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Organisation als Mythos – Zur Frage der „IV. Internationale“

folgendes sind nur flüchtige bemerkungen zu einer frage, die mich schon eine ganze weile beschäftigt und unter umständen auch eine gewisse „praktische“ bedeutung bekommen kann. ich beanspruche keinesfalls alle aspekte der geschichte der trotzkistischen bewegung zu kennen, noch alle sekten und untersekten. ich versuche hier nur die für mich signifikanten haupttendenzen der trotzkistischen gruppen aufzugreifen und verschiedenen organisationspolitischen „mustern“ zuzuordnen. von diesem ausgangspunkt versuche ich dann eine einschätzung, was „marxistische organisationspolitik“ heute eigentlich sein kann und leisten sollte.

Kurzes zum Historischen

die trotzkistische bewegung hat seit ihrer entstehung unter mehreren „ungleichgewichten“ gelitten. sie entstand aufgrund von niederlagen, die einen rückgang der selbstaktivität der arbeiterbewegung verursachten. diese niederlagen selbst waren dann wiederrum gegenstand heftiger theoretischer debatten und entsprechenden spaltungen, was also abermal eine organisationspolitische schwächung bedeutete. nun ist ja theoretischer kampf in der linken und arbeiterbewegung nichts ungewöhnliches und keineswegs ein privileg des „trotzkismus“. aber man kann es auch nicht ganz abstreiten, dass „wachstum durch kernspaltung“ besonders bei „trotzkistischen“ gruppen nicht ganz zu unrecht belächelt wird.

meine these ist es jetzt, dass diese endemische sektenproduktion nicht ein ergebnis von „sektierertum“ oder gar „egoismus/narzissmus“ ist (obwohl beides eine rolle spielen kann), sondern in der entstehung des „trotzkismus“ selbst als „webmuster“ enthalten ist. ich will das nur an den wichtigsten historischen wegmarken festmachen, um den text nicht mit geschichtlichen daten zu überfrachten. das thema neigt schon so stark genug dazu, auszuufern; was ich hier unbedingt versuchen will, zu vermeiden.

der wichtigste grund für das entstehen der trotzkistischen strömung war die bürokratisierung des sowjetunion. bis heute ist der sozialökonomische charakter von gesellschaften des „sowjettyps“ stark umstritten und es ist nicht davon auszugehen, dass man da jemals zu einer „einigung“ kommt. eine politische strömung, die auf einer dermassen komplizierten frage entsteht, kann nur immer eine minderheitsströmung sein und muss mit der gefahr von spaltungen leben.

hinzukommt, dass es niemanden in der trotzkistischen bewegung gab, der es mit den fähigkeiten von Trotzki aufnehmen konnte. Isaac Deutscher hat in seiner grossartigen Trotzki-Biographie die „IV. Internationale“ als „nussschale“ bezeichnet, „die von einem riesigen segel angetrieben wird“. und das war das zweite ungleichgewicht: aus niederlagen entstanden und selbst personell so schwach, dass nicht eine wirkliche kollektive führung entstehen konnte.

man könnte noch eine menge anderer gründe für die schwierigkeiten der trotzkistischen bewegung anführen — z B die gleichsetzung von „kommunismus“ mit „stalinismus“, die insbesondere im westen zu einem erblühen des antikommunismus geführt hatte, auch in  breiteren bevölkerungsschichten, systemkonkurrenz zu ungunsten des „stalinismus“ etc. –, aber da mein interesse eher der aktuellen organisationspolitik gilt, möchte ich den historischen teil möglichst kurz halten und komme bei bedarf drauf zurück.

Die Kinder des Propheten nach 1945

mit dem tode Trotzkis war die programmatische orientierung der „vierten“ dahin. die europäischen sektionen waren mehr oder weniger in den kriegswirren zerschlagen, ihre kader verfolgt und ermordet. und sie konnten den notwendigen kontakt zu gruppen in anderen ländern nur schwer oder gar nicht leisten. die einzige gruppe, die diese arbeit hätte leisten können, wäre die us-amerikanische SWP (Socialist Workers Party) gewesen. diese gruppe hatte eine gewisse interne festigkeit und durch die enge zusammenarbeit mit Trotzki in Mexiko war sie programmatisch konsolidiert. J. P. Cannon, der chef der SWP, vertrat die positionen Trotzkis im fraktionskampf gegen Shachtman/Burnham in der „russsichen frage“. und auch wenn sich die Shachtman-Anhänger von der SWP abspalteten, war die gruppe selbst aber dadurch doch gefestigter.

