Uncategorized

„Organisation“ und „Bewegung“

Der Anspruch der „revolutionären Partei“ oder: Kein Ende in Sicht

es ist ein unzweifelhaftes verdienst des NAO prozesses, dass er ein erhöhtes bewusstsein für „organisationsfragen“ geschaffen hat, wenn er sie auch nicht „gelöst“ hat. aufgrund diverser diskussionen in der letzten zeit sind bei mir zweifel aufgekommen, inwieweit das „leninistische“ parteikonzept (noch) auf die heutigen verhältnisse anwendbar ist; und auch das „blockmodell“ des „linken flügels“ des (ex)NAO prozesses scheint mir insofern unrealistisch zu sein, als es den infrage kommenden gruppen funktionsprinzipien unterstellt, die in aller regel gar nicht so existent sind. wenn man mal von den echten „sekten“ absieht, die eine gewisse (interne) homogenität hergestellt haben, so sind doch die allermeisten gruppen der „radikalen linken“ mit einem gewissen positionenspektrum ausgestattet und haben auch meistens mehr fragen als antworten zu bieten; könnten also mit einem gewissen recht als „suchbewegungen“ aufgefasst werden. und selbst die gruppen, die den anspruch vertreten, nach den prinzipien des „demokratischen zentralismus“ zu funktionieren (wenn man mal von politischen perlen wie SpAD oder PSG absieht), bestätigen das spruchwort „nichts wird so heiss gegessen wie es gekocht wird“.

nun nimmt es nicht wunder, wenn in einer gesellschaft mit niedriegem (proletarischen) klassenbewusstsein und schwach entwickelten sozialen bewegungen auch die (kleinen) gruppen der „linken“ nicht ganz so funktionieren, wie sie sich das (vielleicht) selbst vorstellen. wenn das aber so ist, wäre es dann nicht „besser“ (im sinne von realistischer und weniger frustrierend), wenn man dann auch den anspruch herunterschraubte und sich auf das konzentrieren würde, was auch tatsächlich machbar wäre. dies freilich nicht im sinne eines kruden „pragmatismus“, aber doch eingedenk der tatsache, dass in zeiten schwacher sozialer kämpfe auch die (radikal)linken gruppen notwendig isoliert und marginal sein müssen; und dass umgruppierungsprozesse — sollten sie erfolgreich sein — daran nichts ändern würden. eine blosse addition politischer nullfaktoren ergibt in der summe immer noch null, zumindest solange eine bestimmte quantitative (mitglieder) und qualitative grenze (programm, theorie, strategie) nicht überschritten wird.

Eine Möglichkeit, um vielleicht besser mit dem Dilemma umgehen zu können

(das folgende sind natürlich nur vorüberlegungen als konsequenz einer diskussion mit einem ex-SIB genossen. sie sollen eine diskussions-grundlage sein, aber keine „ewigen wahrheiten“ verkünden)

fakt ist, die inhaltlichen unterschiede zwischen den verschiedenen gruppen der „radikalen linken“ sind nicht durch voluntaristische organisationsgründungen überwindbar. und auch das konzept „breiter“ organisationen (des „antikapitalismus“) ist keine lösung, denn sie verwässern das revolutionäre programm statt es zu bereichern (was nichts gegen die notwendigkeit von bündnispolitik aussagt).

allerdings ist es auch wahr, dass die „demokratisch-zentralistischen“ „kadergruppen“ ebenfalls keine alternative bieten, jedenfalls keine wirklich attraktive. sie strahlen eher den charme einer fabrikanlage für politroboter aus. auch ist nicht davon auszugehen, dass die generation derjenigen, die nicht mehr die APO und ihre ausläufer (K gruppen et all) persönlich miterlebt haben, und auch sonst kaum erfahrungen mit (grösseren) sozialen kämpfen haben (können), so ohne weiteres als „disziplinierte parteimitglieder“ (im sinne des demozent) funktionieren können. das würde schon auf einer individualpsychologischen ebene scheitern. und diejenigen, die das (jahrelang) praktizieren aufgrund reiner (theoretischer) überzeugung dienen eher als abschreckendes beispiel für neurotische zwangscharaktere denn als politisch überzeugende menschen.

