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Was macht die Entstehung ‚revolutionären Massenbewusstseins‘ so schwierig?

von Anton Holberg  

Quelle: scharf links

Ich gebe nicht vor zu wissen, warum DIE LINKE. und ebenso wohl die Linke scheitert und insbesondere nicht, ob sie scheitern „muss“, aber ich möchte ein paar Ideen beitragen:
Die Linke (insbesondere die proletarische Linke, deren ideologisches Rüstzeug m.E. der kapitalistischen Produktionsweise angemessen nur der Marxismus sein kann) ist ja nicht nur in Deutschland gescheitert.

Die vielen von Klaus Horn zurecht angeführten Gründe, die die „deutsche Mentalität“ betreffen, können also nicht die letzthin Ausschlaggebenden sein. Mir scheinen hingegen für das bisherige Scheitern des proletarischen Revolutionskonzeptes weltweit zwei allgemeine Punkte wichtiger zu sein:

1. Die proletarische Revolution wäre die erste Revolution der Geschichte, in der die ausgebeutete und unterdrückte Klasse nicht etwa nur die Hauptstreitmacht einer revolutionären (d.h. die alte sozio-ökonomische Ordnung stürzende) Bewegung stellt, sondern auch selbst die Macht erringt.
Die bisher siegreichen Klassen (z.B. Feudaladel, Bourgeoisie) hatten bereits innerhalb der vorhergegangenen Ordnung Macht gewonnen – sie waren gewissermaßen Zwischenklassen. Eine solche Zwischenklasse mit revolutionärer Perspektive (nicht nur subjektiv, sondern auch objektiv) vermag ich in der kapitalistischen Formation nicht zu sehen.

2. 1980 legte Carol Johnson in einem Artikel mit dem Titel „The Problem of Reformism and Marx’s Theory of Fetishism“ (New Left Review I/119, Jan-Febr. 1980) dar, dass Karl Marx schon früh das Problem des unabänderlich zum Kapitalismus gehörenden Warenfetischismus als Faktor erkannt hatte, der die Entwicklung revolutionären Klassenbewusstseins (d.h. des Bewusstseins von der Notwendigkeit die politische Herrschaft der Arbeiterklasse als Voraussetzung für die Aufhebung aller Klassen) im Proletariat behindere. Allerdings hat Marx dann in seinen konkreten historischen Analysen i.A. vermieden, dem die gebührende Beachtung zu schenken und folglich bei jedem Aufschwung von proletarischen Kämpfen die Revolution als gewissermaßen vor der Türe stehend angesagt. Wie wir unschwer erkennen können, war das auch bei Marx das Wunschdenken eines revolutionär gesonnenen Mitmenschen.

3. Es gibt also offenbar grundlegende Schwierigkeiten, das in der Arbeiterklasse hegemoniale reformistische Denken zu Gunsten revolutionären Denkens zu überwinden. Die Tatsache, dass der Marxismus nicht nur „die“ revolutionäre Ideologie der Arbeiterklasse ist, sondern auch den Anspruch hat, Wissenschaft zu sein, oder jedenfalls wie eine solche betrieben werden sollte, macht es natürlich der Arbeiterklasse als der in ihrer Mehrheit einer von wissenschaftlicher Bildung in der kapitalistischen Klassengesellschaft am weitesten entfernten Klasse nicht eben leichter, Zugang zum Marxismus in diesem Sinn zu finden.

4. Abgesehen davon dass die Massenkämpfe der Arbeiterklasse bislang nirgendwo zur proletarischen Revolution geführt haben (die Oktoberrevolution in Russland war die einzige Ausnahme, aber im Marx’schen Sinn derart untypisch, dass deren relativ baldigen Scheitern zwar nicht unumgänglich aber doch naheliegend war), gibt es spezielle Gründe für die – hoffentlich nur zeitweilige – Niederlage der proletarischen Bewegung und mit ihr des Marxismus – seit der zweiten Hälfte der 80er Jahre des 20.Jahrhunderts: Das Schrumpfen des Anteils der Handarbeiter an der Gesamtheit der Lohnarbeiter als Ergebnis einerseits der in den 70ern einsetzenden kapitalistischen Krise und andererseits der digitalen Revolution hat der traditionellen Arbeiterbewegung einen Stoß versetzt. Der Bergarbeiterstreik in England war wohl ihr letztes Aufbäumen und endete bekanntlich mit dem Sieg des „neoliberalen“ Thatcherismus. Als Ergebnis dieser Entwicklung brach Ende der 80er Jahre dann auch die UdSSR (und im Gefolge ihre Vasallenregime) zusammen, deren sozioökonomische Ordnung – gleich, ob man sie wie ich es tun würde als „staatskapitalistisch“ bezeichnet oder sonstwie – ungeachtet aller Autarkieanwandlungen stets Teil der Weltökonomie und zwar der schwächere Teil war.