die SWP tat aber insgesamt doch zuwenig für die sektionen in europa. und das war der beginn einer sehr verhängnisvollen entwicklung in der „IV. Internationale“. es kam zu entgegengesetzten interessen zwischen den „europäern“ und den „us-amerikanern“, die letztlich in einer zentristischen zerstörung der „IV.“ unter führung eines gewissen M. Pablo führten, die ihre aufgabe darin sahen, reformistische, stalinistische und nationalistische kräfte nach links zu drücken; was heute noch als „Pabloismus“ bezeichnet wird. die spaltung der „IV.“ in den europäischen mehrheitsflügel (Internationales Sekretariat, später: Vereinigtes Sekretariat) und der SWP (J. P. Cannon), der französchischen OCI (Lambertisten) und der britischen SLL (Healyisten) (Internationales Komitee*) kodifizierte organisatorisch diese programmatische zerstörung, die im grunde noch heute so existiert, auch wenn ein paar umgruppierungen und neuformierungen seit den 50er Jahren stattgefunden haben.

*eine einschätzung des IK erspare ich mir hier. das ist zu speziell und wäre wirklich nur für sektologen interessant. ob das IK eine gewisse „orthodoxe qualität“ verteidigt hat, oder selbst nur einen reziproken zentrismus – diese debatten überlasse ich gerne dem hitzigen gemüt der scholastiker!

wieviele gruppen es heute gibt, die den anspruch erheben, in der trotzkistischen tradition zu stehen, lässt sich nur grob schätzen. ich nehme an, es dürften gut und gern ein paar hundert sein. ob es wirklich für jede sonderexistenz hinreichende politische gründe gibt, diese frage wage ich nicht zu beantworten.

Die radikale Linke im Wunderland der „Postmoderne“

nach diesem schnelldurchgang durch die geschichte und nachdem es seit 1917 nur noch niederlagen für die „arbeiterbewegung“ gegeben hat, sind wir jetzt an dem punkt  die frage zu stellen, die uns die ganze zeit auf den nägeln brennt: wie stellt sich „Was Tun?“ heute?

auch da werde ich nur die fragestellungen herausgreifen, die mir besonders dringend erscheinen. der NAO-Prozess, der ja mittlerweile wohl als mehr oder weniger „zusammengebrochen“ gelten kann, hatte ja seinerzeit mit der „essential-debatte“ etwas durchaus sinnvolles angestossen:

1) kann man heute noch kritiklos von einer orientierung an der „arbeiterklasse“ als einzigen referenzpunkt revolutionärer politik(en) ausgehen? (klassenorientierung und revolutionäres subjekt)

2) was bedeutet es, wenn vom „revolutionären bruch“ gesprochen wird?

3) keine Mitverwaltung der kapitalistischen Krise („Regierungsfrage“)

4) Einheitsfront-Methode (einschätzung reformistischer parteien und gewerkschaften)

5) (Eine gewisse) organisatorische Verbindlichkeit (organisationsfrage)

ich will diese fünf punkte hier nicht noch mal en detail aufrollen. ich bin aber nach wie vor der meinung, dass sie eine hinreichende grundlage für revolutionäre programmatische mindeststandards darstellen, die auch die entstehung einer gemeinsamen revolutionären organisation ermöglichen könnten. leider ist dieser prozess aufgrund unvereinbarer politischer positionen unterbrochen worden. niemand hat gesagt, dass es einfach wird. aber das weiter herumwurschteln in irgendwelchen mikrosekten hat doch auch keinen nährwert! es sei denn, es genügt einem, sich selbst dafür auf die schulter zu klopfen, wie klein und fein man ist. aber auf der anderen seite kann eine bis zur unkenntlichkeit vorangetriebene amorphe „breite“ (wie sie die heutigen, noch übriggebliebenen NAOs , präferieren) auch keine lösung bieten. die entwicklung der PDL (und auch die erfahrung der GRÜNEN ist in diesem zusammenhang wichtig) bietet da genügend lehrstoff. und auch die „mutter“ der NAO Idee, die französische NPA, bietet wenig grund zu optimismus. innerhalb weniger jahre wurde eine relativ stabile zentristische gruppe (die LCR) vollkommen programmatisch zerlegt, und der anfängliche mitgliederzuwachs dürfte mittlerweile wieder bei +-0 liegen.

es wird wohl noch eines langen atems bedürfen und viel frustrationstoleranz, um kleine, sehr kleine, brötchen zu backen, bevor von „politischen erfolgen“ auf einem soliden fundament gesprochen werden kann. aber einen anderen weg gibts wohl nicht!

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