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Aktivistischer Voluntarismus

nao_gründung

es ist soweit! am 15. Februar 2014 (ein datum, was in die geschichte eingehen wird) wird die berliner NAO gegründet. sicherlich können es die „Massen“ kaum mehr erwarten, von den NAO granden manifest erleuchtet zu werden, um den lästigen kapitalismus endlich loszuwerden.

“Es geht uns hier nur um den Hinweis, dass wir (alle, die diese Diskussion führen, nicht nur die Schöneberger) uns in einem Spannungsverhältnis von Voluntarismus und Determinismus befinden. Eine »Gründung« (von was auch immer) ohne genaue Untersuchung der Umstände und Bedingungen unter denen diese stattfindet, wäre absurd und verantwortungslos.” — SIB, Quietscheenten-Papier (2011)

was seinerzeit als durchaus sinnvoller vorstoss der SIB begann (essential-debatte), hat sich nun endgültig in ein lächerliches „wollen aber nicht können“ verwandelt. dieses „wollen aber nicht können“ hat dabei mehrere aspekte:

— die programmatische grundlage der NAO ist mehr als schwammig, sodass unklar bleibt, was der vorteil einer NAO gegenüber einerseits der Linkspartei, andererseits gegenüber der IL und dem postautonomen und postantiimp-spektrum ist.

— die ursprünglich angestrebte annäherung verschiedener linker (subjektiv-revolutionärer) gruppen/spektren (traditionsmarxisten, bewegungslinke, postautonom, postantiimp, revolutionär-feministisch) hat sich nun eingedampft auf ein paar abstrakte gemeinsamkeiten zwischen (im wesentlichen) der GAM und der SIB. von einem „ausbruch aus dem zirkelwesen“ kann also nicht im geringsten die rede sein!

— weiterhin bleibt unklar, was „antikapitalistische praxis“ unter den heutigen gesellschaftlichen bedingungen überhaupt bedeuten soll. das, was einstmals „arbeiterbewegung“ genannt wurde, existiert heute nur noch in form von gewerkschaften, die vollkommen bürokratisiert sind, co-managment betreiben und zwar für ihre mitglieder sektorielle interessen vertreten (und dies auch meist in verzerrter form), aber soetwas wie ein „gesamtinteresse“ scheint mehr oder weniger unbekannt zu sein.

— die SPD, die ihre historischen wurzeln in der arbeiterbewegung hat, nimmt (spätestens) seit hartz4 (agenda 2010) keinerlei rücksicht mehr darauf und vertritt auf ganzer linie ein programm der „bürgerlichen offensive“ (konter-reformen). sie ist zwar immer noch in der lage, den nimbus „partei der kleinen leute“ für ihre taktischen vorteile einzusetzen, aber das liegt mehr an der hartnäckigkeit von illusionen in sie als an ihrer realen politik.

— die PDL vertritt zwar formal ein „linkeres programm“ als die SPD, hat aber im focus den parlamentarismus und strebt eine regierungsbeteiligung mit SPD und Grünen an. das heisst, es wird zwar sicherlich für reformen gestritten, die eine verbesserung der lage der „unterklassen“ beinhalten sollen, es gibt aber keinerlei strategische orientierung für eine überwindung des kapitalismus, die auf einer KLASSENANALYSE beruht.

— die gruppen der radikalen linken sind allesamt marginalisiert. und zwar unabhängig davon, aus welcher tradition sie stammen. maoisten, trotzkisten, (post)stalinisten, autonome und anarchisten und was noch alles keucht und fleucht verfügen zwar über ein gewisses maß an der fähigkeit, theoretische reflexionen ÜBER die gesellschaft anzustellen (die mal mehr, mal weniger brauchbar sind), aber keine ist tatsächlich mit einer REALEN GESELLSCHAFTLICHEN BEWEGUNG verbunden. so existiert alles nur als vorstellung, ohne über die Machtmittel zu verfügen, diese auch zu VERWIRKLICHEN.

