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Von der erotischen Beziehung

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Körper und Geist

die erotik ist das feld, wo der übergang des somatischen auf das psychische geschieht. eine art schnittstelle oder scharnier, die die körperlichen triebe, in diesem falle der sexualtrieb, koppeln mit dem seelisch-gefühlsmässigen erleben. dadurch wirkt die erotik als kulturstiftend, die das geschlechterverhältnis als sexuelle oder als liebesbeziehung eine soziale (und politische) funktion verleiht.

darüberhinaus hat die erotik — oder sprechen wir lieber von der erotischen liebe — die funktion, den einzelnen in seiner geschlechtlichkeit und persönlichkeit weiterzuentwickeln und die eigenen gegengeschlechtlichen psychischen anteile (animus und anima) in einem gesellschaftlich wertvollen sinne zu kultivieren und zu verfeinern.

man könnte also sagen, in der erotischen liebe steigert sich zum einen die geschlechterpolarität, bei gleichzeitiger (psychischer) annäherung der geschlechter (also erhöhtes gegenseitiges verstehen und verständnis) und die persönlichkeit und die charakterstruktur erfahren einen mächtigen entwicklungsimpuls bis hin zur übersteigerung in künstlerische oder spirituelle (religiöse) sublimierungen hinein.

dies verleiht der erotischen (gegengeschlechtlichen) beziehung einen ambivalenten charakter. zum einen dient sie der stabilisierung der gesellschaftlichen strukturen, zum anderen hat sie aber auch das potential, das  menschen zur völligen umkehr und zum beschreiten neuer wege des persönlichen, politischen oder spirituellen lebens anstossen kann. nichts hat einen tiefgreifenderen und stärkeren einfluss auf unsere entwicklung als das aufkeimen des liebesgefühls, welches unser bisheriges leben völlig umwälzen kann und uns zu neuen ufern aufbrechen lässt. es kann aber auch — ohne die nötige innere und sittliche reife — uns ins verderben führen, wenn wir uns von dem strudel der körperlichen und seelischen affektionen zu weit von uns weg entfernen, ohne den notwendigen halt in der realität oder in anderen aktivitäten und inhalten als gegengewicht zur erotischen ergriffenheit zu haben. dieser gefahr sind insbesondere junge menschen ausgesetzt, aber auch ältere personen, die ungelöste seelische konflkte und nicht bewusst ausagierte psychische schmerzen mit sich herumtragen, können durch die erfahrung der liebe oder des verliebtseins schwer aus der bahn geworfen werden.

eine depression oder andere neurotische störungen können die folge sein, für die aber nichts der „partner“ (oder das „liebesobjekt“) kann, sondern die durch die liebe nur ausgelöst wurden, die aber in der betreffenden person schon vorher angelegt war.

trotz dieser gefahr, kann auch bei solchen psychisch gefährdeten personen die erfahrung der erotischen ergriffenheit ein wichtiger wendepunkt im leben sein; vorausgesetzt, die persönlichkeit ist in sich stabil genug, auch mit grossen seelischen schmerzen und qualen fertig zu werden. notfalls mit hilfe von freunden, familie oder professioneller unterstützung.

Idealisierung

es ist ein eigentümlicher zug der erotischen beziehung, dass der partner in einem gewissermassen unrealistischen sinne idealisiert wird. diese idealisierung kann aber nicht nur dem liebesrausch oder dem hormoncocktail angelastet werden, die die liebe begleiten, sondern ist ein grundlegender kreativer akt des liebenden, der den partner und sich selbst über die eigenen grenzen hinausführen soll. im normalen alltagsleben kann diese idealisierung — auch rosa brille genannt — natürlich nicht lange überleben. denn die anforderungen von haushalt, kindererziehung und erwerbsleben schleifen die liebesgefühle sehr schnell wieder auf ein normalmaß ab, und die sprichwörtlichen schmetterlinge im bauch verwandeln sich in einer rückwärtsgewandten metamorphose wieder ins larvenstadium.

wenn dieser unsprüngliche kreative impuls überleben soll, muss er verwandelt werden, in etwas, das die eigentliche personale beziehung übersteigt. eine sublimierung der erotischen energie in einem künstlerischen, spirituellen, wissenschaftlichen oder arbeitsmässigen sinne. denn der eigentliche sinn der erotischen bindung, die hervorbringung neuen lebens, ist ja selbst ein kreativer akt auf der biologischen ebene. auf der sozialen ebene kann er nicht im rein sexuellen verharren — denn dort würde er auf der stelle treten –, sondern muss sich einem sozial wertvollen sinne verfeinern, und eine veränderte, qualitativ erhöhte schaffenskraft hervorbringen. diese verfeinerung der aktivitäten und verbesserung der schaffenskraft ist aber auch gleichzeitig eine selbstkultivierung und „verbesserung“ der liebenden selbst.

