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Zur Kritik der Kritik an der ISO-Gründung

trottel_vorhutNoch ein paar Bemerkungen zur Fusion von isl und RSB 

Micha Prütz und Micha Eff haben ein papier mit anmerkungen zur ISO-gründung publiziert, was ich von der stossrichtung her prinzipiell richtig finde. da die beiden aber auch nicht gerade als die gralshüter der ‚orthodoxie‘ bekannt sind, hat das ganze für mich auch einen schalen beigeschmack.

schon der erste satz des kurzen textes ist falsch:

„Jeder auch noch so kleine Schritt, die fürchterliche Zersplitterung der radikalen Linken zurückzudrängen, ist zu begrüßen…“

was die autoren des na-endlich-papiers seinerzeit so schön als „heringssalat mit himbeermarmelade“ bezeichneten (was sich allerdings auf die fusion von KPD/ML und GIM bezog) war dann wohl nicht begrüssenswert. nun mag die programmatische nähe von isl und RSB grösser sein als die der seligen KPD/ML und GIM, dies ist allerdings noch lange kein kriterium dafür, ob so eine fusion mehr klarheit bringt oder eben nicht.

überhaupt ist der ganze text durchzogen von einer sehr oberflächlichen ebene der ‚kritik‘:

— da wird die betonung des ‚undogmatischseins‘ kritisiert, ohne klare „rote linien“ anzugeben

— es wird kritisiert, dass man den begriff „abhängig beschäftigte“ verwendet und nicht von „arbeiterklasse“ spricht

— es wird angemerkt, dass in der grundsatzerklärung der ISO (die man nur in auszügen kennt) zwar die namen von Marx, Engels und Luxemburg genannt werden, aber nicht die von Lenin und Trotzki. und man findet auch nicht die begriffe „Arbeiterregierung“ und „Kommunismus“

mal ehrlich, das ist für eine inhaltliche kritik doch äusserst dünn! es kann doch nicht darum gehen, säulenheilige anzugeben und eine altbackene sprache zu pflegen. es war doch gerade auch eine der wesentlichen erkenntnisse des NaO-prozesses, dass die revolutionäre linke eine art modernisierung oder verjüngungskur benötigt. ich habe nicht den geringsten zweifel, dass man an der ISO tausende programmatischer punkte findet, die man kritisieren kann. (das wusste man aber auch schon vorher, denn die mandelianische internationale existiert ja nicht erst seit gestern. das Vereinigte Sekretariat [VS] wurde 1963 gegründet). ich würde die ISO aber nicht wegen ihrer bemühungen um jetztzeitigkeit kritisieren, sondern eben da, wo sie von den revolutionären essentials abweicht. (ich fürchte ohnehin, dass sich bei dieser fusion mehr die isl als der RSB durchgesetzt hat).

und auch die letzten beiden punkte im papier von Prütz und Eff bleiben auf dieser oberflächlichen ebene stehen. dass die ISO erst mal nur ‚kleine brötchen backen‘ will, scheint mir eher ein ausdruck von realismus zu sein. (die genannten gegenbeispiele von CWI, L5I und FIT sind allesamt nicht auf deutschland übertragbar und politisch durchaus unterschiedlich bewertbar).

und dass die ISO überaltert ist, ist nun mal der allgemeinen sitution der radikalen linken geschuldet, dass man seit 68 keine wirklichen fortschritte machen konnte. das kann man ihr aber nicht als spezielles organisatorisches ‚versagen‘ anlasten, weil das mehr oder weniger für alle gruppen gilt (mit ausnahme der gruppen, die sich speziell auf ein jugendliches milieu konzentrieren).

insgesamt muss man sagen, dass die kritik von Prütz/Eff — obwohl sie eigentlich aus einem richtigen impuls heraus erfolgte — wenig hilfreich ist. ob es in zukunft eine gemeinsame „deutsche sektion der 4. Internationale“ gibt oder nicht, ändert an der allgemeinen situation der radikalen linken in deutschland und an den kräfteverhältnissen (erst mal) gar nichts. und an den NaO-Prozess unmittelbar wieder anknüpfen, kann man auch nicht. das einzige, was bleibt, ist zu beobachten, wie sich die politik der ISO entwickelt und ihre texte kritisch zu bewerten. und vlt (das ist allerdings ein starkes vielleicht), wenn irgendwann mal wieder eine grössere neugruppierungsinitiative im raum steht, kann sich ein teil der ISO-spreu zum weizentrog eines ‚blocks revolutionärer gruppen‘ durchkämpfen. eine andere sinnvolle perspektive vermag ich nicht zu erkennen.

