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‚Bedürfnis‘ und ‚Leidenschaft‘

Versuch einer (theoretischen) Annäherung

nichts verursacht in ‚linken‘ kreisen mehr verwirrung, als debatten, die über das rein ‚politische‘ (soziale) thematisch hinausgreifen. dies sind gewichtige themen(komplexe) wie:

— „frauenfrage“ (genderdebatte)

— „ökofrage“

— Kunst und Kultur

während „frauenfrage“ und „ökofrage“ die gemeinsamkeit haben, dass sie neben den politischen fragestellungen auch das „mensch-natur“-verhältnis beinhalten, lassen sich fragen der kunst und der kultur nicht [nur] nach den prinzipien einer vermeintlichen „politischen korrektheit“ bewerten, sondern stellen auch das viel tiefergehende problem der „menschlichen freiheit“ (als „philosophische“ frage).

aber sowohl „mensch-natur“ als auch „philosophie“ im allgemeinen (zumal der eh stark problematisierte „freiheitsbegriff) sind in der überwiegend (vulgär)materialistisch geprägten linken mit (traditions)marxistischer provenienz mehr oder weniger no go themen, die auch methodologisch einen blinden fleck in ihrer theorieproduktion zu tage fördern. (oder man erklärt sie schlicht als „privatsache“ und überlässt sie der „bürgerlichen“ freiheit des pluralen nebeneinanders. dann braucht man sich darüber keine tiefergehenden gedanken mehr zu machen.)

diese allgemeinen vorüberlegungen gelten selbstredend auch für kategorien wie ‚bedürfnis‘ und ‚leidenschaft(en)‘. ich werde sie daher so gut wie ich es vermag (was freilich kein qualitätsanspruch ist 😉 ), möglichst heterodox und interdisziplinär anzugehen versuchen; ohne scheu, mich an (theorieblinder) ‚linker politischer korrektheit‘ zu versündigen!

I. Bedürfnis und Bedürfniskritik

obwohl marxisten beanspruchen, in der politik von der „ökonomie“ auzugehen, taucht das wort ‚bedürfnis‘ relativ selten im linken diskurs auf. und dafür gibt es auch einen tieferen grund. während man beispielsweise essen, trinken, schlafen und wohnen relativ leicht als „grundbedürfnisse“ klassifizieren kann, sind ‚dinge‘ wie sexualität, kunst und musik, geschmacksfragen des alltagslebens im waren- und ‚informationskonsum‘, wissenschaft, philosophie, liebe und beziehungen, glaube und religionen schon wesentlich vertrackter – und gehören trotzdem offensichtlich (auch) in den bereich ‚bedürfnis(se)‘, denn sonst würden sie ja wohl nicht (mehr) existieren. bloss, für den zweiten bereich (ich nenne sie „transzendentale bedürfnisse“) reicht ein rein (vulgär)materialistischer ansatz nicht aus, um sie adäquat zu erfassen. daher hassen „marxisten“ (in der regel) diese themen wie der teufel das weihwasser, da sie ihre theoretischen schwächen und mängel erbarmungslos offenbaren.

dass ein knurrender magen ein stück brot verlangt, dass ein durstiger ein glas wasser will, dass ein müder gerne ein weiches federbett hätte – diese dinge versteht sogar der bornierteste „marxist“.

aber dass eine dürstende seele mehr verlangen nach antworten auf die ganz grossen fragen nach dem sinn des daseins hat, dass ein liebender ein grösseres bedürnis nach poesie denn nach was zu essen haben könnte, dass ein glaubender seinen halt im leben in der suche nach ‚gott‘ findet und nicht im konsum von (Massen)waren, solche dinge müssen für „marxisten“ bücher mit sieben siegeln sein. und da man sie nicht versteht (nicht verstehen kann) muss man sie über sie (schein-erhaben) lächeln oder sie verächtlich machen.

freilich „erklärt“ das gar nichts. dass der/ein mensch nicht nur „vom brot allein lebt“, sondern auch über sich hinauswachsen will, ist mit einer rein ‚politischen‘ kritik der (kapitalistischen) ökonomie nicht zu erklären. dazu gehört auch die einsicht in die psychologie und die (transzendentale) ’natur‘ des menschen. da dies aber in die bereiche „metaphysik“ und „idealismus“ führt, ist dies mit dem (falschen) „materialismus“ des ‚parteimarxismus‘ unvereinbar. in der praktischen politik hat das zur konsequenz, dass man zwar auf einer (rein) rationalen ebene viel gutes und richtiges sagt/sagen könnte, aber wenn es darum geht, nicht nur die köpfe, sondern auch die herzen zu ‚erobern‘, versagt die linke kläglich. (Ernst Bloch sprach in diesem zusammenhang von „Kältestrom/Wärmestrom“ und Wilhelm Reich vom „Fetisch [hohe] Politik“).

eine linke also, die es nicht den versteht, den „brot und butter“-kampf  mit den ‚transzendentalen bedürfnissen‘ zu verbinden (also auch die gefühle und die leidenschaften anspricht), wird zwangsläufig scheitern müssen!

II. Die ‚Leidenschaften‘ als Motor und als Grundlage einer emanzipatorischen (Such)Bewegung

ich bin dem genossen bronsteyn sehr dankbar, dass er den begriff ‚LEIDENSCHAFTEN‘ des utopischen sozialisten Charles Fourier (der von Marx sehr geschätzt wurde) in die diskussion eingeführt hat. denn dieser begriff könnte tatsächlich der schlüssel dafür sein, dass das „politische programm“ der „revolutionären linken“ mit der gefühlsebene der menschen eine verbindung eingehen könnte, die eine rein „rationalistische“ politikkonzeption (ganz zu schweigen von einem konzept für „emanzipation“) nicht leisten kann.

ein politisches konzept, dass es nicht versteht, die bestehende „bedürfnisstruktur“ der Masssen (die natürlich von der bürgerlichen gesellschaft (mit)geprägt ist) positiv aufzugreifen, sondern stattdessen eine moralistische norm (einer vermeintlichen „emanzipation“) dem kapitalismus rein negativistisch entgegensetzt, KANN nicht funktionieren. und dies ist sogar im tiefsten und schlechtesten sinne eine „idealistische“ politikkonzeption, da sie nicht vom realen revolutionären subjekt (als träger des revolutionären bruchs) ausgeht, sondern von einer theoretischen konstruktion eines angeblich wünschenswerten gesellschaftlichen zustandes, der nur in den köpfen dieser „theoretiker“ existiert. oder um es mit den unsterblichen worten von Marx zu sagen:

„Der Kommunismus ist für uns nicht ein Zustand, der hergestellt werden soll, ein Ideal, wonach die Wirklichkeit sich zu richten haben [wird]. Wir nennen Kommunismus die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt.“ — Die deutsche Ideologie

eine „wirkliche bewegung“ aber, die die bestehende gesellschaftliche und psychische realität verleugnet [zensiert] und durch eine ‚linke politische korrektheit‘ ersetzen will [tugenddiktatur] , wird niemals „Massenwirksam“ sein können – und das ist auch gut so! 😉

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Ein Kommentar zu “‚Bedürfnis‘ und ‚Leidenschaft‘

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