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Karika­turen, Blas­phemie und sekundäre Bar­barei

„Für das Recht auf Mohammed-​Karikaturen!“. Dem stimme ich zu. Es gibt ein for­males Recht, allen möglichen Mist zu pro­duzieren, solange dadurch nicht die Frei­heit und physis­che Unversehrtheit Anderer in Mitlei­den­schaft gezo­gen wird. Aber soll­ten wir als Men­schen, die für eine Welt ein­treten, in der die Frei­heit des Einzel­nen Voraus­set­zung für die Frei­heit Aller ist und in der Frei­heit fol­glich das Ziel hat, die Entwick­lung der besten und fol­glich poten­tiell allen Men­schen nüt­zlichen Fähigkeiten zu ermöglichen, jede Form der Nutzung dieser Frei­heit, auch wenn sie genau diesem Ziel wider­spricht, gutheißen?.

von A. Holberg

Im Zusam­men­hang mit den aktuellen Ereignis­sen, soll­ten wir vielle­icht ver­suchen, uns zunächst ein­mal auf eine Def­i­n­i­tion von Blas­phemie (=„Gottes­lästerung“) zu eini­gen, auch wenn wir die Exis­tenz eines „Gottes„nicht anerken­nen. Ein Vorschlag: Jesus, dessen his­torische Real­ität zweifel­haft ist, der von seinen Anhängern als Gott ver­standen, vom Islam immer­hin als Prophet, oder Mohammed, der von den Mus­li­men nur als Men­sch und Prophet gese­hen wird, waren als imag­inäre oder reale Per­so­nen zweifel­los solche, die in zeit­gemäßer Form grundle­gende men­schliche Bedürfnisse nach einem besseren — wenn nicht gar ökonomisch, dann doch geisti­gen und emo­tionalen — Leben ansprachen, die über ihre eigene Epoche hin­aus­re­ichten. Sie sind deshalb Sym­bole, um die sich Men­schen ganz ver­schiedener Art und Güte versammel(te)n.

Anders als irgendwelche Päp­ste, Priester, Aya­tol­lahs oder Imame oder Gurus, die sich auf sie bezo­gen und die als fass­bare his­torische Per­sön­lichkeiten Ver­fehlun­gen bis hin zu unbe­stre­it­baren Ver­brechen began­gen haben und auf dieser Basis ebenso kri­tisiert und karikiert wer­den soll­ten wie irgendwelche weltlichen Könige und Präsi­den­ten & Co, stellt eine unge­ho­belte Kri­tik oder gar Karikierung solcher „Propheten“ eine fun­da­men­tale Ver­let­zung der moralis­chen Integrität ihrer Anhänger — und zwar aller ihrer Anhänger — dar. Jesus als „Lat­ten­jupp“ oder Mohammed als „Kinder­ficker“ oder Bomben­leger zu beze­ich­nen, ver­letzt mehr noch die guten Men­schen, die sich auf sie beziehen als den Abschaum, über den wir hier lei­der disku­tieren müssen und die sich zweifel­los zu Unrecht auf einen der Bei­den oder — was für die Mus­lime gilt — gar auf Beide beziehen.

Trotzki hat im übri­gen eine Arbeit zur All­t­agskul­tur nach der sozial­is­tis­chen Rev­o­lu­tion geschrieben, in der er sich gegen solche damals speziell in der rus­sis­cher Arbeit­erk­lasse ver­bre­iten Unarten wie per­ma­nentes Fluchen oder auf den Boden Spucken wandte. Was sind das für „Kleinigkeiten“ im Ver­gle­ich zur — auch noch im Inter­esse der Human­isierung der Gesellschaft nut­zlosen — Belei­di­gung der tief­sten Gefühle von Mil­lio­nen von Men­schen, darunter einer Vielzahl solcher, die wir für den Sturz der Klas­sen­ge­sellschaft gewin­nen wollen und müssen?

Selbst wenn es möglich wäre, einem der „Propheten“ Taten nachzuweisen, die auf dem Hin­ter­grund der Gesellschaften, in denen sie wirk­ten, moralis­che Ver­fehlun­gen waren (was wohlbe­merkt alleine auf Grund der Quel­len­lage nicht möglich ist), wäre es unange­bracht und abstrus, einen solchen Ver­such zu unternehmen, weil solche Taten der Propheten gar nicht in das Bild einge­hen, das Mil­lio­nen Men­schen zu ihren Anhängern gemacht hat. Diese „Propheten“ waren und sind für ihre Anhänger nicht als his­torische Per­sön­lichkeiten bedeu­tend (auch wenn viele das in Hin­blick vor allem auf Mohammed glauben mögen), son­dern als Träger einer moralis­chen „Wahrheit“, die rel­e­vant ist für ein gedeih­liches Miteinanderleben.