 

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5 Kommentare zu “Zur Kritik der Kritik an der ISO-Gründung

  1. den satz mit dem „ursprünglich richtigen impuls“ muss ich etwas relativieren. richtig finde ich die kritik, dass die ISO offensichtlich nicht an die ursprüngliche tradition der linken opposition („bolschewiki-leninisten“) anknüpfen will. aber dies ist in wirklichkeit ein vorgeschobenes linkes feigenblatt. der wirkliche impuls ihrer kritik ist nämlich der, dass Prütz/Eff sauer darüber sind, dass RSB und isl im NaO-prozess nicht so funktioniert haben, wie sie es gern gehabt hätten.
    wie immer man deren rolle bewerten mag (ein ruhmesblatt war es sicher nicht), aber in sachen zentristische eiertänze sind Prütz/Eff nicht weniger gewandt als RSB und isl.

  2. ich hatte neulich eine unterhaltung mit einem genossen des ehemaligen RSB, der jetzt in der neuen ISO ist. wir diskutierten darüber, wie man heutzutage leute überhaupt noch mit politischen botschaften erreichen kann. wir stimmten darin überein, dass es nicht ausreicht, irgendwelche „ewigen wahrheiten“ zu verkündigen und mit der autorität von säulenheiligen zu „belegen“. nur wenn leute ‚persönlich‘ betroffen seien, würden lernprozesse einsetzten. er schlug dann — natürlich war es als scherz gedacht — als namen für eine neue gruppe „kleine brötchen“ vor. je länger ich darüber nachdenke, umso besser finde ich diesen vorschlag:

    — der name ist bescheiden und ohne historische vorbelastung (im gegensatz zu ISO, RSB, isl, RIO, GAM, IBT, marx21, PSG, SpAD, SAS, SAV und gefühlt 20 anderen namen und 10 verschiedenen ‚Internationalen‘)

    — man hat einen lacher auf seiner seite und das kann ein guter gesprächseinstieg sein

    — der name drückt eine gewisse ironie aus und schafft dadurch distanz zu den inhalten, die dann leichter diskutierbar sein könn(t)en

    — und wenn man irgendwann die absolute bedeutungslosigkeit überwunden hat und in das stadium der relativen bedeutungslosigkeit eingetreten ist, kann man die gruppe umbennen in „grosse brötchen“ oder sogar in „die ganze bäckerei“. 😉

    um missverständnisse zu vermeiden: ich will die vorhandenen inhaltlichen unterschiede zwischen den einzelnen gruppen nicht in ihrer bedeutung kleinreden. ich frage mich nur, wie realistisch es ist, dass jemand von aussen darüber einen durchblick erhalten kann. vor allem, wenn es sich um jemanden handelt, der vlt nur eine oder zwei stunden am tag zur verfügung hat, um sich über gott und die welt nach bestem wissen und gewissen zu informieren.

    und ’selbstsatire‘ ist allemal ehrlicher als ‚hyperernsthaftigkeit‘, die aber niemand, ausser man selbst (als mitglied einer gruppe), ernst nehmen kann!

  3. leider hat sich meine ursprüngliche skepsis gegenüber der programmatik der ISO jetzt (über das thema Türkei) bestätigt.
    https://systemcrash.wordpress.com/2017/04/17/das-referendum-in-der-tuerkei/

    diese leute sind einfach nicht fähig oder willens (oder beides) die bedeutung programmatischer prinzipien zu verstehen. ob das aus opportunismus erwächst, mangelnder politischer bildung, aus dem bemühen sich „pädagogisch“ anzupassen oder einfach aus der tatsache einer mindestens 60jahrigen geschichte zentristischer degeneration (wobei ich die ISO noch nicht mal als zentristisch einschätzen würde) – ist mir letztlich egal. es gibt eine grenze, die man nicht verwischen darf, wenn man sich noch „unterscheiden“ will (im hoffentlich „revolutionären“ sinne, was natürlich ausgewiesen werden müsste).
    aus welchen mileu letztlich überhaupt so etwas wie ein „revolutionärer kern“ entstehen kann, ist mir völlig schleierhaft. vlt muss das ganze „umgruppierungskonzept“ (von kleingruppen) als gescheitert betrachtet werden (auch wenn es eine gewisse innere logik besitzt, aber das allein heisst noch nicht, dass es auch „richtig“ ist) und es muss sich eine neue generation herausbilden, die von der vergangenheit möglichst unbelastet ist und ihre eigenen schlussfolgerungen aus ihren erfahrungen zieht.
    (vlt hatte lenins witz, revolutionäre über 50 erschiessen zu lassen, doch einen tieferen sinn 😉 ). und auch die marxistische theorie muss sich dabei einige bärte abrasieren lassen, um unter veränderten gesellschaftlichen verhältnissen weiter bestand haben zu können. aber egal, ob es berechtige hoffnungen auf veränderung gibt, oder ob man als linker gegen windmühlen kämpft – wer nicht mehr das verlangen in sich spürt, gegen himmelscheiende ungerechtigkeiten anzugehen, muss wohl mehr tot als lebendig sein.
    und für mich ist Don Quijote alles andere als eine traurige und tragische gestalt – sie verkörpert eigentlich das beste im menschen: edelmut und prinzipientreue, die sich über alle realen widrigkeiten hinwegsetzt. egal, ob man siegt oder verliert, im kampf (theoretisch oder auf der strasse) gewinnt man auch immer ein stück mehr vom „selbst“.

