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Bewusstsein, Bewegung, Organisation

Vorüberlegungen: zur Bedeutung der „Organisationsfrage“ in der „radikalen Linken“ der BRD heute

stärkste_partei

ich hatte schon immer vorbehalte gegen die in der linken beliebte methode, aus historischen erfahrungen positionen für die gegenwart abzuleiten. und im laufe der jahre ist dieser widerwille in mir sogar noch gewachsen. ich möchte daher hier etwas anderes tun: ich werde versuchen, aus der aktuellen lage rückschlüsse für die „organisationsfragen“ (der linken) zu ziehen und auf historische ereignisse/vorläufer nur so weit einzugehen, wie sie mir für die plausible darlegung erforderlich erscheinen.

Der selbstreferentielle Spaltpilz

es gäbe sicherlich viele merkmale linker (klein)gruppen, die man für untersuchenswert ansehen könnte. aber am meisten dürfte doch auffallen der schreiende widerspruch zwischen der politischen bedeutungslosigkeit und der endemischen neigung zu spaltungen. dabei ist dieser widerspruch nur ein scheinbarer, denn in wirklichkeit sind beides nur die zwei seiten der selben medaille. eine kleingruppe ohne einfluss und ohne soziale verankerung hat nur eine existenzgrundlage: ihre politischen ideen (programme). und wenn jemand nur einen hauch oder in nuancen von diesen politischen ideen abweicht, dann ist damit gleichzeitig die gruppenexistenz (identität) als solche in frage gestellt. dabei sind politische meinungs- und richtungsunterschiede eigentlich was ganz normales. jeder mensch hat einen je individuellen zugang zu politischen theorien/ideen, und erst über die gemeinsame diskussion und praxis in kollektiven zusammenhängen (strukturen) findet eine gewisse „vereinheitlichung“ statt. dabei muss ein gewisses mindestmass an kompromissbereitschaft vorausgesetzt werden, solange diese mit den eigenen als „richtig“ erkannten prinzipien vereinbar ist.

in grösseren organisationen/parteien [1] ist dies normalerweise auch kein problem, aber in kleinen gruppen entsteht sofort ein enormer druck auf die „abweichler“ (schon allein deshalb, weil durch die internen debatten ja auch die arbeitsfähigkeit nach aussen reduziert wird) und häufig ist dann eher eine spaltungsdynamik eingeleitet als dass man die differenzen klären und ausräumen kann.

aber wie (fast) alles im leben, haben auch die spaltungen ihre zwei seiten. organisationspolitisch stellen sie natürlich eine schwächung dar, sie zwingen aber andererseits die einzelnen gruppen auch dazu, ihre ideologischen grundlagen (als existenzberechtigung) möglichst klar auszuweisen, so dass insgesamt die gesamtmenge an (divergierenden) linken ideen steigt, was wiederum (zumindest potentiell) zu einer steigerung des theoretischen niveaus linker ideen führen kann. (was ich mal — und dies war auch der ursprüngliche namensgeber für diesen blog — als „marxistische konvergenz“ bezeichnet habe)

als konsequenz aus dieser ausgangslage wurde dann im zuge des NaO-Prozesses ein konzept entwickelt, dass programmatische mindeststandards (essentials) mit einem block revolutionärer gruppen kombiniert (letztlich hat aber nur der „linke flügel“ dieses konzept konsequent vertreten). und in der tat denke ich auch heute noch, dass dies ein gangbarer ausweg aus dem linken schlamassel sein könnte.

„Bewegungen von unten“ und/oder „Führungen von oben“

wie sieht nun die aktuelle situation in der BRD für linke aufgabenstellungen aus?

sowohl die entstehung einer organisation als auch das programm, was sie sich gibt, stehen in einem engen wechselverhältnis. Und das programm muss wiederum korrespondieren mit der analyse der gesellschaftlichen strukturen, mit denen man es zu tun hat. Dass dies nur annäherungsweise möglich ist, versteht sich eigentlich von selbst. Trotzdem muss dieser „arbeitsschritt“ durchgeführt werden, damit die „ideen“ eine gewisse „mindesterdung“ mit der (sozialen) Wirklichkeit aufweisen (können).

