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Blog-Intern: historische Aufarbeitung als Politikersatz?

ich muss bei den lesern entschuldigen dafür, dass ich in letzter zeit so ‚inaktiv‘ war; aber ich musste zum dritten mal in diesem jahr ins krankenhaus und ein ende ist nicht absehbar. es wird also noch eine weile dauern, bis ich wieder ’normal‘ dem zeitgeschehen folgen kann. allerdings haben diese politischen abstinenzzeiten auch ihr gutes: das, was vorher so ‚ungeheuer wichtig‘ erschien, relativiert sich enorm, wenn man ganz auf sich selbst zurückgeworfen ist und erkennt, was wirklich für einen im leben wichtig ist und ‚zählt‘. ich möchte aber nicht falsch verstanden werden: auch die ‚politik‘ (im allgemeinsten sinne) ist für mich wichtig, aber mehr für die eigene selbstverständigung als für den illusorischen glauben, man wüsste einen punkt, um die ‚welt aus den angeln zu heben‘, bloss die ‚anderen‘ hätten das nur noch nicht genügend verstanden oder mitbekommen. auf diesen ‚missionarismus‘ reagiere ich nur noch allergisch; ja, mehr noch, er stösst mich regelrecht ab!

ein beispiel dafür sind die texte, die in der zeit meiner ungewollten ‚abwesenheit‘ zum thema ‚aufarbeitung der NaO-vergangenheit‘ erschienen sind. obwohl ich nicht leugnen will, dass aus diesen texten das eine oder andere ‚wertvolle‘ zu entnehmen ist, hinterlassen sie doch bei mir einen schalen beigeschmack. warum?

mir scheint in diesen texten ein widerspruch eingebaut zu sein, der vlt. sogar unvermeidlich ist: es wird das scheitern einer organisationsinitiative analysiert, die selbst zu ihren besten zeiten weniger als 100 leute betraf. das kann doch bestenfalls nur leute interessieren, die selbst unmittelbar beteiligt waren. also genau das, was der NaO-prozess verhindern wollte, nämlich künstlich die hürden für politische partizipation zu erhöhen, wird in diesen texten ins extrem gesteigert: die maximale ‚exklusivität‘ der (möglichen) leserschaft ist quasi eine seinsbedingung dieser texte.

ein damit zusämmenhängendes problem scheint mir zu sein, dass ich nur schlecht den erkenntniswert dieser texte erkennen kann. mir scheint die historische aufarbeitung eher ein ersatz für politische aktivität (die man natürlich genau definieren müsste) zu sein als ein akt theoretischen zugewinns.

letztlich läuft das ganze problem (besser: Dilemma) darauf hinaus, dass man nicht die entwicklung einer organisationsinitiative allein aufgrund ihrer theoretischen voraussetzungen bestimmen kann. sondern nur, wenn es zwischen den theoretischen positionierungen, der ‚praxis‘ und der wahrnehmung der akteure des sozialen umfelds (zu dem man auch selbst gehört) zu einer gewissen ‚kongruenz‘ kommt, ist es möglich, dass eine ‚ganzheitlichere‘ (und damit realistischere) ‚theorie-praxis-vermittlung‘ auf breiterer gesellschaftlicher basis entstehen kann.

damit meine ich nicht, dass eine organisation (oder auch organisationen-bündnis) von anfang eine gewisse personelle stärke haben muss (z. B. 1000 mitglieder, wie von der NaO halluziniert), sondern nur, dass ihre ‚praxis‘ darauf gerichtet ist, ihre politischen vorstellungen (die natürlich mit den revolutionären essentials konform sein müssen) so darzustellen, dass sie von einer ‚möglichst breiten Masse‘ auch aufgenommen werden können. dies bedeutet aber im umkehrschluss, auf öffentliche themen (intern ist es natürlich was anderes), die die eigene existenz oder geschichte selbstreferentiell kultivieren oder problematisieren oder auf polemiken mit anderen marginalisierten gruppen zu verzichten und konsequent alle themen aus dem eigenen aktuellen debattenstand anzugehen. dabei sind historische betrachtungen nur dann sinnvoll, wenn sie der aktuellen diskussion dienlich sind und polemiken mit anderen gruppen, wenn sie einen ‚verständigungsprozess‘ anstreben (statt einer vermeintlichen ‚entlarvung‘). die darstellung der eigenen positionen als ‚diskussionsstand‘ schafft die notwendige offenheit für annäherungen und verringert die gefahr, zu meinen, man hätte den ‚roten stein der weisen‘.

