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Über ‚innere‘ und ‚äussere‘ Natur

[Kommentar von Horst Hilse (SOKO) zur NAO Essential-Debatte, 7. Dezember 2012]

Hallo Jürgen, Hallo Frank,

Leider fehlt mir derzeit die Zeit, zu eurem Vorschlag umfassend so Stellung zu nehmen, wie es den angeschnittenen Problemen angemessen wäre….

Ebenso wie ihr halte ich die Stellung des Menschen zur ihn umgebenden Natur für ein ausgesprochen wichtiges Thema für die politische Linke.

Ich finde die von euch aufgezeigten Konsequenzen sehr gut dargestellt und die mit der Punktierung gezeichneten Punkte finde ich ganz hervorragend gelungen….
Diese Fragen gehören heute zweifellos und unverzichtbar in jedes fortschrittliche linke Programm!
Es ist völlig unzutreffend, wenn die bürgerlichen grünen Ideologen heute behaupten,
Marx sei ein bornierter Ideologe der schrankenlosen Enfesselung der Naturkräfte
gewesen und habe keinen Blick für die damit verbundenen “Unkosten” gehabt. Sie
verstehen nicht, dass es bei Marx einen Unterschied zwischen den Begriffsinhalten von “Produktion”,”Tätigkeit”,”Arbeit” und “Hervorbringung” gibt, weil sie sich der Komplexität der Problematik gar nicht stellen wollen.

Hier muss ein antikapitalistischer Ansatz jedoch anders intervenieren.

Für mehrere linke politische Philosophieansätze ist die Brisanz der Thematik nicht erkennbar, da sie die Trennung zwischen “innerer und äusserer Natur des Menschen” für eine “ganz natürliche” halten und so gar nicht bemerken können, dass diese Voraussetzung ihres “Philosophierens” selbst noch einmal hinterfragt werden muss. Denn sie übernehmen damit eine Voraussetzung, die nur unter dem Aspekt der ausbeuterischen “Nützlichkeit” in dieser Weise Gültigkeit hat.

Etwas ausführlicher: Immer wenn ihr in eurem Text “Natur” verwendet, muss es nach meiner Meinung “äußere Natur” heissen, da der Mensch nicht ausserhalb “der Natur” steht, sondern selber zutiefst Naturwesen ist. Er ist in dieser Hinsicht ebenso wie die aussermenschliche Natur das historische Ergebnis eines Entwicklungsprozesses. Die menschliche Körperbeschaffenheit ist Ergebnis der Naturevolution.(man vergleiche dazu: Engels Beschreibung der Entstehung der menschlichen Hand über einen Jahrtausende währenden Prozess in “Menschwerdung des Affen”). Aber auch der Mensch in seinen Differenzierungen wie der Rassen ist ein Naturprodukt.
So schreibt Marx z.B. in einer Replik auf den sich radikal gebenden anarchisierenden
Max Stirner:
“(…) er denkt nicht im entferntesten daran, daß dieEntwicklungsfähigkeit der Kinder sich nach dem Entwicklungsstand der Eltern richtet und daß alle Verkrüppelungen unter den bisherigen gesellschaftlichen Verhältnissen historisch entstanden und ebensogut historisch wieder abgeschafft werden können. Selbst die naturwüchsigen Gattungsverschiedenheiten wie Rasssenunterschiede etc…, von denen Sancho gar nicht spricht, können und müssen historisch beseitigt werden”. (Deutsche Ideologie)

Marx lehnt die durch Herrrschaftsansprüche zustande gekommene Unterscheidung in Natur- und Geisteswissenschaften ab und schreibt:

“Wir kennen nur eine einzige Wissenschaft, die Wissenschaft der Geschichte. Die Geschichte kann von zwei Seiten aus betrachtet, in die Geschichte der Natur und die Geschichte der Menschheit abgeteilt werden. Beide Seiten sind indes nicht zu trennen; solange Menschen existieren, bedingen sich Geschichte der Natur und Geschichte der Menschen gegenseitig(…)”.

Zur “Geschichte der Menschen” gehört auch alles inhaltliche, was sie denken, wenn sie den Begriff “Natur” in ihrem Diskurs verwenden.Das Naturverständnis selbst ist historisches Produkt. Daher ist die “objektive” Naturbetrachtung von diesem jeweiligen “Naturverständnis” abhängig.

