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Schnelllebigkeit und marxistische Politik

Gedanken zum neuen Jahr 

„linksradikale“ politik(en) hat/haben den anspruch, nach bestimmten „prinzipien“ gestaltet zu sein, angepasst an den „charakter der epoche“. unabhängig von der frage, ob es so einen „charakter der epoche“ (nach marxistisch/leninistischer/trotzkistischer und „linkskommunistischer“ diktion „DER IMPERIALISMUS“) wirklich gibt, stellt sich noch ein weiteres problem. „postmoderne gesellschaften“ zeichnen sich nicht nur durch einen massiven (ethischen) werteverlust aus und eine kultivierung eines hemmungslosen narzissmus als gesellschaftscharakter aus, sondern auch durch eine beschleunigung der lebensprozesse und eine etrem kurze halbwertszeit von informationen und (gesellschaftlichen) ereignissen. durch diese „schnelllebigkeit“ wird auf der einen seite eine (ökonomische) „dynamik“ suggeriert, die in wirklichkeit psychologisch eine verdrängungsleistung ist (die „sinnfrage wird negiert) und auf der anderen seite wird dem werteverlust und einer vermeintlichen „entideologisierung“ eine „(schein)rationale“ begründung gegeben, da nichts „von bestand“ zu sein scheint.

dieses „nichts von bestand“ scheint mir der zentrale kern der frage zu sein. denn in der tat ist es richtig, dass letztlich „alles, was existiert, es wert ist, auch zugrunde zu gehen“ (Goethe). das heisst aber nicht, dass es nicht auch grundsätze oder prinzipien gibt, die eine universale geltung haben oder eben, wie bereits eingangs gesagt, dem „charakter der historischen epoche“ entsprechen.

wenn man einige texte von Marx liest (besonders die texte zur kritik der „politischen ökonomie“), fällt auf, dass er immer grossen wert darauf legt, keine „allgemeinen geschichtsprinzipien“ aufzustellen, sondern seine analysen gelten „dem kapitalismus“; und auch nicht „dem kapitalismus“ abstrakt, sondern einen bestimmten kapitalismus, nämlich z. B. dem englischen in einem bestimmten zeitabschnitt. diese „konkretheit“ bedeutet aber nicht, dass es nicht so etwas wie eine „allgemeine methodik“ gibt (die gibt es sehr wohl); aber diese „allgemeine methodik“ ist kein zauberstab oder universalschlüssel, um alle geheimnisse der geschichte zu lüften, sondern sie bedarf der anwendung auf eine analyse der „konkreten“ umstände und bedingungen der gesellschaft. und das ist nur die eine seite der medaille. die zweite seite ist die „teilnahme“ an den wirklichen kämpfen und bewegungen in der zeit, um die „theorie“ mit der „praxis“ zu vermitteln und abzugleichen.

2. Die Frage, ob dem menschlichen Denken gegenständliche Wahrheit zukomme – ist keine Frage der Theorie, sondern eine praktische Frage. In der Praxis muß der Mensch die Wahrheit, i.e. die Wirklichkeit und Macht, Diesseitigkeit seines Denkens beweisen. Der Streit über die Wirklichkeit oder Nichtwirklichkeit des Denkens –  das von der Praxis isoliert ist – ist eine rein scholastische Frage.

11. Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kömmt drauf an, sie zu verändern. — Marx, Thesen über Feuerbach

an dieser stelle erkennt man auch sogleich, woran es der „radikalen linken“ in deutschland ermangelt. man hat zwar eine recht breit gefächerte „theorieproduktion“ (deren bedeutung ich gar nicht kleinreden will), aber sie ist meistens recht weit von der „lebenswirklichkeit“ vieler menschen entfernt. zusatzlich erschwerend wirkt noch der umstand, dass die sozialen kämpfe und bewegungen tatsächlich auch schwach entwickelt sind. dafür gibt es viele ursachen, die nicht alle zu lasten einer „falschen“ politik der „linksradikalen“ kräfte gehen. trotzdem muss man sagen, dass ein gewisser teil der gründe für die marginalisierung „hausgemacht“ sind. so kommt es zu einem teufelskreis von gesellschaftlicher Macht- und bedeutungslosigkeit und (sektiererischer) einigelung auf das eigene (subkulturelle) milieu als trotz- und gegenreaktion.

