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WSWS zur ‚Identitätspolitik‘ in den USA

normalerweise poste ich nicht so gerne artikel von der WSWS, aber dieser („Die sozioökononomische Grundlage der Identitätspolitik“) hat eine grundsätzliche wichtigkeit. zum einen werden durchaus interessante zahlen zur einkommensentwicklung der schwarzen in den USA dargestellt. aber welche konsequenzen zieht die WSWS daraus?

„Bei der Fixierung auf Rasse und Geschlecht geht es um das Streben nach Privilegien durch eine Schicht schwarzer und weiblicher Fachkräfte, die entschlossen sind, sich im marktwirtschaftlichen Wettbewerb eine Karriere und ein hohes Einkommen auf Kosten ihrer weißen und männlichen Konkurrenten zu erkämpfen.“

selbst wenn das stimmt, aber warum wäre das verwerflich? haben die „schwarzen und weiblichen fachkräfte“ nicht das gleiche recht am kapitalistischen kuchen teilzuhaben wie die weissen männer? dabei schreibt die WSWS selbst:

„Afroamerikaner spielen zwar in den obersten Etagen der Konzerne immer noch eine sehr geringe Rolle…“

zwar ist es nicht die aufgabe der linken, frauen und schwarze in die konzernspitzen zu hieven, aber rein vom demokratischen her spricht auch nichts dagegen, denn schliesslich ist ja [politische] gleichheit ein höchst bürgerliches prinzip und warum sollte man die bürgerlichen gesellschaften nicht an ihrem eigenen maßstab messen?
heisst das alles für die WSWS, dass fragen von gender und race für sie keinerlei bedeutung haben? der artikel legt diese schlussfolgerung zumindest nahe:

„Die Kampagnen zu Rasse und sexueller Gewalt haben oft einen schrillen und unaufrichtigen Ton. Dieser kommt daher, dass vergangene Verbrechen und Ungerechtigkeiten wirkungsvoll hervorgehoben und die augenblicklichen Bedingungen übertrieben werden, um existierende und noch größere Privilegien zu rechtfertigen. Und das vor dem Hintergrund der Tatsache, dass es für diese bereits wohlhabenden Schichten keine wesentlichen Einkommensunterschiede in Bezug auf Rasse oder Geschlecht gibt. Dieser erbitterte Konflikt spielt sich innerhalb der reichsten fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung ab (…)
Diese Kampagnen und Konflikte sind weder „progressiv“ noch „links“. Ob der Präsident der Vereinigten Staaten ein Mann oder eine Frau oder der Chef einer großen Bank bzw. Firma schwarz oder weiß ist, hat für die Arbeiterklasse keine Bedeutung. E. Franklin Frazier bemerkte vor einem halben Jahrhundert, dass schwarze Geschäfts- und Politikinteressen „die schwarzen Massen genauso rücksichtslos ausgebeutet haben wie die weißen“.

das ist ja auch wirklich unerhört, wenn schwarze und frauen „noch grössere privilegien“ haben wollen, denn schliesslich scheint das klientel der WSWS und ihrer sektenorganisationen im IKVI im wesentlichen aus weissen männern zu bestehen. ganz zu schweigen davon, dass ihr chef David North CEO einer druckerei mit millionenumsätzen ist!
aber davon abgesehen, es ist zwar richtig, dass der schwarze (oder auch ein ‚weiblicher‘) kapitalismus nicht ‚besser‘ als der weisse ist, aber das ist auch gar nicht der punkt. es geht darum, dass ein ausgegrenzter bevölkerungsteil (egal ob „rassisch“ oder „geschlechtlich“ definiert) den gleichen anspruch auf teilhabe hat. und der kampf um diese teilhabe findet nun mal in einer kapitalistischen gesellschaft statt. und linke haben sich noch nie gegen echte verbesserungen (die natürlich nur parteilich bestimmt werden können) im system ausgesprochen (reformen im vor-neoliberalen sinne). [und es ist gar nicht ausgemacht, dass ein kapitalismus ohne rassismus und sexismus völlig unmöglich wäre (wenn auch meines erachtens nicht sehr wahrscheinlich)]. von daher mag es sein, dass dieser kampf um teilhabe letztlich eine ’sozialistische‘ transformation [gegen und über das system hinaus] erforderlich macht. aber um dieses bewusstsein zu entwickeln, muss es aus den kämpfen heraus entstehen (was kein argument gegen eine ‚avantgarde‘-partei sein soll) und man macht es sich zu leicht, wenn dies ‚unzulänglichen‘ sozialen bewegungen einfach nur von aussen entgegengesetzt wird. dies scheint mir der wesentliche grundzug des sektierertums zu sein, wie es von der WSWS parademässig betrieben wird.

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2 Kommentare zu “WSWS zur ‚Identitätspolitik‘ in den USA

  1. offensichtlich scheint für die WSWS alles, was nicht ‚klassenpolitik‘ ist, ‚identitätspolitik‘ zu sein. ohne jetzt auf die frage einzugehen, was ‚identität‘ und ‚identitätspolitik‘ genau meint, ist es aber richtig, dass sich die sog. neuen sozialen bewegungen und gewisse strömungen des feminismus sich zwar um eine diversität persönlicher vorlieben bemühen, es aber dabei auch belassen; wenn man so will, ersetzt die ‚persönliche freiheit‘ den kampf ‚um das ganze‘, der gar nicht mehr gesehen wird, da individuelle betroffenheit an die stelle der analyse gesellschaftlicher strukturen getreten ist.
    es ist zwar nicht falsch, die persönliche betroffenheit zum ausgangspunkt für politisches engagement zu machen, es darf aber dabei nicht stehen bleiben, da gerade dieser trend zur individualisierung die sicht auf die notwendigkeit der systemtransformation trübt. diese individualisierung von ‚lebensproblemen‘ ist überhaupt ein wesentliches kennzeichen der neoliberalisierung und ökonomisierung ‚unserer‘ gesellschaft.

  2. zur individualisierungstendenz:

    „Der eingetretene Individualisierungsprozess, den die Soziologen in den kapitalistischen Industriegesellschaften festgestellt haben, steht nicht, wie vielfach behauptet, im Gegensatz zur aufgezeigten Klassenstruktur. Vielmehr ist dieser Individualisierungsprozess eine aus dem kapitalistischen Klassenverhältnis selbst notwendig hervorgehende Konsequenz. Die Individualisierung verdankt sich (i) der Konkurrenz der Eigentümer auf dem Arbeits- und Warenmarkt, (ii) der stetig wachsenden ökonomischen Produktivität, einem steigenden Bildungsniveau und Lebensstandard. Diese haben zum Verschwinden von vorkapitalistischen und frühbürgerlichen Verhältnissen, Traditionen, Konfliktlinien und Einstellungen geführt [in diesem zusammenhang spielt auch die genderfrage eine grosse rolle, anm v. systemcrash]. Auf dieser Grundlage beruht die viel zitierte „Freizeit- und Konsumgesellschaft“. https://kritischepolitik.wordpress.com/

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