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Meinhard Creydts Abtreibung der „russischen Frage“

 

„Man sagte einmal von einem Buch — ich glaube, es war Whitmans Leaves of Grass — wer dieses Buch anrührt, rührt einen Menschen an. In dem selben Sinne kann man auch sagen, wer mit der russischen Frage in Berührung kommt, kommt mit der Revolution in Berührung. Nehmt sie deshalb ernst. Spielt nicht mit ihr.“                                                                  James P. Cannon 

ein ursprünglich bei trend  erschiener artikel (bei scharf links gespiegelt) setzt sich mit der produktionsweise des „stalinismus“ auseinandersetze. an sich wäre dies ein verdienstvolles unternehmen (und was ich bislang von Meinhard Creydt gelesen habe, lässt ihn mir dafür auch durchaus kompetent erscheinen), aber dieser artikel ist leider wenig geeignet mehr (marxistisches) licht ins dunkel zu bringen.

nun kann man grundsätzlich darüber streiten, warum es wichtig ist, sich in der heutigen situation rechenschaft über die entwicklung russlands nach 1917 zu geben. in der tat hätten „linke“ heute wichtigeres zu tun. die sog. „russische frage“ war bis zum zusammenbruch des „ostblocks“ tatsächlich der prüfstein für „linke“ politik. aber mit dem siegeszug des „neoliberalismus“ und der ausrufung des endes der geschichte haben sich die gesellschaftlichen rahmenbedingungen geändert. es geht nun nicht mehr darum, darüber zu streiten, welches der beste oder der richtige weg zum „sozialismus“ ist — denn davon sind wir (subjektiv bewusstseinsmässig) lichtjahre entfernt –, sondern schlicht darum, elementare soziale standards zu verteidigen, die in den 70er und 80er jahren in der BRD niemand gewagt hätte in frage zu stellen. und diese standards betreffen sowohl ökonomische und soziale lebensbedingungen als auch „demokratische rechte“, wie die meinungs- und informationsfreiheit, aber auch das recht auf politische und gewerkschaftliche organisation; alles dinge, die man keinensfalls (mehr) als „selbstverständlich“ bezeichnen kann.

nun war die nachkriegsentwicklung der BRD sicher eine historische ausnahmesituation. insofern hat die „globalisierung“ die gesellschaftlichen verhälnisse der BRD „nur“ an die weltmarktbedingungen (nach unten) angepasst. aber ist das ein grund, den burgfrieden auszurufen und klassenkampf noch nicht einmal als „brot und butter“-frage zu begreifen? aber auch da hat sich ein kleiner lichtspalt aufgetan in form der kämpfe der „spartengewerkschaften“. auch wenn diese nur einen kleinen teil der lohnabhängigen –und obendrein auch noch einen relativ „priviligierten“ –betreffen.

insofern neige ich zu der meinung, dass die „russsiche frage“ tatsächlich nicht mehr der zentrale bezugspunkt für die ausformung revolutionärer programmatiken darstellt. seinerzeit im NAO-prozess haben wir versucht, dieses problem mit der entwicklung programmatischer mindeststandards, den sog. essentials, (vorest) zu „lösen“. aber natürlich wäre es langfristig notwendig gewesen, auch zu dieser frage zumindest in grundzügen eine position zu entwickeln. und nur in diesem — historisch relativierten –sinne behält die „russische frage“ weiterhin ihre relevanz.

was ich an dem artikel von Meinhard Creydt am meisten vermisse, ist eine klassenanalyse der konkreten produktionsverhältnisse der Sowjetunion, oder doch zumindest ihr versuch. natürlich ist mir klar, dass kein einzelner so eine aufgabe vollständig bewältigen könnte. aber er versucht ja noch nicht einmal, eine begriffsbildung für so eine analyse vorzuschlagen. es gibt weder einen begriff für die gesellschafsFORM noch für die produktionsweise des „stalinismus“ (es sei denn, man hielte „stalinismus“ als begriff schon für selbsterklärend. dass er dies mitnichten ist, braucht man eigentlich nicht zu sagen). stattdessen wird eine — zugegebenermassen sehr interessante — beschreibung der Herrschafts- und Machtmechanismen geliefert, und eine darstellung der beziehungen zwischen den verschiedenen ebenen der hierachiepyramide. solche beschreibungen könnten in der tat unsere vorstellungen über die funktionsweise des „stalinismus“ erhellen, aber wenn man auf dieser mehr deskriptiven ebene stehenbleibt, hat das leider mit marxistischer gesellschaftsanalyse und mit wissenschaftlicher (kritisch-materialistischer) geschichtsbetrachtung wenig (bis gar nichts) zu tun.

