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„Historischer Materialismus“ heisst nicht, dass es keine Biologie in menschlichen Gesellschaften gäbe

Kurze Anmerkungen zu Detlef Georgia Schulzes Thesen zum Scheitern des Marxismus in Bezug auf das „Geschlechterverhältnis“

DGS hat eine längere fleissarbeit über das verhältnis von Marxismus und ‚Feminismus‘ bei linksunten.indymedia veröffentlicht, die sich hauptsächlich gegen Clara Zetkin richtet. (bei scharf links gibt es ein thesenpapier als zusammenfassung)

obwohl ich selbst mit den schriften von Zetkin nicht vertraut bin, ist mir die stossrichtung seiner kritik durchaus sympathisch. ich sehe allerdings wenig sinn darin, eine vergleichende exegese der verschiedenen texte von Marx, Engels, Bebel und Zetkin zur ‚frauenfrage‘ zu betreiben (für akademiker mag das anders aussehen, ich würde das schon aus faulheitsgründen nicht machen 😉 ), weil es a) den ‚Marxismus‘ gar nicht gibt und b) sich die verschiedenen theorien von (vom selbstanspruch) ‚MarxistInnen‘ zur ‚frauenfrage‘ seit Marx‘ und Bebels zeiten  ja schliesslich auch weiterentwickelt haben; und zwar auch mit entgegengesetzten positionen und durchaus auch bedingt durch den (‚positiven‘) einfluss ‚feministischer‘ theorien (den es als den ‚feminismus‘ natürlich auch nicht gibt). es wäre ja auch sehr merkwürdig, wenn ‚marxistInnen‘, die ja immerhin mit einem ‚wissenschaftlichen‘ anspruch hausieren gehen, sich beim thema (soziale lage der) ‚frauen‘ sich nicht ernsthaft mit den ‚feministischen‘ (konkurrenz)theorien auseinandersetzen würden. DGS würde jetzt sicher sagen, dass ‚marxistInnen‘ da einen grossen nachholbedarf haben – und ich würde ihm da nicht im geringsten widersprechen wollen.

seine kernkritik scheint zu sein, dass die marxistische theorie dazu neigt, die ‚frauenfrage‘ an die ’soziale frage‘ zu koppeln (also entweder das privateigentum an produktionsmitteln oder die ‚klassenherrschaft‘) und daher nicht die eigentliche soziale (materielle) basis der ‚frauenfrage‘ erkennt (oder als nachrangig vernachlässigt): nämlich die ‚geschlechtsspezifische‘ arbeitsteilung.

ohne jetzt wirklich nachvollziehen zu können, wie sich das ideengeschichtlich entwickelt hat (zumindest scheint mir Engels und Zetkin da mehr ’schuld‘ zu tragen als Marx und Bebel) würde ich ihm da vorderhand recht geben. auch historisch scheint es so zu sein (obwohl ich in geschichtsfragen äusserst zurückhaltend bin) dass die ‚frauenunterdrückung‘ (weit) älter ist als die entstehung von ‚klassengesellschaften‘ (die diskussion, ob ‚frauen‘ selbst eine gesellschaftsklasse bilden, möchte ich an dieser stelle aussen vor lassen). es wäre auch sicherlich interessant zu erforschen, ob es in matrilinearen gesellschaften ebenfalls zur ausbildung von sozialem dominanz- und unterordnungsverhalten entlang der geschlechtszugehörigkeit (als klischee) kommt oder ob das nur für patriarchale gesellschaften zutrifft.

Zweierlei (Re)Produktion

ich würde allerdings die frage stellen wollen, was ‚geschlechtsspezifische arbeitsteilung‘ denn genau bedeutet. denn dieser begriff scheint mir weit mehr zu bedeuten als nur bestimmte ökonomische verhältnisse. dass die produktion (über)lebenswichtiger güter sich auch nach geschlechtsunterschieden entwickelt hat, muss ja nicht zwangsläufig bedeuten, dass dies auf ein herrschaftsverhältnis hindeutet. aber genau das scheint mir die position von DGS (und bestimmter ‚feminismen‘, insbesondere der ‚dekonstruktivistischen‘) zu beinhalten. dass in archaischen gesellschaften männer traditionell auf die jagd gingen und frauen nahrung in der natur sammelten oder (später) gartenbau betrieben war ja kein böses arrangement der männer, um ihre ‚vorherrschaft‘ auszuagieren, sondern ein struktureller zwang. ich will das gar nicht mal mit unterschieden in der körperkraft begründen (obwohl das spätestens mit der entwicklung des ackerbaus [pflug!] und kriegsführungen auch ein faktor war): der grund war ein ganz anderer; zur produktion lebenswichtiger ‚güter‘ (materielle produktion) gehören nämlich nicht nur verbrauchsprodukte (lebensmittel, kleidung, unterkunft etc.) und produktionsmittel (werkzeuge, geräte, jagdwaffen etc.) — und das vergessen die ‚marxistInnen‘ tatsächlich sehr häufig — sondern auch die erzeugung (‚produktion‘) des nachwuchses.

“Nach der materialistischen Auffassung ist das in letzter Instanz bestimmende Moment in der Geschichte: die Produktion und Reproduktion des unmittelbaren Lebens. Diese ist aber selbst wieder doppelter Art. Einerseits die Erzeugung von Lebensmitteln, von Gegenständen der Nahrung, |28| Kleidung, Wohnung und den dazu erforderlichen Werkzeugen; andrerseits die Erzeugung von Menschen selbst, die Fortpflanzung der Gattung.” —Engels

in der welt der dekronstruktivistischen feministiker mag natürlich eine schwangere frau (die vlt auch noch ein paar kinder im kleinkindalter hat [auch wenn kinderbetreuung vlt kollektiv in grösseren gruppen organisiert war]; verhütung gabs ja wahrscheinlich keine?!?) auch noch auf die jagd gehen und ackerbau- und viehzucht betreiben, aber in der realen welt musste es zu einer arbeitsteilung nach geschlecht kommen, die tatsächlich die frau mehr an die hausarbeit (‚immanenz’*) und den mann mehr auf aushäusige tätigkeiten (‚transzendenz’*. dies sind begriffe, die Simone de Beauvoir verwendet in ihrer schrift ‚das andere geschlecht‘) festlegte. wohlgemerkt, dies war eine (durchschnittliche) tendenz, die aus einem strukturellen, gesellschaftlichen zwang zum überleben entwuchs und keineswegs eine festlegung des sozialen status von frauen als subaltern, wie das dann später im zuge der entstehung von klassengesellschaften geschah.

allerdings, und das ist nicht von der hand zu weisen, liegt in dieser ‚biologischen‘ arbeitsteilung tatsächlich ein präformierender grundstein dafür, dass die entwicklung des patriarchats eine notwendigkeit für historischen (also zumindest [produktions]technischen) fortschritt war, den man nicht so ohne weiteres (wahrscheinlich gar nicht) hätte vermeiden können, solange die produktivkraftentwicklung nicht ausreichend war, um die notwendige gesellschaftliche arbeitszeit merklich zu reduzieren.

Das Reich der Notwendigkeit als Basis der Freiheit

dass männer zeugen und frauen kinder gebären, ist nun mal eine biologische tatsache, die selbst der hartgesottenste dekonstruktivist nicht leugnen kann. und auch in einer klassenlosen gesellschaft mit industrieller produktionsbasis (wenn es denn so eine gesellschaft jemals geben kann und wird) wäre das nicht anders (retortenbabys will ja hoffentlich keine/r). der unterschied zu allen früheren gesellschaften wäre allerdings, dass die arbeitszeit so stark verkürzt wäre, dass die ökonomischen zwänge und abhängigkeiten, von denen frauen historisch stärker betroffen waren als männer, auf ein minimum gesenkt werden könnten; und zwar gleichgültig, ob man sich für oder gegen kinder oder für welche form von partnerschaft oder für das singledasein entscheidet (soweit solche lebensweisen überhaupt von unseren bewussten entscheidungen abhängen).

dass unsere lebensweisen stärker unseren bewussten entscheidungen unterworfen sind, dass ist der eigenliche sinn emanzipatorischer bestrebungen. wenn Marx davon spricht, dass der stoffwechsel mit der natur (also die materielle produktion und reproduktion) rationell geregelt werden muss, unter unsere gemeinschaftliche kontrolle gebracht werden muss, damit sie uns nicht als blinde Macht beherrscht (und so war es bislang in allen gesellschaften), so gilt das gleiche — cum grano salis — auch für unsere (privaten) lebensformen. also nicht nur die ökonomische, sondern auch die psychologische und triebstruktur der gesellschaft und ihrer einzelnen glieder muss unter unsere gemeinschaftliche kontrolle gestellt werden (wobei die „rationalität“ ihre eigenen grenzen hat und es wäre auch gar nicht wünschenswert, alles „rationell zu regeln“ oder das nur zu wollen). in so einer gesellschaft müsste der unterschied der geschlechter nicht zwangsläufig in ein herrschaftsverhältnis münden, sondern jeder könnte seine leidenschaften (im sinne der serien von Charles Fourier) frei und ohne angst ausleben, ohne dass dies negative auswirkungen auf das sozialgefüge hätte. es wäre auch keine übergeordnete „(sexual)moral“ mehr notwendig, denn jede existierende leidenschaft schöpft ihre berechtigung aus sich selbst (solange nicht dritte geschädigt werden).

