Uncategorized

Dokumentiert: „Brüsseler Erklärung“ der vier trotzkistischen Organisationen

[vorbemerkung: diese „brüsseler erklärung“ ist von  1971 und galt einer konferenz des „vereinigten sekretariats der vierten internationale“, deren bekanntester vertreter Ernest Mandel war. inhaltlich ist der text durchaus noch aktuell für die organisationsdebatte, die aber leider durch den niedergang des NAO prozesses mehr oder weniger wohl ein vorläufiges ende gefunden hat. die unterzeichnenden organisationen dieser erklärung sollen uns in unserem interessenzusammenhang aber weniger interessieren. zwei davon sind nur noch geschichte (IKD und RCL), die Spartacist gruppe ist die heutige IKL (in deutschland SpAD), die nur noch ein schatten ihres einstigen glanzes ist.

obwohl im prinzip nichts falsches in dem text steht, zeichnet er sich doch durch eine gewisse theoretische sterilität aus. zu glauben, durch das aufstellen abstrakter programmatischer prinzipien könne man lebendige, funktionierende organisationen quasi „linear“ aufbauen, weil die „vorgeblichen revolutionäre“ (im spartacist jargon ORO genannt: ostensible revolutionary organisations) sich um dieses „reine programm“ umgruppieren werden, zeugt nicht nur von (politischer) naivität; es unterschätzt auch gewaltig die wechselwirkung von theoretischer durchdringung der gesellschaftlichen wirklichkeit und eigener eingebundenheit in diese wirklichkeit. obendrein ist das „übergangsprogramm“ sicher ein wertvolles dokument, aber es ist nie und nimmer ausreichend, um alle lehren aus der geschichte seit 1938 zu ziehen. gewisse themen wie die „frauenfrage“ und ökofrage kommen darin gar nicht vor, und die frage nach der natur der gesellschaften des „sowjettyps“ bedarf sicher auch einer gehörigen vertiefung. von der frage nach der subjektiven und objektiven lage der lohnarbeiterInnenklasse in entwickelten industriegesellschaften mal ganz zu schweigen.

alleine aus diesen genannten gründen, wird keine der gruppen aus dem spektrum der „radikalen linken“ ALLEINE den weg aus der marginalität herausfinden. nur wer bereit ist, ernsthaft zu versuchen über seinen „organisationsschatten“ herüberzuspringen, hat vlt eine politische zukunft. aber der weg ist sicher sehr weit.]

„Brüsseler Erklärung“ der vier trotzkistischen Organisationen:

