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Ein paar lose Gedanken zum 8. März

an sich haben mich fragen, die sich aus dem „geschlechterverhältnis“ ergeben und auch „feministische“ theorien immer sehr interessiert. aber durch meine (jugendliche) entscheidung, es mit dem „orthodoxen trotzkismus“ zu versuchen, haben sich die komplexen fragen aus dem geschlecht und der geschlechtsidentität zumindest in politischer hinsicht auf die „frauenfrage“ reduziert; was dann in theoretischer hinsicht (leider) zu einer unterbelichtung geführt hat, diese feministischen theorieproduktionen und debatten angemessen zu verfolgen.

eigentlich ist dieser zustand bei mir erst wieder durch den NaO-prozess (und die daraus resultierende essential-diskussion) durchbrochen worden. vorher hätte ich nie vermutet, dass ausgerechnet die „frauenfrage“ (als traditionsmarxistischer terminus) so ein grosser streitpunkt (unter linken) sein könnte!

allerdings ist diese diagnose nur im (eng definierten) politischen sinne korrekt. im privaten bereich (zwangsläufig angeregt durch beziehungserfahrungen) hatte ich mich natürlich auch mit psychologischen und interdisziplinären texten beschäftigt, die sich im weitesten sinne mit geschlechterfragen und (heterosexuellen) beziehungen beschäftigten; schon allein deshalb, weil ich mit emotionalen erfahrungen konfrontiert wurde, die ich allein gar nicht hätte bewältigen können.

wenn ich vor diesem erfahrungshintergrund das heutige verhältnis der linken / linke gruppen zum 8. März betrachte, kommt mir immer automatisch die assoziation zum „muttertag“ in den sinn. am muttertag ist mutti die grösste, sie bekommt blumen und pralinen und wird zum essen eingeladen, damit sie nicht in der küche am herd stehen muss (ich setzte jetzt mal das traditionelle kleinfamilienmodell voraus. in grossstädten mag das teilweise auch anders aussehen). das alles ist ja auch nett und schön, aber für den rest des jahres ist das alles wieder (mehr oder weniger) vergessen!

und so entdecken die linken am 8. März die „frauenfrage“ und/oder das „geschlechterverhältnis“ (letzteres vlt auch im plural), damit das für das übrige jahr die wirklich wichtigen (politischen) sachen nicht weiter belastet. zugegeben, das ist es jetzt eine polemische überspitzung, aber von der sache her scheint mir das zumindest eine richtige tendenz auszudrücken. nun haben ja linke (klein)gruppen ohnehin das problem, aufgrund geringer kapazitäten auch nur eine geringe aussenwirkung entfalten zu können; so dass im endeffekt eine kampagnen– und eventpolitik dabei herauskommt (8. März, 1. Mai, 3. Oktober etc.), die man den kleingruppen auch nicht wirklich als „bösen willen“ anlasten kann. Sondern das sind einfach die „aussenereignisse“, die für die gruppen der anlass sind, ihre (programmatischen) positionen in den öffentlichen diskurs einzubringen. und dagegen ist auch nichts einzuwenden.

problematisch wird es erst, wenn es einen widerspruch gibt, zwischen den programmatischen positionen und der alltäglichen praxis der gruppen. dies ist zwar auch bis zu einem gewissen grad „normal“, da wir ja alle sozialisiert sind in einer „bürgerlich, patriarchal, rassistischen“ gesellschaft und daher auch ihre (Wund)Male tragen. aber wenn dieser widerspruch (auch in einem selbst) gar nicht (mehr) reflektiert wird, dann kann das zu einer dissoziation von anspruch und wirklichkeit führen, die auch die glaubwürdigkeit beschädigt. aber mit diesem problem müsssen sich alle linken gruppen herumschlagen.