eine lehre aus dem NAO prozess ist es, dass es sehr schwer ist, dieses festsitzen in der eigenen „nische“ aufzubrechen. vielleicht, weil man sich damit abgefunden hat und gar nicht mehr daran glaubt, dass es mal anders sein könnte; oder aber, weil man angst hat, ein erweiterter (quantitativ UND qualitativ) organisierungsprozess könnte das eigene „weltbild“ ZU massiv in frage stellen. (möglicherweise bedingen sich auch beide faktoren gegenseitig).

es dürfte jedenfalls eine gesicherte erkenntnis sein, dass es neben der „programmatischen annäherung“ auch eine veränderung des SELBSTBEWUSSTSEINS geben muss, wenn es einen erfolgreichen organisierungsprozess verschiedener „linksradikaler“ gruppen geben soll. und auch wenn diese sehr klein sind, so glaube ich doch, dass so eine perspektive einen ausstrahlungseffekt auf ein gewisses politisches umfeld hätte!

zu guter letzt noch ein paar bemerkungen zum „charakter der epoche“, dem „imperialismus“. dieser begriff ist ja in der linken recht umstritten. insbesondere von automomer und links-postmoderner („anti-nationaler“) seite wird argumentiert, dass die unterscheidung von „unterdrückerischen“ und „unterdrückten“ nationen nicht mehr auf der höhe der zeit sei, da heutzutage alle gesellschaften  und staaten „kapitalistische klassengesellschaften“ seien, egal ob diese in der „ersten“ oder „dritten“ welt sich befinden.

an dem argument ist zumindest so viel dran, dass es tatsächlich eine „angleichung“ der (ökonomischen) bedingungen von „metropolen“ und „peripherie“ in den letzten jahren gegeben hat (der prozess der sog. „globalisierung“, der aber eher eine angleichung nach „unten“ in den sozialen standards in westeuropa und USA war/ist). trotzdem gibt es nach wie vor eine ungleichverteilung der Machtzentren. die USA ist nach wie vor die beherrschende Weltmacht, deren hegemonie aber zunehmend in frage gestellt wird. (meines erachtens ist dass ein grund, warum es [bislang] zu keiner militärischen intervention in Syrien gekommen ist).

die EU staaten (mit der BRD als kontinentalen hegemon) sehen sich in vielen fällen (insbesondere in militärischen) nach wie vor als „juniorpartner“ der USA, nutzen aber zugleich die weltpolitischen widersprüche, um auch in konkurrenz zu den USA ihre „eigenen“ interessen mehr zur geltung zu bringen.

im gegensatz dazu, bleiben die staaten der sog. „dritten welt“ ökonomisch abhängig und können sich trotz formaler „politischer unabhängigkeit“ nicht aus dem einflussbereich der US-amerikanischen und westeuropäischen interessen lösen (die frage nach dem einfluss und dem klassencharakter von CHINA lasse ich an dieser stelle bewusst aussen vor, da dies in die stalinismusanalyse reinfällt. dieses thema würde einen eigenen artikel erfordern). dieser status des „neokolonialismus“ läuft de facto auch auf eine geringere durchsetzung eigener rechte dieser staaten („marionetteregimes“) hinaus (auch wenn diese de jure vorhanden sind), was meines erachtens die bezeichnung von „unterdrückten“ und „unterdrückerischen“ nationen nach wie vor gerechtfertigt erscheinen lässt.