Menschliche Kraftentwicklung als Selbstzweck

aber all dies wäre immer noch das „reich der notwendigkeit“, da es dem (über)lebenszwang, der lebensnot(durft) entspringt, auch wenn es die „würdigsten und adäquatesten bedingungen“ für die „menschliche natur“ zu schaffen bemüht ist. aber

„(…)Jenseits desselben beginnt die menschliche Kraftentwicklung, die sich als Selbstzweck gilt, das wahre Reich der Freiheit, das aber nur auf jenem Reich der Notwendigkeit als seiner Basis aufblühen kann.
Die Verkürzung des Arbeitstages ist die Grundbedingung.” — Marx

dieser „selbstzweck“ kann nur einen inhalt haben: dass leben und kunst ein- und derselbe prozess werden – die lebenskunst wahrhaftiger gesellschaftlicher individuen in freier assoziation. und vlt hebt sich dann eines tages sogar der vermeintliche widerspruch von ‚konflikt‘ und ‚harmonie‘ auf, da dies nur die zwei ausdrucksformen der vorwärtsentwicklung sind – aber damit preschen wir zu weit voraus und betreten das gebiet der utopie. so weit sind wir noch lange nicht!

17 Kommentare zu “„Historischer Materialismus“ heisst nicht, dass es keine Biologie in menschlichen Gesellschaften gäbe

  1. im zuge des nachgangs nach schreiben dieses artikels ist mir das buch von Claude Meillassoux, Die wilden Früchte der Frau (suhrkamp 1983), wieder in die hände gefallen, dass sich mit der rolle der „häuslichen produktion“ in kapitalistischen gesellschaften beschäftigt. ich habe es nie zur gänze gelesen, da es für meine begriffe wirklich nicht eingängig geschrieben ist, aber ich stiess dort auf einen kleinen abschnitt mit dem titel „objektives kriterium der spaltung des proletariats“. der autor unterscheidet drei sektoren des proletariats:
    – das „integrierte proletariat“ (etwa gleichbedeutend mit dem begriff „kernbelegschaften“)

    – das „bauernproletariat“ (spielt für hiesige verhältnisse keine rolle, aber wichtig für die „dritte welt“)

    und
    – das proletariat ohne die geringsten reproduktionsmittel (also in etwa das, was heute als „prekariat“ bezeichnet wird)

    nach Meillassoux ist es dieser dritte sektor, der unter bedingungen einer politischen oder sozialen krise kämpferisch werden kann, da vom verkauf ihrer arbeitskraft ihr überleben abhängt. sie wünschen also, eine stellung als „integrierter lohnarbeiter“ zu erringen. dazu schreibt er:

    „dieser kampf um die ökonomische integration und die mittel ihrer reproduktion im kapitalistischen system , um den arbeitsplatz, die löhne, die sicherheit war das thema der geschichte der arbeiterbewegung. er bestätigt die tatsache, dass die arbeiterklasse lange zeit im wesentlichen aus einem nicht stabilisierten proletariat bestand und noch immer besteht [bei uns: schon wieder. anm v mir], wo diese art der forderung [nämlich ökonomistische. anm. v mir] fortdauert. dieser umstand gibt der analyse von lenin über die politische tragweite des gewerkschaftskampfes ihren vollen sinn: die forderung nach integration in das kapitalistische system , damit dieses das proletariat vollständig zu seinen lasten nehme, ist nicht an sich revolutionär, denn es stellt das kapitalistische system nicht in frage, sondern fordert lediglich für die arbeiterklasse den platz, den ihr die logik der kapitalistischen produktionsweise zuweist.“

    an sich würde ich sagen, dass sich aus der „logik der kapitalistischen produktionsweise“ kein rechtlicher oder sozialer status für das proletariat ergibt. vom kapitalstandpunkt ist das proletariat blosses ausbeutungsmittel, aber eine solche gesellschaft der extremen scheidung von „arm“ und „reich“ wäre sehr krisenanfällig und wäre für eine produktion, die auf hochtechnologie basiert, kontraproduktiv (für dritte welt länder sieht das anders aus). aber lassen wird den gedanken mal so stehen und übertragen ihn auf die „frauen“: der kampf für die volle rechtliche gleichstellung ist kein revolutionärer, aber er würde zumindest dem anspruch der bürgerlichen gesellschaft nach de jure-gleichheit entsprechen. aber selbst ein kapitalismus der vollen rechtlichen gleichstellung und der vollbeschäftigung (die nur in historischen ausnahmesituationen möglich wäre) wäre immer noch eine gesellschaft, die auf der beherrschung der einen klasse durch die andere beruht.
    in einem zweiten schritt müsste dann die frage gestellt werden, wie man von der de jure-gleichheit zur de facto-gleichheit gelangt. das wäre dann zwar ein „etappenmodell“ zur revolution, aber angesichts der bisherigen historischen erfahrungen mit revolutionären politiken ein gedanke, der einer gewissen berechtigung nicht entbehrt.

  2. mittlerweile ist auch der dritte teil über „biologismus“ und „essentialismus“ in der „marxistischen“ theorie erschienen.

    https://linksunten.indymedia.org/node/136750

    die klischeehaften Zetkin Zitate lesen sich recht lustig, ansonsten kann ich nichts erkennen, was meinen obigen ausführungen neues hinzufügen oder änderungen nötig machen würde.

    eine terminologische ungenauigkeit muss ich noch korrigieren: DGS verwendet den begriff „geschlechtshierachische arbeitsteilung“, nicht geschlechtsspezifisch. diese unterscheidung ist insofern wichtig, als geschlechtshierachisch auf ein herrschaftverhältnis verweist; geschlechtsspezifisch KÖNNTE AUCH einen „neutrale“ bedeutung haben, wenn man akzeptieren würde, dass die geschlechterdifferenz sowohl kulturelle ALS AUCH biologische aspekte (verschränkung von biosphäre und noospäre) hat und man dies im (re)produktionsprozess und sozialleben dementsprechend auch berücksichtigen könnte (ohne das dies eine herrschaftshierachie begründet). aber genau diesen umstand leugnen ja die dekonstruktivisten, da bei ihnen alles „soziales konstrukt“ ist.
    Ken Wilber hat es mal gut gesagt (ich glaube in der kurzen geschichte des kosmos): er wartet gespannt darauf, dass eines tages ein buch erscheint mit dem titel „die soziale konstruktion des dickdarms“. aber leute, die glauben, sie könnten so einfach ihr „geschlecht“ wechseln wie andere ihre unterhosen, werden diese art ironie wohl kaum verstehen 😉

    in diesem zusammenhang auch der hinweis auf meinen artikel zum dekonstruktivismus, der seinerzeit im NAO prozess entstanden ist:
    https://systemcrash.wordpress.com/2012/08/23/der-dekonstruktivistische-angriff-auf-die-wirklichkeit-und-den-marxismus/

  3. die gruppe RIO setzt in der März ausgabe ihrer zeitung ebenfalls mit dem verhältnis von marxismus und feminismus auseinander.

    Klicke, um auf klassegegenklasse14.pdf zuzugreifen

    sie argumentieren, dass der begriff „patriarchat“ keine allgemeine analytische kategorie ist, sondern nur im zusammenhang mit der jeweiligen produktionsweise gesehen werden kann. ich finde das einen sehr interessanten ansatz, auch wenn es vlt nicht das letzte wort in der sache ist.

