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Kunst und widerständiges Leben

„Das Geheimnis des Lebens
liegt im Suchen nach Schönheit.“
–Oscar Wilde

Der Mensch ist frei geboren, und überall liegt er in Ketten, heisst es bei Jean-Jacques Rousseau. aber dieser satz ist nur zur hälfte wahr. er liegt zwar in ketten, aber er wird nicht frei geboren. er wird in vorgefundene verhältnisse hineingeboren, die sich kein mensch aussucht oder aussuchen kann. und diese vorgefundenen verhältnisse wirken sehr stark präformierend, so stark, dass ihre überwindung eine gewaltige kraftanstrengung erfordert.

diese vorgefunden verhältniss bestehen im wesentlichen aus klassen-, geschlechter- und „rassen“verhältnissen. und dann gibt es noch ein viertes verhältnis, das verhältnis des einzelnen zu sich selbst. erst diese ontologische fundamentalerfahrung, dass in letzter instanz nur jeder einzelne für sich selbst die verantwortung übernehmen kann, eröffnet überhaupt die perspektive, den übermächtig prägenden einfluss der „kultur“ überwinden zu können.

dies setzt aber einen prozess der bewusstseinsentwicklung voraus, die die sinne und die wahrnehmung schärft. zusätzlich muss das interesse an seinem umfeld ad hominem (zum menschen) gehen und daraus erwächst wieder der überwältigende wunsch, alle gesellschaftlichen verhältnisse in die hände der selbststeuerung der assoziierten produzenten zu legen; zum vorteil und zum wohle aller, die das glück des einzelnen zur bedingung hat.

dieses (politische) programm ist letztlich die verwirklichung der nächstenliebe (christlich), des mitgefühls (buddhistisch), des komunismus (marxistisch) oder der harmonie (Charles Fourier). dies setzt aber einen menschen voraus, der sich zu allen aus einem allseitigen standpunkt, mit der höchsten bildungstufe und verfeinerten sinnen nähert. und bei den verfeinerten sinnen kommt die kunst ins spiel. denn der sinn für die kunst ist nichts anderes als der sinn für die schönheit. wobei schönheit nicht heisst, dass alle wie modemodels aussehen, sondern dass die betrachtung und die wahrnehmung die eigenbedeutung und den selbstwert von allem existierenden (an)erkennt. und dann kann auch der schimmel auf einem stück brot seine eigene ästhetik entfalten (auch wenn das nicht jedermanns und jederfraus sache sein wird 😉 ) und sobald das wertende denken aufhört (dick/dünn, schön/hässlich, alt/jung, klug/dumm ad infinitum) werden auch die gesamten ideologien, die die gesellschaft wie einen idiellen kitt zusammenhält, zusammenbrechen und jeder nach seiner facon glücklich werden können.

alle, die bestimmte neigungen und interessen ausleben wollen, können sich in serien a la Fourier zusammenschliessen, und dort ihre leidenschaften ausleben, ohne mit diskriminierung oder missachtung rechnen zu müssen. denn der respekt vor den menschlichen leidenschaften wird die moralische grundlage dieser seriellen gesellschaft sein. dass auf jeden topf ein deckel passt, ist heute schon ein geflügeltes wort; dass dieser spruch auch für eine ganze menschliche gesellschaft stimmen könnte, muss erst langsam ins hegemonial werdende bewusstsein eindringen.

um dieses programm einer konkreten utopie wirklichkeit werden zu lassen, brauchen wir einen veränderten oder erweiterten „politik“begriff. eine einengung auf unmittelbare, partikularistische interessenvertretung oder auf  alles, was staatliches handeln betrifft, wird diesem anspruch radikaler emanzipation nicht gerecht. vielmehr gilt es, auch das banalste alltagsleben für diesen geist der utopie fruchtbar zu machen. das, was Rilke über das dichten schreibt:

„Erforschen Sie den Grund, der Sie schreiben heißt; prüfen Sie, ob er in der tiefsten Stelle Ihres Herzens seine Wurzeln ausstreckt, gestehen Sie sich ein, ob Sie sterben müßten, wenn es Ihnen versagt würde zu schreiben.
Dieses vor allem: fragen Sie sich in der stillsten Stunde Ihrer Nacht: muß ich schreiben? Graben Sie in sich nach einer tiefen Antwort. Und wenn diese zustimmend lauten sollte, wenn Sie mit einem starken und einfachen ich muß dieser ernsten Frage begegnen dürfen, dann bauen Sie Ihr Leben nach dieser Notwendigkeit; Ihr Leben bis hinein in seine gleichgültigste und geringste Stunde muß ein Zeichen und Zeugnis werden diesem Drange. Dann nähern Sie sich der Natur. Dann versuchen Sie, wie ein erster Mensch, zu sagen, was Sie sehen und erleben und lieben und verlieren. ”

muss auch fürs „politische“ gelten.