welche themen sind denn für den diesjährigen 8. März von bedeutung? da würde mir als erstes aus aktuellen gründen die flüchltlingsfrage und der rassismus einfallen und — dazu gleichrangig — die skandalisierung der sexuellen/sexualisierten gewalt. allerdings sind dies themen, die eher der „grossen politik“ (Wilhelm Reich) angehören, und dadurch sich durch eine gewisse abgehobenheit auszeichnen. wenn man wirklich die „breite Masse“ ansprechen will, braucht man auch themen und forderungen, die sich direkt (verbessernd) auf die soziale situation auswirken. da würde mir als erstes die forderung nach massiver arbeitszeitverkürzung einfallen und die verteilung der vorhandenen arbeit auf diejenigen, die in den bereichen arbeiten wollen, die zur verfügung stehen; und dies selbstverständlich beim vollem ausgleich der bezüge, löhne und gehälter. dies sind aber forderungen, die sich allgemein auf die interessen der lohnabhängigen beziehen. sie hätten aber auch durchaus auswirkungen auf das „geschlechterverhältnis“. bei einer verkürzten lohnarbeitszeit bestünde die grössere chance, dass z. B. die hausarbeit gerecht(er) aufgeteilt werden könnte, da sich der Mann nicht mehr so ohne weiteres mit seiner arbeitsüberlastung herausreden könnte. oder andersherum gesagt: eine grössere ökonomische unabhängigkeit der Frau gäbe ihr mehr handlungsspielräume!

(an dieser stelle müsste man eigentlich auch über „entschleunigungskonzepte“ nachdenken, aber das schiebe ich lieber erst mal auf 😉 )

die sache mit dem „sex“. es ist leider in der linken (inwieweit das auch für die „feminismen“ gilt, entzieht sich meiner kenntnis und A. Schwarzer spielt ja keine wirkliche rolle mehr) zu einer unsitte geworden, den begriff „sexismus“ zum teil völlig sinnentstellend zu verwenden.

Viel schlimmer verhält es sich mit dem Begriff “Sexismus” oder “sexistisch”. Hat er ganz ursprünglich die Abwertung/Unterdrückung von Menschen aufgrund ihres Geschlechtes bezeichnet, so wird er unterdessen derart inflationär gebraucht, dass mit ihm alles bezeichnet werden kann, was auch nur im entferntesten mit Sexualität zu tun hat.

So ist es längst völlig normal geworden, dass etwa ein Foto einer schönen Frau im Minirock als “sexistisch” bezeichnet werden kann.– Nemetico, Über „Gender“ und „Sex“

wenn ich auch sonst mit Nemitico politische differenzen haben mag, aber hier hat er völlig recht! nur ist das problem leider ein wenig komplizierter als es in seinem artikel dargestellt ist. er hat zwar auch recht darin, die menschlichen leidenschaften (also auch die ausdrücke des sexuellen) zu respektieren und zu verteidigen, allerdings ist es auch so, dass es zwischen den sexuellen Triebäusserungen (und dazu gehören auch medienbilder) und der subalternen lage der frauen einen zusammenhang gibt. und man würde es sich zu einfach machen, wenn man sagte, jeder solle nach seiner/ihrer facon glücklich werden, ohne den zusammenhang von Sexualität und „unterdrückung“ wahrzunehmen. und natürlich findet sowohl in der pornographie als auch in der (regel sexistischen) werbung eine inszenierung eines weiblichen „objekt“status statt und eine geschlechtshierachische/stereotype rollenverteilung. (eine inszenierung eines männlichen objektstatus gibt es natürlich auch, aber bei einem MANN wird der gesellschaftliche subjektstatus nie in frage gestellt; bei einer FRAU ist das die norm-alität der patriarchalen „kultur“ – selbst wenn sie nur unterschwellig existiert).

aufgrund dieses „kulturellen hintergrundes“ ist aber noch nichts darüber ausgesagt, ob z. B. BDSM sex zwangsläufig etwas sexistisches sein muss. ja, nicht einmal über die verteilung von „devoten“ oder „dominanten“ leidenschaften zwischen männern und frauen sagt es etwas aus. es kann ein spiel mit fantasien sein (wie überhaupt sexualität überwiegend ein kopfding ist, was aber auch nichts darüber aussagt, welche bedeutung sie für den einzelnen hat), es kann aber auch der sexuelle ausdruck patriarchaler verhältnisse sein[1], was dann gegenstand der „sexualpolitik“ wäre – und das ist das ureigene feld feministischer theoriebildungen.

so weit erst mal meine „losen gedanken zum 8. März“.