wenn einige kritiker meinen sollten, so eine organisationsauffassung würde den ‚inneren zusammenhalt‘ zu sehr schwächen und die mitglieder ‚verunsichern‘, dann sprechen sie nicht von selbstdenkenden und selbstgesteuerten revolutionären, sondern von apparatschik-charakteren. und solche leute sind eh für revolutionäre arbeit untauglich!

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4 Kommentare zu “Blog-Intern: historische Aufarbeitung als Politikersatz?

  1. M. Schilwa schrieb mir auf facebook [6.08.2016]:
    „Ziemlich merkwürdige Kritik, die du da entwickelst. Klar interessieren „NaO-Bilanzen“ nicht die Massen, sondern v.a. die, die dabei waren oder damit sympathisierten. Was hättest du denn gepostet, wenn wir unser eigenes Scheitern einfach beschwiegen hätten? Bei der Bilanz „der 14″ ging es darüberhinaus auch darum, die Deutungshoheit über das NaO-Scheitern nicht der GAM, aber auch nicht Manuel Kellner oder DGS zu überlassen.“

    meine antwort:
    „meine kritik richtet sich an alle texte, die du erwähnst. ich habe ja auch garnichts gegen die bilanzen als solche und mir ist auch klar, dass sie nicht ‚massenwirksam‘ sein können. mein problem ist eher, dass diese aufarbeitungen zu einem zeitpunkt stattfinden, wo die ‚NAO‘ schon lange ein toter hund ist und sich eigentlich niemand mehr dafür interessiert. als es bei den debatten noch um eine mögliche gestaltung des ‚kurses‘ ging, hatten diese diskussionen noch einen gewissen sinn. heute sind es nachträgliche darstellungen eines ‚gefechtes‘, der im wesentlichen ein sturm im wasserglas war und es nicht mal schaffen wird, eine fussnote der geschichte zu werden. solche historischen aufarbeitungen dienen mehr der eigenen seelenmassage der protagonisten als dass sie wirklich einen politischen zweck erfüllen. – übrigens, von der existenz einer ‚wolken-fraktion‘ in der NAO habe ich vor dem artikel von Martin S. (http://arbeitermacht.de/ni/ni201/nao.htm) nichts gehört, gelesen und gewusst (und auch dort gibt es keine inhaltlichen informationen dazu) und ich würde schon von mir behaupten, einigermassen NaO-interessiert zu sein. und ich kenne kein einziges dokument, aus dem die grundlagen dieser ‚wolken hervorgeht. und ihr mutet den lesern einer doch relativ breit angelegten online-zeitung [scharf links] einen text zu, der die sichtweise dieser ‚wolken‘ darstellen soll, von denen niemand aussenstehendes etwas wusste und kannte zu dem zeitpunkt als die NAO noch existierte. und die NAO selbst war nie etwas anderes als die „27. kleingruppe“, auch wenn sie etwas anderes beanspruchte. ihr (das ex-NaO-‚zentrum‘ oder wie immer man es nennen will) seid immer schnell dabei, anderen kleingruppen das sekten-label aufzukleben, – aber eure nachträglichen erklärungen und rechtfertigungen, die nicht mehr die geringsten politischen konsequenzen haben, sind mindestens genauso abgehehoben wie der schlimmste blutleere propagandismus irgendeiner mikro-sekte; der unterschied ist nur der, dass diese wenigstens noch an ihre ‚mission‘ glauben (was die sache aber inhaltlich nicht besser macht), ihr sucht nur nach rationalisierungen für opportunismus, die ihr aber als frucht reifer erfahrungen selbstdeklariert.
    die kritik am ‚traditionalismus‘ im NaO-prozess war aber ein richtiger ansatz. aber dabei geht es darum, die revolutionäre theorie (soweit es dafür gültige geltungsansprüche gibt, die aber selbst umkämpft sind) möglichst auf die höhe der zeit zu bringen. nicht darum, sie in ein (fast) beliebiges wischi-waschi zu verwandeln, wo sich jeder nach gusto wie in einem warenhaus selbst bedienen kann, um die grosse ‚undogmatische breite‘ herzustellen, die für alles mögliche gut sein mag, nur nicht für ‚revolutionäre politik‘.“

