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Der Kampf um Kobane: ein Bauernopfer auf dem geopolitischen Schachbrett der Grossmächte

isis_kitzeln

wenn man die presseberichte über Kobane einigermassen verfolgt hat (ich muss zugeben, dass ich dies erst seit ein paar tagen mache), wird sicherlich ebenfalls zu dem schluss kommen, dass die kurdischen verbände aus eigener kraft heraus nicht in der lage sein werden, den IS abzuwehren.

die angebliche unterstützung, die sie erhalten, ist keine, da die USA, die EU und die Türkei ihre eigenen interessen verfolgen. hauptsächlich geht es natürlich um Öl und um die beseitigung unliebsamer Regime. der IS kann dabei dazu verwendet werden, die region zu destabilisieren und die USA können sich dann als einziger garant der „ordnung“ in position bringen.

das recht der kurden auf selbstbestimmung oder gar ein „fortschrittlicher gesellschaftsentwurf“, wie er angeblich in der „kommune von Kobane“ praktiziert wird, spielen in diesem (zynischen) Kalkül nicht die geringste rolle. auch der blutzoll, den die kurdischen verbände gegen den IS zahlen, ist ohne bedeutung, wenn es um die kontrolle und vorherrschaft der Gross- und Regionalmächte geht.

es ist verständlich, vor allem in der aktuellen situation, wenn die kurdischen kämpfer und kämpferinnen sich hilfe von aussen, vom „westen“ erhoffen. aber wenn der „westen“ „hilft“, dann nur im eigenen interesse. und so wie es im moment aussieht, will man abwarten, dass sich IS und die kurdischen verbände gegenseitig aufreiben, um dann freie hand als „ordnungsmacht“ zu haben. und bei diesem widerlichen Machtspiel schaut die ganze welt ohnmächtig zu.

die kampagne von NAO, ARAB und ein paar anderen gruppen, geld für die YPG/YPJ zu sammeln, damit diese waffen kaufen können, ist zumindest ein (symbolischer) versuch, der eigenen hilflosigkeit zu entkommen. aber wenn man wirklich substantielle hilfe leisten wollte, müssten summen aufgebracht werden, die keine linke kampagne in deutschland realisieren könnte. stattdessen drängt sich eher der verdacht auf, dass man den „internationalismus“ als pseudopolitische ersatzhandlung missbraucht, um von der eigenen schwäche zu hause abzulenken. Meinhard Creydt hat das in einem leserbrief in der SOZ (April 2014) sehr schön ausgedrückt:

„Michael Prütz nennt als erstes Thema seines Berliner Sammelbeckens («NAO») die Vorbereitung auf die «Revolutionäre 1.Mai-Demonstration» – also auf ein Phrasenfestival oder Spektakel für erlebnisorientiertes Emotainment. An zweiter Stelle kommt eine Veranstaltung, die mit der Anteilnahme an auswärtigem Geschehen die Ratlosigkeit im eigenen Land überkompensiert. Der Horizont eines letztlich beliebigen und episodischen Blicks auf Land x, y, z wird nicht überschritten. Der Kosmopolit ist überall und nirgends. «Internationalismus» missrät so zur Zerstreuung und Ablenkung.“

ich will gar nicht die bedeutung auch nur symbolischer solidarität herabwürdigen. sie mag ein zünglein sein an der waage der internationalen kräfteverhältnisse, aber was die kurdischen verbände jetzt brauchen, ist massive miltärische unterstützung – und die kann keine linke gruppierung in deutschland leisten.

so bleibt im endeffekt wohl nur die möglichkeit, mit anzusehen, wie der IS (der selbst ein produkt imperialistischer interventionen in der region ist, z. B. der Irak-krieg!) die blutige drecksarbeit erledigt, bis der imperialismus es für opportun erachtet, auch diesen zu beseitigen, um sich die alleinige (politische wie ökonomische) kontrolle über die region des nahen ostens zu sichern.

„Seit dem Beginn des Einmarsches der US-Armee in Irak übten die USA in der Außen- und in der Innenwirkung einen unterschiedlichen Einfluß auf das Land aus. Nach außen hin trachteten sie nach Stabilität, nach innen spielten sie mit dem Feuer der Instabilität, indem sie den harten Kern sogenannter Terroristen bewaffneten, finanzierten und gegeneinander aufstachelten, um die ohnehin schon infernalischen Lebensbedingungen in Irak weiter zuzuspitzen. Das Ziel? Den Traum der Neokonservativen zu verwirklichen, Irak in drei Teile aufzuspalten – einen für die Kurden, einen für die Schiiten und einen für die Sunniten. Die Kurden würden ihren Staat bekommen, die Schiiten würden von der Vorherrschaft der Sunniten befreit und die Sunniten würden so schwach sein wie seit tausend Jahren nicht mehr. Den Kurden fiele dabei der Löwenanteil der Ölquellen zu, und die USA hätten endlich den ungehinderten Zugang zum Öl, dieses Mal allerdings frei vom Bündnis mit den Saudis. Obendrein würde die Zerschlagung des Irak auch die Position der Israelis im Nahen Osten stärken.“ — Mumia Abu Jamal in der jungen Welt (5. Okt. 2014)

in der „alten“ arbeiterbewegung gab es die internationalen brigaden, wie sie im spanischen bürgerkrieg zum einsatz kamen. und auch wenn diese durch die zu diesem zeitpunkt längst stalinisierte komintern instrumentalisiert wurden, so war es doch zumindest ein ausdruck von echtem proletarischem internationalismus. von so einer möglichkeit sind wir aber heute lichtjahre entfernt.

so bleibt nur das prinzip hoffnung, dass die kräfte der selbstemanzipation von unten irgendwann über die mittel verfügen werden, dem bösen spiel von „teile und herrsche“ ein ende zu setzen. oder um es mit Gramsci zu sagen:

„Man muss nüchterne, geduldige Menschen schaffen, die nicht verzweifeln angesichts der schlimmsten Schrecken und sich nicht an jeder Dummheit begeistern. Pessimismus des Verstandes, Optimismus des Willens.“

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3 Kommentare zu “Der Kampf um Kobane: ein Bauernopfer auf dem geopolitischen Schachbrett der Grossmächte

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