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Über die Grenzen des Sichtbaren

„Daß wir erschraken, da du starbst, nein, daß
dein starker Tod uns dunkel unterbrach,
das Bisdahin abreißend vom Seither:
das geht uns an; das einzuordnen wird
die Arbeit sein, die wir mit allem tun.“ — Rilke, Requiem für eine Freundin

kind_schlaf

ich habe lange mit mir gerungen, ob ich das foto von der kinderleiche am strand auch teilen soll [auf meiner facebook-seite] und ich habe mich dagegen entschieden. nicht, weil ich es für richtig hielte, die augen vor der wirklichkeit zu verschliessen, sondern weil ich es für zweifelhaft halte, ob so ein foto auch die wirkung entfalten kann, die es es entfalten soll nach den (guten) absichten derer, die es verbreiten.

ich habe grundsätzlich ein problem damit, dass ein EINZELSCHICKSAL offensichtlich in der öffentlichen wahrnehmung mehr resonanz findet als wenn ganzen bevölkerungsgruppen schlimmes widerfährt. wir alle wissen (theoretisch), dass jeden tag menschen (auch kinder) sterben aufgrund der sozialen verhältnisse (mittlerweile nicht mehr nur in der „dritten-welt“). aber löst dieses wissen irgendeine (dauer)empörung (in uns) aus? nein. und das KANN es auch nicht, weil es uns selber schaden würde. es ist also sowohl psychologisch nachvollziehbar als auch in einer gewissen weise „gesund“ (im sinne des selbsschutzes), dass wir uns nicht dauernd mit problemen belasten, an denen wir nicht so ohne weiteres etwas ändern könn(t)en.

eine kinderleiche wird nichts daran ändern, welche politik in der EU in der „flüchtlingsfrage“ betrieben wird. denn diese politik ist nicht abhängig von der „moral“, sondern von handfesten materiellen und wirtschaftlichen interessen. darum gibt es kaum etwas widerwärtigeres, als wenn (führende) politiker moralische ergüsse von sich geben.

und als letzten punkt: ich finde, die trauer um dieses kind bedarf auch des „schutzes“ in einer „privaten“ sphäre. vlt gibt es noch angehärige, verwandte oder freunde der eltern, die ein recht darauf haben, von einem (kleinen) menschen abschied zu nehmen (und in erinnerung zu behalten), ohne dass ein „bild“ bestandteil einer öffentlichen debatte ist. denn dieses bild ist für aussenstehende das bild irgendeines toten kindes, für einige aber eine konkrete person, die mit ihrer eigenen geschichte verknüpft ist. leid sollte kein „gegenstand“ einer politischen „instrumentalisierung“ sein; wohl aber sollte das leiden dazu führen, eine haltung einzunehmen, das leiden zu lindern und verhältnisse zu schaffen, in denen die ursachen des leidens bekämpft werden – und nicht die menschen, die deren (der ursachen) opfer sind, an denen sie keine „persönliche“ schuld tragen.

[4. September 2015]

übrigens, das zitat von Rosa luxemburg, welches im zusammenhang mit dem foto des toten Jungen verwendet wird, scheint mir völlig deplatziert zu sein, da es einen völlig anderen (historischen) kontext hat.

“ jeden tag sterben einzelne obdachlose, brechen vor hunger und kälte zusammen – kein mensch nimmt von ihnen notiz., bloss der polizeibericht. (…) nur als Masse, das elend zuhauf getragen, vermag der proletarier die gesellschaft zur aufmerksamkeit für sich zu zwingen. selbst der letzte, der obdachlose wird als Masse, und sei es bloss ein haufe von leichen, zu einer öffentlichen grösse!

gewöhnlich ist ein leichnam ein stummes, unansehnliches ding. es gibt aber leichen, die lauter reden als posaunen und heller leuchten als fackeln. nach dem barrikadenkampf am 18. März 1848 hoben die berliner arbeiter die leichen der gefallenen in die höhe, trugen sie vor das königsschloß und zwangen den despotismus, vor den opfern das haupt zu entblössen. jetzt gilt es, die leichen der vergifteten obdachlosen in berlin, die fleisch von unserem fleisch und blut von unserem blut sind, auf milllionen proletarierhänden emporzuheben und ins neue jahr des kampfes zu tragen mit dem rufe: nieder mit der infamen gesellschaftsordnung, die solche greuel gebiert!“
— Rosa Luxemburg, Im Asyl, GW Bd. 3, S. 89 f.

 

 

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