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Gibt es Liebe ohne „Ego“?

in esoterischen schriften liest man häufig, dass liebe, die „weh tut“, keine sei. weil dann das „ego“, die „habenorientierung“ (frei nach Erich Fromm) oder schlicht das „besitzen wollen“ seine stimme erhebt. mich erinnert diese argumentation ein bisschen an das „positive denken“, dass behauptet, es liege nur an unserer „einstellung“, wie wir etwas wahrnehmen. so, als könnten wir es uns aussuchen, in welcher welt wir leben, so als läge es in unserer „freien entscheidung“, was wir in unserem „umfeld“ (das ja heute global ist) vorfinden oder nicht. man braucht gar nicht mal auf gesellschaftliche oder systemische zwänge hinzuweisen, um die flachheit einer solchen betrachtung zu erkennen. schon schicksalsschläge wie krankheit oder tod eines nahestehenden menschen (z. B durch einen unfall, für den niemand etwas „kann“) können im konzept des „positiven denkens“ schon nicht mehr sinngerecht eingeordnet werden. es sei denn, man propagiert die westlich-zynische variante der „karma“-interpretation, dass jeder für sein schicksal selbst verantwortlich ist und daher auch jeder seines glückes schmied sei. diese sichtweise unterscheidet sich in keinem deut vom neoliberalen mainstream, so dass es auch nicht weiter verwundern kann, wenn gewisse alternative-grüne-öko-eso-kreise sich so wunderbar in den bürgerlich-etablierten politikbetrieb integrieren können.

nun habe ich durch die „integrale“ theorie gelernt, dass in allem auch immer ein körnchen wahrheit liegt; dass niemand IMMER NUR falsch liegen kann.

tatsächlich ist es so, dass wir durch unser denken, unsere einstellungen unser umfeld auch MITgestalten (betonung auf MIT!). dies ist eine der grossen leistungen der ‚postmodernen‘ theorien, den „performativen“ charakter von intersubjektiven diskursen erkannt zu haben. allerdings so neu, wie das vlt. einige philosophengurus meinen , ist diese erkenntnis gar nicht. im gegenteil, sie ist eigentlich sogar sehr alt. man kann das im religiösen kontext z. B. im neuen testament nachlesen:

„Wenn euer Glaube nur so groß wäre wie ein Senfkorn, könntet ihr zu diesem Berg sagen: ‚Rücke von hier dorthin!‘, und es würde geschehen. Nichts wäre euch unmöglich!“ —Matthäus 17

nun darf man natürlich bibeltexte nicht wörtlich, sondern muss sie symbolisch interpretieren. kein „glaube“ kann wirklich berge verrücken (da wäre dynamit effektiver), aber wir alle haben sicher schon die erfahrung gemacht, dass mit einer veränderten einstellung, uns dinge auch leichter aus der hand gehen. in modernen management-theorien wird das unter dem begriff „motivation(straining)“ gefasst.

im „new age“ der 80er jahre (das massgeblich von naturwissenschaftlern geprägt wurde) wurde behauptet, dass ein verändertes bewusstsein neue (bessere) gesellschaftliche strukturen schaffen würde. inzwischen dürfte klar sein, dass dies dann doch nicht ganz so einfach ist. aber richtig ist, dass ein verändertes bewusstsein im gesellschaftlich breiten massstab die VORAUSSETZUNG für gesellschaftliche transformationen ist.

neben der arbeit am eigenen bewusstsein kommt eben die analyse des bestehenden immer dazu (und beides durchdringt sich auch gegenseitig), so dass eine gewisse intellektuelle und emotionale ambivalenz „normal“ ist, einfach weil die welt nun mal widersprüchlich ist. wer freude spüren will, muss auch die trauer kennen. ein mensch, der alles „irdische“ hinter sich gelassen hätte (einige buddhistische schulen z. B. streben das an), der wäre auch nicht mehr zur „liebe“ fähig (und alle religionen predigen die „liebe“), weil lieben bedeutet, etwas zu „wollen“ (also das gegenteil von „nichtanhaften“). und dieses „wollen“ hat „natürlich“ auch etwas mit unserem „ego“ zu tun, schon deshalb, weil wir in einer gesellschaft voller egos leben. die „selbstlose liebe eines heiligen“ hätte vlt die qualität eines lauwarmen bades, aber erst wenn wir alle seiten unseres wesens (die hellen wie die tiefschwarzen) in uns zulassen und für den anderen öffnen, bekommt die liebe diese wilde, unbeherrschbare, konventionen-sprengende leidenschaft, mit der sie so frappiert (und gleichzeitig die inneren konflikte „heilt“ durch [selbst]annahme). (vergleich auch: wie transformieren wir die welt). es wäre doch wirklich schade, wenn mit einer „egolosen gesellschaft“ (die es mit sicherheit niemals geben wird) diese form der liebe untergehen würde. die ganze geschichte der literatur, der kunst, der musik, des theaters, des films und von der dichtkunst ganz zu schweigen, könnte nicht mehr verstanden werden, wenn man in sich keine „dualität“ mehr zulassen würde.

ich persönlich finde jedes leid, jeden schmerz und jede träne, die aus liebe geweint wird (und sei es auch eine „egoistische“) viel wertvoller als ein dauergrinsen eines „heiligen“, der alles irdische (sprich: menschliche) angeblich „überwunden“ hat.

wir müssen nicht auf alle lebensfragen eine „fertige antwort“ haben. in vielen fällen ist es ein „prozess“, in dem wir unsere lebenssituation verarbeiten, um irgendwann, fast unmerklich, festzustellen, dass wir es gelernt haben, mit unseren (unbeantworteten oder sogar „unbeantwortbaren“) fragen leben zu können, ohne das uns das völlig runterzieht.

natürlich gibt es zu diesem thema auch ein passendes gedicht von Rilke 😉 (eigentlich ist es kein gedicht, es handelt sich um eine zusammenstellung von textstellen)

Man muss den Dingen
die eigene, stille
ungestörte Entwicklung lassen,
die tief von innen kommt
und durch nichts gedrängt
oder beschleunigt werden kann,
alles ist austragen – und
dann gebären…

Reifen wie der Baum,
der seine Säfte nicht drängt
und getrost in den Stürmen des Frühlings steht,
ohne Angst,
dass dahinter kein Sommer
kommen könnte.