—————

[1] in diesem punkt muss ich meinen artikel vom 3.12.2012 revidieren, der eine gewisse tendenz zur libertinage hatte: http://www.nao-prozess.de/blog/duerfen-kommunistinnen-sm-sex-praktizieren/

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6 Kommentare zu “Ein paar lose Gedanken zum 8. März

  1. es gibt eine kritik der GAM am Queerfeminismus, die ich wirklich — man glaubt es kaum 😉 — sehr interessant finde:

    „Die Aufrechterhaltung patriarchaler Strukturen äußert sich oft in sowohl körperlicher als auch in sprachlicher Gewalt, welche sie [Butler] als genauso körperlich verletzend definiert. Dabei stellt sich Butler gegen die Zensur von Pornografie oder alltäglichen sexistischen und homophoben Äußerungen. Es gilt diese radikal öffentlich aufzuzeigen, um sie zu isolieren und eine Stellungnahme zu erzwingen. Denn sie sagt, dass nicht das Zeigen sexueller Erniedrigung die eigentliche Gewalt sei, sondern dass die gesellschaftliche sexuelle Praxis Machtverhältnisse demonstriert, deren verletzender Charakter in ihrer unausgesprochenen Zustimmung liege.“

    http://arbeitermacht.de/ni/ni207fr/queerfeminismus.htm

  2. zum thema „entschleunigung“ hier etwas aus einem älteren artikel von Antje Schrupp. auch ihre positive einschätzung der bedeutung des (historischen) „differenzfeminismus“ ist mir sehr sympathisch:

    „Auch hier gab es sofort eine Welle der Empörung von Frauen, die gegen diese Anmaßungen [des Antifeminismus] protestierten: Autorinnen wie Jenny D’Héricourt oder Juliette Lamber und viele andere schrieben Bücher, Zeitungsartikel und Pamphlete, in denen sie die Argumentation der Antifeministen auseinandernahmen. Sie sahen sich jedoch in einer Zwickmühle: Die alten saint-simonistischen Argumente von den »weiblichen Kompetenzen« waren nun gefährlich geworden – sie wurden von ihren Gegnern in frauenfeindlichem Sinne uminterpretiert. Also beschränkten sich die meisten Feministinnen nun darauf, die formale Gleichheit von Frauen und Männern einzufordern, sich auf die Ideale der Demokratie zu berufen und nachzuweisen, daß die Argumente der bürgerlichen Philosophen in sich unschlüssig sind: Der »Gleichheitsfeminismus« ist hier also lediglich ein Rückzugsgefecht, zu dem diese Frauen durch ihre Gegner gezwungen wurden. Geglaubt haben sie nach wie vor an die Wichtigkeit, »weibliche« Kompetenzen in die Gesellschaft einzubringen, sie sagten es aber, aus strategischen Gründen, lieber nicht mehr laut. Der »Gleichheitsfeminismus« ist bei seiner Entstehung nicht eine freiwillige Entscheidung von Frauen gewesen, sondern ein Argumentationsmuster, das ihnen von einer extrem patriarchalen öffentlichen Meinung aufgezwungen wurde.“

    „In den heutigen, von den Differenzfeministinnen angestoßenen Diskussionen klingen aber viele Argumentationsmuster wieder an, die auch im vorigen Jahrhundert schon virulent waren: Zum Beispiel die Betonung der individuellen Bedürfnisse von Frauen: »Partire da sé« – von sich selbst ausgehen – war einer der ersten Slogans der Italienerinnen. Er bedeutet auch: Wollen wir überhaupt Bundeskanzlerin, Managerin mit 60-Stunden-Woche oder Chemie-Aktionärin werden? Und was ist mit denen – Frauen und Männern – die in der Leistungsgesellschaft auf der Strecke bleiben? Heute, wo Gleichstellung für Frauen so weitgehend erreicht sind, wie noch nie seit dem Entstehen der modernen Gesellschaft, sind viele Frauen trotzdem immer noch unzufrieden.

    Immer mehr Frauen merken, daß das Platznehmen auf dem Chefsessel eben kein Selbstzweck ist, zumindest für diejenigen nicht, denen es um mehr geht, als um ein gefülltes Bankkonto und um die bloße unkritische Teilnahme an den früher rein männlichen Ritualen der Macht. Diese Rituale werden nicht davon besser, daß sich Frauen an ihnen beteiligen. Die Bilanz des Emanzipationismus lautet: Das kann’s doch nicht gewesen sein?