dies bedeutet aber nicht, den „klassengegensatz“ in diesen ländern ruhen zu lassen (wie das die „volksfront-etappenstrategie“ des stalinismus impliziert), es bedeutet nur, dass z. B. (klein)bürgerliche nationalisten zum zeitweiligen (taktischen) verbündeten im kampf gegen den imperialismus werden können (wenn diese konkret, militärisch mit imperialistischen kräften im konflikt liegen). dabei darf niemals der proletarische (und der verbündete kleinbäuerliche) emanzipationskampf diesen bürgerlich-nationalistischen kräften (politisch-programmatisch) untergeordnet werden. dies ist in groben zügen die perspektive der „permanten revolution“, die nach wie vor ihre gültigkeit hat!

„In bezug auf die zurückgebliebeneren Staaten und Nationen, in denen feudale oder patriarchalische und patriarchalisch-bäuerliche Verhältnisse überwiegen, muß man insbesondere im Auge behalten:

erstens die Notwendigkeit, daß alle kommunistischen Parteien die bürgerlich-demokratische Befreiungsbewegung in diesen Ländern unterstützen; die Pflicht zur aktivsten Unterstützung haben in erster Linie die Arbeiter desjenigen Landes, von dem die zurückgebliebene Nation in kolonialer oder finanzieller Hinsicht abhängt;

zweitens die Notwendigkeit, die Geistlichkeit und sonstige reaktionäre und mittelalterliche Elemente zu bekämpfen, die in den zurückgebliebenen Ländern Einfluß haben;

drittens die Notwendigkeit, den Panislamismus und ähnliche Strömungen zu bekämpfen, die die Befreiungsbewegung gegen den europäischen und amerikanischen Imperialismus mit einer Stärkung der Positionen der Khane, der Gutsbesitzer, der Mullahs usw. verknüpfen wollen;

viertens die Notwendigkeit, speziell die Bauernbewegung in den zurückgebliebenen Ländern gegen die Gutsherren, gegen den Großgrundbesitz, gegen alle Erscheinungsformen oder Überreste des Feudalismus zu unterstützen und darauf hinzuarbeiten, daß die Bauernbewegung weitgehend revolutionären Charakter einnimmt, indem man ein möglichst enges Bündnis zwischen dem kommunistischen Proletariat Westeuropas und der revolutionären Bewegung der Bauern im Osten, in den Kolonien und überhaupt in den zurückgebliebenen Ländern herstellt. Insbesondere sind alle Anstrengungen darauf zu richten, die Grundprinzipien des Rätesystems auf Länder anzuwenden, in denen vorkapitalistische Verhältnisse herrschen, und zwar durch Gründung von „Räten der Werktätigen“ usw.;

fünftens die Notwendigkeit, einen entschiedenen Kampf zu führen gegen die Versuche, den bürgerlich-demokratischen Befreiungsströmungen in den zurückgebliebenen Ländern einen kommunistischen Anstrich zu geben. Die Kommunistische Internationale darf die bürgerlich-demokratischen nationalen Bewegungen in den Kolonien und zurückgebliebenen Ländern nur unter der Bedingung unterstützen, daß die Elemente der künftigen proletarischen Parteien, die nicht nur dem Namen nach kommunistische Parteien sind, in allen zurückgebliebenen Ländern gesammelt und im Bewußtsein ihrer besonderen Aufgaben, der Aufgaben des Kampfes gegen die bürgerlich-demokratischen Bewegungen innerhalb ihrer Nation, erzogen werden. Die Kommunistische Internationale muß ein zeitweiliges Bündnis mit der bürgerlichen Demokratie der Kolonien und der zurückgebliebenen Länder eingehen, darf sich aber nicht mit ihr verschmelzen, sondern muß unbedingt die Selbständigkeit der proletarischen Bewegung – sogar in ihrer Keimform – wahren;“ — Lenin,  Ursprünglicher Entwurf der Thesen zur nationalen und kolonialen Frage (1920)

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Ein Kommentar zu “Schnelllebigkeit und marxistische Politik

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