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Griechenland: Die Notwendigkeit einer „linken Strategiedebatte“

Lesehinweise

auf die notwendigkeit einer „linken strategiedebatte“ angesichts der entwicklung in griechenland macht die belgische LCR (VS sektion) aufmerksam in einem durchaus guten text:

scharf links

für eine diskussion siehe Theorie als Praxis

ich selbst habe noch einen kommentar zu einigen punkten des LCR textes geschrieben (danke an TaP für die formatierung 🙂 ):

zu 3. ich bestreite ernsthaft, dass die herrschenden klassen vor irgendeiner politischen entwicklung in europa „angst“ haben (müssen). im gegenteil, der imperialistische „block“ EU profitiert (im doppelten sinne des wortes) von allen krisenhaften entwicklungen und forciert sie sogar.

zu 9. es wird richtig festgestellt, dass sich griechenland ausserhalb einer „vorrevolutionären situation“ befindet, aber am ende der vorgeschlagenen „soformassnahmen“ findet man die „arbeiterkontrolle in den unternehmen“ – so als würden die ArbeiterInnen mal „einfach so“ auf den gedanken
kommen, es wäre doch mal ganz gut, wenn „wir“ den laden übernehmen würden. dass die „arbeiterkontrolle über die produktion“ nichts anderes ist als die
„doppelherrschaft auf betriebsebene“, also ausdruck eines auf äusserste zugespitzten gesellschaftlichen kräfteverhältnisses der klassen, solche staatstheoretischen gemeinheiten des marxismus scheint die belgische LCR ihren lesern wohl lieber nicht zumuten zu wollen.

zu 11. meines erachtens macht auch die belgische LCR den fehler zu glauben, die OXI bewegung wäre zum „bruch mit der EU/Euro“ bereit gewesen. das gegenteil ist wahr: ca 70% der griechen (*) wollen die mitgliedschaft in der EU erhalten und das war auch von anfang an die politik von Syriza und von Tsipras. wenn die „radikale linke“ die politische wahrheit von „sozialen bewegungen“ umdichtet in was „irgendwie antikapitalistisches“, dann ist das deren problem, aber dadurch werden die „Massen“ auch nicht radikaler. sie machen es höchstens den „wirklich linken“ schwerer, eine realistische analyse vorzulegen.

die frage des „bruchs mit der EU“ ist nämlich ein wesentlicher punkt in der entwicklung einer revolutionären strategie in der „peripherie“. tatsächlich glaube auch ich, dass innerhalb der EU-institutionen nicht mal mehr reformen (im klassisch reformistischen sinne) möglich sind. aber einfach „raus aus der EU!“ zu propagieren wäre satter populismus. das erkennt auch der LCR text völlig korrekt.
was aber dieses „völlig neue“ (punkt 4) als gesellschaftliche alternative sein soll („vereinigte sozialistische staaten von europa“) bleibt völlig in den nebelregionen der autorenköpfe gefangen. und ich vermute, sie wissen es selber auch nicht. es kann ja nicht darum gehen, irgendwelche „utopien“ zu entwickeln, sondern in den widersprüchen der realen gesellschaftlichen verhältnisse muss ja dieses „neue“ als keim bereits vorhanden sein. die leute werden nicht durch flugblätter kleiner gruppen darauf kommen, dass „arbeiterkontrolle“ was „gutes“ ist. sie müssen schon selbst drauf kommen. und solange das nicht so ist, haben „wir“ nichts anderes in die geschichtlichen waagschalen zu werfen als …. unsere ideen.

(*) „Obwohl Tsipras damit eine Kehrtwende vollzog, bleiben die Zustimmungswerte für ihn hoch. In einer in der linksgerichteten Zeitung „Efimerida Ton Syntaknon“ veröffentlichten Umfrage kommt seine Syriza-Partei auf 42,5 Prozent. Dagegen erhielte die größte Oppositionspartei Nea Dimokratia bei einer Wahl derzeit nur 21,5 Prozent. Zudem sprachen sich 70 Prozent für das neue Hilfsprogramm aus, wenn Griechenland damit in der Euro-Zone bleiben kann.“http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/eurokrise/griechenland/george-katrougalos-will-griechenland-abkommen-nicht-einfach-absegnen-13709169.html

natürlich kann auch die GAM nicht von ihren illusionen lassen und erweist sich — zum wiederholten male — als lernresistent:

„Auch wenn sich im griechischen Parlament nicht wenige finden werden, die einem schäbigen Kompromiss von Tsipras bei neuen Verhandlungen zustimmen würden, so ist stark zu bezweifeln, ob die 60% des Oxi das gewollt haben. Das Oxi hat auch (zumindest kurzfristig) den Spielraum von Tsipras eingeschränkt. Eine allzu offene Kapitulation würde nicht nur Wut und Verzweiflung seiner AnhängerInnen bedeuten – es würde auch die Mobilisierung seiner AnhängerInnen bedeuten.“

http://arbeitermacht.de/ni/ni201/euimperialismus.htm

nur sehen können wir diese „mobilisierungen“ nicht, sie bleiben wie die neuen kleider des kaisers … unsichtbar. im gegenteil, die illusionen in SYRIZA werden vom „linken flügel“ sogar weiter genährt:

http://www.scharf-links.de/44.0.html?&tx_ttnews[tt_news]=52306&tx_ttnews[backPid]=56&cHash=c7aa38667b

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3 Kommentare zu “Griechenland: Die Notwendigkeit einer „linken Strategiedebatte“

  1. neoprene http://neoprene.blogsport.de/ hat auf meinen kommentar bei TaP geantwortet:

    „„The cruelty of the austerity once again imposed on the Greek people is a measure of the fear of the European ruling classes: fear of the victory of Syriza and the decomposition of Greek social democracy, and consequently the absence of a political solution of replacement for the middle-class; fear of the risk of contagion in Europe, initially in Spain with Podemos; fear, especially, of the fantastic popular mobilization which led to the victory of “Not” with the referendum, and which was likely to give to this contagion an uncontrollable dynamic.“

    „ich bestreite ernsthaft, dass die herrschenden klassen vor irgendeiner politischen entwicklung in europa „angst“ haben (müssen). im gegenteil, der imperialistische „block“ EU profitiert (im doppelten sinne des wortes) von allen krisenhaften entwicklungen und forciert sie sogar.“

    Das bestreite ich wiederum: Erstmal hat natürlich jede Bourgeosie zumindest die Befürchtung, übersteigert „Angst“, daß sie in der Relation der Nationen zurückfällt. Das ist doch die Angst, die jeder Teilnehmer der Konkurrenz hat. Diese Befürchtungen haben die Staaten der EU sicherlich auch. Deshalb wurde ja auch innerhalb dieser Kreise relativ heftig um den Kurs gestritten. Daß die nun besonders Angst ausgerechnet vor Podemos hätten, das sehe ich aber auch nicht. Wobei aber allseits diskutiert wird, was das Aufsteigen von klassisch keynesianistischer politscher Strömungen bzw. Anti-EU-Bewegungen wie z.B. der FN in Frankreich für das Projekt EU bedeutet. Da werden manche Politiker schon die Angst haben, daß der Wunschtraum, es mit einer europaweiten Allianz endlich gegen die USA (und Rußland und China) auf allen Ebenen aufnehmen zu können, vor dem Platzen stehen könnte, weil die zentrifugalen Kräfte, die die widersprüchliche Konstruktion der EU hervorgebracht hat, sich durchsetzen.

    Insbesondere halte ich es für völlig abwegig, daß alle EU-Staaten „von allen krisenhaften entwicklungen“ profitieren und deshalb alle Staaten die Krise sogar noch „forcieren würden. Ganz im Gegenteil ergibt sich in und durch die Krise, wer relativ zu den anderen zurückgefallen ist und wer, wenigstens relativ, die anderen abgehängt hat. Ich bin mir recht sicher, daß das noch nicht ein Nullsummenspiel ist, auch die Staaten, die aus der Krise halbwegs unbeschadet herausgekommen sind, können sich ihres Sieges nicht wirklich sicher sein.

    „in den widersprüchen der realen gesellschaftlichen verhältnisse muss ja dieses „neue“ als keim bereits vorhanden sein.“

    Das ist in der Linken eine genauso weitverbreitete wie inhaltlsleere Floskel. Denn es geht ja regelmäßig so: Wenn sich was ergeben hat, dann war da vorher der Keim, q.e.d., und umgekehrt umgekehrt, wenn nichts läuft, dann ist eben die Zeit nicht „reif“ fürs Auskeimen.

    die leute werden nicht durch flugblätter kleiner gruppen darauf kommen, dass „arbeiterkontrolle“ was „gutes“ ist. sie müssen schon selbst drauf kommen. und solange das nicht so ist, haben „wir“ nichts anderes in die geschichtlichen waagschalen zu werfen als …. unsere ideen.

    Daran ist natürlich richtig, daß sich alles, was Kommunisten gerne hätten, daß es die Leute auch für richtig halten mögen, diese buchstäblich „selber“ denken müssen. Man muß also Erfolg gehabt haben mit seinen Überzeugungsversuchen. Da kommt dann natürlich immer gleich der Einwand, daß anders als beim Grün und Blau Schlagen von jemand (und eigentlich nicht mal in diesem Fall), der Agitator es gar nicht in der Hand hat, ob sein Zielpublikum sich die vorgetragenen Argumente einleuchten läßt. Nur, was soll man als Kommunist denn anders machen, als permanent an die hinzureden. Denn die alte teleologische Hoffnung, daß sich der historische Beruf der Arbeiterklasse auf wundersame Weise ganz spontan von selbst zur Realität entwickelt, die hat ja nun hinreichend getrogen.

    Ja, ja, das ominöse „völlig Neue“…
    Erst mal stimmt natürlich, daß letztlich, aber eben erst dann, die gesellschaftlichen Verhältnisse zumindest in Europa völlig anders sein müssen. Damit habe ich zwei Probleme:
    Erstes Problem ist, da gebe ich systemcrash recht, wie diese Gesellschaft denn aussehne und insbesondere wirtschaften soll. Da geht doch die Bandbreite der Vorstellungen von recht wenig neuem Genossenschaftswesen (aka „Commons“) bis hin zur „klassischen“ zentralen Planwirtschaft, nur diesmal mit Berücksichtigung dessen, was die Menschen haben wollen.
    Zweitens habe alle solche Slogans, die mit einem mehr oder weniger Endzustand kommunistischer Umgestaltung der Welt Werben das Problem, daß dann sogar Mancher zustimmen wird, ja fände ich auch richtig, aber dann immer und zu recht die Frage kommt, was einem bzw. der Arbeiterklasse jetzt bedeutet. Wie also die bisher wenigen Kommunisten überhaupt da hinkommen könnten, daß das Endziel überhaupt erreicht werden kann.“

    http://theoriealspraxis.blogsport.de/2015/07/19/griechenland-greece-grecia-grece-die-dringlichkeit-einer-strategiedebatte-the-urgency-of-a-strategic-debate-la-urgencia-del-debate-estrategico-lurgence-du-debat-strategique/#comment-24086

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