Uncategorized

Wie transformieren wir die Welt?

Salvador Dali, Die Metamorphose des Narziss

Salvador Dali, Die Metamorphose des Narziss

 

 

 

 

 

 

„Nicht mit Unrecht sagt man deshalb auch: Alle Liebe beglücke, selbst die unglückliche. Die Richtigkeit dieses Ausspruchs muss ganz und gar unsentimental gefasst werden, ganz ohne Rücksicht auf den geliebten andern, einfach nur als das Glück des Liebens an sich, das in seiner festlichen Aufregung bis in das verborgenste Winkelchen unseres Seins gleichsam hunderttausend helle Kerzen anzündet, deren Glanz alle wirklichen Dinge draußen weit überstrahlt.“ —Lou Andreas-Salomé    

 

wo anfangen?

beim staat, bei der wirtschaft, bei den parteien, bei den gewerkschaften, bei den bürgerinitiativen, in bildungszirkeln …. ?

es wurde alles schon hundertfach versucht und herausgekommen sind nur ausgebrannte menschen, die eigentlich ein wertvolles potential gehabt hatten, was sie anderen menschen — und damit der ganzen welt — hätten weitergeben können; was aber in der „politik“ (im engeren sinne) vergeudet wurde.

natürlich lehrt uns politisches engagement auch vieles. meinen ganzen bildungshintergrund verdanke ich der existenz linker politikansätze. und das werde ich auch niemals vergessen! aber irgendwann muss man auch einsehen, dass wir betonmauern nicht mit unserer knöchernen stirn einrennen können.

diese betonmauern sind die bewusstseinsmässigen voraussetzungen der selbstreproduktion des gesellschaftlichen systems. 

bewusstsein ändert sich nicht durch andere (gegen)informationen, auch wenn sie für sich genommen wichtig sein können. wirkliche bewusstseinsveränderung ist ein tiefenprozess, der am kern der persönlichkeit und des charakters eingreift. für sowas reicht ein geänderter bildungsstand nicht aus: da muss etwas viel fundamentaleres und gravierenderes geschehen, das eine völlige umkehr im leben ermöglicht.

wir alle waren bestimmt schon mal verliebt, egal ob glücklich oder „unglücklich“. und wir können uns bestimmt daran erinnern, was dieses gefühl in uns ausgelöst hat. wir hatten den ganzen tag gute laune, wir summten oder pfiffen ein liedchen und konnten den nächsten zeitpunkt kaum erwarten, an dem wir endlich den traum unserer schlaflosen nächte wiedersehen konnten.

in dieser zeit geschah etwas mit uns: das gefühl (und die hormone) der liebe (oder des verliebtseins als vorstufe) veränderte uns und unser bewusstsein. unser geist wurde feinfühliger, aufnahmefähiger, kreativer, aber auch verletzbarer. unsere synapsen bildeten neue verknüpfungen: wir erlebten die musik, einen film oder einen roman anders als vorher. vielleicht schrieben wir ein tagebuch oder versuchten uns gar in der dichtkunst. mit einem wort: unser bewusstsein wurde über das gewöhnliche alltagsbewusstsein transzendiert und wir erlebten so etwas wie einen flow, was nichts anderes ist als das spüren und die bewusstwerdung der strömenden lebensenergie in uns selbst.

auf so eine erfahrung der bewusstseinserweiterung kann man (im prinzip) auf zweierlei arten reagieren.

manchen macht sie so viel angst, dass sie so schnell wie möglich davon wieder loskommen wollen (um wieder „normal“ zu werden) und sie werden versuchen, sich in der zukunft von der wiederholung so einer gelagerten erfahrung zu „schützen“. dies ist aber in wirklichkeit eine selbstabschottung des EGO vor dem lebensprozess selbst. die konsequenzen sind furchtbar desaströs. das ganze problem der narzisstischen kultur, die der kapitalismus in jedem augenblick produziert und reproduziert (wie in einem teufelskreis) beruht im grunde auf der immunisierung grosser Massen von menschen vor tiefgehendem kontakt mit und dem spüren ihrer wahren gefühle.