„Char­lie Hebdo“ ist hinge­gen ein typ­is­ches Pro­dukt wildge­wor­de­nen — franzö­sis­chen — Klein­bürg­er­tums, das par­al­lel zur sozioökonomis­chen Entwick­lung Frankre­ichs seit der bürg­er­lichen Rev­o­lu­tion von 1789 — ins­beson­dere in seiner Robespierre’schen Form-​, deren mil­i­tante Basis eben das Klein­bürg­er­tum war, im Zuge des impe­ri­al­is­tis­chen Ver­faulens der bürg­er­lichen Ord­nung vom Rev­o­lu­tion­ar­is­mus gegen das Ancien Regime zum pornographis­chen Zynis­mus überge­gan­gen ist. Wir vertei­di­gen auch deren Recht, ihren Müll zu pro­duzieren und daran nicht durch Ver­bot oder gar Mord gehin­dert zu wer­den. Aber wir soll­ten als Anhänger gle­icher­maßen der Aufk­lärung wie als Ver­fechter einer nicht nur for­mal men­schen­würdi­gen Welt deut­lich machen, dass uns mit dieser sekundären ide­ol­o­gis­chen und kul­turellen Bar­barei („sekundär“, weil die usprünglichen „Bar­baren“ von ganz anderer Art waren), wie wir sie nicht zufäl­lig par­al­lel auch bei den islamistis­chen Mord­bren­nern antr­e­f­fen, nichts, aber auch gar nichts verbindet.

Quelle: linkezeitung.de

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17 Kommentare zu “Karika­turen, Blas­phemie und sekundäre Bar­barei

  1. Als Erstes ist mir an Holbergs Artikel aufgefallen, daß er Rabbis außen vor gelassen hat. Was bei einem Nahostexperten, denn so wird man ihn ja wohl einordnen dürfen, schon erstaunt.
    Aber viel mehr erstaunt bin ich darüber, daß ein selbsternannter Marxist, Trotzkist war er wohl auch, von „Respekt vor den religiösen Glaubensauffassungen“ der anderen redet. Genauso könnte er Respekt vor den nationalen Gefühlen einklagen (tut er ja auch anderswo). Daß er jemand sein will, der „Gott“ nicht „anerkennt“, also ganz profan erklären kann, was falsch und schädlich ist am religiösen Denken, kann ich da wirklich nicht rauslesen.
    Gemessen daran ist z.B. die Verteidigung von Heiratssitten in Arabien zu Mohammeds Zeiten nun wirklich nebensächlich.

  2. Wenn A. Holberg schreibt:
    „Jesus … [e.a.] waren als imag­inäre oder reale Per­so­nen zweifel­los solche, die in zeit­gemäßer Form grundle­gende men­schliche Bedürfnisse nach einem besseren — wenn nicht gar ökonomisch, dann doch geisti­gen und emo­tionalen — Leben ansprachen, die über ihre eigene Epoche hin­aus­re­ichten.“

    dann ist das zwar durch und durch religiös mitempfunden, aber gerade deshalb grundlegend falsch. Was auch immer an religiösem Denken „zeitgemäß“ ist, schließlich gibt es das ja in unseren „modernen“ Zeiten genauso wie damals im „finstren“ Mittelalter und noch weiter zurück, so ist das kein Lob wert sondern erfordert Kritik:

    Religiöses Denken ist gerade nicht das nur etwas verkehrt verkleidete Pochen auch ein besseres Leben. Denn das wäre wirklich und real eben nur hier und jetzt zu haben. Sondern es ist das sich Zufriedengeben mit lausigen Verhältnissen mit dem Trost/Selbstbetrug, für das jetzige Jammertal wenigstens das Paradies im Jenseits gewinnen zu können. Vor allem dann, wenn man jetzt stockmoralisch/religiös durch die Welt stapft.

    Kein Wunder, daß Holberg pauschal die „moralische Integrität“ religöser Menschen (=“guten Men­schen“) verteidigt, deren „tief­sten Gefühle“ man nicht „beleidigen“ dürfe. Kritisieren offensichtlich auch nicht. Wahrscheinlich genausowenig wie die ungefähr genauso tief sitzenden nationalen Gefühle, befürchte ich.