Genossen!
Ihr seid zu diesem Kongreß gekommen, weil ihr es für notwen­dig haltet, die internationalen Probleme des Kampfes für die sozialistische Revolution auch international zu diskutieren und praktisch in Angriff zu nehmen. Was haben euch die Veranstal­ter des Kongresses in dieser Hinsicht anzubieten?
In ihrer Ankündigung haben sie erklärt, es solle ein Kongreß „der europäischen Revolutionäre“ sein, d. h. aller Organisatio­nen, Gruppen und Genossen, die das Ziel ihrer politischen Arbeit in der sozialistischen Revolution sehen. Sie sollen hier ganz allgemein diskutieren und gemeinsam zu Schlußfolgerun­gen kommen, worin künftig die Linie ihrer revolutionären Aktivität zu bestehen habe. Auch sind die Hauptparolen des Kongresses so allgemein gehalten, daß darin auch nicht die ge­ringste Aussage über den zu beschreitenden Weg zum Ausdruck kommt.
Jedoch, Genossen, folgendes muß auf jeden Fall klar sein:
— Wenn schon auf nationaler Ebene der revolutionäre Kampf nicht durch die bloße Koordination der Aktivitäten der ver­schiedensten Gruppen zu führen ist;
— wenn es schon auf nationaler Ebene notwendig ist, die Orga­nisation der Revolutionäre nicht um die jeweilige besondere Praxis, sondern um das klare revolutionäre Programm herum aufzubauen;
— wenn diese Organisation deshalb keine lose föderative Ver­einigung sein darf, sondern die Einzelaktivitäten ihrer Unter­gliederungen genau kontrollieren und eine einheitliche Praxis entwickeln muß;
— wenn also der revolutionäre Kampf schon auf nationaler Ebene nur unter der Führung der bolschewistischen Kampf­partei siegreich sein kann;
— wenn schließlich aus diesen Gründen die erste und absolut vorrangige, strategische Aufgabe zum gegenwärtigen Zeitpunkt in allen Ländern im Aufbau eben solcher Organisationen be­steht;
dann gilt dies auf internationaler Ebene doppelt und dreifach!
Denn gerade die Unterschiedlichkeit der Kampfbedingungen, die zwischen den einzelnen Ländern in noch weit größerem Maße besteht als innerhalb eines Landes selbst, macht eine internationale Zentralisierung der nationalen Kämpfe not­wendig, um diese auch praktisch auf das eine Ziel, die prole­tarische Weltrevolution, ausrichten zu können.
Kampf für die Weltrevolution heißt deshalb: Kampf um die Schaffung der Weltpartei der proletarischen Revolution, Kampf für den Aufbau der Vierten Internationale,deren in seinen wesentlichen Zügen von Trotzki entwickeltes Programm als einziges die Lehren aus dem Scheitern der ersten drei Inter­nationalen in sich vereinigt. Wenn ein internationaler Kongreß wie dieser sich nicht in schönen Reden erschöpfen will, sondern zu praktischen Ergebnissen führen soll, dann muß diese Frage in den Mittelpunkt der Diskussion gestellt werden.
Warum aber ist dieser Punkt im Programm des Kongresses nicht ausdrücklich enthalten, obwohl doch der weitaus über­wiegende Teil der veranstaltenden Organisationen der „IV. Internationale“ des Vereinigten Sekretariats angehört oder mit ihr direkt liiert ist? Wollen die Veranstalter, soweit sie dieser Organisation angehören, dazu schweigen? Wir glauben das nicht. Nur wollen sie mit euch nicht über die Frage diskutie­ren, wie die Vierte Internationale aufzubauen ist, denn sie behaupten ja, diese Vierte Internationale – oder deren Kern, was aber in der Konsequenz auf dasselbe hinausläuft – selbst schon zu sein. Alles, was sie anzubieten haben, ist also die Auf­forderung, daß man sich ihnen anschließen soll. Das aber schon in das Programm des Kongresses hineinzuschreiben, war ihnen denn doch zu peinlich.
Und zu Recht! Denn wieweit wird diese „IV. Internationale“ ihrem Anspruch tatsächlich gerecht, die Kontinuität der Inter­nationalen Linken Opposition und der Vierten Internationale von 1938 bis auf den heutigen Tag gewahrt zu haben? Hier nur einige Punkte der Bilanz:
— In den 50er und frühen 60er Jahren vertrat diese Organisa­tion das Konzept desEntrismus in den stalinistischen und sozialdemokratischen Parteien, was zu einer faktischen Selbst­aufgabe der ihr angeschlossenen Organisationen führte. Damit war ein vollständiges ‚Untertauchen’ gemeint, die Gründung zentristischer Zeitungen und in vielen Fällen die gänzliche Aufgabe jeder offenen Propaganda. Diese Konzeption wurde stillschweigend gerade in dem Moment aufgegeben, da sich ihre Richtigkeit erst hätte bestätigen können, nämlich während des allgemeinen Aufschwungs der Massenbewegung vor einigen Jahren. Die geistigen Schöpfer des Entrismus haben ihn den­noch nicht einmal nachträglich kritisiert, sondern meinen immer noch, daß er in der Vergangenheit seine Berechtigung hatte.
— Heute betreibt sie eine reine Nachtrabpolitik gegenüber der Studentenbewegung,die sie mit der völlig unmarxistischen „Theorie“ von der „Dialektik der Interventionssektoren“ be­gründet, nach der aus der Perspektive der Revolutionierung des Proletariats angeblich nicht die Vorrangigkeit der Arbeit imProletariat folge. Mit dieser „Theorie“ aber kann sie euch, die ihr wahrscheinlich eurer sozialen Stellung nach zum größ­ten Teil der kleinbürgerlichen Intelligenz angehört, nicht den Weg zum Proletariat weisen, sondern kann euch nur davon ab­halten, wenn ihr diese Linie akzeptiert.
— In den kolonialen und halbkolonialen Ländern tritt sie für den Guerillakampf einund verteidigt das Konzept des Volks­kriegs. Das bedeutet politisch eine gänzlich opportunistische Anpassung nicht nur an Maoismus und Guevarismus, sondern auch an die internationale kleinbürgerliche Studentenbewegung, die unter dem Einfluß dieser Richtungen steht. Theoretisch aber bedeutet das den endgültigen Rückfall auf die von Lenin und Trotzki schärfstens bekämpfte volkstümlerische Linie, die später im Stalinismus ihre Fortsetzung fand, und es be­deutet die perfekte programmatischAufgabe der Theorie der permanenten Revolution.
Alle diese Punkte laufen auf eines hinaus: auf die Abkehr von der proletarischen Klassenlinie! Eine Organisation aber, die die führende Rolle des Proletariats so vollständig aufgegeben hat, verdient es nicht, den Namen der Vierten Internationale zu tragen. Laßt euch keinen Sand in die Augen streuen: Zum gegenwärtigen Zeitpunkt gibt es die Vierte Internationale nicht! Sie kann sich nur in einem langen und schmerzhaften Um­schichtungsprozeß herausbilden, von dem alleOrganisationen und Gruppen erfaßt werden, die heute die trotzkistische Welt­bewegung ausmachen. Die absolut unerläßliche Voraussetzung dafür, daß dieser sich bereits abzeichnende Prozeß zu einem positiven Ergebnis gelangt, besteht in derWiederherstellung der völligen programmatischen Klarheit. Das ist die Aufgabe des Tages.

FÜR DEN SIEG DER PROLETARISCHEN REVOLUTION!
FÜR DEN AUFBAU DER VIERTEN INTERNATIONALE!

Internationale Kommunisten Deutschlands (Trotzkisten)
Revolutionary Communist League (Großbritannien)
Spartacist League (Neuseeland)
Spartacist League (USA)

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s