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‚Gleichgültigkeit‘ und Bewusstseinskrisen

heute las ich bei facebook im blog iBuddhismus (ein durchaus lesenswerter blog, da er stark an die integrale theorie angelehnt ist, auch wenn sie manchmal etwas simplifiziert dargestellt wird) das folgende:

„Der Stolz und die Sünde dieser Zeit ist die Beliebigkeit. Seit zwei Jahrzehnten werden wir unablässig mit Angeboten, Produkten, verschiedensten Werten und Weltbildern bombardiert, so dass viele Seelen taub und empfindungslos geworden sind. Natürlich – auf der einen Seite sind wir sehr flexibel geworden und können uns wie ein Chamäleon dem Zeitgeist anpassen. Auf der anderen Seite gibt es immer weniger, das uns aus unserem lauen Leben reißen könnte. Wer würde denn heute noch sein Leben opfern für dass, was ihm wirklich wichtig ist?“ [https://www.facebook.com/iBuddhismus/photos/a.202563036432509.51648.170197339669079/1290694044286064/?type=3]

dies hat mich nachdenklich gemacht. auf der einen seite teile ich aus vollem herzen die kritik an der ‚postmodernen beliebigkeit‘ (die übrigens selbst von einem ’systemimmanenten‘ standpunkt aus mittlerweile grosse probleme bereitet. es wäre sicher reizvoll, dies auch mit phänomen wie Brexit, Rechtstrend und Trump-Wahl in verbindung zu bringen), auf der anderen seite frage ich mich, ob diese beliebigkeit (oder wohl besser ‚indifferenz‘) nicht auch ihre ‚positiven‘ seiten (im sinne einer evolutionären höherentwicklung) hat. ist es wirklich ein zeichen für geistige tiefe, wenn man „sein leben opfert, für etwas, was einem wirklich wichtig ist“? was könnte denn einen ‚höheren wert‘ darstellen, als das eigene leben an sich?

nun könnte es durchaus sein, dass die letzte frage schon selbst ein produkt der postmodernen beliebigkeit oder des narzissmus darstellt. aber das würde nur umso mehr meine these stützen, dass die indifferenz ein (vlt. notwendiger) zwischenschritt zu einer grösseren bewusstseinstiefe darstellt.

zur ursprünglichen bedeutung des begriffes „Gleichgültigkeit“ schreibt wikipedia:

„Die eigentliche Zusammensetzung des Wortes aus gleich und gültig hat vormals einen völlig anderen, eher konträren Sinn [konträr zur indifferenz, anm. v. mir] ergeben: Etwas besitzt die gleiche Gültigkeit. Es ist gültig, wie das andere auch.

Der Ausdruck beinhaltete damit sehr wohl eine Wertung im Sinne von etwas ist gleich gültig wie etwas anderes. Mit anderen Worten: Wir bewerten etwas als genau so gültig wie das andere. Dies zeugte von Respekt vor der Gültigkeit des Anderen. Wenn uns also z. B. die Gründe eines anderen gleichgültig erscheinen, so erkennen wir damit an, dass auch der andere gültige Gründe habe.“

dies ist schon ziemlich dicht daran, was die integrale theorie behauptet; nämlich dass in allem ein körnchen ‚wahrheit‘ stecke. auf der anderen seite ist die schwäche einer so verstandenen ‚gleichgültigkeit‘ ziemlich offensichtlich: man kann unmöglich den Massenmord an den Juden unter den Nazis als ‚gleich gültigen Grund‘ wie z. B. das spirituelle wirken eins Jesus oder Buddha oder das wissenschaftliche wirken eines Freud oder Marx ansehen. an dieser stelle müsste dann tatsächliche eine [moralische] bewertung stattfinden, welches wirken der bewusstseinsmässigen höherentwicklung diente und welches eher kontraproduktiv war (was im zusammenhang mit der shoa schon recht unglücklich ausgedrückt ist).

in diesem zusammenhang spielt auch eine mangelnde schärfe in der wortbedeutung eine rolle, die gerade durch die postmoderne eso-szene und (pseudo)spiritualität ‚kultiviert‘ wird. dazu noch mal wikipedia:

„Häufig wird Gleichgültigkeit mit Gleichmut oder Gelassenheit verwechselt. Während der Gleichgültige schlicht nicht wahrnimmt und empfindet, kann dies der Gleichmütige und Gelassene sehr wohl, identifiziert sich mit seinen Gedanken oder Emotionen aber nicht in dem Maße. Hierbei geht es eher um ein Loslassen, nicht aber um ein Ignorieren.“

es ist allerdings ein grosser unterschied, ob ich unterschiede (differenzierungen) schlicht nicht wahrnehmen kann oder ob ich meine anhaftung (an gedanken und emotionen) verringere. in der sprache der transpersonalen psychologie entspräche das erste dem narzisstischen prä-Ich und das zweite dem transzendentem selbst. (wer über die bewusstseinsstufen genaueres wissen möchte, dem empfehle ich die beiden bücher von Ken Wilber „eine kurze geschichte des kosmos“ und, wer dann noch nicht die nase voll hat, „eros, kosmos, logos“)

während das prä-Ich gar nicht in der lage ist, etwas zu integrieren, da es noch nicht mal differenzieren kann (vergleichbar einem kleinkind, was nicht zwischen ’selbst‘ und ‚mutter'[brust] unterscheiden kann), ist das transzendente selbst dazu sehr wohl in der lage. (was allerdings nichts darüber aussagt, zu welchen konkreten philosophischen, spirituellen oder politischen bewertungen man gelangt. im falle politischer bewertungen wäre wahrscheinlich der begriff parteilichkeit angemessener, wenn man an die marxistische theorie anknüpfen möchte.)