    „Trotzdem ist der Begriff des Patriarchats nicht unnütz, denn
    er kann die Existenz der Frauenunterdrückung in verschiedenen
    Klassengesellschaften beschreiben – damit wird aber auch klar,
    dass er keine geeignete Analysekategorie darstellt. Denn es ist ja
    gerade die spezifische Art und Weise, auf die die Unterdrückung
    der Frauen in den verschiedenen Klassengesellschaften organisiert
    ist und wie sie mit der vorherrschenden Produktionsweise
    zusammenhängt, die uns Auskunft über die tatsächlichen Bedingungen
    der Befreiung von Frauen geben kann.“

  4. DGS hat auf scharf links auf meinen artikel geantwortet.
    http://www.scharf-links.de/51.0.html?&tx_ttnews%5Btt_news%5D=50369&tx_ttnews%5BbackPid%5D=56&cHash=0144cdb2ce

    ich versuche mich auf die wesentlichen problemkreise zu beschränken, da das thema ohnehin schon dazu neigt, ins unendliche auszuufern.
    der erste punkt ist ist die these, dass das geschlecht nicht nach der ‚biologie‘ wahrgenommen wird, sondern nach dem alltagsverstand oder alltagserfahrung. ich bin kein biologe und weiss daher nicht, ob das geschlecht rein biologisch nur nach dem chromosomensatz oder den genitalien bestimmt wird. ich unterstelle mal, dass diese definition stimmt. dann hat DGS recht: die wenigsten menschen werden eine chromosomenanalyse durchführen können und die genitialien bekommen in der regel nur menschen zu gesicht, mit denen man mehr oder weniger intime beziehungen pflegt. trotzdem findet eine geschlechtliche zuordnung statt aufgrund der alltagswahrnehmung. in vielen situationen stellt das auch gar kein problem dar: wenn wir in einen supermarkt gehen, um brot und butter zu kaufen, ist es uns egal ob an der kasse ein kassierer oder eine kassierin sitzt; es sei denn, die kassierin erregt irgendwie unser (sexuelles) interesse. (ich schreibe durchweg aus der männlichen perspektive, weil ich nur diese erfahrung habe, und nicht aus „sexistischen“ gründen). und tatsächlich ist es die grosse leistung postmoderner theorien erkannt zu haben, dass die wahrnehmung (in diesem fall von geschlechtseigenschaften) kein „objektiver“ vorgang ist, sondern ein „intersubjektiver“ (also auch vom eigenen interesse und der eigenen sichtweise abhängt). allerdings ist es nicht ganz so einfach, wie es die dekonstruktivisten gern hätten. neben sozialen zuschreibungen gibt es eben auch eigenschaften, die tatsächlich durch die (unterschiedliche) biologie begründet sind (was schwer auseinanderzuhalten ist). nur, wie gesagt, dass problem ist nicht per se die geschlechterdifferenz, sondern die gestaltung der sozialen verhältnisse so, dass möglichst wenig herrschaftshierachien entstehen können. und dies ist unter spätkapitalistischen (produktivkraft-)bedingungen möglich, im neandertal war es das sehr wahrscheinlich nicht.

    „selbst die kühnste Revolution könnte ebensowenig wie das ‚allmächtige’ britische Parlament die Frau in einen Mann umwandeln oder, besser gesagt, die Last der Schwangerschaft, des Gebärens, des Stillens und der Kindererziehung zu gleichen Teilen zwischen beiden aufteilen“ zitiert DGS trotzki. ich kannte dieses zitat bislang nicht, aber danke dafür. und seine kritik:
    „Aber dem Genossen Trotzki SOLLTE negativ angerechnet werden – denn ebendies ist NICHT Biologie, sondern Biologismus! –, daß er vom Gebären auf die Kindererziehung schloß.“
    ok, diesen schuh muss sich der chauvinist trotzki anziehen. vom gebären auf die kindererziehung zu schliessen ist natürlich übelster sexismus. aber auch für diese totsünde gibt es eine biologische basis. die mutter-kind-bindung entsteht nämlich schon VOR der geburt, im mutterleib (eine erfahrung, die männer nicht haben KÖNNEN); von daher ist die engere zuordnung von geburt auf kinderererziehung als die zuordnung von zeugung auf kindererziehung (der zusammenhang von zeugung und geburt dürfte in den urgesellschaften nicht sofort erkannt worden sein) nicht NUR eine willkürliche soziale zuordnung (als ausdruck eines asymmetrischen verhältnisses), sondern eben AUCH ausdruck der (biologischen) geschlechterdifferenz. richtig ist es aber, auch da für gesellschaftliche verhältnisse einzutreten, die die sorge für die kindererziehung BEIDEN geschlechtern übeträgt. in der frühkindlichen phase wird aber sicherlich die mutterbindung in der psychologischen bedeutung überwiegen (worauf männer durchaus mit eifersucht reagieren können). und in dem zusammenhang denke ich auch, dass das stillen für diese mutter-kind-bindung besser ist als die milchflasche von Nestle.

    um ein fazit zu ziehen:
    ich denke, wenn sich die weltgeschichte an die vorstellungen von DGS gehalten hätte, wäre die menschheit ausgestorben. die leute in den urhorden hätte nicht vögeln können, weils noch keine chromosomenanalyse gab; es hätte also keinen nachwuchs gegeben. und die anhänger der subkulturellen szenen würden verhungern, weil sie keine brötchen kaufen dürfen, solange sie nicht die marxsche waren- und wertanalyse verstanden haben. natürlich ist es richtig, die alltagserfahrung auf den wissenschaftlichen prüfstand zu stellen. aber das verhalten grosser Massen wird von ganz anderen faktoren bestimmt: sie verlassen sich auf ihre instinkte, gefühle, leidenschaften und triebe. natürlich mögen sie dabei das eine andere klischee reproduzieren, aber mir ist es lieber, dass es noch das unentdeckte, das geheimnisvolle, das romantische, das erotische und die ekstasen gibt, die von der geschlechterdifferenz hervorgerufen werden, als in einer gesellschaft aufzuwachen, die von dekonstruktivistischen tugendwächtern gestaltet wird (die gefahr ist allerdings äusserst gering).
    ich finde es völlig ok, wenn männer unterhosen tragen und frauen slips oder dessous, weil diese sprachbezeichnungen eben was mit der sexualität (oder sexuellen fantasien) zu tun haben. für leute, die in ihrer geschlechtlichen identität nicht festgelegt sind oder asexuell sind, mag das ohne bedeutung sein, und sie haben das absolute recht auf IHRE lebensweise. aber sie sollten den restlichen 99,5% nicht vorschreiben wollen, wie SIE zu leben haben.

  5. Lieber Gen. systemcrash,

    wenn Du schreibst,

    für leute, die in ihrer geschlechtlichen identität nicht festgelegt sind oder asexuell sind, mag das [d.h.: welche Art von Unterwäsche Leute tragen] ohne bedeutung sein, und sie haben das absolute recht auf IHRE lebensweise. aber sie sollten den restlichen 99,5% nicht vorschreiben wollen, wie SIE zu leben haben.,

    dann bist Du auf dem – besten oder schlechsten 😉 – Weg ein weiterer Berliner Queerfeminist zu werden – denn der Berliner queerfeministischen Szene ist nichts mehr zu wider als Leuten ‚Vorschriften‘ zu machen – auch wenn sie herrschende Geschlechterstereotypen noch sehr reproduzieren.

    Genau gegen diese „‚Vorschriften‘-Phobie“ richtet sich aber – als RevolutionärIn statt möchte-gern-linksradikale_r de facto>-Neoliberale_r – meine Kritik am Berliner „Queerfeminismus“.

    Ich werde morgen bei meinem Vortrag – falls dann nicht schon, die mir von den VeranstalterInnen zugebilligte Zeit vorbei ist – u.a. ausführen:

    „Es wird nicht mehr – wie es für grundlegende Gesellschaftsveränderung notwendig wäre – in erster Linie über Herrschaftsverhältnisse, nicht mehr in erster Linie über gesellschaftliche Strukturen und wie Individuen darin positioniert sind, sondern in erster Linie über Individuen und deren Befindlichkeiten geredet. Wenn ich mir jetzt doch noch einen [… weiteren] Satz genehmige, dann würde ich noch als zwei Beispiele nennen: 1. die Art und Weise – nämlich theoretisch-dünnbrett-bohrerische Art und für den revolutionären Feminismus politisch zerstörerische Weise –, in der meine werten Trans-Schwestern die – weitgehend bedingungslose – Öffnung von FrauenLesben-Räumen/Strukturen für Trans-Weiblichkeiten – und im schließlichen Ergebnis dann auch – für Männer erzwungen haben und 2. […]. – An verschiedenen Stellen [… des zweiten Beispiels] ist mir – das ist jetzt leider schon der fünfte Satz über dem mir gesetzten Zeit-Limit – noch mal richtig deutlich geworden, wie sich in Berlin im Namen von ‚Queer‘ (aber m.E. auch unter dem massiven Einfluß des neoliberalen mainstream’s auf die möchte-gern-linksradikale Szene) die Maßstäbe von Ausrichtung des individuellen Verhaltens an politisch-theoretischen Einsichten von Ende der 1980er Jahre bis heute in Richtung Zurechtmodeln des politischen Redens und Denkens nach dem je individuellen Befindlichkeits-Gusto verschoben haben.“

    (*) Link zur Veranstaltungs-Ankündigung:

    http://www.perspektive.nostate.net/475

    • Es gibt jetzt einen Mitschnitt meines – in meinem Kommentar vom
      9. März um 10:54 nachmittags erwähnten – Vortrages vom 10. März zum Verhältnis von Marxismus und Feminismus online:

      http://perspektive.nostate.net/480

      Eine schriftliche Fassung mit den obiligatorischen Fußnoten usw. wird es auch demnächst geben.