Selbstverständlich kann ich dies im rahmen dieser „bestandsaufnahme“ nur andeutungsweise skizzieren [2].

ganz grob gesprochen gehe ich von folgender ausgangslage aus:

die BRD gesellschaft ist von drei „grundwidersprüchen“ durchgezogen

(1) der widerspruch zwischen lohnarbeit und kapital, also das kapitalverhältnis.

(2) das herrschaftsverhältnis zwischen männern und frauen durch eine „geschlechtshierachische arbeitsteilung“, also das „Patriarchat“.

(3) ausgrenzung und mindere teilhabe von menschen durch „rassifizierte“ zuschreibungen.

unklar ist (zwischen mir und TaP) im moment noch, ob sich aus den drei grundwidersprüchen auch drei „revolutionäre subjekte“ ergeben (und damit auch drei strategien), oder ob es so etwas wie eine „integrale“ revolutionäre strategie geben kann. Wir halten diesen dissenz aber im rahmen einer noch revolutionären programmatik für bestehend, so dass dies innerhalb einer möglichen „blockorganisation“ eben auch gegenstand der debatten sein wird.

Zum punkt (1) würde ich noch gern erwähnen, dass es ebenfalls (auch innerhalb der linken) strittig ist, inwieweit man überhaupt noch den begriff „arbeiterbewegung“ auf die gegenwärtige BRD-gesellschaft anwenden kann. Eher scheint es mir so auszusehen, dass eine vollständige „integration“ der traditionellen organisationen der „arbeiterbewegung“ stattgefunden hat. Daran ändern auch gelegentliche lohnkämpfe nichts, da sie in keinster weise den institutionellen rahmen der „sozialpartnerschaft“ (also des co-managements) in frage stellen.

an dieser stelle müssen wir noch mal kurz auf die grundsätzliche „parteikonzeption“ zu sprechen kommen. es ist ein alter streit (und ich vermute nicht nur in der arbeiterbewegung), ob „organisation“ eher förderlich oder gar hinderlich für entwicklungen (welcher art auch immer) ist. ich kann das natürlich unmöglich historisch en detail ausführen, aber jeder hat zumindest schon mal was gehört über den streit mit den anarchisten (Bakunin) in der I. internationale, den streit zwischen Luxemburg (und Trotzki) gegen Lenin (1904) und/oder den streit zwischen „Spontis“ und „autoritären“ (also vetretern von organisationskonzepten). dann gibt es noch unzählige zwischenströmungen von „räte-kommunisten“, syndikalisten, halb-anarchisten und „ultra-linken“ unterschiedlichster couleur. dies ist für sich schon eine recht unübersichtliche gemengelage, aber die ganze diskussion wird noch zusätzlich dadurch erschwert, dass sie retrospektiv auf die erfahrungen mit dem „stalinismus“ projiziert wird; so, als ob Jesus für die mittelalterliche inqusition verantwortlich wäre und Marx für den Gulag.

dies ist offensichtlich absurd und würde jede ernsthafte historische forschung ihrer grundlage berauben, nämlich, dass man historische ereignisse auch nur im rahmen der gegebenen konkret-historischen bedingungen in ihrer zeit beurteilen und bewerten kann. alles, was darüber hinaus ginge, wäre spekulation, die zwar auch ihre berechtigung haben kann, die aber zumindest nichts mehr mit „wissenschaft“ (im strengen sinne) zu tun hat.

und so sollte man auch mit Lenins schrift „Was Tun“ verfahren. sie ist nicht etwa die ‚bibel des Leninismus‘ (wie es einige schlechte epigonen behaupten), sondern Lenin hatte einen organisationsplan für die russsiche sozialdemokratie (die freilich damals noch revolutionär war) entwickelt, der eben auch auf die russischen bedingungen zugeschnitten war. und Lenin sah sich zwischen sich und der politischen linie eines Kautsky oder Bebel auch gar keinen unterschied. im gegenteil, es sah sich als „schüler“ von Kautsky (siehe auch den Exkurs über Leninismus weiter unten). über die unzulänglichkeiten des ‚zentrums‘ wusste Lenin zu dem zeitpunkt überhaupt noch nichts (im gegensatz zu Rosa Luxemburg), was auch erklärt, warum er über den „verrat“ im August 1914 (zustimmung zu den kriegskrediten durch die SPD) so erschüttert war.