bei einigen sensibleren gemütern kann dies zu einer psychischen krise führen: vlt eine depression oder ein burn-out-syndrom. eine gute psychotherapie kann in einer solchen situation tatsächlich zu einem verbesserten kontakt mit sich selbst führen. aber das ist dann schon ein echter glücksfall oder eine sternstunde in der therapie. und vieles — wenn nicht gar alles — hängt von der geglückten beziehung von mandant und therapeut ab.

viel effektiver ist meines erachtens eine liebesbeziehung. natürlich können wir nicht willkürlich bestimmen, wann uns so etwas widerfährt. aber WENN es passiert, dann sollten wir alle energie dafür nutzen, den inneren prozess der arbeit an uns selbst voranzutreiben. und auch wenn ein solche beziehung dann nicht zum gewünschten „ergebnis“ führt (das zusammenkommen der liebenden), so ist der „gewinn“ aus einer solchen beziehung allemal jede anstrengung wert.

dies setzt aber voraus, dass wir bereit sind, unsere eingefahrenen wege zu verlassen, und wir müssen auch bereit sein, grossen seelischen schmerz auszuhalten. denn der schmerz ist der unvermeidlicher begleiter der HEILung (zu mehr ganzheit im sein).

wenn wir aber gelernt haben, sowohl die tag- als auch die nachtseiten in uns genauso zu lieben und zu (be)achten, werden wir bemerken, dass unsere ängste und hemmungen kleiner werden. wir werden mehr elan und lebensmut bekommen. wir werden klarere entscheidungen treffen können. wir werden unseren liebsten verlässlichere partner werden, weil wir uns tiefer hingeben und einlassen und gleichzeitig besser abgrenzen und schützen können; wir können NEIN sagen, ohne dass uns das schlechte gewissen quält. allein solche prozesse sind schon ein riesenfortschritt!

dies alles bleibt aber noch auf der ebene des „individuellen“. diese individuellen veränderungen betreffen aber auch das unmittelbare umfeld jedes einzelnen: partner, familie, freunde, bekannte, vlt sogar auch das arbeitsumfeld. dies kann dazu führen, dass der „transformierte“ auf ablehnung stösst und erst mal seinen weg alleine weitergehen muss. es kann aber auch sein, dass er durch sein beispiel auch bei anderen veränderungsprozesse anstösst und diese grösere gruppe von transformierten sich mit anderen einzelpersonen und gruppen, mit ähnlichen interessen und erfahrungen, vernetzt.

im gegensatz zum new age der 70er und 80er jahre glaube ich allerdings nicht, dass diese bewusstseinstransformation irgendwann die gesellschaftlichen strukturen überwinden und ein neues zeitalter grösserer harmonie einleiten wird. allerdings ist diese bewusstseinstransformation eine wesentliche voraussetzung dafür, dass sich auch gesellschaftlichen strukturen ändern können. 

was beim new age nämlich nicht verstanden wurde, ist, dass gesellschaftliche strukturen nicht NUR vom bewusstseinsstand der gesellschaftlichen akteure abhängt, sondern selbst eigenständige (verselbständigte) materielle qualitäten darstellen, die der einzelne nicht durch guten willen allein verändern kann. es bedarf dazu auch wiederum materieller mittel und das vermögen, anders zu handeln; also mit einem anderen wort: MACHT oder besser: eine gesellschaftliche GEGENMACHT, die die emanzipation des einzelnen zur bedingung der emanzipation aller macht.

diese gesellschaftliche GEGENMACHT als bewegung aller unterdrückten (und aller menschen, die von der notwendigkeit des wandels der welt überzeugt sind) kann aber nur unter zwei bedingungen wirkmächtig werden:

1) der geist und die utopie einer besseren welt muss hegemonial werden (im sinne Gramscis)

2) das alte system — das Ancien Régime — hat seine unfähigkeit vollständig und vor grossen Massen offenbart, die drängensten probleme der welt zu lösen.

dies setzt aber wiederum voraus, dass diese probleme auch als solche erkannt werden; und da sind wir dann wieder beim bewusstseinsstand jedes einzelnen.

genau an dieser stelle beisst sich die katze in den schwanz und wir — die menschen guten willens — müssen versuchen, aus dieser stelle einen riss oder eine lichtung zu machen – für eine neue hoffnung!

