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Nähe, Distanz und Einsamkeit

Ludwig Drahosch, Nach Innen auftauchen

Ludwig Drahosch, Nach Innen auftauchen

für R. und K., zwei wunderbaren Menschen, die ich leider nur virtuell kenne

Ein Beitrag zur Poesie der Liebe

Der Liebste ist bei dir inmitten deiner Suche!
Er hält deine Hand wo immer du gehst. –Rumi

in liebesbeziehungen sind die begriffe „nähe und distanz“ zentral. während nähe die intimität (das JA) der beziehung zu ausdruck bringt (bis hin zum wunsch der verschmelzung), bedeutet distanz die selbstabgrenzung der individuen in einer beziehung, das „NEIN“ in der liebe. beide seite befinden sich in einem dialektischen prozess der wechselseitigen durchdringung und beeinflussung. ein lebendiger prozess, der nicht ohne reibungen und konflikte abgeht.

der begriff „einsamkeit“ (wie er insbesondere in der liebespoesie von Rilke ein Rolle spielt), geht noch ein stück weiter, im prinzip ins philosophische, ja eigentlich sogar ins religiöse. aber hier erst einmal ein wunderschönes Gedicht vom Meister selbst:

In tiefen Nächten grab ich dich, du Schatz

In tiefen Nächten grab ich dich, du Schatz.
Denn alle Überflüsse, die ich sah,
sind Armut und armsäliger Ersatz
für deine Schönheit, die noch nie geschah.

Aber der Weg zu dir ist furchtbar weit
und, weil ihn lange keiner ging, verweht.
O du bist einsam. Du bist Einsamkeit,
du Herz, das zu entfernten Talen geht.

Und meine Hände, welche blutig sind
vom Graben, heb ich offen in den Wind,
so dass sie sich verzweigen wie ein Baum.
Ich sauge dich mit ihnen aus dem Raum

als hättest du dich einmal dort zerschellt
in einer ungeduldigen Gebärde,
und fielest jetzt, eine zerstäubte Welt,
aus fernen Sternen wieder auf die Erde
sanft wie ein Frühlingsregen fällt.

Rainer Maria Rilke, 25.9.1901

Einsamkeit meint hier aber nicht, dass die angebetete allein ist, keine freunde, bekannte oder familie hat. einsamkeit ist eine existentielle kategorie. es ist die fundamentale erfahrung, dass wir im tiefsten seelengrunde dem SEIN nur vollständig auf uns selbst gestellt gegenübertreten können.

in einer liebesbeziehung ist diese existentielle erfahrung von grundlegender bedeutung. sie bedeutet nämlich, dass wir unsere gefühle für den anderen nicht von unseren ego-wünschen abhängig machen können (denn dies wäre nur die bestätigung dessen, was wir schon kennen), sondern der andere nur dann wirklich in beziehung zu uns treten kann, wenn er sich aus freien stücken offenbart. wenn wir also seine freiheit, sein einzigartiges selbstsein als das höchste schützenswerte Gut in einer liebesbeziehung ansehen. und dazu gehört auch die reife, den schmerz auszuhalten, wenn die entscheidungen des geliebten unser ego tief verletzt. aber auf einer höheren ebene erfüllt sich die liebe auch in der tiefsten egoverletzung, wenn wir die freiheit des anderen akzeptieren und liebend umfangen können.

die liebe ist also nicht ein gefühl, dass dem einzelnen anhaftet, sondern etwas, was zwischen den menschen existiert, eine art „dritter leib“, der nur dann erfahrbar ist, wenn wir uns ganz hingeben und dem selbstgesteuerten lebensprozess vertrauen. sehr schön hat dies Martin Buber ausgedrückt:

„Gefühle wohnen im Menschen, aber der Mensch wohnt in seiner Liebe. Das ist keine Metapher, sondern die Wirklichkeit: die Liebe haftet dem Ich nicht an, so daß sie das Du nur zum »Inhalt«, zum Gegenstand hätte, sie ist zwischen Ich und Du.“ — Martin Buber, Ich und DU

[es sei daran erinnert, dass das wort INTERESSE sich zusammensetzt aus inter (zwischen) und esse (sein)]

dieser gedanke ist aber bereits der sprung ins religiös-spirituelle, in den „glauben“. die übersteigerung von eros in agape. diesen sprung können natürlich nur die machen, die bereit sind, alle scheinbaren „sicherheiten“ aufzugeben und sich auf die gewissheit des vertraues und des glaubens „ohne grund und boden“, völlig haltlos, einzulassen.

jeder, der die drei worte sagt: „ich liebe dich“, legt eigentlich ein zeugnis davon ab, dass die welt mehr ist als unsere angeblich überlegene rationalität erfahren lässt. der wirkliche weg der erkenntnis geht nach innen, um dann wieder ins aussen zu treten. und nicht umgekehrt, wie der rationalismus (und vulgärmaterialismus) behauptet.

sei der torwächter
der einsamkeit
deiner/s geliebten
wahre schweigend das leuchten
ihrer einzigARTigkeit
und gebe dich mit allem hin
in den kostbaren momenten
wo der andere
sich dir
ganz offenbart

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3 Kommentare zu “Nähe, Distanz und Einsamkeit

  1. Ich streichle zärtlich
    dein Gesicht
    und seh`in deine Augen
    diesen tiefen Bronnen
    hinter denen
    deine Unendlichkeit wacht
    ich versuche ihren Glanz
    in meinem Sein
    zu spiegeln
    aber ihr Blick
    zielt nicht zu mir

    Du tratst heraus
    aus meinem Traum
    und meine Liebe
    wird dich weiterhin
    begleiten
    auch wenn ich bin
    deinem Augenglitzern
    nicht mehr gewahr
    so erreicht mich
    der Lichtstrahl
    deines Wesens
    auch über Ewigkeiten hinweg
    tief in mein Herz
    atmet es
    Glückseligkeit

  2. „Sie fragen, ob Ihre Verse gut sind. Sie fragen mich. Sie haben vorher andere gefragt. Sie senden sie an Zeitschriften. Sie vergleichen sie mit anderen Gedichten, und Sie beunruhigen sich, wenn gewisse Redaktionen Ihre Versuche ablehnen. Nun (da Sie mir gestattet haben, Ihnen zu raten) bitte ich Sie, das alles aufzugeben. Sie sehen nach außen, und das vor allem dürften Sie jetzt nicht tun. Niemand kann Ihnen raten und helfen, niemand. Es gibt nur ein einziges Mittel. Gehen Sie in sich. Erforschen Sie den Grund, der Sie schreiben heißt; prüfen Sie, ob er in der tiefsten Stelle Ihres Herzens seine Wurzeln ausstreckt, gestehen Sie sich ein, ob Sie sterben müßten, wenn es Ihnen versagt würde zu schreiben.
    Dieses vor allem: fragen Sie sich in der stillsten Stunde Ihrer Nacht: muß ich schreiben? Graben Sie in sich nach einer tiefen Antwort. Und wenn diese zustimmend lauten sollte, wenn Sie mit einem starken und einfachen ich muß dieser ernsten Frage begegnen dürfen, dann bauen Sie Ihr Leben nach dieser Notwendigkeit; Ihr Leben bis hinein in seine gleichgültigste und geringste Stunde muß ein Zeichen und Zeugnis werden diesem Drange. Dann nähern Sie sich der Natur. Dann versuchen Sie, wie ein erster Mensch, zu sagen, was Sie sehen und erleben und lieben und verlieren. “

    Rilke, Brief an einen jungen Dichter http://www.rilke.de/briefe/170203.htm

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