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‚Proletarische‘ Revolutionen in unterentwickelten Ländern?

Kritische Überlegungen zur Theorie der Permanenten Revolution

der gen. Michael Schilwa schreibt in einem kommentar zum „UG thread“:

„Systemcrash hält dagegen mit der “strengen Orientierung auf den Klassenkampf der LOHNARBEITER”.
Ich antworte: Das kann schwierig werden in Ländern mit über 90 % Bauern.“

obgleich ich vermute, dass dieser satz eher als polemische spitze gemeint war und weniger als analytische fragestellung, hat er mich inspiriert, mich mit der theorie der permanten revolution etwas kritischer zu beschäftigen.

noch ein kleiner methodischer hinweis: ich werde möglichst wenig zitieren und möglichst wenig das gebiet der geschichtsdarstellung berühren, da ersteres den text eher unattraktiv macht und ich mich auf zweiterem eher unwohl fühle. mein terrain ist eher die „reine theorie“. dies mag dazu führen, dass es in der darstellung zu schwächen — wenn nicht gar fehlern — kommen kann. diesen nachteil nehme ich aber bewusst in kauf; der geneigte leser möge dies bitte im hinterkopf behalten. 😉

Was ist die Theorie der permanenten Revolution?

DAS anathema des ‚trotzkismus‘ ist diese theorie, von der myriaden legenden und mythen existieren, deren wahre bedeutung aber leider weniger verbreitet ist.

die erste legende ist, dass diese theorie von trotzki stammen würde. das ist so aber nicht richtig; trotzki hat sie am weitesten ausgearbeitet und zur grundlage seiner politischen orientierung gemacht. der wirkliche spiritus rector von ihr ist aber ein gewisser PARVUS, den heute niemand mehr kennt. es lohnt sich auch nicht, darauf weiter einzugehen, man sollte nur diesen namen KENNEN, wenn man von dieser theorie sprechen will.

was besagt diese theorie denn nun im einzelnen?

ich fasse mal ganz knapp und kursorisch zusammen:

in unterentwickelten ländern, mit überwiegender agrarstruktur und geringem anteil an industrieproletariat, können die aufgaben der (nachholenden) bürgerlich-demokratischen revolution wie landereform und beseitigung der (semikolonialen) abhängigkeit vom imperialismus trotzdem nur durch eine revolutionäre bewegung unter PROLETARISCHER führung durchgeführt werden, da die ’nationale bourgeoisie‘ (kompradoren-bourgeoisie) mit dem imperialismus interessenmässig verknüpft ist und die kleinbürgerlichen schichten (einschliesslich der bauern) zu einer eigenständigen politischen orientierung nicht in der lage sind.  (entscheidend ist also das „soziale gewicht“ der klassen und nicht ihre zahlenmässige grösse)

die arbeiterInnenklasse wird aber nicht in der bürgerlichen etappe stehen bleiben, sondern ihren kampf auf sozialistische forderungen ausweiten. 

der sozialistische aufbau kann zwar im nationalen rahmen beginnen, er kann aber nur vollendet werden, wenn sich die revolution auf andere länder ausweitet, insbesondere auf die industriell fortgeschrittenen nationen (metropolen).

wenn man bedenkt, dass diese theorie VOR der russischen revolution von 1905 in wesentlichen grundzügen schon ausgearbeitet war, kann man ob ihrer kühnheit nur staunen. es verwundert daher kaum, dass trotzki zumindest in dieser angelegenheit bis 1917 ein ziemlicher einzelgänger war. trotzdem hat sich genau diese theorie in der oktoberrevolution bestätigt, was selbst von lenin anerkannt wurde, wie Adolf Joffe auf dem sterbebett bezeugte.

die bedeutung der russischen revolution für die heutige politik der „radikalen linken“

obwohl sich die richtigkeit der theorie der permanten revolution sowohl positiv als auch (natürlich häufiger!) negativ geschichtlich bestätigt hat, hat die ganze sache aber trotzdem einen grossen pferdefuss. die oktoberrevolution hat zwar ein „proletarisches regime“ hervorgebracht, aber alle anderen implikationen dieser theorie trafen in der folge NICHT ein. ohne jetzt im einzelnen darauf einzugehen, was die spätere „degeneration“ durch den „stalinismus“ bedeutet, muss man aber trotzdem auch ein fragezeichen hinter die „permanente revolution“ machen.

man kann nicht davon ausgehen, dass eine erfolgreiche proletarisch-revolutionäre erhebung in einem „dritt-welt-land“ sofort eine erhebung in anderen ländern hervorrufen wird, und schon gar nicht in den (imperialistischen) metropolen. das heisst, eine proletarische revolution in einem unterentwickelten land wäre zumindest eine zeitlang (realistisch gesehen) auf sich allein gestellt. es wäre wahnsinn, das eigene schicksal ALLEIN vom fortgang der revolutionären entwicklung in ANDEREN ländern abhängig zu machen. obgleich 1917 vlt die „weltrevolution“ eine „reale möglichkeit“ war, traf sie trotzdem nicht ein! in gewisser weise könnte man daher die bolschewistische Machtergreifung als vabanquespiel bezeichnen; es wurde alles auf eine karte gesetzt! der preis, der historisch für diese entscheidung bezahlt werden muss (unabhängig von der frage, ob die bolschewiki denn anders hätten handeln können) ist der ALB DER STALINISTISCHEN DEGENERATION DER RUSSISCHEN REVOLUTION, DER DIE INTERNATIONALE ARBEITER/iNNENBEWEGUNG FÜR GENERATIONEN ZURÜCKGEWORFEN HAT. etwas vergleichbares ist nur noch der kontinuitätsbruch in der geschichte der deutschen arbeiterInnenbwewegung durch den NS-faschismus.

welche lehren ziehen wir daraus? 

es ist heutzutage nicht möglich, für eine ‚revolutionäre perspektive‘ einzutreten, ohne

a) eine position zum „stalinismus“ zu entwickeln (auch noch ein brachliegendes gebiet im NAO prozess!!!)

und

b) die möglichkeit einer „bürokratischen substitution“ der „proletarischen Machtergreifung“ mit in das eigene politische konzept zu integrieren!

ohne diese beiden (theoretisch-programmatischen) bedingungen der „subjektiv-revolutionären“ (klein)gruppen werden diese immer ein glaubwürdigkeitsproblem haben und ihre marginale existenzweise nicht überwinden können; selbst wenn es zu umgruppierungserfolgen im „links-radikalen“ milieu (einschliesslich des NAO prozesses) kommen sollte!

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3 Kommentare zu “‚Proletarische‘ Revolutionen in unterentwickelten Ländern?

    • hallo Wladi

      ich denke, der gen. Schilwa spielt wohl auf das russland von VOR 1917 an. damals soll der anteil des proletariats UNTER 5% gelegen haben.

      für HEUTIGE länder kann man solche verhältnisse wahrscheinlich nur in absoluten armutsregionen (failed states) finden wie nordadrika (sahel zone) oder vlt afghanistan oder ein paar ostasiatische gesellschaften mit starker isolationstendenz

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