Advertisements

3 Kommentare zu “Wie transformieren wir die Welt?

  1. eine ferne melodie
    flüsterte mir ein lied
    von traurigkeit
    aber auch hoffnung
    auf ein morgen
    welches alle wunden
    heilt
    welches dem leiden
    einen sinn verlieht

    meine niederlagen
    waren kein selbstverlust
    sondern ein schritt
    mich selbst besser
    zu verstehen
    deine ablehnung traf zwar
    mein ego
    so schwer
    dass es zerbrach
    aber meine seele
    führte mich zurück
    auf den pfad des lebens
    der kein zurück
    nur ein vorwärtsschreiten
    — manchmal ein vorwärtskriechen —
    kennt

    jeder tag ist seitdem
    der versuch
    das zerbrochene ei
    zu schützen
    und es trotz seiner risse
    zu lieben
    ein selbstbewusstsein zu entwickeln
    was sich nicht hinter einer maske
    scheinbarer stärke
    verstecken muss
    sondern zu seinen
    narben steht
    und daraus sogar
    einen teil seiner
    kraft bezieht

    (2. Januar 2013)

  2. „Sie haben viele und große Traurigkeiten gehabt, die vorübergingen. Und Sie sagen, daß auch dieses Vorübergehen schwer und verstimmend für Sie war. Aber, bitte, überlegen Sie, ob diese großen Traurigkeiten nicht vielmehr mitten durch Sie durchgegangen sind? Ob nicht vieles in Ihnen sich verwandelt hat, ob Sie nicht irgendwo, an irgendeiner Stelle Ihres Wesens sich verändert haben, während Sie traurig waren? Gefährlich und schlecht sind nur jene Traurigkeiten, die man unter die Leute trägt, um sie zu übertönen; wie Krankheiten, die oberflächlich und töricht behandelt werden, treten sie nur zurück und brechen nach einer kleinen Pause um so furchtbarer aus; und sammeln sich an im Innern und sind Leben, sind ungelebtes, verschmähtes, verlorenes Leben, an dem man sterben kann. Wäre es uns möglich, weiter zu sehen, als unser Wissen reicht, und noch ein wenig über die Vorwerke unseres Ahnens hinaus, vielleicht würden wir dann unsere Traurigkeiten mit größerem Vertrauen ertragen als unsere Freuden. Denn sie sind die Augenblicke, da etwas Neues in uns eingetreten ist, etwas Unbekanntes; unsere Gefühle verstummen in scheuer Befangenheit, alles in uns tritt zurück, es entsteht eine Stille, und das Neue, das niemand kennt, steht mitten darin und schweigt.
    Ich glaube, daß fast alle unsere Traurigkeiten Momente der Spannung sind, die wir als Lähmung empfinden, weil wir unsere befremdeten Gefühle nicht mehr leben hören. Weil wir mit dem Fremden, das bei uns eingetreten ist, allein sind, weil uns alles Vertraute und Gewohnte für einen Augenblick fortgenommen ist; weil wir mitten in einem Übergang stehen, wo wir nicht stehen bleiben können. Darum geht die Traurigkeit auch vorüber: das Neue in uns, das Hinzugekommene, ist in unser Herz eingetreten, ist in seine innerste Kammer gegangen und ist auch dort nicht mehr, – ist schon im Blut. Und wir erfahren nicht, was es war. Man könnte uns leicht glauben machen, es sei nichts geschehen, und doch haben wir uns verwandelt, wie ein Haus sich verwandelt, in welches ein Gast eingetreten ist. Wir können nicht sagen, wer gekommen ist, wir werden es vielleicht nie wissen, aber es sprechen viele Anzeichen dafür, daß die Zukunft in solcher Weise in uns eintritt, um sich in uns zu verwandeln, lange bevor sie geschieht. Und darum ist es so wichtig, einsam und aufmerksam zu sein, wenn man traurig ist: weil der scheinbar ereignislose und starre Augenblick, da unsere Zukunft uns betritt, dem Leben so viel näher steht als jener andere laute und zufällige Zeitpunkt, da sie uns, wie von außen her, geschieht. Je stiller, geduldiger und offener wir als Traurige sind, um so tiefer und um so unbeirrter geht das Neue in uns ein, um so besser erwerben wir es, um so mehr wird es unser Schicksal sein, und wir werden uns ihm, wenn es eines späteren Tages «geschieht» (das heißt: aus uns heraus zu den anderen tritt), im Innersten verwandt und nahe fühlen. Und das ist nötig. Es ist nötig und dahin wird nach und nach unsere Entwicklung gehen -, daß uns nichts Fremdes widerfahre, sondern nur das, was uns seit lange gehört. Man hat schon so viele Bewegungs-Begriffe umdenken müssen, man wird auch allmählich erkennen lernen, daß das, was wir Schicksal nennen, aus den Menschen heraustritt, nicht von außen her in sie hinein. Nur weil so viele ihre Schicksale, solange sie in ihnen lebten, nicht aufsaugten und in sich selbst verwandelten, erkannten sie nicht, was aus ihnen trat; es war ihnen so fremd, daß sie, in ihrem wirren Schrecken, meinten, es müsse gerade jetzt in sie eingegangen sein, denn sie beschworen, vorher nie Ähnliches in sich gefunden zu haben. Wie man sich lange über die Bewegung der Sonne getäuscht hat, so täuscht man sich immer noch über die Bewegung des Kommenden. Die Zukunft steht fest, lieber Herr Kappus, wir aber bewegen uns im unendlichen Raume.
    Wie sollten wir es nicht schwer haben?“