wenn man diese historischen umstände berücksichtigt, dann sollte eigentlich klar sein, dass Lenin lediglich darum bemüht war, der russischen sozialdemokratie eine grössere effektivität zu verleihen, und diese erhöhte effektivität war nur durch zentralismus zu erreichen (zumal in einem riesenreich wie russland). es mag durchaus sein, dass Lenin den Stab zu weit in richtung zentralismus gebogen hat und den aspekt, dass „klassenbewusstsein von aussen“ in die Klasse hineingetragen werden muss, überbetont hat. aber diese überbetonung war eben dem umstand geschuldet, dass Lenin gegen ökonomistische, handwerklerische und spontaneistische tendenzen zu kämpfen hatte; so dass im endeffekt der stab wieder gerade ist, wenn man die wahrheit in der „mitte“ sucht. während Lenin also die bedeutung der Partei und ihrer Führung für die entwicklung des klassenbewusstseins und der politischen kämpfe betont (für die russsischen verhältnisse), betont Rosa Luxemburg die „spontaneität“ und „selbstinitiative“ der Massen „von unten“ (vor dem hintergrund der deutschen arbeiterbewegung). könnte es nicht sein, dass beide recht hatten für den bereich, indem sie tätig waren? und das, wenn man die probleme der Organisationsfrage verallgemeinern will, sagen muss, dass wir beides brauchen: sowohl eine konsolidierte „führung“ als auch eine selbstaktive, kritische „Masse“ (heute würde man wohl eher von sozialen bewegungen sprechen)? und dass sich beide dann auch wechselseitig beeinflussen und befruchten? kann es denn da auch nur den geringsten zweifel geben? 

ein abschliessendes wort in dieser angelegenheit sei mir noch gestattet: grundsätzlich wird es immer so sein, dass widerstandsformen der „unterdrückten“ vom „militärischen“ standpunkt (und militärisch heisst auch ‚organisatorisch‘) in der regel dem gewaltapparat der herrschenden unterlegen sein werden. das liegt in der natur der sache. aber — zumindest denke ich das — hängt es nicht allein vom militärischen potential ab, das über sieg oder niederlage entscheidet. die einstellung (oder modern ausgedrückt: die motivation) spielt auch eine grosse rolle. schliesslich konnte der widerstand im Vietnam-Krieg den US-Imperialismus (der die hochgerüsteste armee hat) besiegen. dies soll freilich keinen subjektivismus oder idealistischen voluntarismus begründen (wie er teilweise wohl für den Maoismus kennzeichnend war); ich will damit nur sagen, dass es viele faktoren gibt, die über den ausgang politischer kämpfe entscheiden. die „pure Macht“ (des staates) für sich allein ist jedenfalls nicht der einzige (ausschlaggebende) faktor.

Die „radikale Linke“ in der BRD

damit leiten wir über zur situation der „radikalen linken“ unter hiesigen verhältnissen. Auch dies kann ich natürlich nur skizzenhaft andeuten.[3]

grundsätzlich ist zu unterscheiden zwischen den klassischen „parteiansätzen“ (maoistischer, stalinistischer oder trotzkistischer provinienz), den wir der einfachheit halber den „leninistischen“ ansatz nennen möchten (mit allen vorbehalten). Dieser ansatz ist mittlerweile ein minderheitenansatz in der linken und in der breiten öffentlichkeit ziemlich diskreditiert (assoziation mit dem „totalitarismus“), was auch der hauptgrund dafür sein mag, dass die gruppen, die diesen klassischen parteiansatz vertreten, als „dinosaurierfraktion“ wahrgenommen werden.

Innerhalb dieses „parteiansatzes“ muss man noch einmal unterscheiden zwischen zwei weiteren ansätzen:

a) aufbau eigenständiger (autonomer) strukturen

b) versuch auf entwicklungen in „Massenparteien“ einzuwirken („Entrismus“)

normalerweise besteht zwischen autonomen strukturen und entrismus kein prinzipieller gegensatz, da der entrismus als ursprüngliche idee nur als „taktik“ gedacht war. Darum bedeutet er auch nicht zwangsläufig eine „rechts/links-polarisierung“. Historisch hat es sich aber so entwickelt, dass strömungen, die mit der stagnation der „vierten internationale“ nach dem zweiten weltkrieg unzufrieden waren, die notwendigkeit postulierten, auf die „Massenparteien“ einzuwirken, um die „sektiererische“ isolation überwinden zu können. [4]

diese strömungen sind heute bekannt als die IMT (in deutschland „der funke“) und das CWI (in deutschland die „SAV“). Es dürfte kein zufall sein, dass diese strömungen sich eher im „rechten“ spektrum des „trotzkismus“ befinden (wobei es zwischen IMT und CWI auch noch mal unterschiede gibt, die ich aber hier ausser acht lasse). Denn wenn man sich über jahre oder gar jahrzehnte im reformistsichen milieus aufhält, dann bleibt es nicht aus, dass die scharfen konturen einer „revolutionären programmatik“ abgeschliffen werden.