  4. was unterscheidet eine „sekte“ von einer politischen bewegung und/oder (offeneren) organisierung? ich denke, der unterschied liegt nicht in der grösse oder mitgliederzahl. der unterschied liegt meines erachtens darin, dass die sekte „ihre“ politischen ansichten darlegt (was völlig legitim ist), aber eigentlich keine gedanken darauf verschwendet, wie man diese gedanken auch umsetzen könnte. militärtheoretisch könnte man auch sagen: man weiss um die Ziele (Strategie), aber um die taktiken (zwischenschritte) kümmert man sich nicht. jeder wird ohne schwierigkeiten erkennen können, dass jemand, der so „politisch arbeitet“ wenig aussicht auf erfolg(e) hat. man bemüht sich zwar um „politische richtigkeit“ (was ebenfalls völlig ok und sogar notwwendig ist) aber man kommt niemals dazu, dem duktum zu entsprechen, welches Marx in der 11. feuerbachthese so ausgedrückt hat:

    „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt aber darauf an, sie zu verändern.“

    zwar benötigt man für „weltveränderung“ auch „welterklärung“, aber manche scheinen sich mit der welterklärung und der kommentierung des weltgeschehens zu begnügen. dies möchte ich nicht mal als vorwurf verstanden wissen. tatsächlich lassen die kräfteverhältnisse es gar nicht zu, dass sich allzuviel verändert (jedenfalls nicht zum „besseren“). aber irgendwo muss man ja ansetzen. die frage ist nur WO. manche meinen, dies müsse über „arbeitskämpfe“ geschehen (was der traditionalistische standpunkt ist). ich gestehe, ich bin da eher skeptisch. zwar gibt es immer noch die basalen abwehrkämpfe (die auch absolut notwendig sind), aber sobald man da eine einigung gefunden hat (meinstens sind es eher faule kompromisse) ruht wieder still der see. so kann keine kontiniutät, von einer bewegung mal ganz zu schweigen, entstehen.
    wieder andere meinen, die indentitätspolitischen kämpfe seien der schlüssel: die kämpfe der frauen, der LGBT, der rassistisch ausgegrenzten. (was der postautonome und/oder „postmoderne“ standpunkt ist). diese ansicht hat zumindest den vorteil, das sie nicht so old fashioned (und mehr der sozialen wahrnehmung entspricht) daherkommt wie der traditionalistische. allerdings bezweifle ich, dass die identitätspolitischen anliegen (so berechtigt, wie sie sind) ausreichen, um eine strategische achse für systemtranszendenz (überwindung des kapitalismus. von „patriarchat“ und „rassismus“ mal ganz zu schweigen) aufzubauen.

    was bleibt dann eigentlich noch?

    ich persönlich neige dazu (der gedanke ist aber (noch) nicht weiter entwickelt) angesichts der wirklich bedrohlichen weltlage die „friedensfrage“ in den mittelpunkt zu stellen (am besten kombiniert mit einer strategie gegen die rechtsentwicklung). die frage von krieg und frieden geht uns mehr oder wenige ALLE an und dürfte auch von einigem Interesse sein. das heisst konkret, man könnte auf der grundlage von ein paar wenigen mindestessentials zu einer zusammenarbeit unterschiedlicher politischer strömungen kommen, die sich aber so weit einig sein müssten, dass man

    — die frage von krieg und frieden nicht von der „systemfrage“ trennen kann

    — dass eine gemeinsame, verbindliche(re) organisierung notwendig ist, soweit die politisch-programmatischen annäherungen dafür ausreichen

    — die zurückweisung aller formen von verschwörungsideologien. (die einschätzung eines (möglichen) „linken populismus“ würde ich zum jetzigen zeitpunkt noch offen lassen wollen)

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