    http://www.rilke.de/briefe/120804.htm

  3. sehr anhörenswert:

    http://www.srf.ch/play/tv/sternstunde-philosophie/video/alain-badiou-raus-aus-der-komfortzone?id=20841376-9ad3-4f6d-8fc5-ae7d21f01dbe

    „Die Liebe sieht er bedroht durch die Suche nach dem idealen Partner aufgrund besonderer uns ähnlichen oder ergänzenden Eigenschaften seines Persönlichkeitsprofils: Man möchte Leid vermeiden, das Risiko des Scheiterns verringern und das Glück durch Berechnung erzwingen. So verliere das Leben seine zufälligen Begegnungen, seine Möglichkeiten und damit seine Poesie. Es bleibe immer ein Risiko, sich zu verlieben, aber gerade das Risiko, Fehler zu machen, zu leiden, zu enttäuschen, gibt dem Leben einen Sinn und Intensität. Man müsse die Welt vom Unterschied aus erfahren, nicht nur von der Identität aus. Der Austausch der Partner gehe über das wechselseitige Genießen hinaus, er entwickele sich zu einer „Bühne der Zwei“, in der ein unendlich anderer „mit seinem Sein bewaffnet in mein Leben getreten ist und es damit zerbrochen und neu zusammengesetzt hat“. …
    In der Liebe versucht das Subjekt hingegen, das Sein des anderen zu erreichen. Liebe ist mehr als die Maskierung sexuellen Interesses. Es ist aber auch mehr als Goethes „Ewig-Weibliche“, das „uns hinanzieht“, es ist „die Konstruktion einer Welt unter einem Gesichtspunkt, der abseits meines bloßen Selbsterhaltungstriebes oder meines wohlverstandenen Interesses liegt“
    „Die Liebe beginnt immer mit einer Begegnung. Und dieser Begegnung verleihe ich in gewisser Weise den metaphysischen Status eines Ereignisses, das heißt, den Status von etwas, das nicht ins unmittelbare Gesetz der Dinge hineinpasst.“ https://de.wikipedia.org/wiki/Alain_Badiou

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s