wie aus diesem dilemma rauskommen? meine überlegung ist folgende: anstatt krampfhaft zu versuchen, kleine gruppen an ansprüchen zu messen, die sie niemals erfüllen können oder illusionen zu schüren, fusionen oder umgruppierungen könnten etwas am kräfteverhältnis ändern, sollte man die bestehenden organisierungsansätze als quasi „politisch-soziale-kulturelle“ (experimental)clubs ansehen, wo menschen im rahmen ihrer möglichkeiten theoretische und praktische lernerfahrungen machen können, ein stück isolation überwinden und sich einem (politischen) umfeld verankern können, wenn dieses auch (zumindest noch vorläufig) begrenzt ist. aber politisches handeln kann ja auch nicht in wolkenkuckucksheim stattfinden, sondern bedingt ein soziales eingebundessein in ein persönliches umfeld. menschen lernen nicht, weil man ihnen Lenin- oder Marx-texte rezitiert (so wie man religiöse formeln hersagt), sondern nur durch eigene erfahrungen und eigene lernschritte, die erst im kollektiven (organisatorischen) prozess ihren vollen sinn ergeben. es bringt auch nichts, sich zu allen möglichen weltpolitischen ereignissen zu „positionieren“, wenn man im „eigenen land“ vollkommen einfleisslos und „hilflos“ ist. diesen widerspruch zwischen subjektivem wollen und objektivem können linker kleingruppen spüren die meisten menschen, die sich noch etwas intuition bewahrt haben, instinktiv und er wirkt äusserst abstossend. auch wenn die absichten dieser gruppen noch so ehrenwert sein mögen. Trotzki zitiert in einer kleinen schrift, die der arbeiterkontrolle der produktion gewidmet war, ein deutsches sprichwort:

Schön ist ein Zylinderhut, wenn man ihn besitzen tut

dieses sprichwort gilt auch (und besonders) für die heutigen kleingruppen als richtschnur für revolutionären realismus!

wenn man politische organisierung so auffassen würde, liesse sich viel enttäuschung vermeiden und auch jungen leuten gäbe man einen anreiz sich (organisiert) einzubringen. die möglichkeiten von bündnispolitik blieben unbenommen und eine „avantgardeorganisation“ würde sich dann herauskristallisieren, wenn sie sich als historisch notwendig erweist (und nicht als abstraktes prinzip oder voluntaristischer akt, der eh keine aussenwirkung hat); und ebenso nicht weil man eine konkurrenz unter sekten aufmacht, wer das „korrekt orthodoxe“ Lenin-verständnis besitzt!

 

 

 

Advertisements

3 Kommentare zu “„Organisation“ und „Bewegung“

  1. der text von Trotzki findet sich auf deutsch in den „schriften über deutschland“. Text (9), S. 138-140

    GEGEN DIE WIDERSACHER DER LOSUNG: „ARBEITERKONTROLLE DER PRODUKTION“

  2. bei neoprene wird auf einen älteren text der gruppe „revolutionäre perspektive berlin“ (RPB) hingewiesen, der eine antwort auf den damaligen NAO prozess war. darin heisst es:

    „Wir haben uns bereits vor einigen Jahren entschieden, den notwendigen Organisierungsprozess nicht über theoretische Debatten, sondern primär über eine gemeinsame Praxis in die Gänge zu bringen.“ http://www.nao-prozess.de/blog/stellungnahme-der-gruppe-revolutionaere-perspektive-berlin-rpb-zur-programm-und-organisierungsdebatte/

    dazu mein kommentar:

    es gibt aber keine „praxis“ ohne ein (gewisses) theoretisches verständnis. menschen handeln (politisch), weil sie aus erfahrungen zu einsichten gekommen sind. diese müssen nicht „wissenschaftlich“ sein, aber sie sind „parteilich“, weil aus den eigenen interessen abgeleitet. da aber (soziale) „wirklichkeit“ nicht einfach „gegeben“ ist, sondern bewusstseinsmässig angeeignet und „erarbeitet“ werden muss, gibt es nun mal zu allen fragen auch immer ein gewisses interpretationsspektrum (was übrigens nicht nur inhaltliche gründe hat, sondern auch ausdruck unterschiedlicher temperamente ist). dies muss aber gar nicht weiter schlimm sein, wenn man sich für „aktionen“ auf ein gemeinsames „minimum“ einigen kann. das wäre in kurzform das wesen der „einheitsfrontpolitik“ (oder bescheidener: aktionseinheit).
    für eine politische organisierung (im sinne von „partei“) reicht das aber nicht aus; da müssen höhere anforderungen an theoretisch-programmatischer vereinheitlichung und verbindlichkeit gestellt werden. darum denke ich schon, dass die „essential-methode“ der ursprünglichen SIB (und das „block“-modell [subjektiv]revolutionärer gruppen) ein fruchtbarer ansatz war. ich fürchte nur, es würde in der realität auch daran scheitern, dass die kleinen gruppen der „radikalen linken“ intern gar nicht so „demokratisch-zentralistisch“ funktionieren, wie sie es selbst beanspruchen.
    http://neoprene.blogsport.de/2014/02/15/aber-das-wichtigste-ist-organisierung/#comment-102224

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s