wenn man diese „anweisungen“ Rilkes auf das politische übertragen würde, würde dies bedeuten, auch das banalste alltagsproblem eines einfachen oder uns zufällig begegnenden menschen, kann eine tiefe erkenntnis, eine art botschaft, für uns enthalten. die auch uns wieder weiter bringen kann. aber dafür muss unser geist offen sein. wir müssen ihn von dem ganzen dreck, den die medien täglich wie in eine kloschüssel in unsere köpfe giessen, befreien.

wenn wir beginnen, alles mit den augen der liebe zu sehen, werden wir auch anfangen, die kunst zu verstehen. wir werden den menschen mit mehr respekt, freundlichkeit und „weichheit“ begegnen, ohne in unsem willen schwankend zu werden. und dies wird wieder die voraussetzungen echter, tiefer kommunikation und bewusstseinsentwickung verbessern. es entsteht eine art beziehungsgeflecht oder morphisches feld, welches die grundlagen für den geist einer neuen, besseren gesellschaft schaffen wird. niemand hat diesen geist besser in worte gefasst als Charles Chaplin:

„Es tut mir leid, aber ich möchte nunmal kein Herrscher der Welt sein, das liegt mir nicht! Ich möchte weder herrschen noch irgendwen erobern, sondern jedem Menschen helfen, wo immer ich kann! Den Juden, den Heiden, den Farbigen, den Weissen!

Jeder Mensch sollte dem Anderen helfen, nur so verbessern wir die Welt! Wir sollten am Glück des Anderen teilhaben und nicht einander verabscheuen! Hass und Verachtung bringen uns niemals näher! Auf dieser Welt ist Platz genug für jeden und Mutter Erde ist reich genug um jeden von uns satt zu machen!

Das Leben kann ja so erfreulich und wunderbar sein, wir müssen es nur wieder zu leben lernen. Die Habgier hat das Gute im Menschen verschüttet und Mißgunst hat die Seelen vergiftet und uns im Paradeschritt zu Verderb und Blutschuld geführt. Wir haben die Geschwindigkeit entwickelt, aber innerlich sind wir stehen geblieben. Wir lassen Maschinen für uns arbeiten und sie denken auch für uns. Die Klugheit hat uns hochmütig werden lassen und unser Wissen kalt und hart, wir sprechen zu viel und fühlen zu wenig, aber zuerst kommt die Menschlichkeit und dann die Maschinen! Vor Klugheit und Wissen kommt Toleranz und Güte! Ohne Menschlichkeit und Nächstenliebe ist unser dasein nicht lebenswert!

Aeroplane und Radio haben uns einander näher gebracht, diese Erfindungen haben eine Brücke geschlagen von Mensch zu Mensch, sie erfordern eine allumfassende Brüderlichkeit, damit wir alle Eins werden! Millionen Menschen auf der Welt können im Augenblick meine Stimme hören, millionen verzweifelte Menschen, Opfer eines Systems, das es sich zur Aufgabe gemacht hat Unschuldige zu quälen und in Ketten zu legen! Allen denen, die mich jetzt hören, rufe ich zu: Ihr dürft nicht verzagen! Auch das bittere Leid, das über uns gekommen ist, ist vergänglich! Die Männer, die heute die Menschlichkeit mit Füßen treten werden nicht immer da sein, ihre Grausamkeit stirbt mit ihnen und auch ihr Hass! Die Freiheit, die sie den Menschen genommen haben, wird ihnen dann zurückgegeben werden! Auch wenn es Blut und Tränen kostet, für die Freiheit ist kein Opfer zu groß!

Soldaten! Vertraut euch nicht Barbaren an, Unmenschen, die euch verachten und denen euer Leben nichts wert ist, ihr seid für sie nur Sklaven! Ihr hab das zu tun, das zu fühlen, das zu glauben! Ihr werdet gedrillt, gefüttert, wie Vieh behandelt und seid nichts weiter als Kanonenfutter! Ihr seid viel zu schade für diese verirrten Subjekte! Diese Maschinenmenschen, mit Maschinenköpfen und Maschinenherzen! Ihr seid keine Roboter, ihr seid keine Tiere, ihr seid Menschen! Bewahrt euch die Menschlichkeit in euren Herzen und hasst nicht! Nur wer nicht geliebt wird hasst! Nur wer nicht geliebt wird! Soldaten, kämpft nicht für die Sklaverei! Kämpft für die Freiheit!