  2. Einer der besten Beiträge den ich seit langem gelesen habe. Traurig aber wahr – statt auch nur irgendwas auf die Beine zu bringen verirren sich alle in solchen unnützen Diskussionen. Und irgendwie handelt es sich beim Kapitalismus doch um ein Thema, was sich theoretisch nicht so ganz greifen lässt. Viele theoretische Streitpunkte können sich doch erst durch praktische Veränderungsversuche beweisen.

  3. DGS schreibt im 5. teil seines kleinen „buches“ über die NaO-bilanzen (ich hoffe, das ganze wird hinterher noch ein zusammenhängender text) etwas zur situation der „radikalen linken“ in der BRD, was sehr plastisch vor augen führt, warum der ‚linke flügel‘ am konzept der „blockorgansation“ und der essentials festgehalten hat. und meines erachtens ist das auch immer noch richtig.

    „Die Schwäche der revolutionären Linken in Deutschland ist nicht nur – und nicht einmal in erster Linie – ein Problem der geringen bis sehr geringen Größe jeder dieser revolutio­nären Gruppen. Es geht auch nicht nur [um] das Problem der geringen programmatischen Ver­einheitlichung der subjektiven RevolutionärInnen:

    Selbst wenn alle subjektiven RevolutionärInnen in der BRD (von AnarchistInnen bis MLPD; von Spartakist Arbeiterpartei bis Teilen der IL; von antiimperialistischen ‚Szene-MaoistIn­nen’ bis zum antinationalen …ums Ganze-Bündnis) der Linkspartei beitreten würden, dort versuchen würden, konsequent alle Sätze, über die sie sich einig sind (viele wären es, wie gesagt, nicht), ins Parteiprogramm zu stimmen – was wäre damit gewonnen?

    Und selbst, wenn sich diese subjektiven RevolutionärInnen ohne ReformistInnen vereini­gen würden – wenn sie dies nicht nur auf der Grundlage der Wörter „subjektiv revolutio­när“, sondern einer gewissen ausformulierten programmatischen Minimal-Grundlage (Es­sentials) tun würden, hielte ich dies für richtig –, dann würde doch die Arbeit überhaupt erst anfangen:

    Das Problem ist doch nicht nur, daß in dieser und jener Frage mal diese und mal jene sub­jektiv-revolutionäre Gruppe recht hat; sondern, daß in vielen Fragen keine dieser Gruppen recht oder überhaupt auch nur eine Antwort hat (und sei es eine falsche). Viele grundlegen­de Fragen werden – teils aus Borniertheit; teils wegen zu geringer Arbeits-/Zeitkapazitäten – nicht einmal diskutiert…
    […]
    Die Zusammenführung der subjektiven RevolutionärInnen auf einer programmatischen Mi­nimalgrundlage wäre gerade deshalb notwendig, damit dann anschließend die liegenblie­benen Hausarbeiten – mit zusammengelegten Ressourcen und nach ‚Borniertheits-Rasur’ – gemeinsam nachgeholt werden (und nicht, um danach endlich einen [undifferenzierten] – sei es entristischen; sei es bewegungs-huberischen – „Praxis“-Fetisch ausleben zu kön­nen).

    Klar, kann und soll es dann auch vermehrt gemeinsame politische Praxis geben; aber die­jenigen, die meinen, danach sei theoretische Praxis überflüssig, würden ihr nächstes blau­es Wunder erleben.“ http://www.scharf-links.de/266.0.html?&tx_ttnews%5Btt_news%5D=57139&tx_ttnews%5BbackPid%5D=56&cHash=77167f60ca

    [hervorh. von mir, systemcrash]

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