Er kommt doch!

Aber er kommt nur zu den Geduldigen,
die da sind, als ob die Ewigkeit
vor ihnen läge,
so sorglos, still und weit…

Man muss Geduld haben

Mit dem Ungelösten im Herzen,
und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben,
wie verschlossene Stuben,
und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache
geschrieben sind.

Es handelt sich darum, alles zu leben.
Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich,
ohne es zu merken,
eines fremden Tages
in die Antworten hinein.

einsamer_baum

Ein Kommentar zu “Gibt es Liebe ohne „Ego“?

  1. einer dieser beliebten eso-„psychologen“ ist ein gewisser Robert Betz. ich kenne den nicht weiter und der interessiert mich auch nicht. aber auf seiner fb-seite hab ich was gefünden, was dieses „es liegt nur an dir selbst“-denken gut zum ausdruck bringt. man verzeihe das etwas lange zitat:

    „Du selbst veränderst die Welt,
    heute und in jedem Moment
    nach ‚oben‘ oder nach ‚unten‘ –
    Du triffst die Wahl, bewusst oder unbewusst
    Unsere Gesellschaft, inkl. Schulsystem, Wirtschaft, Politik, Gesundheitssystem, Parteien, Staat oder anderes ist der Spiegel des Gesamtbewusstseins ALLER und unser aller gemeinsamen Schöpfung. Solange die große Masse der Menschen noch nicht begreift, dass sie jeden Tag durch ihre Gedanken, Worte und Handlungen nicht nur den Zustand ihres Privaten und Eigenen, ihres Körpers, ihrer Gefühle, ihrer Partnerschaft und ihrer Beziehungen zu Chef, Kollegen, Familienmitgliedern und Freunden aufrecht erhalten oder verändern, also erschaffen, sondern zugleich auch alles Öffentliche und Gesellschaftliche, werden sie nichts ändern, sondern im Bewusstseins eines Opfers verharren und weiter unter den ‚Verhältnissen‘ leiden.
    Wir haben genau das Schul- oder Gesundheitssystem, genau die Zustände in unserer Wirtschaft und in der Politik, die zum Gesamtbewusstsein [dieser begriff ist doch allerliebst, oder?! wenn er hegemoniales bewusstsein geschrieben hätte, würde das vlt sogar sinn ergeben, aber dazu hätte er was von Gramsci wissen müssen und nicht einfach Joseph Murphys „gesetze“ popularisieren und kommerzialisieren. anm. systemcrash] aller passen. Sie sind sein Spiegel. All das ist aus ihm hervor gegangen, ‚geboren‘ worden. So wie Materie aus Geist entsteht, so entstehen die äußeren Verhältnisse aus dem inneren Zustand, dem Bewusstsein der Menschen, das meist durch Unbewusstheit, trennendes Denken und Opfer-Bewusstsein geprägt ist.
    Wenn du dir eine bessere (gerechtere, humanere, liebevollere) Gesellschaft wünschst, dann SEI SELBST DIE VERÄNDERUNG. Werde zum bewussten, liebenden, dich selbst verstehenden und dir und anderen vergebenden, deine eigene Innenwelt und dein persönliches Umfeld mit Liebe verändernder Schöpfer. Schau dir an, was du an dir selbst noch nicht liebst und beginne, dich damit zu lieben.
    Erwarte nicht, dass sich die Anderen verändern, sondern verändere du dich und deine Ausstrahlung, indem du dein Herz öffnest und mit dem Herzen dich und deine Mitmenschen verstehst. Jeder von uns verändert jeden Tag diese Welt, diese Gesellschaft, ebenso den globalen Zustand der Menschheit durch sein Verurteilen und Trennen oder durch sein Verstehen, Vergeben und Lieben. Jeder, der sein Herz öffnet und sich erinnert, dass die Liebe die größte Macht ist, trägt weit mehr zur Veränderung der Welt bei als alle wütenden Ankläger und ‚Aktivisten‘.“
    https://www.facebook.com/betz.robert/posts/822108281204213

    die andere seite der medaille, dass niemand sich die welt, die er vorfindet, aussucht, sondern auf sie REAGIEREN muss, die kommt hier nicht vor. und so verkommt diese art „psychologie“ zur reinen apologie des bestehenden, die sogar die opfer („karmischer“ verstrickungen nach eso-lesart) noch verhöhnt:

    „Es gibt mehrere problematische Thesen bei Robert Betz. Eine ist seine „Opferrollen-Theorie“, nach der ein Opfer selbst dafür verantwortlich sei, psychische und körperliche Gesundheit zurückzuerlangen. Betz spricht in dem Zusammenhang (auch sinngemäß) von „selbsterzeugte(m) Leid“.[21][22] Außenstehende sollen sich außerdem in die Leidenssituation eines Opfers nicht einmischen. „Helfen und retten wollen schwächt den anderen meist und verlängert sein Leiden.“[23] Nach Betz ist „jede Krankheit (…) ein Segen und hat eine einzige klare Ursache“.[24] Kritiker verstehen in Betz’ Thesen den Appell zum Egoismus und zur sozialen Gleichgültigkeit.[25]“
    http://de.wikipedia.org/wiki/Robert_Betz

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