nun ist es in der tat auch sehr schwierig aus den vielen versuchen, die sowjetische wirklichkeit unterm „stalinismus“ in den (be)griff zu bekommen, sich für eine zu entscheiden. und vlt sind sogar alle falsch (zumindest unzureichend) und wir bräuchten etwas völlig neues. nur leider findet man dazu bei Meinhard Creydt kein wort. er bringt zwar ein paar kluge ideologiekritische zitate von Helmut Fleischer (so weit ich weiss: VS umfeld) und zitiert Antonio Carlo, der als kritischer Rizzi-Anhänger gilt; aber welche politischen „(theorie)überbauten“ dahinter stehen – schweigen im walde.

der einzige punkt in dem artikel, der auch eine „praktische“ relavanz für eine theorie des stalinismus hätte, ist die frage, ob der stalinismus eine form der „nachholenden“ industrialisierung und modernisierung darstellt. Creydt verneint dies, ich würde dies bejahen (und ich glaube, ich befinde mich da in übereinstimmung mit Bahro, aber auch mit Trotzki). der ganze artikel lässt die frage aufkommen, ob es für Creydt überhaupt so etwas wie „nachkapitalistische“ gesellschaften gab/gibt/geben kann. (nebenbei: ich bezeichne die stalinistischen gesellschaftlichen als „nicht-kapitalistisch“, nicht als „nach-kapitalistisch“. das ist ein unterschied!)

nun mag es aus sicht von Creydt ein gebot politischer (und intelektueller) klugheit sein, nicht in solche nebelregionen ideologischer grabenkämpfe von „sekten“ abzusteigen, aber er hilft damit politisch niemanden; er sei denn, er will seine „eigene“ denkschule als alternative anbieten, aber dafür ist sein artikel analytisch zu dünn (und ich denke auch nicht, dass er das beanspruchen würde). so bleibt uns politisch interessierten „normalbürgern“ nur übrig, die wir keine akademische ausbildung oder gar einen doktortitel haben, uns aus dem vorhandenen material das auszuwählen, was am besten zu unserer wahrnehmung passt und uns theoretisch-methodisch am stimmigsten erscheint. dies möchte ich hier jetzt aber nicht weiter ausführen und verweise auf meine thesen zum stalinismus, die ich aber keineswegs als letztes wort in der sache betrachte.

der text von Meinhard Creydt verbessert unser verständnis der funktionsweise stalinistischer gesellschaften auf einer (Macht)technischen (wenn man so will: (gesellschafts)-„mechanischen“) ebene. wenn man aber einen begriff des stalinismus entwickeln möchte, der sich auf der höhe der marxistischen kritik der politischen ökonomie befindet, kommt man nicht daran vorbei, sich mit Trotzki und seinen kritikern zu beschäftigen. und sehr interessant erscheint mir der ansatz der „asiatischen produktionsweise“ zu sein (Wittfogel, Bahro, zu Dutschke kann ich nichts sagen) und wie er für eine analyse des stalinismus fruchtbar gemacht werden könnte. aber dann wäre man aber kein „reiner“ intellektueller/akademiker mehr, sondern ein politisch-parteilicher aktivist und „ideologe“ – und was könnte schlimmer sein. 😉

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2 Kommentare zu “Meinhard Creydts Abtreibung der „russischen Frage“

  1. aus einem kommentar zu den thesen zur asiatischen produktionsweise:

    „ich halte mich da an die sprachregelung von R. Bahro (“die alternative”). er benutzt den begriff “NICHTkapitalistische gesellschaften” für den “realsozialismus”. im kern meinte er damit eine nachholende industrielle entwicklung, die eine geschichtliche parallelentwicklung ausserhalb der traditionellen marxistischen konzeption von kapitalismus und sozialismus ausdrücken soll. so wie sich die APW [asiatische produktionsweise] ausserhalb von feudalismus und kapitalismus entwickelt hat, so ist der stalinismus die etatistische umkehrung der idee der sozialistischen vergesellschaftung, die so in der marxistischen theorie nicht vorhersehbar war. daher auch die probleme mit der theoretischen einordnung des stalinismus, da er grundsätze des histomat (scheinbar) in frage stellt und daher NEUE konzeptionen erfordert. die einordnung des stalinismus als “historische parallelentwicklung” (in analogie zur APW) scheint mir für dieses theoretische dilemma zumindest ein hilfreicher ansatz zu sein. dass er nicht alle fragen befriedigend beantworten kann, scheint mir in der natur der sache zu liegen, schon allein aufgrund ihrer enormen komplexität.“
    https://systemcrash.wordpress.com/2012/03/19/asiatische-produktionsweise-thesen/