  6. ich möchte noch hinzufügen, dass die biologische defintion von geschlecht nur nach genitalien und chromosomen viel zu eng ist, aber als „biologischer kern“ könnte man es gelten lassen.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Menschliche_Geschlechtsunterschiede

    aber auch beim anatomischen dimorphismus würde ich nicht ausschliessen wollen, dass da auch die kulturelle evolution mit reingespielt hat. im einzelnen zu trennen, was biologie hie und kultur da ist, dürfte nahezu ein ding der unmöglichkeit sein, da es hoffnungslos ineinander verwoben ist. schon aus diesem methodischen grund ist der ganze ansatz des dekonstruktivismus irrig, auch wenn man ihm zugute halten muss, dass er die diskussion um „geschlechterrollen“ mächtig vorangetrieben hat. letzlich ist aber, wie schon mehrfach betont, nicht die (biologisch-kulturelle) tatsache der geschlechterdifferenz das problem (einschliesslich aller zwischenformen), sondern dass daraus ein herrschaftsverhältnis erwächst. wie dies zu überwinden ist, sollte der eigentliche gegenstand der diskussion sein und nicht, ob männer lieber fussball gucken und bier trinken und frauen lieber mit ihren freundinnen kaffee trinken und reden. denn dies sind nur symptome eines darunterliegenden viel tieferen problemkomplexes.

  7. DGS hat noch mal die frage der arbeitsteilung vertieft

    http://www.linkezeitung.de/index.php/debatte/beitraege/3105-ist-eine-nicht-hierarchische-arbeitsteilung-moeglich#mainmenu

    ich bin gerne bereit, darauf zu antworten, ich habe aber das gefühl, dass wir ein bisschen einander vorbeischreiben. das liegt natürlich daran, dass keiner auf seine weltanschauung so gerne verzichtet 😉
    aber es hilft nichts: ich habe den sauren apfel aufgegriffen, jetzt sollten wir uns auch bis zum kerngehäuse durchbeissen.

    DGS schreibt:

    „Oder anders gesagt: Ich hatte kri­tisiert, daß der Marx­is­mus die geschlecht­shier­ar­chis­che Arbeit­steilung nat­u­ral­isiert (indem er vom Gebären auf’s Kinder erziehen, Kochen, Nähen, Weben usw. schließt [11]). Dage­gen ist sys­tem­crashs Hin­weis, daß es auch nicht-​hierarchische For­men von Arbeit­steilung geben kann, gar kein Ein­wand – son­dern glatt an meinem Argu­ment vorbeigeschrieben.“

    mein hinweis auf ein nichthierachisches geschlechterverhältnis war aber gar kein einwand gegen die „naturalisierung[sthese]“ (die [naturalisierung] kritisiere ich auch), sondern eine kritik am (starken) dekonstruktivismus, der alles zu einer „sozialen konstruktion“ macht. und also die existenz von „naturkonstanten“ im menschlichen (sozial)leben verleugnet. so eine naturkonstante ist eben auch das geschlecht. aber man muss gleich eine einschränkung hinterherschieben: das geschlecht (mit der sexualität als kern) ist die SCHNITTSTELLE zwischen dem biologischen und dem sozialen; und von daher ist es konstant und wandelbar ZUGLEICH. auch der hinweis darauf, dass es zeugungsunfähige männer und nicht gebärfähige frauen gibt, ändert nichts daran, dass die biologische funktion der zweigeschlechtlichkeit die fortpflanzung ist. niemand betreitet ja, dass die „definition“ von männern und frauen nicht rein biologisch ist, aber die biologie ist die basis und die kultur der überbau (um diese vulgärmarxistische analogie zu verwenden). aber natürlich kann ein nicht zeugungsfähiger mann und eine nicht gebärfähige frau
    sich vollkommen als „mann“ oder „frau“ fühlen (das gleiche recht haben natürlich auch transgender) . das ist ja eine der bemerkenswerten eigenschaften der menschlichen psyche, dass sie eine enorme elastizität und anpassungsfähigkeit ermöglicht. („gattungswesen“ und individuelle ausprägungen sind ohnehin zwangsläufig unterschiedlich)

    weiter DGS:

    „Aber was heißt „musste“?! – Es gibt auch Gründe, warum auf den Zusam­men­bruch des Römis­chen Kaiser­re­iches nicht sogle­ich der Kom­mu­nis­mus fol­gte (und bis heute immer noch nicht gefolgt ist), son­dern erst ein­mal die feu­dale und kap­i­tal­is­tis­che Pro­duk­tion­sweise herrschend wur­den und die ‚real-​sozialistischen’ Gesellschafts­for­ma­tio­nen mit ziem­lich vie­len und ungelösten Prob­lem und Fehlentschei­dun­gen zu kämpfen hat­ten. – Aber deshalb ist die bish­erige Nicht-​Existenz einer kom­mu­nis­tis­chen Welt­ge­sellschaft keine ‚biol­o­gis­che Notwendigkeit’!“

    völlig richtig! aber dies ist eben auch eine „rein“ soziale“ frage, während die geschlechtliche arbeitsteilung sowohl einen biologischen ALS auch einen sozialen aspekt hat.

    „Und es mag sein, daß eine bes­timmte (auch geschlechtliche!) Arbeit­steilung auf bes­timmte natür­liche Umstände reagiert, aber dies ändert nichts daran, daß es eine – wie bewußt oder wie plan­los sie auch immer erfol­gte – gesellschaftliche Antwort ist, die mit diesen und jenen Vor– und Nachteilen ver­bun­den ist, und die prinzip­iell auch anders (mit einer anderen Mis­chung von Vor– und Nachteilen) getrof­fen wer­den kann.“

    genau das würde ich bestreiten! unter den bedingungen der urgesellschaft oder der frühen klassengesellschaft wäre kein anderes geschlechterarrangement (das tatsächlich „urwüchsig“ entstand) möglich gewesen, weil dafür der stand der produktivkräfte nicht ausgereicht hätte. wenn es nicht so wäre, dann müsste man männer als schweine als frauen als schafe ansehen, die so doof waren sich 5000 jahre lang von männern unterdrücken zu lassen. aber so war es eben nicht. das „patriarchat“ war ein historischer zwang, der heute prinzipiell überwindbar wäre. (übrigens: patriarchat heisst nicht unbedingt männliche privilegien, es heisst auch: männer beim sterben zuerst vortreten. dass es bei schiffsunglücken heute noch heisst „frauen und kinder zuerst [retten]“ ist ein echo der uralten stammesgesellschaft, da frauen mehr in die reproduktion „investieren“ müssen – schon rein körperlich eben)

    „Welche ‚gesellschaftlichen Reak­tio­nen’ sich zu einem bes­timmten his­torischen Zeit­punkt durch­set­zen, hängt vom jew­eili­gen Stand der gesellschaftlichen Erken­nt­nis­pro­duk­tion sowie dem Stand der poli­tis­chen, ökonomis­chen, ide­ol­o­gis­chen, mil­itärischen usw. Kämpfe (also vom jew­eili­gen gesellschaftlichen Kräftev­er­hält­nis) ab. – Das sollte Marx­istIn­nen nicht unbekannt sein; und es gilt für das Geschlechter­ver­hält­nis genauso, wie für die Klassenverhältnisse.“

    das kräfteverhältnis ist das EINE, das ANDERE ist der stand der produktivkraftentwicklung. HEUTE wäre eine geschlechtsegalitäre arbeitsteilung prinzipiell möglich (die kulturellen und psychischen widerstände dagegen wären allerdings gewaltig, da technische und kulturelle evolution nie parallel sind); in der höhle der sippe Feuerstein im Neandertal wäre es nicht möglich gewesen. aber als marxisten sehen wir die geschichte nicht moralisch, sondern halten uns da eher an Spinoza:

    „Man soll die Welt nicht belachen, nicht beweinen, sondern begreifen.“

  8. DGS ist im moment extrem schreibproduktiv. ich kann gar nicht so schnell lesen, wie er schreibt. sowohl in seinem blog http://theoriealspraxis.blogsport.de/2015/03/14/mein-entscheidender-kritikpunkt-an-allen-soften-oder-harten-nebenwiderspruchs-theorien-in-bezug-auf-das-verhaeltnis-von-patriarchat-und-kapitalismus/
    als auch bei trend http://www.trend.infopartisan.net/trd0315/t300315.html
    entwickelt er den gedanken, dass „geschlechterkampf“ und „antikapitalismus“ durchaus als getrennt angesehen werden können. schon seinerzeit im NAO prozess vertrat er die position, dass gender, race und class unterschiedliche politikfelder sind.

    um ehrlich zu sein, dieses thema ist für mich gar nicht mal so brennend. angesichts des zustands der „radikalen linken“ ist es völlig wurscht, ob alle kämpfe „zusammenhängen“ oder spezifische sphären sind; denn solange sie „realpolitisch“ nicht die geringsten gestaltungsmöglichkeiten haben, sind es eh scholistische debatten, die die meisten wahrscheinlich sogar abstossend finden. ohne jetzt dem populismus die geringsten konzessionen machen zu wollen, aber bis zu einem gewissen grad könnte ich solche reaktionen sogar verstehen.
    grundsätzlich würde ich DGS sogar in dieser frage entgegenkommen. in meinem ersten kommentar zum buch „die wilden früchte der frau (Claude Meillassoux)“ schrieb ich:

    „der kampf für die volle rechtliche gleichstellung ist kein revolutionärer, aber er würde zumindest dem anspruch der bürgerlichen gesellschaft nach de jure-gleichheit entsprechen. aber selbst ein kapitalismus der vollen rechtlichen gleichstellung und der vollbeschäftigung (die nur in historischen ausnahmesituationen möglich wäre) wäre immer noch eine gesellschaft, die auf der beherrschung der einen klasse durch die andere beruht.
    in einem zweiten schritt müsste dann die frage gestellt werden, wie man von der de jure-gleichheit zur de facto-gleichheit gelangt. das wäre dann zwar ein “etappenmodell” zur revolution, aber angesichts der bisherigen historischen erfahrungen mit revolutionären politiken ein gedanke, der einer gewissen berechtigung nicht entbehrt.“

    letztlich werden diese fragen sich aber lichten, wenn es tatsächlich zu einer emanzipatorischen bewegung mit „massencharakter“ kommen wird. (wofür in der BRD keine anzeichen vorhanden sind). dann wird es sich praktisch erweisen, ob „feministInnen“ an der schranke des privateigentums an produktionsmitteln halt machen oder nicht. solange dies aber nicht stattfindet, kann man gerne über (klassenübergreifende) bündnisse mit „frauenrechtlerInnen“ fabulieren, de facto wird aber auch dies nichts am zustand der marginalisierung ALLER (vom anspruch her) emanzipatorischen strömungen ändern.

    noch ein letztes wort zur quotierung:
    ich bin grundsätzlich GEGEN quotierung. wenn DGS wirklich glaubt, dass es möglich wäre, im kapitalismus eine 50:50 quote für lohnarbeitsplätze zu realisieren (falls man das für wünschenswert hält, was ich nicht tue), dann ist er ein schlimmerer reformist als LINKE, DKP und alle trotzko-zentristen zusammen. 😉

    „…ich teile zwar nicht den Optimismus (S. 10) von Marx und Engels im Kommunistischen Manifest, daß der Kapitalismus den Frauen den Kampf gegen das Patriarchat abnimmt, aber ich würde sehr wohl sagen, daß der Kapitalismus dazubeigetragen hat und weiterhin dazu beiträgt, das Patriarchat – jedenfalls auf juristischer und kultureller Ebene – deutlich abzuschwächen.“ — TaP, mein entscheidener kritikpunkt …

    Nachtrag: ich hatte vor einiger zeit eine debatte mit DGS auf der fb-seite von TaP zur frage, ob man als kommunist für eine geschlechtergerechte bundeswehr sein müsste. wie soll man da argumentieren? solange die linken nicht stark genug sind, die sozialen strukturen radikal (an die wurzel gehend) zu ändern, ist ja wohl eine geschlechtergerechte bundeswehr besser als eine patriarchale. die logik ist bestechend! aber ist es aufgabe der „frauenemanzipation“, frauen den gleichen zugang zu militaristischen (und natürlich auch männerbündlerischen) institutionen zu verschaffen? der ([klein-]bürgerliche) feminismus würde dies bejahen, ein marxist (und natürlich auch jede marxistin) würden dies nicht.

    als gegenbeispiel könnte man die Zeca Schall affäre in der CDU heranziehen. natürlich musste man das demokratische recht von Zeca Schall verteidigen, für die CDU zu kandidieren. aber dies war eine rein demokratische frage, die geschlechtergerechte bundeswehr ist aber eine geschlechter- UND klassenfrage, wo tatsächlich die klassenfrage in opposition zum (bürgerlichen) feminismus steht. (ich persönlich würde hier auch noch „differenzfeministisch“ argumentieren wollen und ich bin sicher, dass es auch feministInnen gibt, die sich ihre „befreiung“ — oder auch nur „gleichberechtigung“ — nicht in der bundeswehr wünschen)

    • @ Bundeswehr-Debatte:

      „solange die linken nicht stark genug sind, die sozialen strukturen radikal (an die wurzel gehend) zu ändern, ist ja wohl eine geschlechtergerechte bundeswehr besser als eine patriarchale. die logik ist bestechend! aber ist es aufgabe der “frauenemanzipation”, frauen den gleichen zugang zu militaristischen (und natürlich auch männerbündlerischen) institutionen zu verschaffen? der ([klein-]bürgerliche) feminismus würde dies bejahen, ein marxist (und natürlich auch jede marxistin) würden dies nicht.“

      Ich wiederhole hier in aller Kürze noch mal meine Lenin-Analogie von damals:

      So wie Lenin für die Verteidigung des Rechts auf nationale Lostrennung war, aber nicht unbedingt für dessen Ausübung (sondern vielmehr gegen Kleinstaaterei, nationale Abgrenzung usw.),

      so sollten sich m.E. Feministinnen und MarxistInnen auch für das gleiche Recht von Frauen, Soldatin zu werden aussprechen –

      und unbeschadet davon wäre zu diskutieren, ob im jeweiligen historischen Moment eine – an Männer, Frauen und alle anderen gender gerichtete – Kampagne für den Boykott dieser Armee oder vielmehr für deren Unterwanderung (oder für was auch immer) zu machen ist.

      • ah, so langsam schält sich der kern des methodischen problems heraus. du begehst den fehler, eine rein demokratische frage (recht auf selbstbestimmung) mit einer „vermischten“ frage (klasse UND geschlecht) gleichzusetzen. das liegt natürlich daran, dass für dich die geschlechterdifferenz (möglichst) keine „sozialen“ konsequenzen/determinierungen haben soll. ich hingegen halte den „kleinen unterschied“ für eine sehr gute sache und habe auch kein problem damit, wenn es unterschiedliche männliche und weibliche (wert-)sphären gibt (solange sie nicht hierachisch sind)

        vergleich: https://systemcrash.wordpress.com/2012/12/09/materialzusammenstellung-zur-geschlechter-differenz/

        nachtrag: ich möchte ausdrücklich betonen, dass ich den begriff „hierachie“ hier nur im sinne von „herrschaftshierachien“ verwende. „verwirklichungshierachien“ hingegen sind eine biologische und soziale notwendigkeit, also unabdingbar. hier noch mal das zitat von Riane Eisler (das kann man gar nicht oft genug wiedeholen):

        “der ausdruck “herrschftshierachien”
        bezeichnet hierachien, die sich auf gewalt
        bzw offen oder verdeckt angedrohte gewalt gründen.
        solche hierachien unterscheiden sich grundsätzlich
        von denen, die man beim fortschreiten von von niederen
        zu höheren funktionsniveaus antrifft…
        hierachien dieses typs könnte man als verwirklichungshierachien
        bezeichnen, weil sie die funktion haben, das potential
        des organismus zu vergrössern.
        auf gewalt oder gewaltandrohung basierende menschliche
        hierachien dagegen hemmen nicht nur die persönliche
        kreativität, sondern erzeugen ein soziales system, das die niedrigsten
        menschlichen eigenschaften
        verstärkt und das höhere streben (etwa züge wie mitgefühl
        und einfühlungsvermögen, wahrheits- und gerechtigkeitsliebe)
        systematisch unterdrückt.” (Riane Eisler, zit nach Ken Wilber;
        Eros Kosmos Logos)

        ich stimme auch ausdrücklich DGS zu, wenn er schreibt:

        „Wie weit kann geschlechtliche (oder jede andere) Arbeit­steilung aus­ge­baut wer­den, ohne daß sie in die eine andere Rich­tung zu einer Hier­ar­chisierung wird?

        Rein logisch würde ich sagen: Beliebig weit. Logisch spricht nichts dage­gen, daß es möglich ist, daß Unter­schiede bew­er­tungsneu­tral bestehen.