Die zitierte Textpassage findet sich in der MEGA Bd. V von 1932, wurde jedoch in der
Reihe der von der DDR herausgegebenen “blauen Bände” der Marx/Engels-Werke ab Ende 1953 nicht mehr mit aufgenommen. Ernst Bloch hat Anfang 1954 in der “Zeitschrift für Philosophie” Heft 4, 1954, genau dieser Passage einen längeren Aufsatz gewidmet und damit indirekt auf diese empörende Zensur aufmerksam gemacht, ohne sie selbst als solche jedoch zu benennen.
Nur wenn man Marxens Unterscheidung von “innerer Natur” und “äusserer Natur” mit vollzieht, kann man verstehen, warum für ihn erst der “spielende Mensch” (Ein Gedanke, den Marx von Schiller übernimmt, da hier der “zwanglose Gebrauch aller Triebe und Seelenkräfte in harmonischer Übereinstimmung ohne äussere Anleitung wirken können”) ein befreiter Mensch sein kann.
Dies ist im Kapitalismus nicht möglich, da dort die “menschliche Natur” deformiert wird. In seinem wenig bekannten Aufsatz zum Selbstmord aus dem Jahre 1846 prangert Marx eine durch die kapitalistische Gesellschaft „gemordete menschliche Natur“ an.
Schon in seinem Abituraufsatz zur Berufswahl spricht er von der “inneren Stimme” des Menschen, die mit “leiser Stimme” spricht, aber sehr “verständlich und klar” ist, wenn man sie nicht übertönt…

Es wurde später versucht, diese Teile des Marxschen Werkes in eine “romantische Frühphase” und eine des “reiferen Marx” aufzuspalten, was falsch ist, da selbst nach Fertigstellung des Kapitals von Marx selbst darauf hingewiesen wurde, dass dies nur ein erster Teil der Arbeit sei, eben das “Knochengerüst” das nun mit der “menschlichen Natur” erneut dargestellt werden müsse, um die “Beschädigungen der menschlichen Natur” sichtbar zu machen.
Der Mensch selbst ist immer schon Natur gewesen ist und sein “Austauschprozess mit der äußeren Natur” verläuft entweder herrschaftsfrei oder unter Bedingungen von Herrschaft. Ist letzteres der Fall, betreibt er auch seine Selbstverstümmelung, die im Kapitalismus auf die Spitze getrieben wird.

“Natur an sich” gibt es für Marx überhaupt nicht, sondern Natur tritt dem Menschen immer schon in “angegeigneter Form”, d. h. gemäß dem jeweils vorherrschenden Naturverständnis einer Kollektivität zu einem gegebenen historischen Zeitpunkt gegenüber. Daher schreibt Marx in den “Grundrissen” ausdrücklich, dass der Mensch in seinem Produktionsprozess immer “doppelt vorhanden” ist .Sein “verlängerter Leib” (seine konkrete Arbeitsleistung also) in der Produktion ist “vermittelt durch das gesellschaftliche Verhältnis,” ( also sein Verständnis vom Sinn dessen, was er dort macht) das die Menschen in der Produktion eingehen. So notiert Marx auch im “Elend der Philosophie”:

“Die Ökonomen erklären uns (…) wie man unter den gegebenen Verhältnissen produziert; was sie aber nicht erklären ist, wie diese gesellschaftlichen Verhältnisse selbst produziert werden, d.h. die geschichtliche Bewegung, die sie ins Leben ruft (…).

Unter den Bedingungen des Privateigentums wird die menschliche Sinnlichkeit deformiert und der “Sinn des Habens” (Manuskripte EB1 S.540 ) dominiert. Äußere Natur wird dann ein “bloßes sein für Anderes” Wirklich menschliche Sinnlichkeit aber “verhält sich zu der Sache um ihrer selbst willen” (aaO) und produziert daher nach den “Gesetzen der Schönheit” und nicht unter dem alleinigen Zwang zur Nützlichkeit. Nur durch die in dieser kollektiven Praxis des gemeinsamen Stoffwechsels der Menschen mit der äußeren Natur gemachten Erfahrungen ändert sich auch das Verständnis des Menschen von sich und seiner Umwelt, also das vorherrschende Naturverständnis. Erst die “Naturalisierung des Menschen führt zur Humanisierung der Natur”.