— diese lage hat natürlich auswirkungen auf die miglieder/aktivisten der (kleinen) linksradikalen gruppen. da alles nur im kopf existiert, muss die befriedigung der (real vorhandenen) bedürfnisse auf eine (zu erkämpfende) „bessere zukunft“ projiziert werden. dies hat ähnlichkeit mit der situation der entfremdeten lohnarbeit, wo die „menschwerdung“ auf die „freizeit“ beschränkt ist. aber beim (linkspolitischen) aktivisten kommt noch erschwerend hinzu, dass er zusätzlich zur lohnarbeit auch noch einen teil seiner freizeit (und seines sauer verdienten geldes) in die politische „arbeit“ steckt.

— diese bleibt aber in der wirkung ambivalent, solange alles nur „graue theorie“ bleibt. sicherlich dient das engagement in einer kleinen politischen gruppe auch der eigenen selbstentwicklung (und dies nicht nur in intellektueller hinsicht). aber es ist auch nicht zu leugnen, dass eine gewisse psychologische struktur vorhanden sein muss, um so ein engagement über einen längeren zeitraum aufrechtzuerhalten; insbesondere dann, wenn wirklich absolut NICHTS darauf hindeutet, dass es so etwas wie eine „revolutionäre situation“ (in einem westeuropäischen land) jemals geben kann (zumindest innerhalb eines zeitraumes, der noch in der eigenen lebensspanne liegt). es gehört daher sicher auf der einen seite eine gewisse form von masochismus zum linkspolitischen aktivismus, auf der anderen seite ein (quasi)religiöses sendungsbewusstsein und einen „glauben“ an was „besseres“ (was eben nur als „programm“ oder „theorie“ existiert).

wenn man all diese überlegungen auf die bevorstehende NAO „gründung“ anwendet, gehört nicht viel fantasie und geisteskraft dazu, diesem „projekt“ eine „lebens“zeit (wohl besser: siechzeit) von einem oder zwei jahren zu geben. wer kennt  heute noch die namen VSP (vereinigte sozialistische partei aus GIM und KPD/ML!) oder NLO (netzwerk linke opposition, wo die GAM sehr aktiv war)? und auch die französische NPA (die das vorbild für den NAO prozess sein soll) scheint alles andere als eine gesunde organisation zu sein.

Was_ist_wahr_nao

es gibt keine alternative, keine abkürzung, dazu, sich mühsam eine theoretische durchdringung der gesellschaft anzueignen und im kleinen, bescheidenen rahmen ansätze kollektiven (organisierten) handelns (und lernens) zu entwickeln. alle träume von politischen „erfolgen“ linksradikaler gruppen in nichtrevolutionären zeiten werden sich als illusionen erweisen. und das schlimmste dabei ist, dass man junge menschen mit gutem willen und hoffnungen verheizt und dadurch für emanzipatorische politik(en) verloren gehen.

die NAO wird ebenfalls solch ein durchlauferhitzer sein, göttin sei dank nur für eine ganz kleine wassermenge! 😉

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5 Kommentare zu “Aktivistischer Voluntarismus

  1. vergleich auch den artikel im „neuen deutschland“:

    http://www.neues-deutschland.de/artikel/921934.der-drang-nach-organisierung.html

    dort wird auf einer mehr beschreibenden ebene der zwiespalt dargestellt, dass zwar auf der einen seite ein vermehrtes bedürfnis nach „einheit“ zu existieren scheint, die verschiedenen initiativen aber durchaus unterschiedliche (und leider teilweise auch schwammige) politische grundlagen haben. das ergebnis sieht dann in etwa so aus:

    „Theorie und Praxis im Politischen liegen selten so weit auseinander, wie Anspruch und Wirklichkeit der Bildung gemeinsamer Kräfte in den linken Bewegungen. Während der Anspruch einer wie auch immer gearteten Einheitsfront gegen die Zumutungen des Kapitals Jahre und Jahrzehnte vor sich her getragen wurde und noch immer wird, zeigt sich in der Realität oft die maximal mögliche Zersplitterung …“

  2. Pingback: Das Ergebnis ist auf alle Fälle mager… « Theorie als Praxis

  3. Pingback: RSB NAO | ÄSTHETIK UND (R)EVOLUTION

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