        Prag­ma­tisch zeigt sich aber, daß Unter­schiede auch bew­ertet wer­den, und daß Unter­schei­dun­gen ger­ade getrof­fen wer­den, um Bew­er­tung vornehmen zu kön­nen – und das gilt ger­ade dann, wenn es [hier müsste es „nicht“ heissen, anm. systemcrash] nur um zufäl­lige Unter­schiede zwis­chen Indi­viduen geht, son­dern um Unter­schiede zwis­chen großen gesellschaftlichen Grup­pen, die fol­glich für die gesellschaftliche Struk­tur rel­e­vant sind. Insofern würde ich Corinna Gen­schel (8) zus­tim­men: In der gesellschaftlichen Praxis dienen „Her­stel­lungsver­fahren von ‚dem Anderen‘ Aus­gren­zungsmech­a­nis­men als Legitimationspraktiken.“

        um es also auf den punkt zu bringen: letztlich ist es also unsere entscheidung (bewusstsein), ob wir in einer gesellschaft (sein) leben wollen, die „unterschiede bewertet“ oder nicht bewertet; unter der voraussetzung, dass die freiheit der wahl auch tatsächlich besteht (produktivkräfte ausreichend). also mit einem wort: alles eine frage der dialektik von sein und bewusstsein! 😉

        „„Die Frage, ob ein matriarchalisches oder
        ein patriarchalisches System besser sei, ist
        schwer zu entscheiden. Tatsächlich halte ich
        in dieser Form die Frage für falsch gestellt.
        Man kann sagen, das matriarchalische System
        betont mehr die natürlichen Bindungen,
        die natürliche Gleichberechtigung und
        die Liebe, und das patriarchalische System
        legt – verglichen mit der alten matriarchalischen
        Kultur – größeren Wert auf die Zivilisation,
        das Denken, den Staat, auf Erfindungen,
        auf die Industrie und alles, was
        dem Fortschritt dient.
        Das Ziel der Menschheit muss es sein,
        keinerlei Hierarchie zu haben, weder eine
        matriarchalische noch eine patriarchalische.
        Wir müssen eine Situation erreichen, in der
        die Geschlechter in ihrer Beziehung zueinander
        nicht den Versuch machen, sich gegenseitig
        zu beherrschen.“ — Erich Fromm file:///C:/Users/internet/Downloads/Tauscher_P_1995.pdf

  9. Kommentar von DGS in der linke zeitung (14.03.2015)

    Lieber Gen. sys­tem­crash,

    wenn Du jetzt 1. schreibst,

    „das geschlecht (mit der sex­u­al­ität als kern) ist die SCHNITTSTELLE zwis­chen dem biol­o­gis­chen und dem sozialen; und von daher ist es kon­stant und wan­del­bar ZUGLE­ICH.“

    dann frage ich mich, ob wir eigentlich eine the­o­retis­che Dif­ferenz haben oder ob wir auss­chließlich die empirische Grenze zwis­chen „natür­liche Umstände“ und „gesellschaftliche[r] Antwort“ (meine For­mulierung) bzw. Biol­o­gis­chem und Sozialem (Deine For­mulierung) etwas anders ziehen.

    2.

    Bedenken habe ich jeden­falls gegen Deine For­mulierung, „dass die biol­o­gis­che funk­tion der zweigeschlechtlichkeit die fortpflanzung ist“. Denn mir scheint mit dem Begriff der „biol­o­gis­che funk­tion“ wird eine Tele­olo­gie in die biol­o­gis­che Fak­tiz­ität hinein­ge­le­sen. Das Hin­le­sen ist dann aber erst eine gesellschaftliche ‚Leis­tung’ der men­schlichen Beobach­terIn­nen – bzw. vielmehr: Pro­jizieren­den –, keine Eigen­schaft der Biolo­gie selbst.

    3.

    „nie­mand betre­itet ja, dass die ‚def­i­n­i­tion’ von män­nern und frauen nicht rein biol­o­gisch ist, aber die biolo­gie ist die basis und die kul­tur der über­bau (um diese vul­gär­marx­is­tis­che analo­gie zu ver­wen­den).“

    Das entschei­dende Argu­ment gegen die Nat­u­ral­isierung der Zwei(!)geschlechtlichkeit – das ist der strit­tige Punkt – lautet allerd­ings, daß auch die gängi­gen biol­o­gis­chen Geschlech­ter­de­f­i­n­i­tio­nen nicht ein­deutig sind bzw. nicht in auss­chließlich zwei Geschlechter aufge­hen: „Es gibt zwar (biol­o­gisch ein­deutige) Män­ner und Frauen, aber es gibt nicht auss­chließlich zwei Geschlechter, was die […] unein­deuti­gen Fälle zeigen.“ (http://​the​o​rieal​spraxis​.blogsport​.de/​2​0​0​9​/​0​8​/​2​3​/​h​e​u​t​e​-​g​e​s​e​h​e​n​-​2​3​8​/ und aus­führlicher: http://​the​o​rieal​spraxis​.blogsport​.de/​2​0​0​9​/​0​8​/​2​6​/​g​i​b​t​-​e​s​-​a​u​s​s​c​h​l​i​e​s​s​l​i​c​h​-​z​w​e​i​-​g​e​s​c​h​l​e​c​h​t​e​r​/).

    Daß die Indi­viduen trotz größer biol­o­gis­cher Vielfalt in nur zwei Geschlechter ein­sortiert wer­den ist, ein gesellschaftlicher Vor­gang; keine biol­o­gis­che Tat­sache. Die Vere­in­heitlichung der Indi­viduen zu gesellschaftlichen Grup­pen, zwis­chen denen ein Herrschafts– und Aus­beu­tungsver­hält­nis besteht – das ist der heikle Punkt.

    4.

    „dies“ – die Abfolge der ver­schiede­nen For­men von Klassege­sellschaft – „ist eben auch eine ‚rein’ soziale frage, während die geschlechtliche arbeit­steilung sowohl einen biol­o­gis­chen ALS auch einen sozialen aspekt hat.“

    „‚Rein’ sozial“ würde ich auch in diesem Fall nicht sagen. Denn auch Klassen benöti­gen – wie Geschlechter – Indi­viduen (mit biol­o­gis­chen Kör­pern!), die als Ange­hörige dieser oder jener Klasse (im anderen Fall: dieses oder jenes Geschlechts) fungieren. Das heißt: Auch die Frage der gen­er­a­tiven Pro­duk­tion und die Frage der Ernährung der Indi­viduen ist nicht nur eine Geschlechter-​, son­dern auch eine Klassen­frage. Auch die Klassen­ver­hält­nisse ste­hen in Beziehung zu ihrer stof­flichen (sei es belebten oder unbelebten) natür­lichen Umge­bung (Frucht­barkeit der Böden, Zugänglichkeit von Wasser und Rohstof­fen, kli­ma­tis­che Bedin­gun­gen usw.).

    Auch im Falle der Klassen­ver­hält­nisse gibt es – ebenso wie im Falle der Geschlechter­ver­hält­nisse – biol­o­gis­che Tat­sachen und gesellschaftliche Reaktionen/​Antworten darauf.

    5.

    „unter den bedin­gun­gen der urge­sellschaft oder der frühen klas­sen­ge­sellschaft wäre kein anderes geschlechter­arrange­ment (das tat­säch­lich ‚urwüch­sig’ ent­stand) möglich gewe­sen, weil dafür der stand der pro­duk­tivkräfte nicht aus­gere­icht hätte.“

    Das mag sein, aber der Stand der Pro­duk­tivkräfte ist ein gesellschaftliches, kein biol­o­gis­ches Phänomen.

    Und davon abge­se­hen: In den frühen Gesellschaften kam es ja ger­ade zum Wech­sel von matri­lin­earen (vielle­icht: matri­ar­chalen) Gesellschafts­for­men hin zu patrilinear-​patriarchalen Gesellschafts­for­men. Das beweist, daß es auch damals hin­sichtlich des Geschlechter­ver­hält­nisses eine Flex­i­bil­ität in der gesellschaftlichen Antwort auf die biol­o­gis­chen Umstände gab.

    6.

    „das ‚patri­ar­chat’ war ein his­torischer zwang“

    Ja, vielle­icht ein damals unüber­wind­barer Zwang, aber eben ein his­torischer Zwang (= Zuständigkeits­bere­ich des His­torischen Mate­ri­al­is­mus, nicht der Biolo­gie).

    7.

    „übri­gens: patri­ar­chat heisst nicht unbe­d­ingt männliche priv­i­legien, es heisst auch: män­ner beim ster­ben zuerst vortreten. dass es bei schiff­sunglücken heute noch heisst ‚frauen und kinder zuerst’ ist ein echo der ural­ten stammes­ge­sellschaft, da frauen mehr in die repro­duk­tion ‚investieren’ müssen – schon rein kör­per­lich eben“

    Ja, das Patri­ar­chat bein­hal­tet auch für Män­ner einige Beschw­ernisse (z.B., um den Mythos weib­licher Schwäche und männlicher Stärke aufrechtzuer­hal­ten). Aber auch das ist keine Beson­der­heit des Geschlechter­ver­hält­nisses. Auch als Kap­i­tal­istIn im Konkur­ren­zkampf mit anderen Kap­i­tal­istIn­nen beste­hen zu müssen, ist kein rein Zuck­er­schlecken; kann Streß bedeuten; kann hohe Arbeit­szeiten bedeuten; kann sogar im Bankrott enden.

    Trotz­dem ist die Klassen– und Geschlechter­ver­rat­squote auf Seiten der herrschen­den Klassen und des herrschen­den Geschlechts ver­dammt gering.

    • im grossen und ganzen habe ich nichts auszusetzen. der text ist jedenfalls deutlich differenzierter als so mancher vulgärdekonstruktivismus. 🙂
      ich habe nur zwei anmerkungen.