Im siebzehnten Kapitel des Evangelisten Lukas steht: Gott wohnt in jedem Menschen. Also nicht nur in Einem oder einer Gruppe von Menschen! Vergesst nie: Gott lebt in euch allen und ihr als Volk habt allein die Macht! Die Macht Kanonen zu fabrizieren, aber auch die Macht Glück zu spenden! Ihr als Volk habt es in der Hand dieses Leben einmalig kostbar zu machen, es mit wunderbarem Freiheitsgeist zu durchdringen!

Daher: Im Namen der Demokratie! Lasst uns diese Macht nutzen! Lasst uns zusammenstehen! Lasst uns kämpfen für eine neue Welt, für eine anständige Welt! Die Jedermann gleiche Chancen gibt, die der Jugend eine Zukunft und den Alten Sicherheit gewährt. Versprochen haben die Unterdrücker das auch, deshalb konnten sie die Macht ergreifen. Das war Lüge, wie überhaupt alles was sie euch versprachen! Diese Verbrecher! Diktatoren wollen die Freiheit nur für sich, das Volk soll versklavt bleiben!

Lasst uns diese Ketten sprengen, lasst uns kämpfen für eine bessere Welt! Lasst und kämpfen für die Freiheit in der Welt! Das ist ein Ziel, für das es sich zu kämpfen lohnt! Nieder mit der Unterdrückung, dem Hass und der Intoleranz! Lasst uns kämpfen für eine Welt der Sauberkeit, in der die Vernunft siegt, in der Fortschritt und Wissenschaft uns allen zum Segen gereichen! Kameraden! Im Namen der Demokratie! Dafür lasst uns streiten!“

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Ein Kommentar zu “Kunst und widerständiges Leben

  1. als ich mich zu lieben begann
    — Charles Chaplin

    als ich mich selbst zu lieben begann,
    habe ich verstanden,
    dass ich immer und bei jeder gelegenheit,
    zur richtigen zeit am richtigen ort bin
    und dass alles, was geschieht, richtig ist –
    von da an konnte ich ruhig sein.
    heute weiß ich: das nennt man ‚vertrauen‘.

    als ich mich selbst zu lieben begann,
    konnte ich erkennen,
    daß emotionaler schmerz und leid
    nur warnung für mich sind,
    gegen meine eigene wahrheit zu leben.
    heute weiß ich, das nennt man ‚autenthisch-sein‘.

    als ich mich selbst zu lieben begann,
    habe ich aufgehört,
    mich nach einem anderen leben zu sehnen
    und konnte sehen, daß alles um mich herum
    eine aufforderung zum wachsen war.
    heute weiß ich, das nennt man ‚reife‘.

    als ich mich selbst zu lieben begann,
    habe ich aufgehört,
    mich meiner freien zeit zu berauben
    und ich habe aufgehört,
    weiter grandiose projekte für die zukunft zu entwerfen.
    heute mache ich nur das, was mir spaß und freude bereitet,
    was ich liebe und mein herz zum lachen bringt,
    auf meine eigene art und weise und in meinem tempo.
    heute weiß ich, das nennt man ‚ehrlichkeit‘.

    als ich mich selbst zu lieben begann,
    habe ich mich von allem befreit,
    was nicht gesund für mich war,
    von speisen, menschen, dingen, situationen
    und von allem, das mich immer wieder hinunterzog,
    weg von mir selbst.
    anfangs nannte ich das ‚gesunden egoismus‘,
    aber heute weiß ich, das ist ’selbstliebe‘.

    als ich mich selbst zu lieben begann,
    habe ich aufgehört,
    immer recht haben zu wollen,
    so habe ich mich weniger geirrt.
    heute habe ich erkannt,
    das nennt man ‚demut‘.

    als ich mich selbst zu lieben begann,
    habe ich mich geweigert,
    weiter in der vergangenheit zu leben
    und mich um meine zukunft zu sorgen.
    jetzt lebe ich nur mehr in diesem augenblick,
    wo alles stattfindet.
    so lebe ich heute jeden tag und nenne es ‚bewusstheit‘.

    als ich mich selbst zu lieben begann,
    da erkannte ich,
    daß mich mein denken armselig und krank machen kann,
    als ich jedoch meine herzenskräfte anforderte,
    bekam der verstand einen wichtigen partner.
    diese verbindung nenne ich heute ‚herzensweisheit‘.

    wir brauchen uns nicht weiter vor auseinandersetzungen,
    konflikten und problemen mit uns selbst und anderen zu fürchten,
    denn sogar sterne knallen manchmal aufeinander
    und es entstehen neue welten.
    heute weiß ich, das ist das leben!

    http://www.c-mmm.de/gedichte/chaplin.html

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