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Querfront-Impressionen

seit meinem 15 lebensjahr sehe ich mich als klar linkspolitischen menschen. aber ich bin doch immer wieder überrascht, wieviel mist von leuten produziert wird, die sich für „linke“ halten. und meine lust, sich mit sowas zu beschäftigen, wird immer kleiner; um nicht zu sagen: tendiert gegen den nullpunkt. wenn ich z B einen artikel in einem organ lese, das sich unverschämterweise „rote fahne“ nennt, in dem die Marine Le Pen dafür gewürdigt wird, sich für die „nationale souveränität“ frankreichs einzusetzen (sehr widerwillig verlinkt!!), dann weiss ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll. sicherlich, das ist ein einzelner typ, der das macht. aber dass so eine ideologische verwirrung überhaupt möglich ist, sagt doch viel über den politischen zustand aus dieser angeblichen „linken“. einzelne typen sind aber auch leute wie Elsässer oder Jebsen (bei Jebsen bin ich mir nicht ganz sicher, wie der einzuschätzen ist), trotzdem scheint es ihnen zu gelingen, zumindest als temporäres (mode)phänomen, ein gewisses politisch-ideologisches vakuum mit ihren ausdünstungen noch leerer zu machen. ich bin nur froh, dass solche leute über keinen wirklichen politischen einfluss verfügen, denn sie würden es tatsächlich noch viel schlimmer machen als es eh schon ist (was zugegebenermassen schwer vorstellbar ist). auch wenn ich manchmal den „konservatismus“ des deutschen Michel und der Lischen Müller beklage, so ist er zumindest ein — fast — sicherer garant dafür, dass sich die kräfteverhältnisse nicht zur einen oder zur anderen seite verschieben können. denn man ist viel zu bequen und man liebt viel zu sehr die friedhofssonntagsruhe und seine sparbüchsen, als dass man sich wirklich ernsthaft für politische ziele einsetzen würde; für linke sowieso nicht, denn die erfordern tieferes nachdenken und rechte sind populistische eintagsfliegen, die sich schon deswegen nicht halten können, weil es ihnen an echter disziplin fehlt, die nur aus in fleisch und blut übergegangende überzeugungen und hingabe erwachsen kann (trotzdem kann auch „menschlicher staub“ [Leo Trotzki] gefährlich werden, wie die deutsche geschichte hinlänglich beweist). und zweitens betreibt ja schon die „bürgerliche Mitte“ das (rechts)populistische geschäft, wenn auch etwas subtiler, verklausulierter und (un)heimlicher. so bleibt einem zumindest ein (sehr schwacher) „trost“: wenn schon die linke es nicht schafft aus ihrer marginalisierung herauszukommen (zumindest, wie ich meine, z T selbst verschuldet), so hat der rechtspopulismus (vom echten faschismus mal ganz zu schweigen) in deutschland keinen wirklichen politischen raum. solange der deutsche imperialismus ökonomisch so stark ist und militärisch durch die NATO abgesichert ist, braucht sich niemand ernsthaft zu bewegen und das berlinerrepublik-allerlei/einerlei bleibt, was es ist: langweilig, öde, einschläfernd, uninteressant, hohl, so tun als ob – mit einem wort: deutsche alltagsNORMalität, die niemand ernsthaft in frage stellen kann. das TINA prinzip hat sich zur totalitären (Kapital-fetisch)wirklichkeit ausgewachsen. Gute Nacht, land der „dichter und denker“!

Denk‘ ich an Deutschland in der Nacht,
Dann bin ich um den Schlaf gebracht,
Ich kann nicht mehr die Augen schließen.
Und meine heißen Tränen fließen.

Die Jahre kommen und vergehn!
Seit ich die Mutter nicht gesehn,
Zwölf Jahre sind schon hingegangen;
Es wächst mein Sehnen und Verlangen.

Mein Sehnen und Verlangen wächst.
Die alte Frau hat mich behext,
Ich denke immer an die alte,
Die alte Frau, die Gott erhalte!