      1)
      „Bedenken habe ich jeden­falls gegen Deine For­mulierung, „dass die biol­o­gis­che funk­tion der zweigeschlechtlichkeit die fortpflanzung ist“. Denn mir scheint mit dem Begriff der „biol­o­gis­che funk­tion“ wird eine Tele­olo­gie in die biol­o­gis­che Fak­tiz­ität hinein­ge­le­sen. Das Hin­le­sen ist dann aber erst eine gesellschaftliche ‚Leis­tung’ der men­schlichen Beobach­terIn­nen – bzw. vielmehr: Pro­jizieren­den –, keine Eigen­schaft der Biolo­gie selbst.“

      ich muss das erst mal sacken lassen: „biologische funktion“ ist eine (menschliche) teleologie! teufel noch mal, das sind philosophische feinheiten. also, wenn rehbock und ricke kopulieren und heraus kommen rehkitze, dann ist die biologische fortpflanzungsfunktion „eine gesellschaftliche ‚Leis­tung’ der men­schlichen Beobach­terIn­nen – bzw. vielmehr: Pro­jizieren­den –, keine Eigen­schaft der Biolo­gie selbst.“

      ich werde das nicht weiter kommentieren und kann an dieser stelle nur meine beruhigung darüber ausdrücken, dass der „dekonstruktivistische feminismus“ niemals, was den politischen nicht-einfluss betrifft, über gewisse akademische kreise hinausgelangen wird. 😉

      2)
      „Und davon abge­se­hen: In den frühen Gesellschaften kam es ja ger­ade zum Wech­sel von matri­lin­earen (vielle­icht: matri­ar­chalen) Gesellschafts­for­men hin zu patrilinear-​patriarchalen Gesellschafts­for­men. Das beweist, daß es auch damals hin­sichtlich des Geschlechter­ver­hält­nisses eine Flex­i­bil­ität in der gesellschaftlichen Antwort auf die biol­o­gis­chen Umstände gab.“

      erstens war dieser wechsel sehr viel später ***(also im übergang zur antike) und zweitens gab es nie ein „matriarchat“. es gab zwar matrilineare gesellschaften (und gibt es noch heute, wenn auch selten), aber der grund dafür hatte nichts mit „frauenemanzipation“ (im heutigen sinne) zu tun. der grund war ein anderer: ganz zu anfang war der einfluss der männlichen zeugung auf die entstehung von nachwuchs nicht erkannt. und als er erkannt wurde, war eben trotzdem der weibliche anteil (biologisch!) an der entstehung des nachwuchses grösser. so dass sich die vererbungslinie über die weibliche verwandschaft definierte. auch die religiösen formen galten der „muttergottheit“ und die natur („mutter erde“) wurde als „weiblich“ konnotiert“, weil eben frauen „leben spendeten“+ (was männer nicht können). das heisst aber nicht, dass frauen das „herrschende geschlecht“ waren; ja, im prinzip lassen sich allein daraus nicht mal rückschlüsse auf den sozialen status der frauen ziehen**. man kann aber davon ausgehen, dass es eine grössere geschlechter-egalität gab als in patriarchalen gesellschaften. allerdings gab es wohl auch (männliche) menschenopfer.

      mit der entwicklung des ackerbaus und der viehzucht bekam der männliche anteil an der gesellschaftlichen (re)produktion ein grösseres gewicht. und so wuchs in den männern das bedürfnis, auch ihren erwirtschafteten besitz an ihre kinder zu vererben. dazu musste es natürlich zu einer gesellschaftlichen umdeutung des „geschlechterverhältnisses“ kommen. während vorher die (biologisch) lebensspendende kraft der frauen „dominant“ war, mussten jetzt die (sozialen) „kopfgeburten“ der männer ausschlaggebend sein. dazu war es erforderlich, ein rechtssystem zu installieren, dass sich nicht mehr an den (weiblichen) „blutsbanden“ orientierte, sondern einen übergeordneten (sozialen) standpunkt einnahm, der den männern einen (immer grösser werdenden) zugriff ermöglichte. im prinzip könnte man sagen, dass mit der entstehung des patriarchats auch die idee des (freien) rechtssubjekts in die welt trat, auch wenn sie anfangs freilich auf „freie (sprich: adelige) männer beschränkt war. [in der literatur wird dieser übergang wohl in der „Orestie“ von Aischylos* dargestellt, aber das müsste ich erst genauer nachlesen]

      der wandel von der Matrilinearität zum patriarchat betraf also nicht im eigentlichen sinne das „geschlechterverhältnis“ (in der antike wurde sicher nicht anders gevögelt als in den urhorden; es gab keine „flexibilität“ in der gestaltung der sozialen antworten auf biologische gegebenheiten. ansonsten könnten wir den gedanken an „historische gesetze“ aufgeben und eine jederzeitige freie machbarkeit postulieren. das wäre dann aber kein „historischer materialismus“ mehr, sondern idealistischer voluntarismus – und eine portion „neoliberalismus“ steckt auch noch mitdrin 😉 ), sondern im prinzip könnte man sagen, dass das patriarchat eine emanzipation (der männer) aus der „naturwüchsigkeit“ war++. dass es dabei zu einer „unterordnung“ der frau kam, war dem geringen stand der produktivkraftentwicklung geschuldet und vielleicht konnten die männer bei zunehmendem Machtgewinn nicht mehr „halt“ machen (gier ist ja uns allen bekannt), so dass das pendel der geschichte zu weit in EINE richtung ausschlug. inwieweit das pendel wieder [besser wohl: zum ersten mal] zu seiner „Mitte“ zurückfindet, hängt wohl zu einem guten teil von uns heutigen ab. 🙂


      * „Eine seiner [Bachhofen, Das Mutterrecht] größten Leistungen ist die Erklärung der Orestie des griechischen Dramatikers Aischylos. Orest hat seine Mutter Klytämnestra getötet, um seinen Vater zu rächen: Agamemnon, den König von Argos. Der hatte bei der Ausfahrt nach Troja seine Tochter Iphigenie geopfert, um die Göttin Artemis zu besänftigen, die den Zug verhindern wollte. Als er von Troja zurückkam, wurde er deshalb von Klytämnestra umgebracht. Wegen der Tötung seiner Mutter wird Orest von den Erinnyen verfolgt, den Rachegöttinnen, die ihn vor dem Areopag anklagen. Der tagt unter dem Vorsitz der Athene. Apoll verteidigt Orest und erreicht, dass der Angeklagte freigesprochen wird – mit der Stimme Athenes, die bei Stimmengleichheit den Ausschlag gibt.

      Athenes Votum bedeutet in Bachofens Interpretation den Sieg des neuen Vaterrechts über das alte Mutterrecht. Denn Athene war nicht durch eine Frau geboren worden, sondern dem Kopf ihres Vaters Zeus entsprungen. Deshalb singt der Chor der Erinnyen in der Tragödie des Aischylos: »Oh neue Götter, altes Gesetz und uraltes Recht. Ihr reißt sie nieder, reißt sie fort aus meiner Hand.« Die neuen Götter, das sind Apoll und Athene. Und das alte Recht ist das Mutterrecht. Bachofens Deutung ist richtig. Das hatte vor ihm noch niemand gesehen.“
      http://www.zeit.de/2011/19/Muttertag/seite-2 [Uwe Wesel]

      ** „Das [Matrilinearität und Matrilokalität] gab es übrigens auch bei den Irokesen. Über sie sagte der amerikanische Ethnologe George Murdock, von allen Völkern seien sie der Idee vom Matriarchat am nächsten gekommen. Was daran lag, dass die Herren Irokesen nur selten zu Hause saßen. Meist waren sie auf der Jagd, beim Verkauf von Fellen oder mal wieder im Krieg irgendwo in ihrem riesigen Siedlungsgebiet. Die Macht der Frauen entstand durch die Abwesenheit ihrer Männer. Das gab es anderswo nicht. Trotzdem durften die Kerle sie wegen Ehebruchs verprügeln.“ — ebenda [siehe auch: https://systemcrash.wordpress.com/2013/11/30/auf-den-spuren-der-irokesen/ ]

      ***“Einlinige Verwandtschaft, matrilinear oder patrilinear, entstand erst mit der Sesshaftigkeit der Jungsteinzeit um 10.000 v. Chr. durch Ackerbau und Viehzucht.“ — ebenda

      + der vollständigkeit halber muss ich erwähnen, dass das weibliche zwar mit dem „leben“ (geburt) konnotiert ist, als symbol ist es aber ambivalent, d. h. das weibliche kann auch für den „tod“ stehen. Macht leben zu schenken bedeutet unbewusst wahrscheinlich auch, (die Angst) es potentiell nehmen zu können. diesen aspekt kann ich aber leider nicht weiter ausführen; es würde zu sehr den thematischen rahmen sprengen, der ohnehin riesig genug ist.