    Die von einem erstarrten akademischen Feminismus gelangweilte Masse der Frauen bastelt sich derzeit eher orientierungslos neue Weltanschauungen. Manche surfen sich durch den Esoterikmarkt, andere graben provokativ-trotzig alte Hausmütterchenqualitäten aus, und wieder andere versuchen in mühsamer Kleinarbeit, auf ihren Karriereposten das Antlitz der Konkurrenz- und Leistungsgesellschaft ein bißchen menschlicher zu gestalten. Wenn aber feminisch zu arbeiten heißt, die Frauenbewegung theoretisch zu begleiten und zu untermauern, ist ein Abschied von liebgewordenen Stereotypen dringend notwendig – und zum Glück längst im Gange.“

    http://www.antjeschrupp.de/differenz-geschichte

  3. in einem artikel in der FR findet sich eine interessante zahl zur verteilung der hausarbeit:

    „So ergaben Gespräche für [Sarah] Specks Studie „Wenn der Mann kein Ernährer mehr ist – Geschlechterkonflikte in Krisenzeiten“, dass junge heterosexuelle Paare sich als völlig gleichberechtigt sehen. Bei Nachfragen kam oft heraus, dass letztlich doch vor allem die Frau koche. Das habe damit zu tun, dass ihr das einfach „mehr liege“. Eine scheinbar individuelle Eigenschaft. Das Gesamtbild ist dieses: In Deutschland bringen Frauen etwa 164 Minuten mit Hausarbeit zu, Männer nur halb so viel – in einer Ehe noch viel weniger.“ http://www.fr-online.de/frauentag/rassismus-und-frauenrechte-rechten-feminismus-gibt-es-nicht,33901508,33912294.html

    TAZ artikel über die TOP veranstaltung:

    „Seid doch nicht so unentspannt

    Reproduktionsarbeit machen immer noch die Frauen – aber aufgeklärte Paare erklären das mit unterschiedlichen „Sauberkeitsstandards“ weg. Am Donnerstagabend wurde im vollen SO36 über den Status quo der feministischen Bewegung diskutiert. Viele Queers hätten vergessen, dass Geschlechterrollen gesellschaftlich hergestellt werden, und glaubten stattdessen, ihr Geschlecht individuell selbst definieren zu können. „Man kann sich aber nicht selbst aus dem Sumpf gesellschaftlicher Geschlechterkonstitutionen herausziehen, meint Detlef Georgia Schulze.

    Dass sich Veranstaltungen mit feministischen Inhalten vor allem einmal im Jahr, nämlich um den Weltfrauentag am 8. März, zu häufen scheinen, sei zunächst als etwas beschämend bemerkt, eröffnet die Sprecherin des Top-B3rlin-Netzwerks am Donnerstagabend die Runde. Immer gebe es Themen, die wichtiger, aktueller, relevanter scheinen als der feministische Diskurs.

    Das bis zum letzten Bierbankplatz besetzte SO36 spricht aber eine andere Sprache. „Klasse Frau“ ist die Podiumsdiskussion mehrdeutig betitelt. Es geht um den Stand der feministischen Debatte, dem hier bei Wein und Parisienne nachgegangen werden soll. Drin Rauchen darf allerdings nur Referentin Sarah Speck, deren im vergangenen Jahr veröffentlichte Studie „Wenn der Mann kein Ernährer mehr ist“ milieuspezifische Rollenkonstruktionen in heterosexuellen Partnerschaften untersucht. Anerkennung und Aufteilung von Haus- und Pflegearbeiten, sogenannte reproduktive Tätigkeiten, sind dabei das zentrale Thema. Ironischerweise machte „Madame Krankheit“ auch den OrganisatorInnen kurzfristig einen Strich durch die Rechnung. Die Journalistin Nina Scholz und Soziologin Ilse Lenz fielen aus. Spontaner Ersatz fand sich mit dem*der Politikwissenschaftler*in Detlef Georgio Schulze und einer Vertreterin des Netzwerks Care Revolution, die schlicht als Anja vorgestellt wird.

