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„Liebe“ im virtuellen Raum?

“Nicht mit Unrecht sagt man deshalb auch: Alle Liebe beglücke, selbst die unglückliche. Die Richtigkeit dieses Ausspruchs muss ganz und gar unsentimental gefasst werden, ganz ohne Rücksicht auf den geliebten andern, einfach nur als das Glück des Liebens an sich, das in seiner festlichen Aufregung bis in das verborgenste Winkelchen unseres Seins gleichsam hunderttausend helle Kerzen anzündet, deren Glanz alle wirklichen Dinge draußen weit überstrahlt.” – Lou Andreas Salomé cropped-hand_tinte.jpg

manchmal verliebt man sich (virtuell) in einen menschen, von dem man nichts weiss, ausser das, was er im internet offenbart. sein bild/seine bilder und geschriebenen worte lösen etwas in dir aus, geben eine ahnung von etwas, was man immer gesucht hat. natürlich weiss man, dass man da auch viel hineinprojiziert (aber auch projektionen entstehen ja nicht zufällig). aber trotzdem ist da dieses tiefe gefühl, was man durch nichts los wird; nicht einmal, wenn der kontakt endet, verliert es sich (natürlich ist es völlig legitim, einen kontakt zu beenden, wenn man dargebrachte gefühle nicht erwidern kann). das gefühl verändert sich zwar, wird weniger ekstatisch und intensiv, verwandelt sich in eine erinnerung, die mit vergrössertem zeitlichen abstand an kontur verliert, aber trotzdem bleibt es von bestand. allerdings erkenne ich jetzt mit gewonnener distanz, dass da auch viel fremdes war/ist, was niemals gänzlich überbrückbar gewesen wäre. vlt hätte ich diesem fremden mehr aufmerksamkeit schenken müssen, vlt wäre dann dieses spezielle gefühl leiser und taktvoller gewesen; hätte mehr raum gelassen für das unausgesprochene, das die achtung für den anderen angemessener zum ausdruck gebracht hätte. aber ohne diesen anderen wäre mir diese fremdheit nicht mal in dieser deutlichkeit bewusst, wäre mir gar nicht in dieser schärfe zum problem geworden.

vlt sah ich zu sehr meine eigenen bedürfnisse und befindlichkeiten und zuwenig die des anderen (eine gewisse tendenz zum narzissmus will ich nicht verleugnen). in all diesen punkten bekenne ich mich schuldig. ich weiss, ich bin ein mensch mit fehlern und schwächen. und ich würde auch niemals andere oder eine schwere kindheit dafür verantwortlich machen, denn letztlich trägt jeder selbst die verantwortung dafür, was er aus seinen anlagen, einflüssen und möglichkeiten macht (natürlich unter vorgefundenen gesellschaftlichen verhältnissen, die man nur sehr bedingt beeinflussen kann). aber ich weiss auch, was ich fühle und kann dies nicht verschweigen, nur um eine „verbindung“ nicht zu verlieren, die real keine tragfähige, belastbare basis hat/hätte. wer einen menschen wirklich gern hat, setzt sich auch mit seinen „nachtseiten“ auseinander; vlt sind die sogar interessanter als das „glatte gesicht“, das man der „öffentlichkeit“ zeigt, manchmal wohl auch zeigen muss. es ist leicht, sich im internet hinter der scheinbaren anonymität von texten zu verstecken und zu behaupten, das alles (einschl. meiner projizierten gefühle) hätte nichts mit einem „persönlich“ zu tun. aber dann frage ich mich, wozu kommunizieren wir, wenn es nichts mit uns „persönlich“ zu tun hat? nichts, was wir hier von uns geben, könnte unabhängig vom „persönlichen“ sein. ich würde sogar die behauptung wagen, dass der einzige sinn und die bedeutung, die man den dingen beimisst, letztlich nur dann bestehen können, wenn man gewisse menschen liebt. wobei „liebe“ im virtuellen raum sicher eine grenzwertige sache ist. man könnte es sicher auch „freundschaft“, „sympathie“ oder was auch immer nennen, aber auch freundschaft und sympathie haben im internet genauso viel oder wenig wirklichkeitsgehalt wie „liebe“.

ich weiss nur, dass dein virtuelles „du“ mich viel gelehrt und dass der austausch mit „dir“ mich verändert hat. und ich weiss auch, dass ich das nie vergessen werde, auch wenn die zeit die erinnerungen verblassen lassen. aber das wesentliche hat bestand: und das war die erfahrung vom glücklichsein, als mich die leidenschaftliche begeisterung und hingabe mich selbst vergessen und mich teilhaben liess an einer grösseren erfahrung der wahrgenommenen welt.

was könnte die Fremde annähern
wenn nicht die Liebe
zweier Hälften
die sich wundergleich fügen
zur offenen Ganzheit

unabgeschlossen
wie jede Geschichte
aber wohl wissend
dass auch das Stolpern
zum Vorwärtsgang gehört

auch unerwidert
lässt die Liebe
die eine Hälfte reifen
während die andere
ihrer Wege zieht
in Gedanken immer begleitet
von all´ meinen guten Wünschen

leise sind deine Töne
fein gewebt ihr Sinn
(auch in alltäglicher Geschäftigkeit)
und doch hallen sie
in mir wieder
mit einer Kraft
wie sie nur brennende Seelen
vernehmen

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3 Kommentare zu “„Liebe“ im virtuellen Raum?

  1. Danke für den Text und die Links. Ich möchte etwas dazu schreiben, es drängt mich, etwas dazu zu schreiben, schon länger, aber es finden sich noch nicht die Worte…nur eines, der ‚Prozess‘ durch den du gegangen bist und gehst, ein ‚Prozess‘ der Veränderung, eines ‚Bewusstseinswandels‘, ist dein ganz persönlicher, individueller ‚Prozess‘. und doch, deine Erfahrungen und deine Entwicklung beschreiben für mich etwas, was ich als zutiefst wahr empfinde, das was Liebe ist und vermag in seiner wunderbaren Entfaltung. Dazu gehören auch deine anderen poetischen Beiträge, in die ich mich schon reingelesen habe.

    Vielleicht finden sich noch Worte und Austausch (sofern auch von dir erwünscht), vielleicht bleibt es auch ein stilles Staunen und ‚Bewirken’…DANKE !

    • ich danke für deinen kommentar. 🙂

      ansonsten: es kommt, wie es kommen muss. öffnung und beseitigen von inneren barrieren sind ein und derselbe prozess (ich liebe das wort prozess ^^)

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