      ++ „Bachofen hat gezeigt, daß der Unterschied zwischen der patriarchalischen und der matriarchalischen Ordnung weit über die soziale Vorherrschaft der Männer, beziehungsweise der Frauen hinausging, daß sie sich sowohl auf die gesellschaftlichen als auch auf die moralischen Grundsätze bezog. Die matriarchalische Kultur ist dadurch gekennzeichnet, daß der Nachdruck auf den Banden des Blutes, der Bindung an den Boden und auf der passiven Hinnahme aller Naturgegebenheiten liegt. Dagegen ist die patriarchalische Gesellschaft gekennzeichnet durch die Achtung vor dem vom Menschen geschaffenen Gesetz, durch ein vorwiegend rationales Denken und durch das Bestreben, die natürlichen Gegebenheiten zu verändern. In bezug auf diese Grundsätze ist die patriarchalische Kultur ein entschiedener Fortschritt gegenüber der matriarchalischen Welt.“ — Erich Fromm http://de.scribd.com/doc/203442658/ERICH-FROMM-MARCHEN-MYTHEN-TRAUME#scribd

  10. DGS hat noch mal kurz seinen linke zeitung artikel kommentiert und einen weiteren artikel in scharf links veröffentlicht. http://www.scharf-links.de/51.0.html?&tx_ttnews%5Btt_news%5D=50519&tx_ttnews%5BbackPid%5D=56&cHash=3d8ddc159c

    beides sind sachen, wo ich eigentlich kein grosses bedürfnis mehr habe, drauf zu antworten. ich habe keinen wirklichen dissens dazu. höchstens sprachlich. zusammenfassend kann man sagen, dass DGS das geschlechtliche stärker mit herrschaft[shierachien] verbindet, während ich es als (positive) strukturierende naturkonstante ansehe (die mit einem bein dem wandel unterliegt und mit dem anderen eine unwandelbare [ausserhistorische] grösse ist). die grundlage dieses unterschieds ist eine philosophische, die auch schon in den seinerzeitigen debatten zum NAO prozess zum tragen kam. dies muss im rahmen dieses themas nicht noch mal aufgerollt werden. und da werden wir auch nie zusammenkommen. ^^

    nur eine bemerkung kann ich mir nicht verkneifen.

    DG schreibt:

    „Aber eine men­schliche Leis­tung ist, der Natur eine funk­tion­al­is­tis­che Logik zu unter­stellen. Men­schen haben Bewußt­sein und Willen, aber „die Natur“ hat weder das Eine noch das Andere.
    Und weil „die Natur“ weder Willen noch Bewußt­sein hat, wäre es falsch zu sagen, es gibt Rehböcke und Ricken, weil Rehk­itze pro­duziert wer­den sollen.“

    tja, hier sind wir also bei der „gottesfrage“ gelandet! 😉 hat die evolution einen „sinn“, der (auch) AUSSERHALB des menschlichen bewusstseins liegt oder nicht. ich sage ganz klar: ich glaube fest daran, dass es so ist. aber es ist nicht „beweisbar“; jedenfalls nicht so beweisbar, wie z B die schwerkraft beweisbar ist. aber ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass das weltall mit myriaden galaxien entstanden ist, damit der homo sapiens auf dem planeten erde ihren „sinn“ oder „nichtsinn“ (willkürlich) definiert. es wäre erstens eine riesenplatzverschwendung und es sprechen auch viele alltagserfahrungen dagegen: die hartnäckigkeit, mit der der mensch am leben hängt, trotz widrigster umstände. und wie er langsam — aber sicher — immer mehr die natur versteht und „beherrscht“ und sich dadurch stück für stück mehr freiheit erkämpft. diese leistung — ja allein das pure überleben der gattung mensch — wäre nicht möglich gewesen, wenn der mensch nur aus „sich allein“ schöpfen würde oder müsste; wenn er nicht ein „ziel“ verfolgen würde, das ihn mit unwiderstehlicher kraft immer wieder drängt, über sich selbst hinauszuwachsen. ich persönlich glaube, dass dieses „ziel“ der wunsch der seele ist, zu seinem ursprung zurückzukehren und ([trans-]bewusster) teil des ganzen zu werden bevor der tod alles beendet – oder neu beginnen lässt. ich weiss, dass ich mich damit ausserhalb jeglicher „materialistischer“ diskussion befinde, aber ehrlich gesagt — es ist mir scheissegal 😉

    und es stimmt auch rein empirisch nicht, was DG schreibt. rehe (als natur-immanent) haben sehr wohl bewusstsein (jeder biologe würde ihm das bestätigen*), aber das ist gar nicht der entscheidene aspekt. der mensch ist selbst ein naturwesen**, und sein bewusstsein (und das gehirn als materielle struktur) ist ein PRODUKT DER NATÜRLICHEN EVOLUTION. wie konnte die natur ein wesen mit selbstreflexivem bewusstsein hervorbringen, wenn sie selbst „weder willen noch bewusstsein hat“?
    darauf gibt es zwei prinzipielle antworten:
    1) zufall
    2) hinter der evolution steckt noch „mehr“

    jede/r mag selbst entscheiden, welche antwort er/sie überzeugender findet. ich halte die zweite für besser – aber auch für weit gefährlicher 😉

    * http://dasgehirn.info/denken/bewusstsein/tierisch-bewusst-6082/

    ** der begriff „naturwesen“ hat viel tiefere philosophische implikationen, als ich hier auch nur annähernd darstellen kann. in aller kürze sei nur gesagt: so wie der mensch ein produkt der natürlichen evolution ist, steht er ihr bis zu einem gewissen grad auch gegenüber. denn er muss sich die natur (auch) erst aneignen; und dies ist ein gesellschaftlich vermittelter prozess (arbeit). der mensch ist also das einzige naturwesen, das von der natur (einschliesslich seiner eigenen) auch entfremdet sein kann. der mensch ist also teil der natur und gleichzeitig transzendiert er sie (muss sie transzendieren); und indem er sie transzendiert, entfaltet er sein eigenes (individuelles) wesen***. letztes ziel der geschichtlichen entwicklung wäre es dann nach Marx, mensch und natur miteinander zu versöhnen (und zwar nicht „wieder“ [„rückkehr“] zu versöhnen — das ist romantik oder prä/trans-verwechslung– sondern zum ersten mal in der geschichte).

    „Der Kommunismus als positive Aufhebung des Privateigentums als menschlicher Selbstentfremdung und darum als wirkliche Aneignung des menschlichen Wesens durch und für den Menschen; darum als vollständige, bewusst und innerhalb des ganzen Reichtums der bisherigen Entwicklung gewordne Rückkehr des Menschen für sich als eines gesellschaftlichen, d. h. menschlichen Menschen. Dieser Kommunismus ist als vollendeter Naturalismus Humanismus, als vollendeter Humanismus Naturalismus, er ist die wahrhafte Auflösung des Widerstreites zwischen dem Menschen mit der Natur und mit dem Menschen, die wahre Auflosung des Streits zwischen Existenz und Wesen, zwischen Vergegenständlichung und Selbstbestätigung, zwischen Freiheit und Notwendigkeit, zwischen Individuum und Gattung. Er ist das aufgelöste Rätsel der Geschichte und weiss sich als diese Lösung.“ — ökonomisch-philosophische manuskripte

    *** „Setze den Menschen als Menschen und sein Verhältnis zur Welt als ein menschliches voraus, so kannst du Liebe nur gegen Liebe austauschen, Vertrauen nur gegen Vertrauen etc. Wenn du die Kunst geniessen willst, muusst du ein künstlerisch gebildeter Mensch sein; wenn du Einfluss auf andre Menschen ausüben willst, musst du ein wirklich anregend und fördernd auf andere Menschen wirkender Mensch sein. Jedes deiner Verhältnisse zum Menschen — und zu der Natur — muss eine bestimmte, dem Gegenstand deines Willens entsprechende Äußrung deines wirklichen individuellen Lebens sein.“ — ebenda

  11. um noch mal auf die frage des geschlechterverhältnisses in vorpatriarchalen gesellschaften zurück zukommen: Juliett Mitchell bezieht sich in ihrem buch „Psychoanalyse und Feminismus“ auf den ethnologen Levi-Strauss und weist darauf hin, dass es in allen gesellschaften so war, dass männer frauen tauschten und nie umgekehrt (S. 426). zum einen entstand so ein gesellschaftliches band ZWISCHEN männern, in der die frau ein zeichen für „wert“ war, denn das gebot der exogamie bringt ein tauschsystem (und ein kommunikationssystem) hervor.
    der grund dafür, dass es nur frauentausch gab, ist meines erachtens folgender: das männliche begehren funktioniert auch dann, wenn es unerwidert, einseitig bleibt. das weibliche „begehren“ führt nur dann zum „ziel“ (der körperlichen vereinigung), wenn die frau (auch) das männliche begehren weckt, es muss also auf gegenseitigkeit beruhen. daher ist ein „objektstatus“ für männer praktisch ausgeschlossen.
    die überwindung der weiblichkeit als „objektstatus“ erfordert also die kultivierung der männlichen sexualität zur liebe. inwieweit eine steigerung des sexuellen selbstbewusstsein der frauen auswirkungen auf das männliche verhalten hat, vermag ich nicht zu beurteilen: es ist aber zu vermuten, dass passive und/oder narzisstische züge, die bislang als eher unmännlich verpönt waren, mehr zu ihrem recht kommen könnten.

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