    „Wir stehen vierzig Jahre nach der zweiten Frauenbewegung vor einer vollkommen anderen gesellschaftlichen Situation“, leitet Sarah Speck ihre Bestandsaufnahme ein. Die Gleichstellung auf rechtlicher Ebene, Zugang zur Bildung, weniger finanzielle Abhängigkeit und eine gesamtgesellschaftlich Zustimmung zum Thema Gleichberechtigung erwähnt sie als Erfolge. Themen wie der Gender-Pay-Gap, ein männerdominierter Arbeitsmarkt und konservative Tendenzen zur Restaurierung traditioneller Rollenklischees bleiben dagegen laut Speck weiterzuverhandeln. Zudem mangele es an einer adäquaten gesellschaftlichen Wahrnehmung und Selbstreflexion. Außerhalb der „feministischen Blase“, einem Territorium, mit dem Speck, wie sie halb ernst, halb ironisch sagt, nur in Ausnahmefällen kommuniziere, werde das Problem negiert. In vermeintlich aufgeklärten Milieus, besonders in der gebildeten, urbanen Mittelschicht, fühle man sich dagegen gleichberechtigt. Wie aus Specks Studie hervorgeht, herrscht besonders bei Paaren dieser Gruppe weniger tatsächliche Gleichberechtigung im Bezug auf reproduktive Tätigkeiten, als von diesen selbst angenommen wird. Obwohl die Frau hier mehr Lohnarbeit verrichtet, stemmt sie oft zusätzlich „den Löwinnenanteil“ der Hausarbeit. „Das mach ich so nebenbei“, wird oft relativiert, „dafür ist er ein toller Gastgeber und kocht“, wird der Mangel an männlicher Reproduktionsarbeit kaschiert. Ein Klassiker, der vom mehrheitlich weiblichen Publikum mit viel Gelächter aufgenommen wird, laute: Es gebe halt unterschiedliche Sauberkeitsstandards, deshalb putze sie mehr als er. Dabei erscheine der männliche Partner oft als der Ruhige, Affektbeherrschte, sie dagegen als „eher so unentspannt“. Zum Ausgleich Problem sei, dass Frauen an diesen Strukturen aktiv mitwirken, weil sie ihr Selbstbild bestätigt sehen wollten. „Finanzielle Autonomie und berufliche Selbstverwirklichung sind die zentralen Säulen im Glaubensbekenntnis von sich als egalitär verstehenden Partnerschaften“, resümiert Speck. Sorgearbeit, die angeblich 50:50 unter den Partner aufgeteilt ist, wird rausgerechnet aus der partnerschaftlichen wie aus der realen kapitalistischen Ökonomie, wie später Anja erklären wird. Der Überschuss an ungleichgewichtig verteilter Arbeit wird mit persönlichen Neigungen wie „Putzfimmel“ erklärt. Wieder Lachen aus dem Publikum – fühlt sich der eine oder die andere ertappt?

    Tendenzen, in denen strukturelle Probleme ins Individuelle verlagert werden, sieht Detlef Georgia Schulze auch in der Queerszene. Viele Queers hätten vergessen, dass Geschlechterrollen gesellschaftlich hergestellt werden, und glaubten stattdessen, ihr Geschlecht individuell selbst definieren zu können. „Man kann sich aber nicht selbst aus dem Sumpf gesellschaftlicher Geschlechterkonstitutionen heraus ziehen“, verdeutlicht er*sie. Wenn man statt vom „Patriarchat“ heute von „Sexismus“ spreche, werde eine gesellschaftliche Machtstruktur zum Konflikt individueller Befindlichkeiten abgewertet. Dies stehe einem dekonstruktivistischen Feminismus, der die soziale Konstruiertheit von Geschlecht voraussetzt, entgegen und ließe aus eben diesem Grund auch wenig Spielraum für politischen Kampf. Stattdessen poche die Berliner Queerszene moralisierend darauf, dass die individuelle Geschlechterkonstruktion gesellschaftlich hingenommen werden müsse.