In unserem interessen-zusammenhang ist das hauptproblem bei den „entristischen“ gruppen, dass sie sich auf kein „umgruppierungsprojekt“ von kleinen gruppen einlassen werden, da das in ihren augen eben keine überwindung des „sektenwesens“ wäre. Auf diesen einwand wird noch gesondert einzugehen sein.

Die gegenposition zu den „partei-ansätzen“ bilden die sogenannten „bewegungslinken“ oder „postautonomen“. Wie der name schon sagt, kommen sie ursprünglich aus der autonomen szene der 80er und 90er jahre, haben aber (zumindest teilweise) das organisationsfeindliche erbe überwunden und teilweise haben sie sogar die „klassenfrage“ (wieder)entdeckt [5].

Das war im übrigen auch der eigentliche auslöser für den „NaO-Prozess“: ein papier der gruppe „Avanti“ (die sich später in der IL auflöste), die bei den damaligen SIB-protagonisten die vermutung aufkommen liess, dass ein grösserer umgruppierungsprozess zwischen „traditionalisten“ und „postautonomen“ möglich wäre. Ob diese einschätzung berechtigt war oder übertrieben, sei an dieser stelle dahingestellt. Fakt ist aber, dass man offensichtlich eine schnittmenge von politischen ideen gesehen hat, die für eine gemeinsame organisations-initiative [zunächst als blockorganisation] als ausreichend angesehen wurde. Dabei hat die SIB „fünf schmerzgrenzen“ definiert (was später als „essentials“ diskutiert wurde), die sie für unabdingbar hielt. „Über alles andere muss man reden“ lautete ihr damaliges Credo.

Da diese fünf essentials aus meiner sicht immer noch von bedeutung sind, will ich sie hier noch mal aufführen:

“1. Konzept des revolutionären Bruchs

2. Keine Mitverwaltung der kapitalistischen Krise

3.Klassenorientierung

4.Einheitsfront-Methode

5. (Eine gewisse) organisatorische Verbindlichkeit“

grundsätzlich ist es auch meine meinung, dass ein umgruppierungsprojekt nur dann sinn macht, wenn es möglichst spektrenübergreifend ist. Wenn tatsächlich nur ein paar „trotzkistische kleingruppen“ ein paar ressourcen zusammenwerfen, bedeutet das natürlich keine wirkliche verbesserung der arbeitsbedingungen, sondern bestenfalls die fortführung der „sektenexistenz“ auf erweiterter stufenleiter.

Fakt ist, dass die grössten gruppen der „radikalen linken“ (abgesehen von DKP und MLPD, die aber gesondert betrachtet werden müssen) in der BRD nun mal die postautonomen sind. Von daher muss man sich mit deren politiken auseinandersetzen, wenn man ernsthaft an einem gemeinsamen organisationsprojekt arbeiten will. Genau an dieser bereitschaft hat es aber im NaO-Prozess gemangelt (unter anderem. das gleiche gilt sicher auch für die auseinandersetzung mit feministischen und ökologischen themen. Zum thema (anti)rassismus dürfte es mit sachkenntnissen in linken strukturen noch düsterer aussehen).