aber kommen wir zurück zu unserer ausgangsfrage: dient die ‚gleichgültigkeit‘ einer evolutionären höherentwicklung? wenn man von der ursprünglichen wortbedeutung ausgeht (siehe erstes wikipedia-zitat) dann kann die antwort nur ein eindeutiges JA sein, denn sie ist der anfang der fähigkeit, mich in andere hineinzuversetzten (empathie) und unterschiede auszuhalten (toleranz und akzeptanz). wenn allerdings ‚gleichgültigkeit‘ bedeutet, unterschiede gar nicht erst wahrnehmen zu können, handelt es sich um eine narzisstische regression, die tatsächlich von der ‚postmodernen kultur‘ (besser: unkultur) gefördert wird.

allerdings müsste die ‚ursprüngliche gleichgültigkeit‘ so weiter entwickelt werden, dass sie zur moralischen grundintution passt:

„erwirke und bewahre die grösstmögliche tiefe für die grösstmögliche spanne“ (eros, kosmos, logos, S. 684). („das heißt eine größtmögliche Anzahl von Menschen auf den höheren Ebenen moralischer Entwicklung und Bewusstseinsentwicklung“, Ken Wilber )

und die bewahrung und erwirkung der ‚grössten tiefe‘ erfordert eine bewertung (ob wir es wollen oder nicht = narzisstische kränkung) darüber, was in geistiger (philosophischer, spiritueller oder politischer) hinsicht eine höhere (oder niedrigere) qualität darstellt.

und die letzten beiden fragen würde ich meiner momentanen entwicklung dahingehend beantworten,

„ist es wirklich ein zeichen für geistige tiefe, wenn man „sein leben opfert, für etwas, was einem wirklich wichtig ist“? was könnte denn einen ‚höheren wert‘ darstellen, als das eigene leben an sich?“

– dass es kein zeichen für geistige tiefe ist, sein leben zu opfern, denn das/sein ‚leben‘ (ungeachtet seiner konkreten ausformung) stellt den ‚höchsten wert‘ dar, da es dazu keine (denkbare) ‚alternative‘ gibt (es sei denn, man ‚versteht‘ die ‚logik‘ der selbstmordattentäter [glauben an ein {besseres}leben nach dem tod] und der todesstrafe).

„Viele, die leben, verdienen den Tod. Und manche, die sterben, verdienen das Leben. Kannst du es ihnen geben? Dann sei auch nicht so rasch mit einem Todesurteil bei der Hand.“ (Gandalf in: J.R.R. Tolkien, Der Herr der Ringe)

wenn man das ganze zum abschluss noch auf eine politische ebene herunterbrechen möchte, würde ich sagen, dass das hauptdilemma unserer zeit darin besteht, dass die ‚gleich[e]-gültigkeit‘ nicht im gesellschaftsrelevanten mass im sinne einer bewusstseinsmässigen höherentwicklung genutzt wird, sondern als willkommenener vorwand für einen rückzug in eine (pseudo) ‚innerlichkeit‘ und ‚privatheit‘ dient (die gern als ausdruck von ‚individualität‘ angesehen wird, in wirklichkeit aber eine anpassung an moden und mainstream ist und die ’subjektivität’/persönlichkeit in eine leere und austauschbare hülle verwandelt; als abbild der ‚gleichheit‘ [eine gewisse menge an abstrakter arbeit musste aufgewendet werden, die ver-gleich-bar ist] aller waren +). dies hat natürlich auch einen zersetzenden einfluss auf die bereitschaft (oder eben nicht-bereitschaft) sich politisch zu interessieren und — was am wichtigsten ist — zu engagieren.

bevor die ‚linke‘ also die ‚organisationsfrage‘ (erfolgreich) stellen kann, muss sie die quasi ‚kulturellen‘ hindernisse dafür verstehen und zumindest ansatzweise überwinden. wie das praktisch geschehen kann, scheint mir eine weitgehend offene frage zu sein.


+ „Im Austausch werden zwei Waren mit verschiedenem Gebrauchswert miteinander gleichgesetzt. Es muss also etwas in ihnen gleich sein. Was diese beide Waren gemeinsam haben, ist die Tatsache, dass menschliche Arbeit in ihnen steckt. Und die Ware B zeigt, wie viel menschliche Arbeit in der Ware A steckt. Die Wa­re B kann das nur, wenn sie als eine bestimmte Menge quantifiziert wird.“ (Karl Marx, Das Kapital, zit. nach: http://www.marx-forum.de/marx-lexikon/lexikon_g/geld.html)

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3 Kommentare zu “‚Gleichgültigkeit‘ und Bewusstseinskrisen

  1. auf ostdeutschland bezogen:

    „Für ca. 80 Prozent der Menschen im Osten Deutschlands steht Religion als Ressource für Moral und Ethik nicht zur Verfügung. Das ist keine Bewertung, lediglich eine Feststellung. Die Vernunft steht jedem zur Verfügung. Als die Weltanschauung des Marxismus-Leninismus vor 26 Jahren die Bühne der großen Öffentlichkeit mehr oder weniger klanglos verließ, blieb für viele eine Leerstelle. Sie füllte sich zunächst mit dem Ungeist des Neoliberalismus, der seit den 90er Jahren wie eine Furie durchs Land zog und eine Schneise geistiger Verwüstung hinterließ. Viele Ostdeutsche sprechen von Demütigungs- und Minderwertigkeitserfahrungen. Der Nationalismus bietet sich an, mangelnde Anerkennung und Wertschätzung zu kompensieren.“ https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/es-mangelt-an-ethik?utm_content=buffer2a7aa&utm_medium=social&utm_source=facebook.com&utm_campaign=buffer

    analoge oder zumindest ähnliche prozesse dürften sich aber sicher auch in anderen ländern ereignet haben.

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