Mit anderen Worten: hier brach der unproduktivere Teil der kapitalistischen Weltordnung weg. Da das Proletariat in seiner übergroßen Mehrheit (man kann auch sagen zu 99,9%) die Welt nicht mit Hilfe wissenschaftlicher Kriterien betrachtet, hat es den„Real“sozialismus/Stalinismus stets für den einzigen realen „Sozialismus“ gehalten und ihn entweder gemocht (insbesondere das soziale Umfeld der dortigen Nomenklatura und die stalinistischen Parteien im Ausland) oder verabscheut (in den entwickelten kapitalistischen Gesellschaften die überwiegende Zahl, deren Wohlstand auch Dank imperialistischer Ausbeutung der kapitalistischen Peripherie weitaus höher war als der ihrer Klassenbrüder und -schwestern in den „sozialistischen“ Staaten und die auf dieser Grundlage auch von ihren herrschenden Klassen auch in ihrem Privatleben mehr in Frieden gelassen werden konnten – Stichwort „Demokratie“).

So kann es nicht verwundern, dass der Zusammenbruch des Stalinismus auch die antistalinistische Linke mit sich riss. Ich selbst gehöre wohlbemerkt zu denen, die sich diesbezüglich Anfang der 90er die üblichen Illusionen machten. Dass demgegenüber noch heute i.A. die stalinistischen und/oder sogenannten „poststalinistischen“ Parteien und Organisationen (darunter der Großteil der PDL!) immer noch mehr Mitglieder und Einfluss haben als die Organisationen der „antistalinistischen“ z.B. trotzkistischen Linken, obwohl sich deren Vorhersage zum schließlichen Zusammenbruch des Stalinismus bzw. des Übergangs des Gros der stalinistischen Nomenklatura zum Privatkapitalismus bewahrheitet hat, hängt wesentlich damit zusammen, dass der wahre Grund für die Mitgliedschaft insbesondere einer nicht zur Schicht der Intelligenzia gehörenden Person in einer Massenpartei mehr emotional ist als theoretisch begründet.

Gerade in einer Situation der Schwäche der proletarischen Bewegung (dass diese politisch einen proletarischen Charakter hat, ist hier zentral – wir reden hier nicht über„Occupy“ und dergleichen!) kann nicht erwartet werden, dass größere Teile der Mitgliedschaft proletarischer Organisationen von vermeintlich stärkeren, weil numerisch größeren, zu schwächeren wechseln. Die naheliegende Alternative, die ja auch massenhaft praktiziert wird, ist das Ausscheiden aus der proletarischen Bewegung überhaupt. Das aber zieht die vorhandenen proletarischen (oder korrekter „linken“) Organisationen weiter nach rechts, derart dass sie für die Interessen der Lohnarbeiter immmer überflüssiger werden.

Der Zusammenbruch des in Wirklichkeit irrealen Sozialismus und die Reaktion der Arbeiterklasse darauf hat es der imperialistischen Bourgeoisie ermöglicht, ihre ökonomischen Angriffe auf die Arbeiterklasse in jahrzehntelang unbekannter Intensität vorzutragen und damit die politische Krise der Arbeiterklasse weiter zu vertiefen. Dass damit auch in weiten Teilen der Arbeiterklasse das Missvergnügen am System wächst, ist demgegenüber zu vernachlässigen, solange sich die Arbeiterklasse nicht der Tatsache bewusst ist, dass es sich überhaupt um ein System handelt und solange sie keinen Ausweg erblickt.

5. Ich befürchte, dass sich an diesem negativen Trend noch lange nichts ändern wird, und ich bin weit davon entfernt vorzugeben, ich wisse, was man dagegen tun kann. Ein kleiner Schritt wäre es vielleicht, wenn zumindest diejenigen, die über das notwendige intellektuelle Rüstzeug verfügen, aufhörten, Illusionen unter das Volk zu streuen, denn„wer dem Volk falsche Revolutionslegenden erzählt,… ist ebenso strafbar wie der Geograph, der falsche Karten für den Sefahrer entwirft“ (Lissagaray, Chronist der Pariser‚Commune‘). Zu diesen Legenden gehört wohl auch die, jeden Streik und jeden Massenauflauf schon zum Eingangstor zur proletarischen Revolution zu erklären.

Dazu bedarf es zumindest des Schlüssels des nicht nur kämpferischen reformistischen, sondern eben des revolutionären Klassenbewusstseins; wie das zu erreichen ist, ist demgegenüber eine nachgeordnete Frage. Das Tor bleibt sonst weiter verschlossen, und statt des Tors zersplittert nur der proletarische Rammbock.

6. Die Tatsache, dass die Aufhebung des Profitsystems als alle Aspekte der menschlichen Gesellschaft durchdringende Gesetzmäßigkeit, unverzichtbar ist, um einen Rückfall in eine diesesmal (nicht zuletzt wegen der ökologischen Krise) endgültige Barbarei  [zu] verhindern, bedeutet leider nicht, dass es auch realiter aufgehoben werden kann. Dass die Menschheit zum größten Teil ihrer Geschichte bereits in klassenlosen Gesellschaften lebte, ist noch kein ausreichender Beweis dafür, dass sie dafür auch in Zukunft einmal in der Lage sein wird, sind doch die Umstände, unter denen einst kleine Sammler- und Jägerhorden lebten, deutlich von den heute herrschenden verschieden.

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