Exkurs: Noch ein Wort zur Bedeutung des „Leninismus“

ich habe weiter oben alle klassischen „partei“-ansätze unter dem begriff „leninismus“ subsumiert, was auch eine gewisse berechtigung hat, da sich all die diese strömungen auf den „marxismus“ und „leninismus“ berufen. (den begriff „marxismus-leninismus“ (ML) sehe ich als erbe der stalinistischen geschichtsklitterung an, was ich hier aber nicht weiter ausführen möchte, um das ganze nicht ausufern zu lassen). trotzdem muss natürlich auch der begriff „leninismus“ kritisch gesehen werden und „konkret-historisch“ dargestellt werden. Lenin selbst hat sich ja zumindest bis 1914 nicht inhaltlich unterschieden gesehen von der linie „Kautsky-Bebel“ [6].

von daher ist auch sein organisationsplan, den er in Was Tun entwickelte nichts spezifisch „leninistisches“ (also gegen den revisionismus der 2. internationale gerichtet), sondern muss in erster linie vor dem hintergrund der russsichen politischen verhältnisse gesehen werden. (damit ist noch nichts darüber gesagt, inwieweit die lehren von Was Tun auch verallgemeinerbar sind). Sehr grob zusammengefasst würde ich folgendes feststellen wollen:

1. das russische riesenreich mit sehr versprengten ortsgruppen hat eine starke zentralisation geradezu zu einer frage des politischen überlebens der partei (SDAPR) gemacht

2. hinzu kommen noch die hinlänglich bekannten faktoren rückständigkeit (etwa 5% der gesamtbevölkerung waren echte proletarier [industriearbeiter] vor 1917)

3. die stark ausgeübte repression des zaristischen absolutismus, die auch einen gewissen anteil an konspirativer arbeit bedingte

4. diese faktoren waren in dieser schärfe in westeuropa (insbesondere deutschland) nicht gegeben, was auch den hintergrund erklärt für Rosa Luxemburgs kritik an Lenins organisationsplan . (ähnlich – wenn auch mit viel mehr polemischer schärfe – argumentierte Trotzki gegen Lenin in „unsere politische aufgaben“ [1904] und nahm schon den begriff „substitutionalismus“ vorweg, der dann später in der Stalin-Ära blutige wirklichkeit wurde.)

5. ich möchte diese historischen debatten aber nicht zum ausgangspunkt für die bestimmung der organisationsfrage für die heutige politik verwenden, da meines erachtens die ausgangsbedingungen nicht mehr vergleichbar sind. Rosa Luxemburgs standpunkt könnte sinn machen, wenn es noch eine intakte Arbeiter(Massen)bewegung gäbe, aber genau das stelle ich massiv in frage. Gerade heute, wo die „revolutionäre linke“ stark marginalisert ist und eine grosse ideologische zersplitterung aufweist, scheint mir zumindest die leninsche parteikonzeption gerade ihre besonderen vorzüge und stärken aufzuweisen. (betonung der bedeutung der zentralisation, aber bei möglichst breiter, innerorganisatorischer demokratie).

Eine neue Organisationsinitiative starten?

Nach der spaltung des NaO-Prozesses war es eine zeitlang recht ruhig in sachen „organisationsfrage“ innerhalb der linken. Erst das papier von Thomas Seibert von der IL (ein Plan A für die Linke) hat eine kleine lücke in diese linke tristesse gerissen, die wir (TaP und systemcrash) auch gleich genutzt haben, um auf das Seibert-Papier eine antwort zu schreiben (Dilemma-Papier). Gleichzeitig haben wir einen blog eingerichtet zur diskussion strategischer fragen der „radikalen linken“, falls wir mit unseren vorstellungen eine gewisse resonanz erzeugen können. Bislang ist das feedback eher zurückhaltend (um es milde zu sagen). Wir haben einen längeren briefaustauch mit den genossInnen der österreichischen RCIT durchgeführt, da auch sie eine organisationsinitiative gestartet hatten. Zum anderen haben wir eine einladung zu einer IL-Strategiekonferenz bekommen wegen unseres „Seibert-Papiers“. Das sind schon die „highlights“ unserer „politischen erfolge“ 😉 – aber man wird im laufe der zeit und im zuge des älterwerdens auch bescheidener und geduldiger.

Wenn ich ehrlich sein soll, ich glaube eigentlich nicht, dass die zeit für eine neue organisationsinitiative „reif“ ist. Möglicherweise muss auch das ursprüngliche „NaO-konzept“ noch mal auf den prüfstand. Wir sind da für alle vorschläge auch offen, denke ich. ich bin mir allerdings sicher, dass die existenz von „kleingruppen“ (für sich alleine genommen) keinen politischen „mehrwert“ hat. Und keine gruppe kann es schaffen, allein über „lineares wachstum“ ihre isolation zu durchbrechen. (zumindest ist das äusserst unwahrscheinlich).