    • „Religiöses Denken ist gerade nicht das nur etwas verkehrt verkleidete Pochen auch [auf] ein besseres Leben. Denn das wäre wirklich und real eben nur hier und jetzt zu haben. Sondern es ist das sich Zufriedengeben mit lausigen Verhältnissen mit dem Trost/Selbstbetrug, für das jetzige Jammertal wenigstens das Paradies im Jenseits gewinnen zu können.“

      ein gewisser Marx war da anderer meinung:

      „Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation [sic!!!“] gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volkes.“
      http://www.mlwerke.de/me/me01/me01_378.htm

  3. Ach je, jetzt kramst du ernsthaft die wohl berühmtesten Thesen zur Religionskritik hervor, nicht etwa um Marx in einer modernen Form solcher Kritik weiter zu führen, sondern um ausgerechnet dem Opium das Wort zu reden, als wenn ausgerechnet Selbstbetäubung und Selbstbetrug das Gleiche wären wie eine wirkliche vernünftige “Protestation gegen das wirkliche Elend.”???

    • das „gleiche“ sicher nicht, aber Marx erkannte die ambivalente funktion der religion, während du einfach nur vulgärmaterialistischen rationalismus betreibst, und damit weit hinter Marx zurückfällst.

  4. Und Anton Holberg steht voll und ganz auf der auch schon wieder etwas in die Jahre gekommenen Höhe der Marxschen Religionskritik?? Ach nein. Religionsbejubelung, wenn auch „ambivalent“.
    Na dann weiter so, hier und im Nahen Osten z.B. Da wirst du dein Gottvertrauen wohl bitter nötig haben.

    • ich kann nicht für A. Holberg sprechen, aber von „religionsbejubelung“ (auch nicht ambivalenter) kann ich in dem artikel nichts lesen. Holberg ist sicher genauso „atheist“ wir du, aber er weiss eben, dass rationalistische aufklärung gegen religöse gefühle nicht helfen. die widersprüche des lebens — auch da zitiere ich gerne Marx aus den frühschriften — lassen sich eben nicht auf „theoretische“, sondern nur auf „praktische“ art lösen.

      „Man sieht, wie Subjektivismus und Objektivismus, Spiritualismus und Materialismus, Tätigkeit und Leiden erst im gesellschaftlichen Zustand ihren Gegensatz und damit ihr Dasein als solche Gegensätze verlieren; (man sieht, wie die Lösung der theoretischen Gegensätze selbst nur auf eine praktische Art, nur durch die praktische Energie des Menschen möglich ist und ihre Lösung daher keineswegs nur eine Aufgabe der Erkenntnis, sondern eine wirkliche Lebensaufgabe ist, welche die Philosophie nicht lösen konnte, eben weil sie dieselbe als nur theoretische Aufgabe faßte.“
      — Marx, philosophisch-ökonomische manuskripte

      • Es beruhigt mich ein wenig, daß du nur bis zu Marx Frühschriften zurückzugehen gewillt bist und nicht den ganzen Weg zurück zum Neuen Testament.
        Holberg ist sicher genauso „Aheist“, wie all die anderen Trotzkisten z.B. die beim Sturz des Schahs problemlos in die Rufe „Allah akbar!“ eingefallen sind und die Mudjahedin gegen die sowjetische Armee in Afghanistan unterstützt haben. Das reicht für mich nicht zu diesem Titel.

  5. ich kenne nicht die position der LRP/COFI zum iran, aber ich sehe nicht, was das mit diesem artikel zu tun hat. die kritik an den mullahs war ja nicht aus „religiösen“ gründen nötig, sondern weil sie ein reaktionäres (soziales) programm vertreten haben. wenn man in südamerika mit „befreiungstheologen“ einen block bilden würde, hätte ich damit nicht das geringste problem; auch wenn man nicht in allen fragen einer meinung wäre.

  6. Erstens ist Holberg kein LRPler mehr, seit Jahren soweit ich weiß. Zweitens hat die politische Nähe von Pseudolinken zu ausgemacht reaktionären ideologisch-religiös fundierten Bewegungen schon was zu bedeuten in diesem Zusammenhang. Und es wird dir regelmäßig schwer fallen, die reaktionären politischen Kampagnen isoliert von deren natürlich religiöser Begründung zu bekämpfen.

