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Filmbesprechung: SM Richter

 

sm_richter

Handlung

SM Richter (Belgien, 2009) handelt von einem paar, das in die krise gerät (der film soll auf einer wahren geschichte basieren). die frau Magda leidet an schweren depressionen und vernächlässigt das familienleben. obwohl ihr mann Koen ihr in grosser liebe zugetan ist, verschlimmer sich ihr zustand bis zu einem akuten nervenzusammenbruch mit krankenhausaufenthalt. nach dem krankenhaus will sie sich zunächst von ihm trennen, aber Koen will die krise mit ihr zusammen durchstehen und erklärt sich bereit, „alles“ zu tun, um ihre lage zu bessern. daraufhin eröffnet sie ihm, dass sie sich schon lange nach „schmerz“ und „unterwerfung“ sehnt und zeigt ihm zeichnungen von ihr aus ihrem tagebuch, die ihre sexuellen fantasien darstellen. obwohl Koen die wünsche seiner frau nicht versteht, lässt es sich darauf ein. im laufe ihres „neuen“ sexlebens verbessert sich der psychische zustand seiner frau immer mehr, so dass die krise als überwunden angesehen werden kann.

da Koen als richter sich mal in einer verhandlung mit einem polizisten und staatsanwalt angelegt hatte, nutzen die beiden die SM praktiken als vorwand, um es dem richter heimzuzahlen. es gelingt ihnen auch, den richter zu verurteilen, was dazu führt, dass seine gesamte soziale existenz auf dem spiel steht. obwohl seine frau zu ihm steht, versucht er sich umzubringen. er überlebt den suizidversuch und seine frau geht an die öffentlichkeit und verteidigt Koen mutig. auch die tochter (die sich vorher von ihren eltern distanziert hat) sucht wieder den kontakt zu ihrer familie.

Kritik

ich musste beim schauen des films unwillkürlich an einen anderen film denken: Nymphomaniac (Lars von Trier, 2013). beide filme haben zwar inhaltlich eigentlich nichts miteinder zu tun, aber in beiden filmen spielen FRAUEN eine masochistische rolle. ich habe zwar leider keine zahlen gefunden, wie sich die masochistische neigung geschlechtlich verteilt (so eine untersuchung dürfte auch sehr schwer zu führen sein), aber ich bin mir ziemlich sicher, dass mehr MÄNNER masochistische neigungen ausleben als frauen (beim auftreten von fantasien mag es ausgeglichen sein); von daher dürfte bei diesen filmen eine gewisse klischeehafte, gendermässige (sexistische) schieflage vorhanden sein. bei Nymphomaniac ist der SM sex aber auch nur eine episode, die eine reaktion auf einen zustand der inneren leere darstellt. überhaupt ist Nymphomaniac mehr eine leidensgeschichte (durchaus auch im „pathologischen“ sinne), während bei SM Richter die frau Magda offensichtlich ihre tiefsten wünsche erfüllt und dadurch aufblüht – und dies scheint mir auch der entscheidene aspekt des films zu sein. diese geschichte erscheint mir durchaus glaubhaft. inwieweit man SM sex auch kriminalisieren kann, vermag ich nicht zu beurteilen. die gesetzeslage in Belgien ist mir nicht bekannt, für deutschland kann ich mir das jedoch nur schwer vorstellen, wobei eine gewisse erpressbarkeit hoher beamter, juristen oder politiker natürlich nicht auszuschliessen ist. überhaupt ist ja die gesamte „sexualkultur“ trotz aller scheinliberalität nicht wirklich als „emanzipatorisch“ anzusehen. (siehe dazu das bemerkenswerte interview mit dem sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch in der SZ )

im grunde diskutiert der film die frage, inwieweit der einzelne das recht hat, uneingeschränkt über seinen körper zu verfügen (vergleich auch die filmbesprechung hier ); und inwieweit gesellschaft, moral und recht den einzelnen „vor sich selber schützen müssen“. diese frage ist gar nicht so einfach zu beantworten, wie es scheint. natürlich würde man normalerweise sagen, dass jeder mensch selbst entscheiden muss, was er mit sich, seinem körper und seinem leben anstellen will. aber was ist mit menschen, die diese entscheidung gar nicht fällen KÖNNEN (zum beispiel aus krankeheitsgründen)? oder — um einen zugegebenermassen sehr extremen fall anzuführen –, wenn ein mensch sich „freiwillig“ der tötung ausliefert (wie im fall des „kannibalen von Rotenburg“), dann scheint es mir rechtspolitisch richtig zu sein, diese tat trotz der „einwilligung“ als „mord“ zu werten.

nun ist dies natürlich ein einmaliger extremfall, der mit „normalen“ SM praktiken nichts zu tun hat. da legt jeder seine grenzen selbst fest, aber es gibt schon heftigere praktiken (die im film SM Richter auch angeführt werden), wo man sich schon auch als „sexualliberaler“ fragen muss, ob da nicht der tatbestand der körperverletzung in frage kommt. (im film wird das „zunähen der vagina“ und ein „branding“ der initialen des Mannes auf den Hintern der frau angedeutet). ich denke aber, dass solche extremen praktiken nicht typisch sind und auch nur im einzelfall bewertet werden können. ein generelles „tolerieren“ oder „ablehnen“ (einschl. der bildung einer rechtsvorschrift) scheint mir da nicht möglich zu sein. (eine ähnliche diskussion wurde auch über die beschneidung von knaben im kleinkindalter geführt. auch da könnte man durchaus im sinne des schutzes der kleinkinder vor den eltern und religiösen traditionen argumentieren. vergleich dazu den sehr differenzierten artikel von Sascha Stanicic, Beschneidung aus religiösen Gründen, 2012 )