  2. „Als sich die stalinistischen Regime jedoch tatsächlich auflösten, verkündeten die Professoren und ‚Think-tank‘-Analytiker flugs nicht nur den unumkehrbaren Sieg der Vereinigten Staaten von Amerika über ihren Gegner aus dem Kalten Krieg, sondern auch, dass der Kapitalismus seinen Erzfeind, den Sozialismus, aus dem Reich der historischen Möglichkeiten verbannt habe. Besonders deutlich kam der Geist dieses Augenblicks in einem Aufsatz von Francis Fukuyama zum Ausdruck, der in der Zeitschrift ‚National Interest‘ erschien.

    Unter dem Titel „Das Ende der Geschichte“ schrieb der ehemalige Mitarbeiter der Denk- fabrik ‚RAND Corporation‘:
    Womöglich erleben wir zurzeit nicht nur das Ende des Kalten Krieges oder den Abschluss einer bestimmten Periode der Nachkriegsgeschichte, sondern das Ende der Geschichte überhaupt, also den Endpunkt der ideologischen Entwicklung der Menschheit und die Universalisierung der westlichen liberalen Demokratie als endgültige Staatsform des Menschen.[1]

    Man muss Fukuyama Gerechtigkeit widerfahren lassen:
    Er behauptete nicht, dass die Zukunft geruhsam und sorgenfrei verlaufen werde. Allerdings bestand seiner Ansicht nach kein Zweifel mehr, dass die liberale kapitalistische Demokratie, so unvollkommen sie in den USA und Westeuropa auch umgesetzt werde, das unübertreffliche Ideal für die politische und wirtschaftliche Entwicklung der Menschheit darstelle. Die Geschichte war in dem Sinne an ihr „Ende“ gelangt, dass es zur liberalen Demokratie auf der Grundlage der kapitalistischen Marktwirtschaft keine glaubwürdige theoretische und politische Alternative mehr gab.

    In einem Buch, das 1992 erschien, entwickelte Fukuyama seine These weiter:
    Zu Zeiten unserer Großeltern konnten sich viele, auch durchaus vernünftige Menschen eine glänzende sozialistische Zukunft ausmalen, in der es kein Privateigentum und keine kapitalistischen Verhältnisse mehr geben würde und der Staat abgestorben wäre. Wir hingegen können uns heute nur schwer eine Welt vorstellen, die von Grund auf besser ist als die, in der wir leben, oder uns eine Zukunft ausmalen, die nicht demokratisch und kapitalistisch geprägt ist.

    Innerhalb dieses Rahmens ließe sich natürlich noch vieles verbessern:
    Wir könnten die Heimatlosen aufnehmen, wir können Minderheiten und Frauen Chancengleichheit gewähren, die Konkurrenzbedingungen verbessern und neue Arbeitsplätze schaffen. Wir können uns auch zukünftige Welten ausmalen, die bedeutend schlechter sind als unsere heutige Welt, wo nationale, rassistische oder religiöse Intoleranz herrscht oder Kriege und Wirtschaftskrisen über die Menschen hereinbrechen.

    Aber wir können uns nicht vorstellen, dass wir in einer Welt leben, die wesentlich anders ist als unsere derzeitige Welt und zugleich besser. In anderen, weniger nachdenklichen Zeitaltern glaubten die Menschen zwar auch, sie lebten in der besten aller möglichen Welten, doch wir gelangen zu diesem Schluss, nachdem wir sozusagen erschöpft sind durch die Verfolgung von Alternativen, die vermeintlich besser sein mussten als die liberale Demokratie.“ — David North

    http://www.scharf-links.de/52.0.html?&tx_ttnews%5Btt_news%5D=48812&tx_ttnews%5BbackPid%5D=56&cHash=9a8dc74cd8

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