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Können Gedanken die Welt verändern?

Nemetico lobt (zu recht) in seinem artikel “Dekonstruktion” der weitgehend verblödeten “linken Szene” in Deutschland“ den artikel von Peter Schaber (LCM) im „neuen deutschland“ zu den wahlerfolgen der AfD: „wie zertreten wir den Schneeball?“ und er sieht das problem vieler teile der „linken“ in der „modephilosophie“ des „poststrukturalismus“. da ich selber vom „poststrukturalismus“ quasi doppelt betroffen bin (einmal als philosophisch interessierter und zum anderen durch meine zusammenarbeit mit TaP) würde ich gern versuchen, dieses thema noch stärker aufzuarbeiten.

Nemetico zitiert aus dem Schaber-Artikel folgenden satz:

»Als antivölkische Bewegung müssen wir den Volksbegriff zerschlagen!« Der Begriff ist das Zentrale, nicht, was real vor sich geht. Das erledigt sich dann mit, hat man erst den Kampf im Feld der Ideen, Twitter-Feeds und Doktorarbeiten gewonnen.

ich habe zwar noch nie gelesen, dass jemand den „volksbegriff“ „zerschlagen“ will, ich stimme aber auf jeden fall zu, dass es offensichtlich nicht wenige gibt, die den „dekonstruktivismus“ in dieser „idealistischen“ lesart interpretieren. ich will mich hier nicht allzu weit aus dem fenster lehnen, was den zusammenhang von sprache und wirklichkeit betrifft, denn dies ist erkenntnistheorie, die schnell einen knoten im hirn verursachen kann. aber selbst ein philosophisch ungeschulter mensch wird verstehen können, dass man z. B. nicht den „nationalismus“ bekämpft, indem man den „Nationbegriff“ „dekonstruiert“. begriff und (politische) wirklichkeit sind offensichtlich zwei verschiedene dinge. ein gutes beispiel dafür ist der „rassismus“. obwohl der begriff „rasse“ beim menschen nicht mehr stand der biologischen wissenschaft ist, gibt es trotzdem „rassismus“. und genauso wie es „rassismus ohne rassen“ gibt, so gäbe es natürlich auch z. B. „sexismus“, selbst wenn man den begriff „geschlecht“ vollkommen als „soziales konstrukt“ (beim menschen) dekonstruieren könnte (was aber meines erachtens auch falsch ist, denn geschlecht hat auch einen naturanteil).

womit wir es hier zu tun haben, sind also „soziale strukturen„, die durch bestimmte (mehrheitliche) gesellschaftliche praxen hervorgebracht werden. und diese praxen orientieren sich nicht an der (vermeintlichen) „wissenschaftlichen richtigkeit“, sondern an dem (durchschnittlichen) erfahrungsstand. es mag durchaus sein, dass sowohl „nation“ als auch „geschlecht“ (beim menschen) letztlich (wie auch „rasse“) als begriffe einer strengen wissenschaftlichen definition nicht standhalten können. und daher ist diese dekonstruktionsarbeit auch dringend erforderlich. was hat Marx anderes gemacht, als bei seiner „kritik der politischen ökonomie“ die bürgerlichen ökonomen ideologisch zu dekonstruieren und die ökonomische wissenschaft auf eine neue grundlage zu stellen? aber diese dekonstruktion der begriffe ist etwas anderes als die änderung der (sozialen) strukturen.

„etwas anderes“ bedeutet aber nicht, dass beides „nichts“ miteinander zu tun hat. in der 11. Feuerbachthese heisst es bei Marx:

Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt aber darauf an, sie zu verändern.

hier könnte man tatsächlich vermuten, dass „interpretation“ und (welt)veränderung zwei verschiedene „dinge“ wären. grössere geister als ich haben bereits darauf hingewiesen, dass auch weltveränderung „weltverstehen“ voraussetzt. und weltverstehen ist interpretation. allerdings ist interpretation nichts willkürliches (im gegensatz zum postmodernen relativismus der beliebigkeit), sondern es gibt dafür „geltungsansprüche“. nur ein beispiel: wenn jemand in einem literaturseminar behaupten würde, krieg und frieden sei ein comic, – würde man so jemanden noch sonderlich ernst nehmen?!

und tatsächlich gibt es auch einen zusammenhang zwischen sprache und weltveränderung. warum hat z. B. Friedrich Engels so einen grossen wert darauf gelegt, dass man statt „Arbeitnehmer“ „Arbeitskraftverkäufer“ sagt? weil, so lange ein Arbeiter glaubt, er „nehme“ die „Arbeit“ vom Unternehmer (Kapitalbesitzer), er die wirklichen ökonomischen (und damit auch sozialen) beziehungen nicht versteht. und wenn er sie nicht versteht, kann er sie auch nicht verändern.

wenn es also vollkommen richtig ist, die „idealistische“ ersetzung des kampfes gegen verhältnisse und strukturen durch die (reine) begriffsdekonstruktion anzuprangern, so sollte man es aber auch vermeiden, das kind mit dem bade auszuschütten; das heisst, nicht zu erkennen, dass die arbeit am begriff und die theoretische erarbeitung der sozialen wirklichkeit die voraussetzung für politische praxis ist. wirkliche erkenntnis kann dabei nur das wort sein, was auch zu unserem fleisch und herzen geworden ist.[1]

————

[1] „Ich habe aber erfahren, dass ein harter Geist ohne ein weiches Herz ebenso unfruchtbar sein muss wie ein weiches Herz ohne einen harten Geist. Ich glaube, der Satz stammt von Maritain: Il faut avoir l’esprit dur et le coeur tendre. Ein Wort, das von der Seele nicht erlebt wird, ist ein totes Wort, und ein Gefühl, das nicht der Schoß eines Gedankens ist, ist vergeblich.“ — Sophie Scholl

„Alles Wissen ist Er-inner-ung.“ — Thomas Hobbes

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2 Kommentare zu “Können Gedanken die Welt verändern?

  1. Dass Gedanken die Weklt verändern können, indem sie die handelnden Subjekte in die Lage versetzen, verändernd in die Realität einzuwirken, dürfte unstrittig sein. Wenn es so ist. Bei dem Gedanken-Müll, den die meisten poststrukturalistischen Konzepte repräsentieren (das „Subjekt als Text“, der „Mensch als sprachliches Konstrukt“, „die Subjekte sind nur (!!!) Effekte einer diskursiven Macht“, „Die Welt ist ein Text, ich bin Text“, „Es gibt keine Wirklichkeit außerhalb der Sprache“, usw. alles wörtliche Zitate) schließe ich das grundsätzlich aus. Poststrukturalismus ist eben kein „Kopf von Leidenschaften“, sondern „Leidenschaft des Kopfes“ gewisser von ihren eigenen Leidenschaften vollkommen entfremdeter Pseudointellektueller.

  2. ich denke, man kann jeden gedanken so weit auf die spitze treiben, dass er absurd wird. ich kenne leider die „poststrukturalisten“ (was ja ein sammelbegriff ist) nicht im original, sondern nur anhand der auswirkungen (z. B. „genderdebatte“). wenn ich mir aber den zustand der „traditionalistischen“ linken anschaue, wo kaum noch diskutiert wird, sondern nur noch (peer-group)rituale abgespult werden, – dann haben aber zumindest die „poststrukturalisten“ den vorteil, noch eine „leidenschaft des kopfes“ zu haben – auch wenn ich mich über so manche dekonstruktivistische flausen („geschlechter abschaffen!“) mächtig ärgern kann.

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