Solange also “äußere Natur” als bloße tote verwertbare Rohstoffmasse ohne ihre für den Menschen lebenswichtige Rolle betrachtet wird, führt sie notwendigerweise nach Marx zur Schädigung der “inneren Natur”. Unmissverständlich heisst es dazu in den “Pariser Manuskripten”:

“(…)Indem die entfremdete Arbeit dem Menschen 1. die Natur entfremdet 2. sich selbst seine eigene tätige Funktion,seine Lebenstätigkeit ( entfremdet), so entfremdet sie dem Menschen die Gattung(…)”.

Der Grund für diesen unlösbaren Zusammenhang, so Marx weiter, liege darin, dass die Natur der “unorganische Leib des Menschen” sei und

“Daß das physische und das geistige Lebnen des Menschen mit der Natur zusammenhängt, hat keinen anderen Sinn, als dass die Natur mit sich selbst zusammenhängt, denn der Mensch ist ein Teil der Natur” (Ergänzungsband1, 1973 S. 516).

Im Marxschen Kapital schliesslich heisst es zusammenfassend:

“(…)die kapitalistische Produktion entwickelt (…) nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Springquellen jeden Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter(…)”.

KONSEQUENZEN

Diese Position enthält mehrere gewichtige Konsequenzen, von denen nuz zwei kurz genannt seien. In Bezug auf das

– Lohnarbeitsverhältnis

bedeutet es, dass es nicht einzig darum geht, die kapitalistische Klasse zu beseitigen, sondern dass die Lohnarbeit als solche selbst Sklaverei ist. Solange der Mensch zur Reproduktion seines Lebens gezwungen ist, die durch fremde Interessen in der
äusseren Natur vorgeformten Bedingungen zu akzeptieren, befindet er sich im “tierischen Zustand” (Hegel), weil er wie das Tier von den äusseren Lebensbedingungen weitgehend abhängig ist. Daher beginnt menschliche Emanzipation damit, dass diese Fesselung an äussere Naturgegebenheiten beseitigt (Notwendigkeit der Technologie), zumindest aber (wie in einem Sozialstaat) gelockert wird. Dieses Verhältnis zur äusseren Natur als einem als “naturwüchsig” verkannten, wird durch den Kommunismus beseitigt. Dazu die Bemerkung von Marx/Engels MEW 3 S. 70 :

„Daß sowohl zur massenhaften Erzeugung dieses kommunistischen Bewußtseins wie zur Durchsetzung der Sache selbst eine massenhafte Veränderung der Menschen nötig ist, die nur in einer praktischen Bewegung, in einer Revolution vor sich gehen kann: daß also die Revolution nicht nur nötig ist, weil die herrschende Klasse auf keine andere Weise gestürzt werden kann, sondern auch, weil die stürzende Klasse nur in einer Revolution dahin kommen kann, sich den ganzen alten Dreck vom Halse zu schaffen und zu einer neuen Begründung der Gesellschaft befähigt zu werden(…)
Der Kommunismus unterscheidet sich von allen bisherigen Bewegungen dadurch, daß er die Grundlage aller bisherigen Produktions- und Verkehrsverhältnisse umwälzt und alle naturwüchsigen Voraussetzungen zum ersten Mal mit Bewusstsein als Geschöpfe der bisherigen Menschen behandelt, ihrer Naturwüchsigkeit entkleidet und der Macht der vereinigten Individuen unterwirft (…)
Im revolutionären Prozess selbst erlangen die Menschen die Fähigkeit dazu, ihrer Freiheit inne zu werden und sie bewusst zu entwickeln(…).”

