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Über die Bedeutung des ‚theoretischen Kampfes‘ für revolutionäre Politik

"Die Freiheit führt das Volk"Eugène Delacroix, 1830

„Die Freiheit führt das Volk“
Eugène Delacroix, 1830

Einige Gedanken zum neuen Jahr

immer schon leidete die arbeiterbewegung an einer „spaltung“ in ‚theoretiker‘ und ‚praktiker‘. die einen sind mehr die ‚organisatoren‘, die anderen mehr die ‚ideengeber‘. wobei die ideengeber selbst wieder unterteilt sind in naturwissenschaftler/ökonomen (also mehr diesseitig) und philosophen, historiker, geisteswissenschaftler (also quasi „metatheoretisch“).

das bürgertum entwickelte seine revolutionären theorien im schosse der feudalgesellschaft und hatte schon (ökonomische) stützpunkte IN dieser gesellschaft entwickelt gehabt. insofern fiel es der bourgeoisie leichter, ihre spezifischen gesellschaftlichen anliegen auch politisch umzusetzen. ihr „materialismus“ beschränkte sich auf die engen, ökonomischen bedürfnisse des Kapitals. er musste nicht WIRKLICH einen allgemeinen emanzipatorischen anspruch formulieren. die bourgeosie tat dies dann zwar vorgeblich in der „grossen französischen revolution“ („freiheit, gleichheit, brüderlichkeit“), aber diese „freiheit“ schloss dann eben doch nicht ALLE ein (dass die „brüderlichkeit“ die FRAUEN ausschloss, wollen wir an dieser stelle nicht erörtern). der „vierte stand“ bezahlte mit seinem blut, hatte aber letztlich nur eine herrschaft gegen eine andere ausgetauscht. der „vierte stand“ musste also seine EIGENEN SOZIALEN THEORIEN entwickeln.

meistens waren es (klein)bürgerliche intellektuelle, die diese arbeit leisteten. marx, engels (unternehmer!), lenin, Rosa luxemburg, trotzki … sie alle gehörten zur intelligentia, nicht zum „proletariat“ (im streng marxistischen sinne). es gab aber auch durchaus fähige handwerker und arbeiter, die theoretische arbeit leisteten, aber sie waren dann keine „arbeiter“ — wir lenin [1] betonte — , sondern ebenfalls „sozialialistische intellektuelle“.

für die arbeiterbewefung ist es nun viel schwerer, eine „eigenständige“ ’soziale theorie‘ zu entwickeln, denn sie kann keine ‚ökonomischen stützpunkte‘ IN der kapitalistischen gesellschaft entwickeln und bleibt daher viel stärker politisch, ideologisch und kulturell an die bürgerliche gesellschaft gebunden. und selbst wenn sie grosse ÖKONOMISCHE kämpfe durchführt — was in deutschland NICHT der fall ist! — gibt es keinen ‚automatismus‘, der ökonomische kämpfe zwangsläufig auf ein POLITISCHES NIVEAU hebt. dies ist die quintessenz aus lenins WAS TUN!

die (logische) konsequenz aus dieser erkenntnis ist die notwendigkeit, eine (gesonderte) politische organisation (partei) aufzubauen, die das revolutionäre programm auf der höhe der zeit hält, UNABHÄNGIG von der konjunktur des standes der klassenkämpfe. das ist der ganze sinn von „lenins organisationsplan“.

was auf der ersten blick so logisch und (genial) simpel erscheint, hat aber auch durchaus „nachtseiten“. man kann sich leicht vorstellen, dass eine „avantgarde“, die in theoretisch luftigen höhen operiert und eine „klassenbewegung“, die nicht einmal mehr ‚brot – und butterkämpfe‘ führt, so weit auseinander driftet, dass es schon einem wunder gleichkäme, wenn irgendetwas sie zusammenführen könnte. dies ist der zustand der „radikalen linken“ in deutschland: und kein schönreden kann darüber hinwegtäuschen!

doch trotz dieser heillosen zersplitterung, marginalität und politischen handlungsunfähigkeit und wirkungslosigkeit – auch der ‚ideologisch-theoretische‘ kampf muss geführt werden, wenn überhaupt der hauch einer chance bestehen soll, dass das ‚revolutionäre programm‘ (oder zumindest teile davon) eine gewisse ‚hegemonialität‘ erlangen kann.

der NAO Prozess hat gezeigt, dass der ‚gute wille‘ allein nicht genügt, eine ‚revolutionäre einheit‘ herzustellen und dass man „philosophisch-weltanschauliche“ fragen (leider) doch nicht ausklammern kann, um POLITISCHE handlungsfähigkeit zu erzeugen. denn ein ‚revolutionäres programm‘ ist ohne eine ‚revolutionäre WELTANSCHAUUNG‘ eben doch nicht zu haben; beides kann nicht voneinander getrennt werden – und das ist im sinne der dialektik auch vollkommen logisch! 😉

konkret: ein „marxismus“, der seinem ganzen philosophischen ‚unterbau‘ entkleidet ist (wie z B bei den „postmodernen“ [3] [4] der Althusser Schule im NAO Prozess) IST EBEN KEIN MARXISMUS, sondern eine (kleinbürgerliche) „linke kinderkrankheit“ [2], die man politisch bekämpfen muss.

so wird auch 2013 der „kampf um die richtige linie“ weitergehen und so mancher sturm im (sektiererischen) wasserglas toben.

die einzige hoffnung, die bleibt, ist die, dass letztlich alle wassertropfen den weg zum meer (zurück)finden – nur einige scheinen dem verdunstungsstadium eine menge abgewinnen zu können.