Wer wirklich dafür arbeiten möchte, dass eine organisation nicht der „ort“ für politische konflikte, sondern das instrument ihrer überwindung sein möchte (was innerorganisatorische kämpfe natürlich nicht ausschliesst), der sollte sich mit der essentialmethode und dem konzept der blockorganisation auseinandersetzten. Ich sage nicht, dass dies ein einfacher weg sein wird; ich sage aber, dass ich keinen anderen für realistischer ansehe!

 

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[1] wo man da genau (quantitativ) eine grenze ziehen kann, ist ein wenig willkürlich. ich würde die grenze der einfachheit halber bei 1000 mitgliedern ziehen. dies war im übrigen auch die „Marke„, die sich der NaO-prozess ursprünglich gab. damit ist aber noch nichts darüber gesagt, wie aktiv die mitglieder auch sind.

[2] hingewiesen seien auf die papiere: a) den klassenbegriff diskutieren, b) der „Gesellschaftswürfel“

[3] vergleich: „was wäre dann besser“

[4] vergleich: „kritik der bewusstseinsstadien-theorie“

[5] siehe auch: „das strategische dilemma der linken des 21. Jahrhunderts“

[6] „Lenin sah Kautsky als seinen Lehrer an und unterstrich dies überall, wo er konnte. In Lenins Arbeiten aus dieser Zeit und aus den folgenden Jahren finden wir keine Spur einer prinzipiellen, gegen die Richtung Bebel-Kautsky gerichteten Kritik.“ https://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1932/08/rosalux.htm

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9 Kommentare zu “Bewusstsein, Bewegung, Organisation

  1. es könnte vlt EIN beispiel geben, wo das mit dem „linearen wachstum“ tatsächlich mal geklappt hat. ich kann mich daran erinnern, dass die damals noch existierende Marxistische Gruppe (MG) während der Friedensdemo in Bonn (1982 – NATO Doppelbeschluss) 10 000 leute mobilisieren konnte. nun hat die MG ausser agitation und propaganda (und das vorwiegend im akademischen bereich) nie was anderes gemacht. wenn selbst 10 000 nicht ausreichen, um eine „politische praxis“ zu betreiben, wie gross muss denn dann eine linke formation erst werden, bevor sie wirklich ‚loslegen‘ kann? …

    ebenfalls konnten die maoistischen K-gruppen gegen eine verbotsdrohung (1977) 16 000 leute auf die strasse bringen. zu dem zeitpunkt war aber ihr zenit schon längst überschritten.

    nachtrag: hier noch ein schönes zitat aus der GAM-kritik am Queerfeminismus:

    „Im Unterschied zu den Postmodernist_innen geht es diesen „kritischen Kritikern“ (wie z.B. der Gruppe „Gegenstandpunkt“) aber darum, dass „revolutionäre Tätigkeit“ darin besteht, die Wirklichkeit und die Vorstellungen über sie richtig zu kritisieren und auf den Punkt zu bringen. Insofern ist der kritischste Kritiker als einziger im Besitz der Wahrheit – bis ein noch kritischerer daherkommt. Sind die „falschen Vorstellungen“ richtig kritisiert und denken alle die Wirklichkeit richtig, steht der Veränderung der Gesellschaft nichts mehr im Wege.“
    http://arbeitermacht.de/ni/ni207fr/queerfeminismus.htm