    Und man hätte die Uhr stellen sollen: es dauert keinen halben Tag, und die erweckst die Befreiungstheologie (sie ruhe in Frieden) wieder zum Leben. Aber wir sind nicht mehr in den 80ern, die haben die letzen Päpste alle aus dem Verkehr gezogen oder wacker mitgeholfen, die aus dem Verkehr ziehen zu lassen.

    • ich weiss nicht, wo „pseudolinke“ zu „ausgemacht reaktionären ideologisch-religiös fundierten Bewegungen“ eine „politische nähe“ habe sollen. im falle iran hatten sie illusionen in eine angebliche „massendynamik“ (und haben die religiöse führung gewaltig unterschätzt); aber „politische nähe“ halte ich als analyse für völlig realitätsfern.
      es mag einen zusammenhang geben zwischen reaktionärer politik und (pseudo)religiöser begründung, aber das ist dann eine ganz andere debatte. dann müsste man immanent „theologisch“ argumentieren.
      und nur weil die päpste die befreiungstheologen aus dem verkehr gezogen haben, heisst das nicht, dass es im christentum nicht auch ansätze für emanzipatorische politik geben könnte. diese möglichkeit von vornherein zu negieren. weil man einen (vulgär)materialistischen rationalismus vertritt, ist doch etwas sehr platt.

      ps. so weit ich weiss, haben sich an der kommune von saigon 1945, in der trotzkisten führend waren, auch buddhistische mönche beteiligt. waren diese trotzkisten auch „reaktionär-ideologischen“ bewegungen „politisch nah“? doch wohl nicht!

  7. Das ist doch jetzt nur noch saublöd systemcrash, wenn du den Kampf in Vietnam unter der Führung von Revolutionären, denen sich auch andere Kräfte angeschlossen haben werden, auch religiöse, auf eine Stufe stellst mit den Kämpfen im Iran, bei denen eine islamistische Bewegung mit eindeutig religösen Zeilsetzungen leider die Unterstützung fand von fast allen linken auch „revolutionären“ Strömungen im Land. Und weltweit leider auch.
    Von irgendwelcher vernünftiger Religionskritik bist du jetzt übrigens schon weit weit entfernt. Und das nicht nur nebenbei.

    • ich wollte vietnam und iran auch gar nicht auf eine stufe stellen. ich wollte nur darauf hinaus, dass die „religion“ nicht per se ein hindernis für revolutionierung darstellt. was deine positionen implizit unterstellen (so wie ich sie verstehe)

      „religionskritik“ (jedenfalls nicht so, wie du sie scheinbar verstehst) ist auch gar nicht mein interesse; im gegenteil, ich versuche eine integration verschiedenster gedankensysteme einschl. „spiritueller“. ich habe kein problem mit „glaube“ (so weit er „politisch“ mit meinen vorstellungen „kompatibel“ ist) und sich philosophisch ohne grössere verrenkungen eingliedern lässt.

      • ich denke, dass das, was du als „vernunft“ bezeichnest, nicht die tiefste form des menschlichen geistes darstellt. dass da noch „mehr“ ist; eine „vernunft“, die das „normale“ menschliche bewusstsein übersteigt. und dieser transzendente aspekt, der darf auch „politisch“ nicht ignoriert werden. dazu brauchen wir den interreligiösen dialog, die spirituellen weisheitslehren, aber auch dem marxismus ist dieser transzendente aspekt durchaus nicht fremd. (freilich gilt dies nicht für alle schulen des vulgärmaterialismus, die ich aber schon lange nicht mehr als „marxistisch“ anerkenne!)

        „Der Kommunismus als positive Aufhebung des Privateigentums als menschlicher Selbstentfremdung und darum als wirkliche Aneignung des menschlichen Wesens durch und für den Menschen; darum als vollständige, bewußt und innerhalb des ganzen Reichtums der bisherigen Entwicklung gewordne Rückkehr des Menschen für sich als eines gesellschaftlichen, d. h. menschlichen Menschen. Dieser Kommunismus ist als vollendeter Naturalismus Humanismus, als vollendeter Humanismus Naturalismus, er ist die wahrhafte Auflösung des Widerstreites zwischen dem Menschen mit der Natur und mit dem Menschen, die wahre Auflosung des Streits zwischen Existenz und Wesen, zwischen Vergegenständlichung und Selbstbestätigung, zwischen Freiheit und Notwendigkeit, zwischen Individuum und Gattung. Er ist das aufgelöste Rätsel der Geschichte und weiß sich als diese Lösung.“
        —marx, phliosophisch-ökonomische manuskripte

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