BLEIBEN WIR ALSO — TROTZ ALLEDEM — IRGENDWIE HEITER UND INNERLICH GELASSEN! 🙂

_______

[1] „Dies heißt selbstverständlich nicht, daß die Arbeiter an dieser Ausarbeitung nicht teilnehmen. Abar sie nahmen daran nicht als Arbeiter teil, sondern als Theoretiker des Sozialismus, als die Proudhon und Weitling, mit anderen Worten, sie nehmen nur dann und soweit daran teil, als es ihnen in höherem oder geringerem Maße gelingt, sich das Wissen ihres Zeitalters anzueignen und dieses Wissen zu bereichern. Damit aber den Arbeitern dieses häufiger gelinge, ist es notwendig, alles zu tun, um das Niveau der Bewußtheit der Arbeiter im allgemeinen zu haben; ist es notwendig, daß die Arbeiter sich nicht in dem künstlich eingeengten Rahmen einer „Literatur für Arbeiter„ abschließen, sondern daß sie es immer mehr lernen, sich die allgemeine Literatur zu eigen zu machen. Es wäre sogar richtiger, anstatt „sich nicht abschließen“ zu sagen: nicht abgeschlossen werden, dann die Arbeiter selbst lesen alles und wollen alles lesen, auch das, was für die Intelligenz geschrieben wird, und nur einige (schlechte) Intellektuelle glauben, „für Arbeiter“ genüge es, wann man ihnen von den Zuständen in der Fabrik erzählt und langst bekannte Dinge wiederkäut.“ http://www.marxists.org/deutsch/archiv/lenin/1902/wastun/kap2b.htm

[2] http://www.marxists.org/deutsch/archiv/lenin/1920/linksrad/index.html

[3] http://www.nao-prozess.de/blog/der-dekonstruktivistische-angriff-auf-die-wirklichkeit-und-den-marxismus/

[4] http://www.nao-prozess.de/blog/absage-an-den-autonom-feministischen-poststrukturalismus/

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3 Kommentare zu “Über die Bedeutung des ‚theoretischen Kampfes‘ für revolutionäre Politik

  1. gepostet als Kommentar zu:
    http://www.nao-prozess.de/blog/warum-der-sozialismus-kein-etappenziel/

    Querverweis:

    Über das geistige Elend des Poststrukturalismus:

    http://bronsteyn.wordpress.com/2013/01/02/uber-das-geistige-elend-des-poststrukturalismus/

    Rein formal würde ich folgendem Satz unbedingt zustimmen:

    Weil nun aber der Sozialismus keine eigenständige Produktionsweise ist, sondern sozialistische Gesellschaftsformationen eine widersprüchliche Kombination von Elementen der kapitalistischen und der kommunistischen Produktionsweise darstellen (…)
    sollten wir, selbst wenn wir eine sozialistische / proletarisch-dikatorische Übergangsgesellschaft für notwendig halten nicht den Sozialismus zum strategischen Etappenziel erklären, nicht den Kommunismus vom Sozialismus her denken,
    sondern den Sozialismus vom Kommunismus her denken,

    Aber!
    Was ist eigentlich Kommunismus?
    Wenn Kommunismus nicht nur ein inhaltsloses sprachliches Konstrukt sein soll, sondern eine reale anzustrebende und vermittelbare Gesellschaftsordnung, dann gilt es zu überprüfen, wie “Kommunisten” (also Menschen, die sich als solche bezeichnen), zu folgenden zwei strukturellen Merkmalen des Kommuniusmus stehen (so wie Marx, Engels und Lenin ihn verstanden haben):

    1. Attraktive Arbeit
    2. Freiheit in der Liebe

    Aus beiden Strukturmerkmalen folgt auch das organisatorische Prinzip der Serie (Fourier), dem Zusammenschluß von Menschen entlang ihrer Leidenschaften. Dieses organisatorische Prinzip wurde von Marx und Engels immer wieder inhaltlich aufgegriffen durch z.B. folgende Formulierungen:
    “Freie Assoziation der Produzenten”
    “Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen”
    usw.
    Diese beiden Kriterien haben sich für mich insofern als völlig hinreichend erwiesen, die Selbstzuweisung von Menschen als “Kommunisten” zu überprüfen.
    Für mich ist klar, dass Menschen, die dekretieren, dass Arbeit auch im Kommunismus ein äusserer Zwang sein wird (ausgeübt durch wen?) keine Kommunisten im Sinne von Marx und Engels sind.
    Das zum einen.
    Wie aber ist es mit Menschen, die das Strukturprinzip der Freiheit in der Liebe direkt oder indirekt ablehnen (und mithin das sexuelle Selbstbestimmungsrecht des Menschen – immerhin eine juristische Errungenschaft der vollendeten bürgerlichen Gesellschaft) und stattdessen die Sexualität der Menschen (in ihrer von Kleingeistern kaum zu erfassenden Vielfalt) verändern und in ihrem Sinne normieren wollen (wenn auch mit dem völlig untauglichen Mittel der verbalen Nötigung, da ja schließlich der Mensch ohnehin nur ein “sprachliches Konstrukt” sei)?
    Nun, ich sage, diese Differenz ist prinzipiell und keine bloß taktische oder strategische.

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