es ist aber durchaus möglich, dass die durch die liebesbeziehung angestossene transzendenz der persönlichkeiten auch zu einem ende der beziehung führt, damit dieser fundamentale entwicklungsprozess fortgesetzt werden kann. dies kann dann zwar im einzelfalle durchaus etwas tragisches haben, trotzdem erfüllt sich auch in dieser variante der sinn der liebe auf einer höheren ebene, was aber im augenblick der trennung durchaus kein trost sein muss. erst viel später vielleicht werden wir verstehen, dass auch dieser schritt einen tieferen sinn hatte. und vielleicht können wir die einstmals flammende beziehung in eine wärmende freundschaft umwandeln. aber auch das gelingt nicht immer, da die verletzungen zu tief liegen können.

Kunst und Religion

es gibt zwei wichtige bereiche, in denen die erotische ergriffenheit sublimiert werden können, die aber durchaus auch miteinander in einer inneren beziehung stehen können: kunst und religion.

ab hier möchte ich den text etwas persönlicher werden lassen, da ich hier keine allgemeinen theoretischen erörterungen schreiben möchte, sondern meine erfahrungen auf diesem gebiet wiedergeben möchte.

bei mir führte die erotische ergriffenheit zuerst zu einer sublimierung ins spirituelle: das heisst, mir wurde offenbar, dass die liebe zu einem anderen menschen die liebe zur ganzen welt und letztlich zu einer transzendenten entität enthält. dieser schritt ist aber keineswegs ein automatismus. welche voraussetzungen dafür genau gegeben sein müssen, ist mir nicht klar. ich kann da nur für mich sprechen. obwohl ich durch meine linke politische sozialisation eher in einer atheistischen richtung gelenkt war, war für mich der glaube an „gott“ nicht nur vollkommen „logisch“, sondern es fühlte sich auch stimmig und gut an. ich vertrete zwar keine bestimmten dogmen oder lehrinhalte, bin aber fest davon überzeugt, dass lebendiger glaube oder mystik keinen gegensatz zu revolutionärer politik darstellen müssen – auch wenn diese kombination sicher ungewöhnlich ist. die letzte gewissheit, mich für einen spirituellen weg zu entscheiden, fand ich in zwei büchern des amerikanischen philosophen und integralen denkers Ken Wilber, die mir wie ein spiegel meines eigenen denkens erschienen, nur, dass ich es nicht so brilliant hätte sagen können. (die „kurze geschichte des kosmos“ [als einführung] und „eros, kosmos, logos“ [nur was für hardcore philosophen] kann ich allen lesern nur wärmstens empfehlen).

die zweite mögliche sublimierung ist die kunst. zu dieser erkenntnis bin ich persönlich (leider!) sehr spät gekommen, nämlich erst jetzt! obwohl ich schon seit einer geraumen zeit ab und zu gerne gedichte schreibe, war das aber nur eine art hobby, ohne einen tieferen bezug zu meiner persönlichkeit. auch wusste ich, dass trotzki, den ich als trotzkist natürlich gelesen hatte, sich sehr für kunst und literatur interessierte (was heisst interessierte, er war ein kenner der materie!). auch kannte ich das manifest für eine unabhängige, revolutionäre kunst, was ich auch erst viel später wirklich verstand.

dieses erwachte kunstinteresse und verständnis ist ein direktes ergebnis einer erotischen ergriffenheit, die mein leben eine erweiterte und neue richtung gegeben hat. 

ich möchte daher in diesem blog, den ich zunehmend persönlicher, aber nicht „egoischer“ gestalten möchte, davon zeugnis ablegen, dass alle menschen das potential haben, ihrem leben eine andere, bedeutendere und tiefere richtung zu geben; und zwar sowohl auf individueller als auch sozialer ebene.

wenn dieses potential in einem breiteren maßstab gesellschaftliche wirklichkeit werden könnte, und verbunden wird mit einem (im erweitersten sinne: politischen) programm, das wirklich die emanzipation des einzelnen zur bedingung der emanzipation aller macht, dann können wir die welt aus den angeln heben. der archimedische punkt ist jedenfalls vorhanden!

[editorischer hinweis: dieser text beruht im wesentlichen auf einen aufsatz von Lou Andreas-Salomé, Die Erotik (1910), Ullstein 1985, unter einbeziehung aber auch neuerer psychologischer literatur, so weit ich das für mich überblicken kann.]

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