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Leistung, Entschleunigung und Emanzipation

Ein paar (sehr vorläufige) Überlegungen zur Ökonomie der Zeit 

im zuge meiner verstärkten beschäftigung mit „feministischen“ texten bin ich jetzt häufiger auf das problem der entschleunigung, also des veränderten umgangs mit der ressource „zeit“ gestossen. ich habe zu diesem thema keine abschliessende „position“, sondern möchte nur ein paar aspekte zusammentragen, die vlt „bausteine“ für eine zusammenhängendere ausarbeitung sein können.

marx_surfer

als ich zum ersten mal den begriff „entschleunigung“ gehört hatte, war meine erste reaktion eher ablehnend. für diese ablehnende haltung habe ich jetzt zumindest eine art hinweis gefunden, wenn es auch keine begründung darstellt:

“ Kaum jemand findet Langsamsein als Selbstzweck gut, aber es geht darum, auf eine andere Weise in der Welt zu sein, auf eine andere Weise in Verbindung zu treten mit anderen Menschen, zum Beispiel auch mit unserer Arbeit und mit unserem Körper oder mit der Natur da draußen. Ich wollte außerdem mir die verschiedenen Weisen angucken, die Modi, mit denen wir mit der Welt in Beziehung treten können. Und da ist mir eben aufgefallen, dass wenn wir im Alltagsbewältigungsverzweiflungsmodus sozusagen durch die Welt hetzen, dann kommt es zu einer Art eben von einem Stillstehen der Schwingung, weil wir schnell und effizient Dinge instrumentell handhaben müssen.“ — Hartmut Rosa

und der autor sieht sogar den zusammenhang zwischen der „instrumentellen vernunft“ und der kapitalistischen wirtschaftsweise. er sagt allerdings nicht, ob es dafür, dass wir uns so selten im „resonanzmodus“ (resonanz sieht er als gegensatz zur „entfremdung“) befinden auch „strukturelle“ ursachen gibt; so dass es letztlich zu einer individuellen angelegenheit wird, ob wir uns um mehr „resonanz“ bemühen oder eben nicht. diese „individualisierung“ muss auch nicht unbedingt „falsch“ sein, sie ist nur nicht ausreichend, wenn wir dieses thema in eine politische strategie einbetten wollen. hinzukommt natürlich noch, dass „entfremdung“ ja nicht nur durch „zeitknappheit“ (das ist ja eher ein symptom) bedingt ist, sondern  auch (und das im wesentlichen) durch die kapitalistischen eigentumsverhältnisse.

einen anderen ansatz bringt Laurie Penny in ihrem artikel „Feministinnen unter Leistungsdruck“. sie berichtet dort von einer jungen frau, die paradigmatisch für das schicksal vieler junger frauen stehen soll:

„Letzte Woche traf ich mich mit einer Freundin im Teenageralter zum Kaffeetrinken. Sie ist in ihrem letzten Schuljahr und wurde gerade an einer der besten Universitäten des Landes angenommen. Schon jetzt ist sie eine erfolgreiche Autorin und Aktivistin. Sie ist ehrgeizig, wortgewandt und wunderschön. Sie ist, wie eine junge Frau sein sollte. Und doch ist sie todunglücklich. (…) Sie hat nicht die Zeit, sich emotional mit dem Missbrauch auseinanderzusetzen, den sie bereits durch Männer erlitten hat. Sie ist wegen einer Essstörung stationär behandelt worden und kürzlich vor Erschöpfung zusammengeklappt. (…)

Sie hört fast nie, dass sie so, wie sie ist, gut genug ist. Und das Traurigste daran ist, dass dieses Mädchen kein Einzelfall ist – es ist die Geschichte zahlloser junger Frauen, die ich kenne, die unter dem Druck einer Gesellschaft zusammenbrechen, die ihnen vorhält, dass egal, wer sie sind, und egal, was sie tun, sie nicht genügen. Und nie genügen werden. Es scheint, als sei der beste Weg, junge Frauen davon abzuhalten, etwas zu erreichen, sie zu zwingen, alles zu erreichen.“

mal abgesehen davon, dass hier Penny selber nicht gerade mit klischees spart, aber was sie hier beschreibt wird schon länger diskutiert unter dem oberbegriff „narzisstische persönlichkeitsstörung“ (insbesondere im zusammenhang mit essstörungen wie“magersucht“). aber das ist nur der eine aspekt der sache. der andere ist der, dass es offensichtlich innerhalb der frauenbewegungen eine verschiebung dessen gegeben hat, was man eigentlich unter „emanzipation“ verstehen soll. sollte es ursprünglich mal darum gehen, die „weiblichen kompetenzen“ vollumfänglich einzubringen (was noch nichts darüber aussagt, ob dafür auch ein „revolutionärer bruch“ erforderlich ist), so scheint heutzutage die „emanzipation“ darin zu bestehen, dass eine Frau (mindestens) so [gut] ‚funktioniert wie ein Mann‘ (und das in allen bereichen). dass DAS „leistungsdruck“ verursacht – tja, dazu gehört nicht viel fantasie, um sich das vorzustellen!

meines erachtens ist der entscheidene ansatz für die problemlösung (allerdings ist das noch lange nicht die ganze problemlösung!) die arbeitszeitverkürzung – auch wenn das vlt schrecklich altbacken und traditionalistisch klingt.

