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Verschwinden Religionen in der klassenlosen Gesellschaft?

Zu Reinhold Schramm: „Religion durch Aufklärung überwinden“ 

[von A. Holberg, 16.09.13, scharf-links.de]

R. Schramm beginnt seinen insgesamt überaus nützlichen Beitrag zur marxistischen Religions- kritik mit dieser Definition der Religion:
„Gesamtheit von Anschauungen, Emotionen und Kulthandlungen, deren Wesen in einer phantas- tisch verzerrten, illusionären Widerspiegelung der Natur und der Gesellschaft im Bewusstsein der Menschen besteht.“ 
Die im Folgenden daran geübte marxistische Kritik ist sicher richtig, greift aber m. E. etwas kurz.

Das bewegende Moment der Marxisten bei der Betrachtung der Welt ist ja ihr (berech- tigter) Wunsch, diese zum Besseren hin zu verändern. Daher beschäftigen sie sich auch mit einem Phänomen wie der Religion nicht als vergleichende Religionswissenschaftler oder dergleichen, sondern fragen danach, welche Rolle die Religion im und für den ge- sellschaftlichen Bereich spielt.

Ihrer Analyse diesbezüglich ist i.A. nichts Wichtiges hinzuzufügen.
Es gibt jedoch unter Marxisten weit verbreitet die Vorstellung, dass mit der Erreichung einer (kommunistischen) klassenlosen Gesellschaft die Religion überhaupt verschwinden werde, weil dann Notwendigkeit einerseits für die Herrschenden entfällt, die Religionen im Interesse ihrer Herrschaft zu instrumentalisieren (das schließt dann auch jene ein, die noch nicht herrschen aber herrschen wollen) und andererseits für die Ausgebeute- ten und Unterdrückten, Religion zu benutzen, um sich z.B. durch die Hoffnung auf ein besseres Jenseits über ihre Lage zu trösten.

Das ist vermutlich richtig für all das, was man als „organisierte Religion“ bezeichnen kann. Aber auch wenn alle Ausbeutung und gesellschaftliche Unterdrückung beendet ist, bleibt der Mensch notwendigerweise mit einer Vielzahl von ihm unangenehmen Ereignissen und Situationen konfrontiert, gegen die er nichts tun kann (Krankheit, Tod, Verlust von geliebten Menschen etc.).

Das Gefühl der Hilflosigkeit ist aber generell schwer zu ertragen. Ich glaube nicht, dass es irgendeinen Grund gibt, davon auszugehen, dass die Menschen – oder zumindest ein Großteil von ihnen – in solchen Lagen nicht Zuflucht zum „Numinosen“ nehmen werden. Das „Numinose“, in welcher Gestalt auch immer (der „liebe“ Gott, irgendein Gott oder Heiliger und Engel, der Weltgeist, das Karma, etc. etc.) haben in diesem Fall als seeli- sche Stütze den unbestreitbaren Vorteil, dass ihre Nichtexistenz nicht bewiesen werden kann. Die verschiedenen guten oder bösen Geister halten sich deshalb in stets wechs- elnder Gestalt durch alle Gesellschaftsformen und Geschichtsepochen.

Die Marxisten haben aber keinen Grund gegen diese Art von „individueller Religion“irgendeinen ohnehin vergeblichen Kampf zu führen, denn ihnen geht es ja um gesell- schaftliches Handeln. Diese individuelle Art der „handelnden Reaktion auf die Erfahrung des Numinosen“ (ungefähr so hat einst der vergleichende Religionswissenschaftler Mensching die Religion definiert) ist nicht per se konservativ, die Strukturen der be- stehenden Gesellschaft bewahrend, denn sie zementiert nicht etwas, was anders zu verändern wäre.

 

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