei) ist daher eine gewisse distanz und balance von programmatischen und persönlichen faktoren unbedingt erforderlich, wenn man nicht ständig (persönliche) konflikte und spaltungen haben will. das heisst aber nicht, dass nicht auch in (grossen) parteien persönliche faktoren eine rolle spielen, sie sollten nur gegenüber den inhaltlichen gründen für eine mitgliedschaft eine untergeordnete bedeutung haben.

im gegensatz dazu würde ich die these wagen, dass kleine linke gruppen sich durch einen stärkeren anteil persönlicher motive auszeichnen und dadurch eher cliquistische denn „parteimässige“ züge aufweisen. das heisst aber im umkehrschluss nicht, dass alle spaltungen und organisatorsichen trennungen in der geschichte der linken und arbeiterbewegung inhaltlich unberechtigt sind. es heisst nur, dass in dieser spaltungsgeschichte der anteil der persönlichen motive stärker ausgeprägt sein mag als dies im „normalen“ (internen) funktionieren einer (grossen) partei wahrscheinlich der fall ist .

und in manchen fällen halte ich es allerdings für evident, dass persönliche motive politische gründe vollkommen überlagern. häufig wird dann hinterher eine inhaltliche „begründung“ nachgeschoben, die aber meist so fadenscheinig und dünn ist, dass sie leicht als ideologische rechtfertigung für einen politischen sonderweg erkannt werden kann. gruppengründungen, die auf solch dünnem „fundament“ stattfinden, haben meist eine (sehr) kurze halbwertszeit und müssen mangelnde inhaltliche substanz durch ein meist stark aggressives auftreten nach aussen und ein bürokratisch-despotisches regime im innern kompensieren. ich brauche hier sicher keine namen von pseudoavantgardeparteien zu nennen; jeder wird wahrscheinlich einige dieser zeugen jehovas der linken aus eigener erfahrung kennen.

in der linken ist der gedanke, dass die programmfrage mit der organisatorischen struktur eng verknüpft ist, durchaus (relativ) weit verbreitet. das heisst im umkehrschluss, eine organisation, die einen revolutionären anspruch hat, aber intern ein vollkommen bürokratisches regime hat (historisch gilt das z b für den alten healyismus [1], aktuell z b für die IKL (robertsonites) [2]) kann also auch programmatisch nicht ganz koscher sein; und tatsächlich lassen sich mit einer bürokratischen organisationstendenz auch immer aufweichungen der revolutionären programmatik feststellen.

andererseits ist eine organisation mit einem „gesunden“ (sprich: demokratischen) innenleben meist auch politisch-programmatisch mehr auf der höhe der zeit als die sogenannten „mikrosekten“. dieser gedanke leitet z b aktuell die initiatoren des NAO Prozesses in der entwicklung der strategisch-theoretischen grundlagen („essential-debatte“) einer „neugruppierung der radikalen linken“.

ob sich dieser anspruch auch tatsächlich in die (politische) wirklichkeit umsetzen lässt, darüber entscheiden vermutlich die nächsten wochen oder höchstens monate!

________

[1] „Healyismus zerstoben“, Spartacist, deutsche Ausgabe Nr. 12, Winter 1986/87 (auf englisch bei ETOL dokumentiert: http://www.marxists.org/history/etol/document/icl-spartacists/1986/index.htm)

[2] die broschüre der [damals noch existierenden] Gruppe Spartakus über die SpAD in der DDR ist zwar schon etwas älter, die politische analyse der programmatischen degeneration der sparts aber immer noch voll gültig. das interne regime dürfte aber wahrscheinlich heute noch schrecklicher sein als in den 90ern. 😉 (siehe auch zur vorgeschichte der GS: https://systemcrash.wordpress.com/2011/11/24/von-der-kritik-zum-programm/)

3 Kommentare zu “Zur politischen Psychologie kleiner Gruppen

  1. Pingback: Zur politischen Psychologie kleiner Gruppen « Neue antikapitalistische Organisation? Na endlich! - Debatte zur Neugruppierung der radikalen Linken

  2. ein bürokratisches organisationsregime muss sich übrigens nicht nur in hyperzentralismus ausdrücken. umgekehrt ist eine “org”, wo jeder macht/machen kann, was er/sie will natürlich auch “bürokratisch”, nur dass sich keine zentrale “Machtstruktur” herausbildet, sondern viele kleine (individualistische) dezentrale. so ein “menschewistisches” funktionieren drückt genauso eine abweichung vom revolutionären programm aus, wie der gegenteilige ultraleninismus

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