Resume

alles in allem ein film, der sehr tiefe fragen aufrührt und keineswegs einfache antworten „propagiert“; der sich aber klar für das recht des einzelnen einsetzt, seinen tiefsten leidenschaften folgen zu können (auch wenn man sie nicht immer versteht), weil nur so glück und zufriedenheit überhaupt (gesellschaftliche) möglichkeiten werden können. (wobei natürlich die sexualität nur ein aspekt unter vielen ist, aber sicher ein sehr wichtiger!). allerdings stellt er auch die frage nach den „grenzen“ des trieblebens. ihre beantwortung kann nur die „gesellschaft“ als ganzes leisten und wenn sie wandelbar bleibt/ist.

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2 Kommentare zu “Filmbesprechung: SM Richter

  1. den film „fifty shades of grey“ kenne ich (noch) nicht, aber auch da spielt eine FRAU den masochistischen part. mein riecher für eine sexistische schieflage scheint also nicht ganz falsch zu sein. nun ist es zwar kommerziell nachvollziehbar, dass ein maso-mann geringeres interesse erzeugt als eine devote frau (welcher mann hat keine geheimen träume?!), trotzdem wird durch diese art einseitige medienproduktion ein gesellschaftliches klischee bedient und erzeugt. und das ist der politisch problematische aspekt, der ein an sich berechtigtes anliegen (sexuelle freiheit) in ein falsches (oder zumindest verzerrtes) licht stellt.

    *****
    nachtrag: wie ich schon vermutet hatte, ist der film eine einananderreihung von klischees, wenn man ihm auch einen gewissen unterhaltungswert nicht absprechen kann. nur der schluss bietet insofern eine überraschung, als die frau durch ihr weggehen die „Machtverhältnisse“ in einem gewissen sinne umdreht. aber die veränderung findet ausserhalb des (beziehungs-)systems statt (durch flucht oder entzug), aber innerhalb bliebe sie immer am kürzeren hebel, weil eine beziehung mehr ist als das austesten sexueller grenzen; sie erfordert eine umfassende (seelische) öffnung füreinander. und dieses bedürfnis hätte sich für sie nicht erfüllen können. (jedenfalls nicht ohne eine massive veränderung der psychischen ausgangspositionen)

  2. ich wollte eigentlich noch auf die analyse von Jessica Benjamin in ihrem buch „die fesseln der liebe“ eingehen, wo sie die dialektik von „herr“ und „knecht“ anhand des romans „die geschichte der O“ entwickelt. ich konnte dieses buch leider in meinem völlig unsortierten bücherregal nicht mehr finden. wenn ich mich richtig erinnere, ging es darum, dass der „herr“ nur dann seine stellung geniessen kann, wenn der „knecht“ ihn auch als „herren“ ANERKENNT, d. h. der „herr“ ist von dieser anerkennung ABHÄNGIG*). der bruchpunkt in der SM sexualität besteht also darin, dass, sobald die „verdinglichung“ vollständig gelungen ist (und dies wird ja angestrebt), der reiz der „dominanz“ verschwindet, da die anerkennung durch den „knecht“ nicht mehr erfolgen kann (also der zusammenbruch des intersubjektiven „spannungsverhältnisses“). vollständige Macht ohne widerpart ist also kein „erfolgserlebnis“ mehr, so dass der nervenkick bei einem neuen „objekt“ gesucht werden muss. das SM verhältnis hat also darin seine eigene schranke, wenn es nicht mehr „intersubjektiv“ ist; ein „sklave“ oder „sklavin“ als „subjekt“ ist aber der logische widerspruch, der nur „gelöst“ werden kann, wenn die intersubjektivität anerkannt wird: wenn also anstelle von Macht und unterwerfung …. die liebe gesetzt wird.
    und dann können Macht- und unterwerfungsfantasien ein zusätzliches „spiel“ sein, aber nicht der „ganze inhalt“ einer „realen“ beziehung.

    *) „Hegel betrachtet die Dialektik von Herr und Knecht als Quelle des Selbstbewusstseins, der Identität. Die Elemente des Selbstbewusstseins werden als „Für-sich-sein“ (Herr) und „Für-andere-sein“ (Knecht) erschlossen. Der Herr bezieht sein Selbstbewusstsein aus der Tatsache anerkannt zu werden; dafür, dass er sein Leben riskiert hat. Er arbeitet nicht. Der Knecht jedoch arbeitet für den Herrn. Er bezieht sein Selbstbewusstsein im Laufe der Zeit nicht mehr nur aus der Tatsache, für jemand anderen zu sein und zu arbeiten, sondern durch seine Arbeit gelangt er zur Herrschaft über die Natur.
    Hegel macht deutlich, dass Herr- und Knechtschaft interdependent sind. Der Knecht ist zwar Knecht kraft seiner erzwungenen Unterordnung, jedoch ist der Status des Herrn von der Anerkennung seiner Herrschaft durch den Knecht abhängig.“ http://de.wikipedia.org/wiki/Herrschaft_und_Knechtschaft

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