  2. „Verneinung des Parteibegriffs und der Parteidisziplin – das ist es, was bei der Opposition herausgekommen ist. Das aber ist gleichbedeutend mit völliger Entwaffnung des Proletariats zugunsten der Bourgeoisie. Das ist gleichbedeutend eben mit jener kleinbürgerlichen Zersplitterung, Unbeständigkeit und Unfähigkeit zur Konsequenz, zur Vereinigung, zu geschlossenem Vorgehen, die unweigerlich jede proletarische revolutionäre Bewegung zugrunde richten wird, wenn man ihr die Zügel schießen läßt. Den Parteibegriff unter dem Gesichtspunkt des Kommunismus verneinen heißt einen Sprung machen von der Vorstufe des Zusammenbruchs des Kapitalismus (in Deutschland) nicht zur niederen und nicht zur mittleren, sondern zur höheren Phase des Kommunismus. Wir in Rußland erleben (im dritten Jahr nach dem Sturz der Bourgeoisie) die ersten Schritte des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus oder zur niederen Phase des Kommunismus. Die Klassen sind bestehengeblieben und werden überall nach der Eroberung der Macht durch das Proletariat jahrelang bestehenbleiben. Höchstens in England, wo es keine Bauern (immerhin aber Kleinbesitzer!) gibt, wird diese Frist kürzer sein. Die Klassen aufheben heißt nicht nur die Gutsbesitzer und Kapitalisten davonjagen – das haben wir verhältnismäßig leicht getan -, das heißt auch die kleinen Warenproduzenten beseitigen, diese aber kann man nicht davonjagen, man kann sie nicht unterdrücken, man muß mit ihnen zurechtkommen, man kann (und muß) sie nur durch eine sehr langwierige, langsame, vorsichtige organisatorische Arbeit ummodeln und umerziehen. Sie umgeben das Proletariat von allen Seiten mit einer kleinbürgerlichen Atmosphäre, durchtränken es damit, demoralisieren es damit, rufen beständig innerhalb des Proletariats Rückfälle in kleinbürgerliche Charakterlosigkeit, Zersplitterung, Individualismus, abwechselnd Begeisterung und Mutlosigkeit hervor. Innerhalb der politischen Partei des Proletariats sind strengste Zentralisation und Disziplin notwendig, um dem zu widerstehen, um die organisatorische Rolle des Proletariats (das aber ist seine Hauptrolle) richtig, erfolgreich und siegreich durchzuführen. Die Diktatur des Proletariats ist ein zäher Kampf, ein blutiger und unblutiger, gewaltsamer und friedlicher, militärischer und wirtschaftlicher, pädagogischer und administrativer Kampf gegen die Mächte und Traditionen der alten Gesellschaft. Die Macht der Gewohnheit von Millionen und aber Millionen ist die fürchterlichste Macht. Ohne eine eiserne und kampfgestählte Partei, ohne eine Partei, die das Vertrauen alles dessen genießt, was in der gegebenen Klasse ehrlich ist, ohne eine Partei, die es versteht, die Stimmung der Massen zu verfolgen und zu beeinflussen, ist es unmöglich, einen solchen Kampf erfolgreich zu führen. Es ist tausendmal leichter, die zentralisierte Großbourgeoisie zu besiegen, als die Millionen und aber Millionen der Kleinbesitzer „zu besiegen“; diese aber führen durch ihre tagtägliche, alltägliche, unmerkliche, unfaßbare, zersetzende Tätigkeit eben jene Resultate herbei, welche die Bourgeoisie braucht, durch welche die Macht der Bourgeoisie restauriert wird. Wer die eiserne Disziplin der Partei des Proletariats (besonders während seiner Diktatur) auch nur im geringsten schwächt, der hilft faktisch der Bourgeoisie gegen das Proletariat.“ — Lenin, Der linke Radiaklismus

    https://www.marxists.org/deutsch/archiv/lenin/1920/linksrad/kap05.html

  3. dank der Trend Reihe „Texte zu Partei und Klasse“ habe ich diese interessante kritik am „Leninismus“ aus maoistischer sicht gefunden, die ich den geneigten lesern nicht vorenthalten möchte:

    „… in „Was tun?“ wird das Klassenbewußtsein von außen in die Arbei­terklasse hineingetragen. Die marxistische Lehre entsteht als „Ergebnis der ideologischen Entwicklung der revolutionären sozia­listischen Intelligenz“. Die revolutionäre Partei geht so aus der Verschmelzung von zwei Faktoren hervor, die historisch konver­gieren: dem Erwachen der Arbeiterklasse und der Entstehung des wissenschaftlichen Sozialismus. Aber ohne die von der Partei ge­lieferte „externe“ Theorie können Klassendasein und Klassenaktion den „Tradeunionismus“, ihr unmittelbares Sein, nicht überschrei­ten, denn sie sind keine hinreichende Bedingung für die revolu­tionäre Organisation. Die leninistische Erfahrung stellt gewiß im Vergleich zur klassischen sozialdemokratischen Tradition einen entscheidenden Fortschritt dar, und die Situation des zaristischen Rußland liefert viele Argumente für die Analysen Lenins, – indes­sen besteht kein Zweifel, daß eine solche Konzeption der Partei von vornherein die Möglichkeit eines Bruchs der Kommunikations­und Legitimitätsbeziehungen zwischen Avantgarde (Intellektuellen und Berufsrevolutionären) und Massen enthält. Es ist nicht zu leug­nen, daß sehr starke historische Faktoren (mangelhafte Verankerung der Partei in den Bauernmassen, Dezimierung der revolutionären Ka­der während des Bürgerkriegs, usw.) die zukünftige Entwicklung der bolschewistischen Partei bedingt haben. Aber man muß in den Cha-rakteristika der leninistischen revolutionären Partei den Keim der sukzessiven bürokratischen Degenerierung in der Stalin-Ära sehen.
    Das chinesische Experiment bestätigt erneut die Avantgarde-Funktion der Partei, mit dem Unterschied allerdings, daß der Entstehungspro­zeß der Avantgarde ein anderer ist. Vor allem ist sie nicht Ausdruck einer sozialen Gruppe außerhalb der revolutionären Massen, und es gibt keinen grundlegenden sozialen Unterschied zwischen Avantgar­de und Massen. Ihr Verhältnis wird zudem durch die Ablehnung des Begriffs „Berufsrevolutionärs“ gesichert und gestützt; der revolutio­näre Kader definiert sich politisch, nicht beruflich. Man kann sagen, daß Lenin für die Partei unbewußt das Prinzip der Ra­tionalisierung und Spezialisierung der Funktionen akzeptierte, wie er, übrigens, das Theorie-Praxis-Verhältnis nicht mit derselben Klar­heit wie Mao erfaßt hat. Für Lenin ist die Bildung der revolutionären Theorie eine Entwicklung des Denkens; für Mao ist sie das Resultat der gesellschaftlichen Praxis, die ihrerseits durch die Theorie be­dingt ist.
    Die Massenlinie in der Partei bedeutet folgendes: Kampf gegen die Trennung von körperlicher und geistiger Arbeit, konstan­ter Einsatz der Parteikader in der Produktion, Intensivierung der politischen Erziehung der Massen, Wechselbeziehung zwischen Par­tei, Armee und Massen, eine entschieden politische Bestimmung der militärischen Strategie und der Organisation der Ar­mee (d.h. die Ablehnung ihrer „Autonomie“, was auch für alle an­deren technischen und spezialistischen Funktionen gilt). Diese praxisbezogenen Lösungen bezeugen, daß die chinesischen Kommu­nisten, was die Zukunft der Revolution anbetrifft, sich der Gefahr, die in der Trennung von Partei und Massen liegt, bewußt sind. Die „Massenlinie“ beinhaltet also die Ablehnung einer permanenten Delegierung an die Partei; und die „Rektifikations“-Kampagnen sind das Mittel,um solche politischen Entscheidungen in die Tat umzusetzen. Heute verstehen wir, daß das Einschlagen „des kapi­talistischen Weges“ nichts anderes bedeutet, als die Ideologie der Trennung und der Autonomie der Führer im Verhältnis zu den Mas­sen zu akzeptieren.“

    http://www.trend.infopartisan.net/trd0316/t060316.html

  4. „Die Partei, oder irgendeine andere Form der Organisation, sollte meines Erachtens nicht als Instrument, sondern eher als die Möglichkeit gesehen werden, durch welche viele Willen zwar nicht notwendigerweise zu einem solchen werden, aber von sich immerhin als vereint zu denken lernen. Nicht so sehr in Bezug auf die spezifischen Entscheidungen, durch welche sie zur praktischen Handlung werden, sondern vielmehr wegen der Selbstorganisation, der institutionellen Formen, die sie sich selbst geben. Ich denke, dass Lukács‘ Kritik an Hegel und der bürgerlichen Philosophie überhaupt von der Idee eines Subjekts herrührt; der Idee, dass wir unsere Tätigkeit als ein auf die Welt einwirkendes und sich wahrnehmendes Subjekt auffassen. Was er in der Partei sieht, ist das Seiende, wenn ich diesen ontologisch verdinglichenden Begriff benutzen darf, das Seiende, das insoweit ein Subjekt ist, als es sich selber durch seine Organisationsformen objektiv manifestiert. Das ist geringfügig anders, als die Partei als Agenten zu verstehen.“

    http://platypus1917.org/2016/02/22/erste-ausgabe-der-deutschsprachigen-platypus-review-erschienen/

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