Die alte Frau hat mich so lieb,
Und in den Briefen, die sie schrieb,
Seh ich, wie ihre Hand gezittert,
Wie tief das Mutterherz erschüttert.

Die Mutter liegt mir stets im Sinn.
Zwölf lange Jahre flossen hin,
Zwölf lange Jahre sind verflossen,
Seit ich sie nicht ans Herz geschlossen.

Deutschland hat ewigen Bestand,
Es ist ein kerngesundes Land;
Mit seinen Eichen, seinen Linden,
Werd ich es immer wiederfinden.

Nach Deutschland lechzt ich nicht so sehr,
Wenn nicht die Mutter dorten wär;
Das Vaterland wird nie verderben,
Jedoch die alte Frau kann sterben.

Seit ich das Land verlassen hab,
So viele sanken dort ins Grab,
Die ich geliebt – wenn ich sie zähle,
So will verbluten meine Seele.

Und zählen muß ich – Mit der Zahl
Schwillt immer höher meine Qual,
Mir ist, als wälzten sich die Leichen
Auf meine Brust – Gottlob! sie weichen!

Gottlob! durch meine Fenster bricht
Französisch heitres Tageslicht;
Es kommt mein Weib, schön wie der Morgen,
Und lächelt fort die deutschen Sorgen.

— Heinrich Heine, Nachtgedanken

heinrich_heine

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3 Kommentare zu “Querfront-Impressionen

  1. „Wird die Kommunistische Partei für diesen Kampf etwa schlechtere Kader als die Faschisten haben? Und kann man auch nur einen Augenblick annehmen, daß die deutschen Arbeiter, die machtvolle Produktions- und Transportmittel in Händen haben, die aufgrund ihrer Arbeitsbedingungen eine Armee des Eisens, der Kohle, der Eisenbahnen, der Elektrizitätswerke bilden, im Entscheidungskampf nicht ihre unermeßliche Überlegenheit über Hitlers Menschenstaub zeigen werden?“ http://www.mlwerke.de/tr/1931/311126a.htm [1931]

    die retrospektive antwort lautet leider „Ja“, trotz aller visionären kraft Trotzkis.

  2. Ich bin verwundert, daß du dem „Konservatismus“ so viel Positives zurechnest: „sicherer garant dafür, dass sich die kräfteverhältnisse nicht zur einen oder zur anderen seite verschieben können“.
    Erstens scheint mir da gar nichts „sicher“, jedenfalls in Richtung nach rechts, das hat es vor 80 Jahren in Deutschland ja innerhalb weniger Jahre gegeben. Und vor allem ist damit der ach so feste Status Quo in hohem Maße beschönigt, wenn du nur die Sorgen hast, daß es noch schlimmer kommen könnte. Das stimmt schon, daß es schlimmer kommen könnte, aber es ist doch wahrlich auch so schlimm genug und wird auf vielen gesellschaftlichen und politischen Feldern ganz offensichtlich auch innerhalb dieses allgemeinen Status quo ganz mächtig schlimmer. Wie schnell z.B. der aggressive Ukraine-Kurs der EU und allen voran von Deutschland auch in den dies begleitenden Medien weitgehend durchgesetzt werden konnte. das hat mir doch den Atem verschlagen.

    • die sache mit dem — fast — sicheren garanten war natürlich im ironiemodus geschrieben, obwohl ich schon glaube, dass da ein körnchen wahrheit dran ist. bezeichnend ist aber, dass du für deine „verschlimmerungsthese“ (der ich im prinzip zustimme) ein beispiel aus der aussenpolitik verwendest. innenpolitisch scheint mir die lage aber tatsächlich durch stabilität (die man aber auch erstarrung oder stagnation nennen könnte) gekennzeichnet zu sein (da spielen natürlich auch die medien eine rolle). und tatsächlich sind mir bürgerliche demokraten, die noch einigermassen an gesetze gebunden sind, lieber als rechtspopulisten.
      aber darin stimme ich dir ausdrücklich zu: nach rechts ist die lage sicher offener. nach links kann die situation nicht mehr düsterer werden 😉

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