“Das Reich der Freiheit beginnt in der Tat erst da, wo das Arbeiten, das durch Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört; es liegt also der Natur der Sache nach jenseits der Sphäre der eigentlichen materiellen Produktion. Wie der Wilde mit der Natur ringen muss, um seine Bedürfnisse zu befriedigen, um sein Leben zu erhalten und zu reproduzieren, so muss es der Zivilisierte, und er muss es in allen Gesellschaftsformen und unter allen möglichen Produktionsweisen. Mit seiner Entwicklung erweitert sich dies Reich der Naturnotwendigkeit, weil die Bedürfnisse sich erweitern; aber zugleich erweitern sich die Produktivkräfte, die diese befriedigen. Die Freiheit in diesem Gebiet kann nur darin bestehen, dass der vergesellschaftete Mensch, die assoziierten Produzenten, diesen ihren Stoffwechsel mit der Natur rationell regeln, unter ihre gemeinschaftliche Kontrolle bringen, statt von ihm als von einer blinden Macht beherrscht zu werden; ihn mit dem geringsten Kraftaufwand und unter den ihrer menschlichen Natur würdigsten und adäquatesten Bedingungen vollziehen. Aber es bleibt dies immer ein Reich der Notwendigkeit. Jenseits desselben beginnt die menschliche Kraftentwicklung, die sich als Selbstzweck gilt, das wahre Reich der Freiheit, das aber nur auf jenem Reich der Notwendigkeit als seiner Basis aufblühen kann.
Die Verkürzung des Arbeitstages ist die Grundbedingung.” — Karl Marx, Das Kapital

man beachte, dass Marx hier von der „menschlichen natur“ spricht, nicht etwa von der „männlichen“ oder „weiblichen“. aber das wesentliche ist es eben, dass sich alle wirklichen individuellen unterschiede (und dazu gehören sicher auch die geschlechtsunterschiede; „jeder nach seinen fähigkeiten, jeder nach seinen bedürfnissen“) frei entfalten können, ohne dass damit eine „herrschafthierachie“[1] verbunden sein muss! (weil es eben eine frage der gestaltung der sozialen verhältnisse ist, abhängig von der produktivkraftentwicklung)[2]

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[1] “der ausdruck “herrschftshierachien”
bezeichnet hierachien, die sich auf gewalt
bzw offen oder verdeckt angedrohte gewalt gründen.
solche hierachien unterscheiden sich grundsätzlich
von denen, die man beim fortschreiten von von niederen
zu höheren funktionsniveaus antrifft…
hierachien dieses typs könnte man als verwirklichungshierachien
bezeichnen, weil sie die funktion haben, das potential
des organismus zu vergrössern.
auf gewalt oder gewaltandrohung basierende menschliche
hierachien dagegen hemmen nicht nur die persönliche
kreativität, sondern erzeugen ein soziales system, das die niedrigsten menschlichen eigenschaften verstärkt und das höhere streben (etwa züge wie mitgefühl und einfühlungsvermögen, wahrheits- und gerechtigkeitsliebe) systematisch unterdrückt.” (Riane Eisler, zit nach Ken Wilber: Eros Kosmos Logos)

[2] “Tatsächlich schließt die biologische Bipolarität der Geschlechter aber keine dazwischen liegenden aus, sondern besagt, dass es eine Polarisierung zwischen dem männlichen und dem weiblichen Geschlecht zum Zweck der Fortpflanzung der Gattung geben muss. Es gilt also nicht diese Polarisierung zu leugnen, sondern aufzuzeigen, wodurch die Diskriminierung aller anderen entsteht. Diese liegt aber nicht in der Biologie der sexuellen Vermehrung und der dazu erforderlichen beiden Geschlechter begründet, die fortschrittliche Menschen deshalb auch gar nicht zu leugnen gezwungen sind, sondern in der Art und Weise der gesellschaftlichen Verhältnisse, die die Menschen eingehen. Folglich können diese auch andere Verhältnisse gestalten, die jegliche Unterdrückung des Menschen durch den Menschen aufheben (Kommunismus).” http://arbeitermacht.de/ni/ni207fr/queerfeminismus.htm

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