– Geschlechterverhältnis:

Wir können nicht angeben, zu welchen Entwicklungen dieses Verhältnis fähig ist. Wir wissen: Die “welthistorische Niederlage des weiblichen Geschlechts” hing eng mit der Produktion von langlebigen Gebrauchsgütern zusammen, die vererbbar waren. (Engels “Ursprung der Familie… ). Es gab also einen historischen Hintergrund für die Veränderung des Geschlechterverhältnisses und daher hindert uns nichts an der Auffassung, dass dieses Verhälnis auch unter veränderten ökonomischen Bedingungen inhaltlicher Wandlung unterworfen sein wird. Unter heutigen Bedingungen ist dieses Verhältnis ebenso deformiert, wie die Relationen zwischen “innerer” und “äusserer” Natur. Marx schreibt in den ökonomisch-philosophischen Schriften:

Das unmittelbare, natürliche, notwendige Verhältnis des Menschen zum Menschen ist das Verhältnis des Mannes zum Weibe. […] Aus diesem Verhältnis kann man also die ganze Bildungsstufe des Menschen beurteilen. Aus dem Charakter dieses Verhältnisses folgt, inwieweit der Mensch als Gattungswesen, als Mensch sich geworden ist und erfaßt hat; das
Verhältnis des Menschen zum Weib ist das natürlichste Verhältnis des Menschen zum Menschen. In ihm zeigt sich also, in[wie]weit das natürliche Verhalten des Menschen menschlich […] geworden ist. (MEW 40, 535)

Als Eugène Sue 1842 mit seinem ersten sensationell erfolgreichen Feuilleton-Roman in einer öffentlichen Zeitung “Die Geheimnisse von Paris” die Frage der Prostitution ohne moralische Implikation erörterte, brach in Deutschland ein Sturm der Entrüstung los, der den humanistischen Intellektuellen in Paris die Förderung von inhumanen Zuständen vorwarf.
Marx schaltete sich in diese Debatte ein und meinte, die Frage “Darf ein Humanist so etwas?” könne nur von protestantischen Moralisten gestellt werden, da die Gestaltung der Sexualität unter bestimmten Bedingungen auch bestimmte Formen annehmen würde. Unter Bedingungen des Privateigentums sei wahre und freie Liebe nicht möglich. In der Prostitution liege dieser Umstand offen zutage, während die Vertragsform der Ehe diese Wahrheit vertuscht. Daher lobt er auch den Weitblick der Prostituierten in diesem Roman, der wesentlich klarer sei, als der der meisten deutschen Ehefrauen.Paradigmatisch für die auf Privatbesitz ruhende Eigentumsordnung sei absolute patriarchale Macht von Männern über ihre Frauen und ihre Haltung als eifersüchtige Privatbesitzer. In Marx’ empörten Bemerkungen wird der tyrannische Gatte mit einem Sklavenhalter verglichen. Dank der gesellschaftlichen Verhältnisse und dank des patriarchalen Charakters sowohl des Code Civil wie des Eigentumsrechts war der männliche Unterdrücker in der Lage, seine Frau »mit
Schlössern zu umgeben, wie der Geizhals seinen Geldkoffer«: als Ding, als Objekt, als »Teil seines Inventariums«. Die Prostituierte lässt sich nur auf eine kurze Verfügungsgewalt ein und muss ihren Tribut gegenüber der Eigentumsordnung erbringen, indem sie zum reinen körperlichen Ding degradiert wird und keinerlei Ansprüche irgendeiner anderen Art geltend machen kann. Sie steht also noch nicht einmal auf der Stufe der historisch “ersten Sklaverei”, wo der Sklavenhalter die Verantwortung für den Körper der Sklavin mitzutragen hatte. Kapitalistische Verdinglichung und patriarchale Herrschaft werden von Marx in seiner radikalen Verurteilung der modernen, männer-beherrschten Familienbeziehungen miteinander verknüpft.
Aber welche Formen diese Beziehungen unter welchen Bedingungen auch immer
annehmen können, so sind sie jedoch nicht ursächlich bestimmend für die Qualität der menschlichen Beziehung. Diese kann unter allen Formen die Anerkennung des jeweils “anderen Geschlechts” als Gattungsmitglied beinhalten. Nur die Pädophilie und die Unzucht mit Abhängigen (meist Kranken) verweigern diese Anerkennung.
Ein linkes Programm muss die Naturalisierung des Menschen und die Humanisierung der Natur (verstanden als gegenseitig verschränkter Prozess der inneren und äußeren Natur des Menschen) als Forderung enthalten, um die Erlangung der menschlichen Qualitäten zur Selbstbefreiung im revolutionären Prozess zu entwickeln.

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Ein Kommentar zu “Über ‚innere‘ und ‚äussere‘ Natur

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