    Mehr politischen Kampf fordert auch Anja von Care Revolution für die ausgebeuteten migrantischen Frauen ein. Diese fallen in Folge des Outsourcings reproduktiver Tätigkeiten in westlichen Ländern oft der Maschinerie sogenannten Careketten zum Opfer. Polnisches Pflegepersonal betreut deutsche Senioren, ukrainische Frauen betreuen die Kinder der im Ausland arbeitenden Polinnen. Es fehlten Gewerkschaften und die Möglichkeit der Selbstorganisation. Arbeitszeitverkürzung und finanzielle Anerkennung blieben bloße Forderungen. Lösungsansätze könnten dezentral organisierte Communitys sein, in denen sich ein politischer Raum öffnen könne. „Wir wollten die Welt verändern, doch dann haben sie uns die Gleichstellung angeboten“, zitiert Speck die italienische Feministin Luisa Muraro zusammenfassend. Gleichberechtigung statt Revolution scheint das Zwischenergebnis zum Stand der feministischen Bewegung, die Speck mit der marxistisch geprägten Radikalfeministin Silvia Federici für „unvollendet“ erklärt.“ https://linksunten.indymedia.org/de/comment/view/182254

  4. Zwischenbemerkung:
    Auch mir sind verschiedene Strömungen des Differenzfeminismus sympathischer als der in der „linken Szene“ dominierende Gleichheitsfeminismus, welcher Sexual- und Leidenschaftsfeindlichkeit zum verdeckten psychologischen Hintergrund hat.
    Die dort stattfindende Glorifizierung eines friedlichen Matriarchats vor der patriarchalen Epoche finde ich rührend einerseits und anziehend andererseits, weil dort wenigstens eine positive Zukunftsperspektive angeboten wird. Damit meine ich z.B.im Umfeld des ZEGG vertretene Positionen.
    Sympathisch und anziehend, das bedeutet nicht, daß diese Konzeptionen auch wissenschaftlich (und das bedeutet vor allem historisch) haltbar wären.
    So hat eine gewisse Riane Eisler die vorgeschichtlichen Gesellschaften in „dominatorische“ und „gylanische“ unterschieden, wobei sie (durchaus berechtigt) von der Dichotomie in „patriarchale“ und „matrirarchale“ Gesellschaften abrückte.
    (Allgemeine Stoßrichtung: in gylanischen Gesellschaften ging es allen Menschen besser)
    https://de.wikipedia.org/wiki/Riane_Eisler
    Wie gesagt: sympathisch.
    Aber rein wissenschaftlich ist ihre Hypothese, die sogenannten „Kurgan-Kulturen“ hätten den weltweiten Umschwung von gylanischen zu dominatorischen entscheidend bewirkt, aus meiner Sicht nicht haltbar. Ihre Hypothese ist in dieser Form einfach historisch falsch. Aber…. sie ist wenigstens sinnvoll bemüht!
    Die Tendenz, wissenschaftliche Ergebnisse von Anfang an dem Diktat eines „progressiven politischen Projektes“ zu unterwerfen, ist zwar insgesamt gefährlich, aber im Falle Eislers nicht so verheerend wie die völlig lächerlichen Versuche der „Postmoderne“, den „Grundwiderspruch zwischen den Geschlechtern“ aus einer hypothetischen „Klassenspaltung“ abzuleiten, die durch eine „diskursive Macht“ und entsprechende „Machtpraxen“ verursacht worden wäre.
    Riane Eisler beschäftigt sich wenigstens mit Geschichte, auch wenn sie zu voreiligen Schlüssen kommt, und versucht ein positives kulturpolitisches Projekt zu formieren, wo die „postmodern“ verseuchte „linke Szene“ sich von jedem Hauch Wissenschaftlichkeit längst abgewandt hat („Tod der Geschichte“, „Tod des Subjekts“ und ähnliche Nonsensformeln) und versucht, durch die durch „maximalen gesellschaftlichen Druck“ durchgesetzten selbst ersonnenen neuen Sprachnormen auch die Realität zu verändern. Letzteres ist nicht nur wissenschaftlich völlig unhaltbar geworden (verglichen damit ist Eislers Theorie ein leuchtturm von Wissenschaftlichkeit), es ist auch aufs schwerste unsympathisch und (Gegenteil von anziehend: ) abstoßend.

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